Rezension über:

Sylvia Wölfle: Die Kunstpatronage der Fugger 1560-1618 (= Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft. Reihe 4: Studien zur Fuggergeschichte; Bd. 33. Studien zur Fuggergeschichte Bd. 42), Augsburg: Wißner 2009, 373 S., mit Bildanhang, ISBN 978-3-89639-682-2, EUR 34,80
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Rezension von:
Julian Jachmann
Kunsthistorisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Julian Jachmann: Rezension von: Sylvia Wölfle: Die Kunstpatronage der Fugger 1560-1618, Augsburg: Wißner 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 12 [15.12.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/12/16355.html


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Sylvia Wölfle: Die Kunstpatronage der Fugger 1560-1618

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Die intensive Beschäftigung der kunsthistorischen Disziplin mit der Patronagetätigkeit der Fugger besitzt eine über hundertjährige Tradition. Angefangen von den Untersuchungen von Hans Lill 1908, über Norbert Lieb und Dorothea Diemer bis hin zu Christl Karnehm 2003 und 2009 [1] widmeten sich zahlreiche Autoren diesem Forschungsfeld. In ihrer 2009 publizierten Promotionsschrift verortet sich Sylvia Wölfle präzise in diesem Forschungsfeld, indem sie den bislang weniger gut bearbeiteten Bereich der Jahre 1560-1618 in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung rückt (1-5). Genauer gesagt finden die drei Familienmitglieder Marx III. Fugger, Hans Fugger und Philipp Eduard Fugger Berücksichtigung, da der ebenfalls in dieser Zeit tätige Octavian Secundus Fugger bereits von Norbert Lieb untersucht wurde.

Die Gliederung der Promotionsschrift folgt der Fokussierung auf die Protagonisten, ist also in drei Hauptteilen organisiert. Am Ende schließt sich das vierte und letzte Kapitel unter dem Titel "Kunstpatronage und internationale Kommunikation" an, in dem Wölfle einen deutlichen Schwerpunkt auf die Italienrezeption legt. Innerhalb der Kapitel werden die drei Familienmitglieder jeweils durch Kurzbiografien und Auftraggeberprofil charakterisiert. Grundlage dieser Charakterisierung ist eine umfangreiche Diskussion einzelner Werke, Medien oder Sammlungen.

Die Stärke der Arbeit von Sylvia Wölfe liegt einerseits im akribischen Umgang mit einem unübersichtlichen Forschungsstand und einer Fülle an meist edierten Quellen, andererseits in einem erneuten kritischen Blick auf die Werke und Vergleichsbeispiele. Gut informiert zieht sie ihr Wissen aus einer thematisch breit recherchierten Auswahl an Quellen und Forschungsschriften. Dabei versteht es die Autorin, die unterschiedlichen Themen und Positionen vorsichtig abwägend zusammenzuführen und zu einem Gesamtbild zu verdichten. Ein Beispiel für diese Art der gelungenen Werkdiskussion ist das Kapitel zu Schloss Niederalfingen, in dem die unterschiedlichen Erklärungsansätze zu dem bemerkenswerten Historismus dieser Architektur überzeugend in die Argumentation Eingang finden. Ähnlich detailreich und stringent liest sich die erste umfassende Darstellung zur prominenten Andreaskapelle in der Stiftskirche Sankt Ulrich und Afra in Augsburg. Neben ausführlichen stilistischen und ikonografischen Vergleichen findet hier auch der räumliche und religionspolitische Kontext Erwähnung.

