Rezension über:

Peter Johanek / Angelika Lampen (Hgg.): Adventus. Studien zum herrscherlichen Einzug in die Stadt (= Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster. Reihe A: Darstellungen; Bd. 75), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, XVIII + 272 S., ISBN 978-3-412-20216-3, EUR 37,90
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Rezension von:
Johannes Bernwieser
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Bernwieser: Rezension von: Peter Johanek / Angelika Lampen (Hgg.): Adventus. Studien zum herrscherlichen Einzug in die Stadt, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 2 [15.02.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/02/17382.html


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Peter Johanek / Angelika Lampen (Hgg.): Adventus

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Der vorliegende Band entstand im Rahmen des Münsteraner Sonderforschungsbereichs 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution" - genauer: im Kontext des von Peter Johanek geleiteten Teilprojekts A3 unter dem Thema "Herrscherlicher und fürstlicher Adventus und bürgerliche Selbstdarstellung im Reich des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit". Ausgangspunkt des Teilprojekts war die Beobachtung, dass Rituale und Zeremonien im politischen Leben der Vormoderne eine äußerst wichtige Rolle spielten: Symbolische Handlungen konstituierten Herrschaft und Gemeinschaft und zeigten, welche Werte und Normen jetzt galten und künftig gelten sollten. Weil Rituale außerdem Auskunft gaben über aktuelle politische Verhältnisse, Herrschaftsansprüche und Machtkonstellationen, war ihre konkrete Ausgestaltung stets auch umkämpft. Gerade der fürstliche Adventus ist ein Beispiel dafür, wie sehr das Zeremoniell die jeweiligen politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten spiegelte und auf sie zu reagieren hatte. Das Teilprojekt widmete sich jedoch nicht nur dieser "Veränderlichkeit" des Einzugsrituals, sondern zielte auch darauf ab, eine Übersicht über die einzelnen Bestandteile und Elemente des Empfangszeremoniells zu erstellen sowie örtliche Ritualtraditionen zu erforschen.

Bevor die einzelnen Aufsätze des Bandes besprochen werden, eine generelle Bemerkung vorab: Die Mehrzahl der Beiträge wurde auf Tagungen in den Jahren 2000 und 2001 gehalten. Leider wurde - was angesichts der verzögerten Drucklegung durchaus wünschenswert gewesen wäre - darauf verzichtet, die Literaturhinweise und Anmerkungen zu aktualisieren und neuere Untersuchungen einzuarbeiten. Aus diesem Grund finden sich in den Fußnoten - mit Ausnahme der von Angelika Lampen und Peter Johanek konzise verfassten Einleitung (VII-XVI) und von Jörg Böllings Aufsatz (229-266) - kaum Hinweise auf Publikationen, die nach 2003 erschienen sind. Dies ist umso bedauerlicher, als gerade in den letzten Jahren eine kaum zu überblickende Vielzahl an Untersuchungen zu Themen entstanden ist, die mit der Fragestellung des Teilprojekts aufs Engste verknüpft sind.

Die einzelnen Beiträge nähern sich dem Phänomen des herrscherlichen Adventus aus zwei Richtungen an: Während eine erste Gruppe das Wechselverhältnis von Zeremoniell und Raum untersucht, widmet sich ein zweiter Block der performativen Seite der Einzüge - also ihrer bildlichen, sprachlichen und musikalischen Ausgestaltung. Zunächst zur ersten Gruppe. Angelika Lampen (1-36) widmet sich den Stadttoren "als Verdichtungspunkte[n] städtischen Selbstbewusstseins" (17) und analysiert anhand mehrerer spätmittelalterlicher Berichte aus Köln, Dortmund und Speyer, wie feierliche Adventus auf die Architektur einer Stadt einwirken konnten. Dies zeigt sie am Beispiel des Einzugs der bischöflichen Stadtherrn in Speyer: Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgte dieser direkt über die Speyerer Stadttore. Als in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vor der äußeren Mauer zuerst eine Wehranlage und dann eine Heiligkreuzkapelle errichtet worden war, entstand sukzessive eine "Zwingersituation". Diese nutzten die Städter aus, indem sie dem dergestalt zwischen den schmalen Mauerstreifen eingezwängten und am Weiterritt gehinderten Bischof ihre Privilegien zur Bestätigung vorlegten. - Regine Schweers zeigt in ihrem Beitrag zur "Bedeutung des Raumes für das Scheitern oder Gelingen des Adventus" (37-55) anhand zahlreicher Quellenbelege aus dem 15. Jahrhundert, dass die beim Einzug gewählte Route durch die Stadt Rückschlüsse darauf zulässt, wie sich die Bewohner dem Einreitenden präsentieren wollten. Während beispielsweise der Kölner Erzbischof an den zentralen Kirchen vorbeigeführt wurde und auf diese Weise das "heilige" Köln zu sehen bekam, wurden weltliche Herrscher wie Friedrich III. 1442 an Orte geleitet, die für die wirtschaftliche Stärke oder die politische Macht der Kommune standen. Die Zeremonie konnte scheitern, wenn der Einreitende mit der ihm dargebotenen Szenerie nicht einverstanden war, wie zum Beispiel der zum Bischof von Speyer gewählte kurpfälzische Kanzler Mathias Ramung, der bei seinem Einzug in die Stadt am 9. Januar 1466 vom Pferd sprang und zu Fuß und auf Nebenwegen in seine Residenz zog. - Kerstin Hitzlbeck (57-84) vergleicht auf Grundlage zahlreicher gut recherchierter Quellen sechs Einzüge der Bischöfe von Halberstadt in ihre Stadt zwischen 1075 und 1617. Sie stellt fest, dass in allen Schilderungen das Einzugstor als zeremonieller Ort nachzuweisen ist, dass occursio und ingressus in den Beschreibungen am ausführlichsten geschildert und dass in vielen Fällen die adligen Begleiter des Stadtherrn namentlich genannt werden.

