Rezension über:

Heiko Laß: Jagd- und Lustschlösser. Kunst und Kultur zweier landesherrlicher Bauaufgaben. Dargestellt an thüringischen Bauten des 17. und 18. Jahrhunderts, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2006, 467 S., 427 Abb., ISBN 978-3-86568-092-1, EUR 79,00
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Rezension von:
Julian Jachmann
Kunsthistorisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Hoppe
Empfohlene Zitierweise:
Julian Jachmann: Rezension von: Heiko Laß: Jagd- und Lustschlösser. Kunst und Kultur zweier landesherrlicher Bauaufgaben. Dargestellt an thüringischen Bauten des 17. und 18. Jahrhunderts, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/11269.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Heiko Laß: Jagd- und Lustschlösser

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Es ist ein opulentes und methodisch umfangreiches Werk, welches Heiko Laß hier als Publikation seiner 2004 fertiggestellten Promotionsschrift vorlegt. Mit 143 Katalognummern, 427 Abbildungen und einem breit aufgefächerten kunst- und kulturhistorischen Instrumentarium widmet sich der Autor dem Thema der Jagd- und Lustschlösser im thüringischen Raum. Dabei geht es ihm ebenso um eine funktionale Bestimmung dieser Bautypen wie eine exemplarische Untersuchung der besonders dichten Residenzenlandschaft Thüringens im 17. und 18. Jahrhundert.

Die Objekte sind weitgehend zerstört, sodass es oft dem Autor überlassen bleibt, anhand von Archivalien und zeichnerischen Darstellungen die Bauten zu rekonstruieren. Daher nimmt man dankbar den Katalogteil zur Kenntnis, in dem sich nicht nur Angaben zur Bau- und Nutzungsgeschichte der einzelnen Objekte finden, sondern auch reproduzierte Zeichnungen und Hinweise zu Archivalien und Literatur.

Laß definiert den Gegenstand seiner Untersuchung als ein fürstliches Bauwerk, welches einem nur temporären Aufenthalt des Besitzers gedient hat. Dieser erlaubte andere Formen gesellschaftlicher Interaktion mit geringerem zeremoniellen Aufwand, war aber ebenfalls nicht frei von repräsentativen Zwängen. Jagd- und Lustschlösser sind dementsprechend als Trabanten der Residenzen zu verstehen. Sie ergänzten die Hauptwohnsitze funktional, wobei die Lustschlösser nicht der Jagd, sondern eher festlichen Ereignissen dienten und sich besonders durch die enge Beziehung zum Garten auszeichneten. Darüber hinaus unterscheidet Laß kleinere Jagdhäuser und Lusthäuser von den größeren Jagdschlössern und Lustschlössern. Nur durch eine derartig klare funktionale Eingrenzung ist eine Werkgruppe zu bestimmen und zu untergliedern, welche im Vergleich mit dem Residenzenbau von großer formaler Heterogenität ist.

Das auffälligste Charakteristikum der analytischen Kapitel ist zunächst ihre methodische Breite. Laß hinterfragt die historischen Ursprünge der von ihm thematisierten Bauaufgaben ebenso wie die jeweilige Lage der Bauten im Territorium und im Verhältnis zu Gärten und unmittelbarem Kontext; er untersucht die Gestaltung des Außenbaus wie der Innenräume, die auch von der Raumdistribution und dem ikonografischen Programm her gewürdigt werden. Zudem legt er Aspekte des Gebrauchs, der Wahrnehmung und Aneignung der Bauwerke sehr ausführlich dar. Angefangen vom Blick des Anreisenden aus der Kutsche auf das Lustschloss bis hin zu Festen und Jagdgesellschaften werden verschiedene Formen des Umganges mit Architektur thematisiert.

Durch die historisch orientierte Untersuchung kann die überkommene Vorstellung von Jagd- und Lustbauten in wichtigen Punkten ergänzt werden. So waren sie erstaunlich häufig mit Amtssitzen kombiniert und bisweilen auch fortifiziert, wobei die Befestigungen nicht selten einen vornehmlich zeichenhaften Wert besaßen. Und schließlich wendet sich Laß auch der bildlichen Rezeption der Anlagen in Gemälden und Grafik zu.

