Rezension über:

Nordamerika Native Museum Zürich (Hg.): Karl Bodmer. 1809-1893. Ein Schweizer Künstler in Amerika, Zürich: Verlag Scheidegger & Spiess 2009, 207 S., ISBN 978-3-85881-236-0, EUR 39,00
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Rezension von:
Marvin Altner
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Marvin Altner: Rezension von: Nordamerika Native Museum Zürich (Hg.): Karl Bodmer. 1809-1893. Ein Schweizer Künstler in Amerika, Zürich: Verlag Scheidegger & Spiess 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/15984.html


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Nordamerika Native Museum Zürich (Hg.): Karl Bodmer. 1809-1893

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Als der Naturforscher Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied den noch wenig bekannten Schweizer Landschaftsmaler Karl Bodmer (1809-1893) beauftragte, ihn auf einer Expedition durch Nordamerika zu begleiten, konnten sie nicht ahnen, dass ihre Reise sie in die Lage versetzen würde, in Deutschland, Frankreich und England ein allseits bewundertes Standardwerk zu den Indianer-Kulturen des oberen Missouri zu veröffentlichen. Das Nordamerika Native Museum, Indianer und Inuit Kulturen (NONAM) widmet dem Künstler aus Anlass seines zweihundertsten Geburtstags eine Jubiläumsausstellung: "Karl Bodmer - ein Schweizer Künstler in Amerika". Sie wird von einem deutsch/englisch-sprachigen Katalog begleitet. Ausstellung und Katalog zeigen sämtliche Drucke, die Bodmer als Illustrationen für Wieds Bericht zur "Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834" von Kupferstechern und Koloristen anfertigen ließ. [1] Als Vorlagen dienten Aquarelle und Zeichnungen, die Bodmer während und nach der Reise hergestellt hatte. Ergänzt werden die Darstellungen der Landschaft Nordamerikas und ihrer Ureinwohner durch zahlreiche Exponate, die der Prinz auf dieser Reise gesammelt hatte.

Die Ausstellung vereint Bilder und Objekte vor allem aus den Beständen des Linden-Museums Stuttgart (Staatliches Museum für Völkerkunde), des Ethnologischen Museums (Staatliche Museen zu Berlin) und der hauseigenen Sammlung des NONAM. Diese Kooperation spiegelt sich auch in den Katalogtexten wider. Sie wurden vom Kurator der Ausstellung, Hartwig Isernhagen (emeritierter Professor für amerikanische Literatur und Amerikastudien, Universität Basel) sowie von Peter Bolz (Kurator am Ethnologischen Museum) und von Sonja Schierle (Kuratorin am Linden-Museum) verfasst.

Nach Isernhagen nimmt der illustrierte Reisebericht von Wied/Bodmer "einen zentralen Platz in der Geschichte der europäischen Wahrnehmung nordamerikanischer Indianer" ein. Die "Frage, welche die Schau verbindet", sei "die nach der kulturellen Begegnung mit dem Fremden, Mitteleuropas mit Nordamerika und seinen ursprünglichen Bewohnern" (17). Isernhagen geht davon aus, dass bei der Auswahl der Exponate die verschiedenen Zustände der Originalausgabe des Reiseberichts [1] sowie die im 20. Jahrhundert von den Originalplatten nachgedruckten Ausgaben [2] unberücksichtigt bleiben konnten, da die "Schau keine Kunstausstellung im engeren Sinn" sei (17). Diese Haltung enttäuscht, denn auch in einer primär ethnologisch angelegten Ausstellung gehört die präzise Objekterfassung zu den Wissenschaftlertugenden. Die Distanznahme des Literaturwissenschaftlers vom "Kunst"-Begriff und kunsthistorischen Differenzierungen verweist implizit auf etwas anderes:

Das Joslyn Art Museum in Omaha (Nebraska), wo sich die originalen Druckplatten, Bodmers Zeichnungen und Aquarelle und die Tagebücher Wieds befinden, hat keine Leihgaben kontributiert. Gerade der Vergleich zwischen den Aquarellen, die während der Reise entstanden sind, mit den Vorlagen für die Stecher/Radierer und deren Umsetzungen wäre aber kunsthistorisch hinsichtlich der Spezifik der Bodmer'schen Darstellungen aufschlussreich gewesen.

Gleichwohl gibt Isernhagens Text: "Bodmer - Wied - Amerika: Eine Entdeckungsreise" eine komprimierte und gut lesbare Darstellung der Herkunft Wieds und Bodmers, ihrer Begegnung und Zusammenarbeit. Der Anthropologe und Ethnologe Wied habe den "ethnisch 'charakteristischen' Indianer" (25) gesucht, während der Künstler Bodmer dazu tendierte, die Indianer zu nobilitieren (23). Als Kontrapunkt zur Idealisierung des "edlen Wilden" (25) fände sich aber vereinzelt auch die Dämonisierung des "schrecklichen Wilden" (23). Isernhagen verweist, ohne ins Einzelne zu gehen, auf die Herrscherposen (27) und Androgynität der Dargestellten (29), die Statussymbolik von Kleidung und Schmuck (31) und die weitgehende Abwesenheit der Frauen in den Bildern (31). Zugleich lobt er die Genauigkeit der Figurendarstellungen Bodmers, konstatiert aber auch, diese seien nicht nur "'objektiv', sondern auch Ausdruck einer Haltung des Künstlers und seines Auftraggebers zum Abgebildeten" (21).