Allerdings sind mit dieser Herangehensweise auch Schwierigkeiten verbunden, so kann der bisweilen unentschiedene Umgang mit Themen und Positionen als Kritikpunkt gelten. Das betrifft vor allem das Konzept der Kunstförderung oder Patronage. Die Autorin wendet sich mit klaren Argumenten von dem Konzept des Mäzenatentums ab, der von ihr gewählte Begriff der Patronage bleibt jedoch schillernd. So werden für die Kunstförderung der Fugger unter anderem folgende Begriffe und Modelle verwendet: Kunstförderung (274), Prestigegewinn (161), Imagebildung (310), Überbietungsgestus (197), Status- und Repräsentationsanspruch (158), Selbstvergewisserung (161), Selbstdarstellung (156), Ansehen und Nachruhm (243), Überbietungsdruck (11), Italienrezeption (304), Ehrgeiz (304), exzeptionelle Stellung (304), Religionspolitik (228), Kulturtransfer (248) und symbolisches Kapital (243). Dabei stehen Vorstellungen einer standesabhängigen Pflicht zur Einhaltung eines kulturellen Niveaus neben solchen einer bewussten Strategie, Ideen einer Statusbehauptung neben solchen einer Verbesserung. Angesichts der zahlreichen nachweisbaren, auch widersprüchlichen Charakteristika wird niemand behaupten können, die gesamte Kunstförderung sämtlicher Vertreter der Fuggerfamilie sei nur einem einzigen Prinzip gefolgt. Dennoch hätte der Schrift eine deutlichere Entscheidung bezüglich der Methode und eine größere terminologische Disziplin gut getan, beziehungsweise wäre es schön gewesen, die genannten, sehr unterschiedlichen Vorstellungen einem Gesamtkonzept unterzuordnen, sei es Kulturtransfer, symbolisches Kapital oder ein alternatives Erklärungsmuster.

Als Beispiel mag die Behandlung des ikonografischen Programms im Festsaal von Schloss Kirchheim dienen, wo Aspekte einer ideellen Genealogie, eines habsburgischen Herrscherlobes, des Tugendadels, der Memoria und der katholischen Konfessionalität zusammentreffen sollen. Unbestritten hat die Autorin Recht, hier auf eine monokausale Erklärung zu verzichten und die Vielschichtigkeit zu betonen. Nach Auffassung des Rezensenten hätte es jedoch Möglichkeiten gegeben, die zahlreichen Merkmale und Forschungsmeinungen stärker zu fokussieren, zu verknüpfen und zu werten. Möglicherweise wäre hier ein Blick auf die sogenannten Kaisersäle in kommunalen, höfischen und monastischen Kontexten hilfreich gewesen.

Neben der Patronage sind es vor allem die kulturellen Kontakte zu Italien, welche die Autorin interessieren, und hier bezieht sie weitaus deutlicher Position. Im Gegensatz zu der oft hervorgehobenen Rezeption von venezianischer Kultur weist sie durch Quellenfunde und Werkanalysen nach, welch große Bedeutung auch das Vorbild Florenz für die Kunstförderung der Fugger besaß. Dieses Ergebnis wird gestützt durch eine parallel entstandene Arbeit zu kommunalen Auftraggebern in Augsburg, die für die Zeit um 1600 ebenfalls einen Blick nach Florenz belegt. [2] Ähnliche Übereinstimmungen zwischen der Analyse der Kunstförderung der Stadt und der Fugger ergeben sich bezüglich der Skepsis, welche die Autorin gegenüber einer künstlerischen Besetzung öffentlicher Räume der Stadt durch die Fugger äußert. Stattdessen kann sie zeigen, mit welch erstaunlicher Prominenz die Familie in zahlreichen Kirchen der Stadt Präsenz zeigte, insbesondere bezüglich der Grablege im Reichsstift.

Sylvia Wölfle gelingt es in ihrer Arbeit, die eng an Quellen operierende Forschung zu den Fuggern für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts erfolgreich fortzuführen. Sie entwirft auf der Grundlage eines intensiven Studiums der Forschungsliteratur sowie eines neuen, kritischen Blicks auf die Werke ein beeindruckend facettenreiches Bild der unterschiedlichen Medien und Intentionen: Architektur und Innenausstattung, Sammlungen und Gelehrtenwesen, Kunstagententum und Kennerschaft, Großplastik und technische Innovationen, Memoria und Heraldik, Grablege und katholische Reform, Kaisertum und Standesproblematik. Ein umfassender Bildteil mit erfreulich präzise reproduzierten Schwarz-Weiß-Abbildungen erlaubt es, ihre Argumentation nachzuvollziehen. Es ist zu hoffen, dass dieser wichtige Baustein zu einer Geschichte von Kulturtransfer und Kunstpatronage in der Frühen Neuzeit zu weiteren, thematisch übergreifenden Darstellungen Anlass gibt.


Anmerkungen:

[1] Ergänzend zur Bibliografie von Wölfle: Christl Karnehm: Zu Gast im Hause Fugger. Berühmte Besucher und glanzvolle Feste in den Augsburger Fuggerhäusern, Augsburg 2009.

[2] Julian Jachmann: Die Kunst des Augsburger Rates 1588-1631, München / Berlin 2008.

Julian Jachmann