Rezension über:

John Peter Oleson (ed.): The Oxford Handbook of Engineering and Technology in the Classical World, Oxford: Oxford University Press 2008, xviii + 865 S., ISBN 978-0-19-518731-1, GBP 85,00
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Rezension von:
Helmuth Schneider
Universit├Ąt Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Helmuth Schneider: Rezension von: John Peter Oleson (ed.): The Oxford Handbook of Engineering and Technology in the Classical World, Oxford: Oxford University Press 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/03/14897.html


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John Peter Oleson (ed.): The Oxford Handbook of Engineering and Technology in the Classical World

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Im Jahr 1984 erschienen zwei Bücher, die für die Erforschung der antiken Technikgeschichte bis heute eine herausragende Bedeutung haben: Greek and Roman Technology von K. D. White war seit Hugo Blümners bahnbrechendem Werk Technologie und Terminologe der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern (1874-1887) die erste umfassende, den wissenschaftlichen Standards der modernen Althistorie entsprechende Darstellung antiker Technik, und Ö. Wikander zeigte in seiner Abhandlung Exploitation of water-power or technical stagnation? am Beispiel der Wassermühle, dass neue Techniken in der Antike wirtschaftlich genutzt wurden und auch eine weite Verbreitung fanden. In beiden Arbeiten waren überzeugende Einwände gegen die ältere Vorstellung von einer technischen Stagnation und einer Blockade technischer Entwicklungen in der Antike aufgrund sozialer oder wirtschaftlicher Faktoren formuliert worden. Damit begann eine intensive Diskussion über die antike Technik, und gleichzeitig waren die technischen Entwicklungen in der Landwirtschaft und im Handwerk, die Bautechnik, das Transportwesen und die Infrastruktur Themen von althistorischen und archäologischen Untersuchungen, die unser Wissen über die antike Technik, aber auch über die Bewertung von Technik in den antiken Gesellschaften, wesentlich erweitert haben.

Angesichts der großen Zahl nach 1984 veröffentlichter Arbeiten zu speziellen Fragen der antiken Technikgeschichte ist es zu begrüßen, dass das jetzt von J. P. Oleson herausgegebene umfangreiche Handbuch einen hervorragenden Überblick über die Ergebnisse der neueren Forschung bietet. Die einzelnen Kapitel sind von international anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst worden, die in vielen Fällen selbst einen wesentlichen Beitrag zur Neuorientierung der antiken Technikgeschichte geleistet haben.

In sieben Abschnitten werden alle wesentlichen Bereiche der antiken Technik dargestellt, darunter auch die Techniken der Kommunikation, Information und der Zeitmessung. Die grundlegenden Voraussetzungen technikhistorischer Forschung werden im ersten Abschnitt behandelt; hier wird eine Übersicht über die literarischen Texte und die antiken Abbildungen als Quellen zur antiken Technikgeschichte gegeben und werden Fragestellungen, Methoden und Theorien der modernen Forschung diskutiert. Gegenstand des Abschnittes Primary, Extractive Technologies sind der Bergbau und die Metallurgie, die Arbeit in den Steinbrüchen, die Energiequellen, die Landwirtschaft und die Tierhaltung. Der dritte Abschnitt bietet unter dem Titel Engineering and complex machines die Ausführungen zur griechischen und römischen Bautechnik, zur Wasserversorgung, zum Bau von Tunneln und Kanälen sowie schließlich zur Verwendung von Maschinen in der antiken Technik. Dem antiken Handwerk ist der vierte Abschnitt Secondary Processes and Manufacturing gewidmet; neben der Nahrungsmittelzubereitung werden metalworking, woodworking, textile production, tanning and leather, ceramic production sowie glass production berücksichtigt. Im Zentrum des fünften Abschnittes Technologies of movement and transport stehen die Infrastruktur (Straßen, Brücken sowie Häfen) und der Landtransport sowie die Schiffahrt. Die für das Militärwesen relevante Technik wird als Technologies of Death bezeichnet; Kulturtechniken wie die Schrift, die Herstellung von Büchern, die Zeitmessung, die Messverfahren und ferner die Herstellung von Präzisionsinstrumenten werden im abschließenden Teil Technologies of the Mind analysiert. Außerdem findet sich hier eine Abhandlung über Erfindungen in der Antike und die Einstellung der antiken Gesellschaften zu technischen Innovationen. Zuletzt folgt noch ein Kapitel über die Ethnoarchaeologie und die Methode, technologischen Wandel durch Model-Builduing zu erfassen. Die einzelnen Kapitel sind mit umfangreichen Bibliographien versehen, die einen guten Zugang zur Forschungsliteratur ermöglichen.