Die Fülle von wertvollen Einzelergebnissen erschließt sich dem Leser durch den übersichtlichen Aufbau des Buches und bietet zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für weitere Forschungen. Beispielsweise ließe sich die auffällige Übereinstimmung im Anspruchsniveau der Lustschlösser von Fürstinnen und Fürsten mit anderen Bereichen höfischer Architektur und Kunstförderung vergleichen. Auch die deutlichen Entwicklungslinien im Bereich der Ikonografie, vor allem der Verlust eines unmittelbaren Bezuges auf den Bauherrn werfen weitere Fragen nach dessen Selbstverständnis auf.

Nun mag sich angesichts dieser thematischen Breite der Verdacht einer methodischen Unentschlossenheit einstellen. Die unterschiedlichen Abschnitte werden jedoch konsequent durch den roten Faden des Auftraggeberinteresses, also der Frage nach den Intentionen der Landesherren, zusammengehalten. Dabei stützt sich Laß, wie er in der Einleitung etwas knapp anführt, auf Modelle von Pierre Bourdieu, vornehmlich den erweiterten Kapitalbegriff und den Habitus, die beide für die Analyse frühneuzeitlicher Kultur seit längerer Zeit von großer Bedeutung sind (14). [1] Laß kann jedoch weiter differenzieren, wenn er mehrfach hervorhebt, der Adressat der Baupolitik sei die höfische Welt des Alten Reiches (14) gewesen, das heißt vor allem die Gruppe der Standesgenossen, nicht hingegen der einheimische Adel. Während dem Autor angesichts seiner akribischen Studien in diesem Punkt zuzustimmen ist, so scheint es den politischen Strukturen der Frühen Neuzeit nicht angemessen, fürstliche Selbstdarstellung als Propaganda (200) zu bezeichnen. Allerdings verwendet Laß diesen Begriff nur an untergeordneter Stelle, sodass diese Kritik das Verdienst der Arbeit nicht schmälert.

Die Bedeutung der Dissertation liegt zum einen in der Erschließung einer gewaltigen Materialmenge begründet. Die sorgfältig recherchierten Bauten, die zahlreichen reproduzierten Zeichnungen und Quellenfunde haben der Kunstgeschichte eine große Zahl neuer Objekte zugänglich gemacht, die mit Sicherheit weitere Forschungen anregen werden. Zum anderen entwickelt Laß hier ein methodisches Raster, das sich nicht nur als fruchtbar für die Untersuchung weiterer Jagd- und Lustschlösser erweisen wird, sondern auch andere Äußerungen herrschaftlicher Kunstförderung abbilden kann. Wichtiger scheint es dem Rezensenten jedoch zu sein, dass mit dem Thema methodische Grenzen überschritten werden.

Die Kunstgeschichte ist traditionell auf eine Analyse des Einzelwerkes konzentriert. Für große Gruppen formal weniger prägnanter Objekte stellt diese Disziplin kaum methodisches Werkzeug parat. Daher ist es nicht erstaunlich, dass Werkgruppen wie die eher schlichten Jagdschlösser oder ganze Segmente der frühneuzeitlichen Druckgrafik bislang wenig Beachtung gefunden haben. Es ist nur folgerichtig, wenn Laß neben einer Vielfalt etablierter Methoden, die er benötigt, um die Fülle disparaten Materials zu durchdringen, auch Fragen eher topografischer und quantifizierender Natur stellt. So untersucht er etwa die Anzahl der Jagd- und Lustschlösser oder ihre Entfernung von der jeweiligen Residenz. Auch stellt er einen engeren, dichteren Kreis um den Hauptsitz der Fürsten herum fest, in dem sich die Formen der Selbstdarstellung deutlich von einer weiter gefassten Sphäre unterscheiden. Auf diese Weise kann Laß auf unterschiedlichen Maßstabsebenen strukturelle Problematiken aufwerfen und mit kunst- und kulturhistorischen Fragestellungen verknüpfen. Es ist zu hoffen, dass sich ähnliche Ansätze auf dem Fundament kunsthistorischer Methodik in Zukunft weiter entfalten werden.


Anmerkung:

[1] Vgl. beispielsweise: Andreas Pečar: Die Ökonomie der Ehre, Darmstadt 2003; André Krischer: Reichsstädte in der Fürstengesellschaft. Politischer Zeichengebrauch in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2006.

Julian Jachmann