Rezension über:

Gudrun Swoboda: Die Wege der Bilder: Eine Geschichte der kaiserlichen Gemäldesammlung von 1600 bis 1800, Wien: Christian Brandstätter Verlag 2008, 160 S., ISBN 978-3-85033-272-9, EUR 24,90
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Rezension von:
Davide Dossi
Kunsthistorisches Institut in Florenz
Redaktionelle Betreuung:
Hubertus Kohle
Empfohlene Zitierweise:
Davide Dossi: Rezension von: Gudrun Swoboda: Die Wege der Bilder: Eine Geschichte der kaiserlichen Gemäldesammlung von 1600 bis 1800, Wien: Christian Brandstätter Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/16295.html


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Gudrun Swoboda: Die Wege der Bilder: Eine Geschichte der kaiserlichen Gemäldesammlung von 1600 bis 1800

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Untersuchungen zu Provenienzen von Kunstwerken haben zwar Tradition - dass sich diese jedoch zu einem eigenständigen Bereich der Kunstgeschichte entwickelte, ist eine Tendenz der letzten Jahrzehnte. Das Wissen um die Modalitäten dieser Sammlungstätigkeiten, die oft komplex, zugleich aber auch faszinierend sind, ist zunehmend zu einem Anspruch unter Kennern, allmählich aber auch zum Interesse des breiten Publikums geworden.

Das Kunsthistorische Museum in Wien ist eines der bekanntesten und repräsentativsten Museen Europas; unzählige Kunstschätze und insbesondere auch einige Hauptwerke der westlichen Malerei werden hier verwahrt. Diese Gemälde gelangten durch Käufe, Tauschaktionen und Kommissionen in den Besitz der kaiserlichen Familie des Hauses Habsburg. Das Museum am Ring wurde 1891 von Kaiser Franz Josef eröffnet; bereits ein Jahrhundert früher war die Gemäldesammlung im Schloss Belvedere als eigenständige Galerie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. In diesen Bestand flossen Bilder aus zahlreichen europäischen Residenzen, Städten und Kunstsammlungen zusammen, deren Geschichte ein Gewirr bildet, das nicht einfach zu entflechten schien.

Gudrun Swoboda, Kuratorin an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums, rekonstruiert in ihrem Buch "Die Wege der Bilder. Eine Geschichte der kaiserlichen Gemäldesammlungen von 1600 bis 1800" jene bedeutenden Etappen, die für die heutige Ausgestaltung des Museums relevant sind. Auf rund 130 Seiten resümiert sie zwei Jahrhunderte der intensiven habsburgischen Sammeltätigkeit, die zuletzt in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts von Alphons Lhotsky studiert wurden, heute jedoch nach weiteren Erklärungen verlangen.

Der Text ist in neun Sektionen unterteilt. Jede einzelne handelt von einer oder mehreren Persönlichkeiten, die wesentlich zur Formation der heutigen Wiener Gemäldegalerie beigetragen haben und die eine entsprechende Rolle bei der Erwerbung, dem Austausch, der Katalogisierung und der Ordnung der Sammlungen gespielt haben.

Die ersten zwei Abschnitte befassen sich mit den Gemäldesammlungen der habsburgischen Residenzen in Graz und Innsbruck sowie mit derjenigen Kaiser Rudolfs II. in Prag. Ihm sind beispielsweise der Erwerb von Parmigianinos Selbstbildniss im Konvexspiegel und der Werke von Arcimboldo und Pieter Bruegel d.Ä. geschuldet. Das dritte Kapitel handelt von der Zerstreuung des rudolfinischen Kunstbesitzes nach der Plünderung von Prag 1648 durch die schwedischen Truppen. Die vierte und fünfte Sektion sind dem österreichischen Erzherzog Leopold Wilhelm gewidmet, der eine Vielzahl von Bildern während seiner Amtszeit als Gouverneur in den Niederlanden sammelte und sich somit als Schlüsselfigur in der Geschichte der Wiener Sammlungen etablierte. Zu seinen Erwerbungen zählen beispielsweise Tizians Das Mädchen im Pelz und Giorgiones Die drei Philosophen. Nach seinem Tod erbte sein Neffe, Kaiser Leopold I. (dem auch das sechste Kapitel gewidmet ist) diese Gemäldesammlung. Obwohl andere Interessen einer Erweiterung der Gemäldesammlung vorangestellt waren, gelangten dennoch wichtige Portraits (seiner zukünftigen Gemahlinnen) von Velázquez oder Carlo Dolci während seiner Herrschaft nach Wien. Das siebte und achte Kapitel beschäftigen sich mit Kaiser Karl VI., Kaiserin Maria Theresa und ihrem Sohn Josef II. Während Kaiser Karl VI. und sein Enkel Josef II. sich um die Konzentration und Reorganisation des habsburgischen Kunstbestandes bemühten, war Maria Theresa anfänglich aufgrund der österreichischen Erbfolgekriege gezwungen, einige Gemälde wegen der notorisch leeren Staatskasse zu verkaufen. Das abschließende Kapitel des Buches widmet sich den Regierungsjahren Franz' I. Dem Bruder von Großherzog Pietro Leopoldo von Toskana gelang ein einzigartiges Tauschgeschäft zwischen den Galerien in Wien und Florenz: Durch diese Transaktionen kamen etwa die Heilige Familie mit der Heiligen Anna und dem Johannesknaben von Bronzino und Pietro da Cortonas Heimkehr der Hagar nach Wien. Ebenso war Kaiser Franz für den Ankauf bedeutender Gemälde aus den Sammlungen Albani und Giustiniani verantwortlich.

Das Buch enthält einen einleitenden Überblick sowie ein kurzes, jedoch fundiertes Register aller zitierten namhaften Personen, was seine Konsultation einfach und verständlich macht. Dank seiner Struktur wird es dem Leser erleichtert, die historisch komplexen Geschehnisse nachzuvollziehen und auf Schwerpunkte zu fokussieren. Ca. 250 Abbildungen stellen die im Text erwähnten Gemälde dar. Viele dieser Werke sind von einem breiten Publikum geschätzt - andere sind vielleicht weniger bekannt, jedoch aufgrund ihrer historischen Vergangenheit nicht minder interessant.

Die Informationen sind trotz des überblicksartigen Charakters des Buches sorgfältig recherchiert und ermöglichen ein klar gezeichnetes Bild der habsburgischen Sammlungstätigkeit in ihren entscheidenden Phasen. Die im Text aufgestellten Behauptungen sind akkurat und stammen aus neuen, zum Teil eigens durchgeführten Untersuchungen der Autorin. Ihr Stil ist flüssig und mühelos lesbar; die Bibliografie ist auf dem aktuellen Stand. Daher sind "Die Wege der Bilder" für Experten wie auch für Laien bestens geeignet, einen Einstieg in dieses Gebiet der Kunstgeschichte zu finden.

Davide Dossi