In seinem zweiten Text, "Bodmer, durch Humboldt gelesen", konkretisiert Isernhagen die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft in Bodmers Nordamerika-Bildern. Einerseits erläutert er die unübersehbar exotisierenden und idealisierenden Tendenzen der Bodmer'schen Indianer-Darstellungen als Ausdruck einer hierarchischen Wahrnehmung des Fremden (113), andererseits betont er im Anschluss an Alexander von Humboldt "das Ästhetische [als] integrale[n] Aspekt der Erkenntnis" (117). Bei Bodmer werde Edward W. Saids [3] Einsicht anschaulich, "dass [...] die Perspektive der dominanten Seite (z. B. einer Kolonialmacht) das Fremde zwar immer wieder ideologisch fehlinterpretiert, zugleich aber oft auch konkretes Wissen von hohem Wert darüber schafft." (113)

Sonja Schierles Katalogbeitrag ist den Objekten der "Nordamerika-Sammlung des Prinzen Maximilian zu Wied im Linden Museum Stuttgart" (45) im Verhältnis zu Bodmers Repräsentationen eben dieser Objekte gewidmet. Exemplarisch hätte die Autorin hier - für den Betrachter direkt überprüfbar - Bodmers Darstellungsstrategien reflektieren können. Die Erwartung erfüllt sich nicht. Stattdessen besteht der Text, in dessen Verlauf Schierle keine Gelegenheit auslässt, die Bedeutung des Linden-Museums hervorzuheben, aus einer Aneinanderreihung von Aufzählungen sammlungsgeschichtlicher Details ("Nachgewiesen ist, dass 1955 ein mit Ponyperlen verzierter Tabaksbeutel (Inv.-Nr. 36118) an einen Privatsammler [...] abgegeben wurde" (47)), restauratorischer Zustandsbeschreibungen ("Die rechts abgebildete Adlerfeder [...] hat erheblich durch Insektenfraß gelitten (Inv.-Nr. 36126a)" (53)), und persönlicher Erinnerungen, die für Leserinnen und Leser keinerlei Erkenntniswert haben.

Ausgewogen hingegen sind die Ausführungen von Peter Bolz, der sich neben seinem kurzen Text "Die Berliner Nordamerika-Sammlung des Prinzen Maximilian zu Wied" eingehender mit dem Thema: "Karl Bodmer, Heinrich Rudolf Schinz und die Veränderung des Indianerbilds in Europa" beschäftigt. Der Schweizer Arzt Schinz (1777-1861), der eng mit Wied befreundet war, (71) veröffentlichte 1835 erstmals drei von Bodmers Indianerdarstellungen in seiner "Naturgeschichte" (69). Aufschlussreich sind Schinz' Bilderläuterungen: Die Portraits von Indianern gäben "uns einen deutlichen Begriff von der Kleidung und den Gesichtszügen dieser sonderbaren Menschen" (79).

Gerade angesichts der kulturellen Distanz, aus der Schinz über die "sonderbaren Menschen" schreibt, wird deutlich, wie viel Unkenntnis und Befremden Bodmers Indianerdarstellungen (partiell) zu überwinden halfen. Bodmer leistete Pionierarbeit, doch auch wenn man diese anerkennt, bleiben seine Darstellungen der Indianer als "Ikonen eines verlorenen Paradieses" (83) problematisch, weil sie weder die Realität der (nun vergangenen) Lebenswelten, noch ihre gewaltsame Zerstörung, noch die Überlebensbedingungen der Indianer zur Entstehungszeit der Porträts thematisieren. Hier hätte man sich eine pointierte Stellungnahme des Autors im Kontext heutiger Forschungen zum Postkolonialismus gewünscht. Diese auszublenden prolongiert das sozialromantische Klischee vom 'Indianerfreund' Bodmer, das ihn zwar berühmt gemacht hat, aber seinem Ansehen als Künstler schon zu Lebzeiten geschadet hat.

Trotz der anspruchsvollen und großzügigen Ausstattung des Katalogbuchs, so das Fazit, steht eine differenzierte Aufarbeitung von Bodmers Nordamerika-Werk noch aus - in ihr sollte dann auch eine dezidiert kunsthistorische Perspektive nicht fehlen.


Anmerkungen:

[1] Prinz Maximilian zu Wied: Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834. Mit 48 Kupfern, 33 Vignetten, vielen Holzstichen und einer Charte, deutsche Erstausgabe, Koblenz 1839 (Bd. 1), 1841 (Bd. 2).

[2] Reprints of Rare Americana, Leipzig 1921/22. Bodmers America, Alecto Historical Editions, Limited Edition Prints, London 1989-1993.

[3] Edward W. Said: Orientalism, New York 1978.

Marvin Altner