Enttäuschend sind die beiden einführenden Kapitel über die antiken Quellen von S. Cuomo und R. Ulrich (Ancient written sources for engineering and technology und Representations of Technical Processes, 15-34 und 35-61); zentrale Texte zur antiken Technik und zum griechischen und römischen Technikverständnis werden allenfalls nur kurz erwähnt, aber nicht angemessen charakterisiert und analysiert. Dies trifft etwa auf die Naturalis Historia des Plinius, auf die Schriften der römischen Agronomen oder auf das Buch des Prokopios über die Bauten Justinians zu. Ebenso fehlt eine umfassende Einführung in das antike Bildmaterial; unberücksichtigt bleiben hier etwa die römischen Mosaiken, die für verschiedene Bereiche der antiken Technik überaus aufschlussreich sind. Angesichts der Tatsache, dass das archäologische Material für unsere Kenntnis der antiken Technik in vieler Hinsicht von entscheidender Bedeutung ist, stellt sich die Frage, warum die materiellen Überreste, die antiken Bauten oder ihre Ruinen, die Werkstätten, die Werkzeuge und schließlich die Artefakte selbst, die ja oft Aufschluss über den Herstellungsprozess gewähren, nicht ausführlich als Quellen gewürdigt werden.

In seinem glänzenden Essay über die theoretischen Ansätze zu einer Darstellung der Technik praemoderner Gesellschaften (62-92) hat K. Greene die Auffassung vertreten, dass Technik nicht die Entwicklung von Gesellschaften determiniert, sondern selbst sozial geprägt ist. An anderer Stelle, im Kapitel Inventors, Invention and Attitudes toward Innovation (800-818) weist Greene mit Nachdruck auf die Tatsache hin, dass die technische Entwicklung in der Antike nicht einförmig verlief, sondern dass in einigen Bereichen der antiken Technik eine relative Stabilität, in anderen Bereichen hingegen kontinuierliche Entwicklungen und signifikanter Wandel festzustellen sind. Die antike Technik sollte also nicht undifferenziert als statisch oder fortschrittlich charakterisiert werden.

Es bleibt zu betonen, dass die einzelnen Kapitel des Bandes in der Regel den modernen Forschungsstand zur antiken Technik überzeugend referieren und auf diese Weise eine ausgezeichnete Einführung in einen bestimmten Bereich der antiken Technik bieten; in einigen Fällen werden ältere Thesen, die lange Zeit die Sicht der antiken Technik bestimmten, revidiert; dies gilt etwa für die Ausführungen über den Landtransport (580-605), in denen G. Raepsaet aufgrund eigener Forschungen die Auffassung, es habe für Pferde keine geeignete Anschirrung gegeben und deswegen seien sie für den Landtransport ohne Bedeutung gewesen, entkräftet. Ö. Wikander führt in dem Kapitel Sources of Energy and Exploitation of Power (136-157) die inzwischen bekannten Belege zu wassergetriebenen Marmorsägen auf und bietet auch eine Rekonstruktion der Marmorsäge in Gerasa (150-151).

Die Konzeption des Bandes ist nicht in jeder Hinsicht überzeugend; angesichts der Tatsache, dass die antike Technik entscheidend auch von den naturräumlichen Gegebenheiten des Mittelmeerraumes geprägt war, vermisst man eine Darstellung der Geographie des mediterranen Raumes, der in letzter Zeit in der Alten Geschichte zunehmend Beachtung findet, wie etwa Rethinking the Mediterranean [1] deutlich macht. Es ist ferner schwer zu verstehen, dass der klassischen technischen Disziplin der Antike, der Mechanik, kein eigenes Kapitel gewidmet worden ist.

Das Handbuch ist ungeachtet solcher Einwände als eine bedeutende wissenschaftliche Leistung zu bewerten, es vermittelt auf eine faszinierende Weise sowohl Altertumswissenschaftlern als auch Technikhistorikern ein angemessenes Bild der antiken Technik und bietet zugleich einen hervorragenden Überblick über den neueren Forschungsstand. Es sollte angesichts dieser präzisen Darstellung der griechischen und römischen Technik jetzt nicht mehr möglich sein, die älteren Auffassungen von einer technischen Stagnation der Antike zu wiederholen oder von einem Desinteresse der modernen Forschung an der antiken Technik zu sprechen.


Anmerkung:

W. V. Harris (ed.): Rethinking the Mediterranean, Oxford 2005.

Helmuth Schneider