Rezension über:

Gary Forsythe: A Critical History of Early Rome. From Prehistory to the First Punic War, Berkeley: University of California Press 2005, xvi + 400 S., ISBN 978-0-520-22651-7, GBP 29,95
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Rezension von:
Helmuth Schneider
Fachgruppe Geschichte im Fachbereich 5, Universit├Ąt Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Helmuth Schneider: Rezension von: Gary Forsythe: A Critical History of Early Rome. From Prehistory to the First Punic War, Berkeley: University of California Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8129.html


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Gary Forsythe: A Critical History of Early Rome

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Die Einleitung einer 1765 in Paris ohne Angabe des Verfassers erschienenen 'Histoire critique du gouvernement romain' beginnt mit folgender Feststellung: "L'histoire des premiers siécles de Rome n'est qu'obscurité & incertitude. Ceux qui l'ont écrite avec le plus de soin ne peuvent s'empêcher d'en convenir" (III). Seine eigene Position umreißt der Autor wie folgt: "Je veux uniquement écarter cette crédulité superstitieuse, qui n'oseroit douter un moment de ce qu'on lit dans Denis & dans Tite Live, malgré leurs contradictions continuelles. Je veux faire sentir la nécessité d'une critique dans le discernement des faits. Une ignorance raisonée est souvent la seule science des sages" (XV).

Die Zielsetzung der genau 240 Jahre später von G. Forsythe vorgelegten "Critical History of Early Rome" entspricht weitgehend dem Programm des älteren französischen Werkes: "As indicated by the title, the overall approach adopted throughout this volume is rather critical toward the general reliability of the surviving ancient sources on early Roman history. [...] Roman history for the fifth and first half of the fourth centuries B. C. remains extremely problematic due to the nature of the surviving ancient historical tradition" (3). Angesichts der bereits im 18. Jahrhundert klar formulierten Einsicht in die Unzuverlässigkeit der historiografischen Überlieferung zur Geschichte Roms vor dem 1. Punischen Krieg und angesichts der zahlreichen antiken Äußerungen zu diesem Thema ist es bemerkenswert, dass es einem Historiker unserer Zeit sinnvoll erschien, ein Buch über das frühe Rom mit einem solchen quellenkritischen Ansatz zu verfassen. Ein solches Vorhaben findet jedoch seine Rechtfertigung in der gegenwärtigen Forschungslage: Es war vor allem T. J. Cornell, der in seiner sicherlich in vieler Hinsicht bedeutenden Monografie "The Beginnings of Rome" (London 1995) die historiografische Überlieferung in Verbindung mit dem archäologischen Material ausgewertet hat und dabei weitgehend der Darstellung der antiken Historiker gefolgt ist. Insgesamt besteht in einer Reihe neuerer Arbeiten die Tendenz, die antike Geschichtsschreibung zur Grundlage von Untersuchungen zur Geschichte Roms vor 264 v. Chr. zu machen und dabei zwischen den glaubwürdigen Aussagen und den offensichtlichen Erfindungen der frühen Annalistik zu differenzieren. Während in Arbeiten zur frühen römischen Geschichtsschreibung und zur mündlichen Überlieferung in dieser Frage Skepsis vorherrscht, besteht in modernen Darstellungen zur Geschichte Roms vor 264 eher die Neigung, die Aussagen von Livius zu akzeptieren oder aber durch subtile Interpretation ihren wahren Kern zu ermitteln.

In dieser Situation unternimmt es Forsythe, die Darstellung der frühen Geschichte Roms mit einer Diskussion der Quellenlage zu verbinden. Die Ausführungen zu den Quellen beschränken sich nicht auf das Kapitel "The Ancient Sources for Early Roman History" (59-77), der Band bietet insgesamt vielmehr eine fortlaufende quellenkritische Erörterung zur Ereignisgeschichte; der Überblick über die historische Entwicklung orientiert sich dabei im Wesentlichen an Livius. Das traditionelle Bild der römischen Geschichte wird fortlaufend korrigiert, indem weite Teile der historiografischen Überlieferung als unglaubwürdig zurückgewiesen werden.