Die Gruppe der Beiträge über die performativen Aspekte des Adventus eröffnet Regula Schmid "'Liebe Brüder'. Empfangsrituale und politische Sprache in der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft" (85-112). Sie analysiert die Begegnungen städtischer Vertreter des schweizerischen Spätmittelalters und untersucht die dabei zu beobachtenden, zum Teil sehr aufwändig gestalteten Empfangsrituale. Dabei stellt sie fest, dass das "rituelle Vokabular zwar durchaus aus den bekannten Ritualen, die bei Herrscherempfängen gebraucht wurden", geschöpft wurde, dass "gleichzeitig aber wichtige Elemente aus dem kriegerischen Auszug" übernommen wurden (110f.). - Christina Lutter "Überwachen und Inszenieren. Gesandtschaftsempfänge in Venedig um 1500" (113-132) liefert eine (im Anmerkungsapparat um Publikationen bis 2002) erweiterte und aktualisierte Fassung des zweiten Kapitels ihrer 1998 erschienenen Dissertation "Politische Kommunikation an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit". - Philine Helas, "Der Triumph von Alfonso d'Aragona 1443 in Neapel. Zu den Darstellungen herrscherlicher Einzüge zwischen Mittelalter und Renaissance" (133-228), wertet zahlreiche schriftliche und bildliche Quellen über den Einzug des Magnanimo am 26. Februar 1443 aus und fragt nach der politischen Funktion des außergewöhnlich prächtigen und dezidiert an antike Vorbilder anknüpfenden Adventus. Die 34 Abbildungen von Darstellungen des neapolitanischen Einzugs und vergleichbarer Zeremonien bereichern diesen mit großem Gewinn zu lesenden, umfangreichen Beitrag. - Jörg Bölling untersucht in "Musicae Utilitas. Zur Bedeutung der Musik im Adventus" (229-266) einen von der bisherigen Forschung eher wenig beachteten Komplex. Seine Analyse konzentriert sich auf das spätmittelalterliche Papstzeremoniell, das aufgrund seiner gesamteuropäischen historischen Relevanz und der einzigartigen Überlieferungsdichte eine Sonderrolle einnimmt. Anhand zahlreicher Beispiele weist er nach, dass Akustik bewusst eingesetzt wurde, um Zeremonien zu strukturieren und zu semantisieren.

Der mit zahlreichen Abbildungen versehene und durch ein Register gut erschlossene Band nähert sich dem Phänomen des herrscherlichen Adventus aus unterschiedlichen Perspektiven und mit sich ergänzenden, zum Teil disziplinenübergreifenden Fragestellungen. Er wird der Ritualforschung mit Sicherheit anregende Impulse geben. Bedauerlich ist allerdings die nahezu vollständige Ausklammerung des Hochmittelalters. Auch die Tragfähigkeit der einleitend aufgestellten These, das Zeremoniell des feierlichen Einritts sei erst im 15. Jahrhundert "in seiner Gestaltung genauer fassbar und dadurch für Fragen der symbolischen Kommunikation erst aussagekräftig" (VIII), müsste - mit Blick auf die überaus ausführlichen Berichte aus der Barbarossa-Zeit oder auf die minutiösen Schilderungen in der sogenannten Podestà-Literatur des 13. Jahrhunderts - noch einmal eingehender überprüft werden.

Johannes Bernwieser