An dieser Stelle können hier nur die wichtigsten Ergebnisse referiert werden: Die Sage über die Gründung Roms hält Forsythe für unhistorisch, er nimmt aber an, dass die Namen der sechs folgenden Könige auf einer Erinnerung an historische Personen beruhen; sonst sind nur wenige Einzelheiten zur Königszeit zuverlässig überliefert (97). Da der Zeitraum von 753 bis 510 für die Herrschaft von sieben Königen als zu lang erscheint, reduziert Forsythe die Königszeit auf die 140 Jahre zwischen 650 und 510 (99). Forsythe hält an der Datierung des ersten von Polybios erwähnten Vertrages zwischen Karthago und Rom auf die Zeit unmittelbar nach 510 fest, stellt aber zugleich fest, dass der Vertrag die Herrschaftsverhältnisse in Mittelitalien keineswegs richtig wiedergibt (122-124).

Über die Entstehung, Funktionen und Entwicklung wichtiger politischer Institutionen Roms fehlt eine zuverlässige Überlieferung; dezidiert stellt Forsythe dies etwa für das Volkstribunat (172, 175) wie für die Curiatcomitien und die übrigen Comitien (182) fest. Im Fall des Zwölftafelrechts rechnet Forsythe mit späteren Veränderungen, sodass unsere modernen, aus der antiken Überlieferung gewonnenen Editionen keineswegs den ursprünglichen Zustand des Textes wiedergeben (203. 225); die Berichte über das Zustandekommen der Rechtskodifikation verdienen nach Meinung von Forsythe wenig Glauben, zeigen aber, "that relatively little authentic historical evidence from the mid-fifth century B.C. succeeded in reaching later historical times" (233). Immerhin sind seit den leges Liciniae-Sextiae die Gesetze und ihr Inhalt zuverlässig überliefert, während hingegen die Berichte über die politischen Ereignisse in dieser Zeit oft als Erfindungen der Annalistik angesehen werden müssen, die etwa chronologische Unstimmigkeiten beseitigen sollten (264, 266).

Nach Auffassung von Forsythe ist auch die Darstellung der Samnitenkriege bei Livius durch Erfindungen und falsche Behauptungen verformt. Gerade die Berichte über römische Erfolge vor und nach der Niederlage bei Caudium sollen die generelle militärische Überlegenheit der Römer in dieser Zeit demonstrieren. Die Zurückweisung des von den Consuln geschlossenen Friedens durch den Senat ist als unhistorisch und als Parallele zu den Vorgängen des Jahres 137 in Spanien anzusehen (299, 300). Die historische Überlieferung zu dem 2. Samnitenkrieg bezeichnet Forsythe als "complex blend of fact and fiction" (301). Auch für die römische Innenpolitik dieser Zeit gilt, dass die Grundlinien der Entwicklung nachgezeichnet werden können, dass Details aber kaum zu erfassen sind. Wie problematisch die historiografische Überlieferung ist, zeigt Forsythe an einer Gegenüberstellung der Berichte des Livius über den 3. Samnitenkrieg und der Grabinschrift des L. Scipio Barbatus (ILS 1; 328). Die Kritik an der antiken Überlieferung führt bei Forsythe bisweilen allerdings zu Thesen und Rekonstruktionen, die nicht immer zu überzeugen vermögen. Dies trifft etwa auf die These zu, Volkstribunat und Consulat seien zunächst sich ergänzende Ämter gewesen, als deren Zuständigkeitsbereiche die Stadt und das Heerwesen (vgl. domi militiaeque) anzusehen seien (176). Fraglich ist auch die Interpretation mancher Abschnitte bei Livius; die Auffassung, Livius habe sich in dem Bericht über den Beginn der Samnitenkriege an der Darstellung des Thukydides über den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges orientiert, übersieht doch die gravierenden Unterschiede in der Situation Athens vor dem Krieg gegen Sparta und Roms vor den Samnitenkriegen.

Der Versuch, durch eine sehr kritische, aber auch sehr nüchterne Beurteilung der Quellen eine sichere Grundlage für eine Geschichte Roms vor 264 v. Chr. zu gewinnen, wird ergänzt durch überzeugende Ausführungen zum politischen System der Republik, zu sozialen Entwicklungen und zur Organisation Italiens durch Rom im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. Insgesamt ist das Buch, das sich im methodischen Ansatz grundlegend von der Monografie von T. J. Cornell [1] unterscheidet, ein wichtiger Beitrag zur frühen Geschichte Roms. Vor allem erinnern die Ausführungen von Forsythe mit Nachdruck an die Tatsache, dass alles historische Wissen letztlich auf der Interpretation der Quellen und der kritischen Prüfung ihrer Glaubwürdigkeit beruht.


Anmerkung:

[1] T. J. Cornell: The Beginnings of Rome, London / New York 1995.

Helmuth Schneider