Rezension über:

Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft (= Grundkurs Neue Geschichte), Stuttgart: UTB 2008, 192 S., ISBN 978-3-8252-3105-7, EUR 14,90
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Rezension von:
Michael Prinz
LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster
Empfohlene Zitierweise:
Michael Prinz: Rezension von: Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft, Stuttgart: UTB 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/14698.html


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Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft

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Die Geschichte der Konsumgesellschaft hat sich seit einigen Jahren als Forschungsfeld mit eigenen Fragestellungen, Debatten und neuen empirischen Befunden etabliert. Dem trägt die vor allem für Geschichtsstudenten gedachte UTB-Reihe Grundkurs Neue Geschichte mit einem eigenen Band Rechnung. Der Autor, Christian Kleinschmidt, selbst ein ausgewiesener Kenner der Materie, der mit eigenen Studien über den Verbraucherschutz in der Bundesrepublik hervorgetreten ist, gibt auf 182 Textseiten einen zeitlich und sachlich weit gespannten Abriss. Ihm ist, soviel sei vorweg gesagt, eine ausgewogene, dem Anspruch der Einführungsreihe gerecht werdende Darstellung gelungen.

Das Buch beginnt mit zwei problemorientierten Kapiteln, von denen das erste den Leser knapp in Fragen der Historiographie, der Chronologie und der Deutungskontroversen einführt, während das zweite verschiedene Dimensionen des Konsums - Ernährung, Kleidung, Haushalt und Wohnen, Freizeit und Kultur - behandelt. Es folgen sechs weitere Kapitel, die der Geschichte der Konsumgesellschaft von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart nachgehen. Die letzten beiden behandeln zeitlich parallel die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR.

Was die Periodisierung der Konsumgesellschaft über einen so langen Zeitraum angeht, gibt es in der Forschung noch keinen Konsens und überhaupt nur wenige Vorschläge. Das eröffnet dem Autor Spielräume, die er gut nutzt. Kleinschmidt betont zu Recht die Bedeutung des Handels als treibender Kraft hinter der Entstehung dessen, was er - seit dem 16. Jahrhundert - als "Protokonsumgesellschaft" bezeichnet. Im Hinblick auf den Übergang zur Moderne entscheidet sich der Autor dafür, den Schnitt in etwa beim Kaiserreich, also zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts anzusetzen. Warum der "take-off" der Konsumgesellschaft dann allerdings erst in der Weimarer Republik verortet wird, bleibt eine offene Frage. Bei der Darstellung des Nationalsozialismus hält Kleinschmidts ausgewogene Argumentation die Mitte zwischen einer Deutung, die im Wesentlichen nur propagandistische Weiterentwicklungen sieht, und einer anderen, die dem Regime unkritisch Durchbrüche in wichtigen Bereichen attestiert. Den Übergang zur Massenkonsumgesellschaft lokalisiert der Autor in breiter Übereinstimmung mit der Forschung nach 1945, genauer gesagt, in der zweiten Hälfte der 1950er und im Laufe der 1960er Jahre.

Dass eine zeitlich und sachlich so weit ausgreifende Abhandlung unter dem gebieterischen Zwang zu strenger Auswahl steht, versteht sich von selbst. Die folgenden Bemerkungen sollen Nutzen und Kosten der von Kleinschmidt getroffenen Auswahl andeuten. Zu den Forschungsfortschritten, die sich in der Darstellung niederschlagen, gehört ein durch Vergleich und neue Erfahrungen ausgeweitetes Verständnis von Konsum. Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen und ein neues Knappheitsbewusstsein haben in den letzten Jahrzehnten den Konsumcharakter von Verbrauchsgütern wie Wasser, Gas und Elektrizität deutlicher werden lassen. Dieser Erweiterung steht die diskutierbare Entscheidung des Autors gegenüber, die Darstellung nahezu ganz auf Probleme sozialer Ungleichheit auszurichten. Konsumgesellschaft übersetzt sich in dieser Darstellung (11f.) schlicht mit Konsum für wenige, Massenkonsumgesellschaft mit Konsum für nahezu alle [1]. Die ebenso wichtige Achse einer Konstruktion von Gesellschaft, ihrer Gruppen und ihrer einzelnen Mitgliedern durch Konsum fehlt fast vollständig. Dementsprechend sucht man Aussagen zu regional-, stadt- und land-, konfessions-, geschlechts-, generationsspezifischen Prägungen und Gestaltungen gesellschaftlicher Rollen im Medium des Konsums vergeblich.

Welche Konsequenzen es hat, wenn man das zeitgenössische Verständnis von Konsum nicht zur Sprache bringt, lässt sich an den genannten thematischen Erweiterungen demonstrieren. Warum gibt es für den Wasserkonsum einen so sperrigen Begriff wie Daseinsvorsorge? Was bedeutet das für den Umgang mit bestimmten Gütern, für die daran geknüpften Erwartungen, das Selbstverständnis einer Konsumgesellschaft? Wäre es nicht sinnvoll, mit der Unterscheidung zwischen "Konsum an sich" und "für sich" zu operieren, um solche Spannungen auszuloten und sich nicht in Aporien zu verwickeln?

Aspekte des Marketings haben offenkundig die Überschriftengestaltung beeinflusst. Das knappe und solide Kapitel zur Frühen Neuzeit unter die Überschrift "Liebe, Luxus und Kapitalismus" zu stellen, führt den Leser doch eher in die Irre. Der Textbezug der Überschrift sind Sombarts misogyne Thesen über die Modernisierungsfunktion von Mätressen, die Kleinschmidt völlig zu Recht verreißt. In der Summe verpackt das Inhaltsverzeichnis den Text nicht gut. Die Überschriften wirken aspekthaft. Die sachlichen Zusammenhänge, die im Text deutlich werden, spiegeln sich nicht darin.

Konsumkritik erscheint in der Darstellung im Wesentlichen als Phänomen der 1960er Jahre. Dass Zivilisations- und damit auch Konsumkritik lange Zeit das Herzstück der "deutschen Ideologie" darstellten, wird, wenn ich recht sehe, nicht erwähnt. Die Geschlechterdimension bleibt unterbelichtet. Auch die Neigung, Konsum, zumal in seinen gesellschaftlich stigmatisierten Aspekten (Verschleiß, Verschwendung etc.) immer wieder neu der Frauenrolle zuzuschreiben, kommt als Struktur langer Dauer zu kurz. Es fehlen Hinweise auf die Debatte über Lebensmittelzölle im Kaiserreich, die Siedlungs- und Selbstversorgungsbewegungen der Zwischenkriegszeit (Kleingärten, Kleinsiedlung usf.), deren Ausläufer bis in die frühe Bundesrepublik reichten. Auch Mode als Motor des Konsums bleibt außerhalb des Fokus.

Die wichtigste darstellerische Vorentscheidung besteht jedoch darin, den Text auf zwei Achsen - eine sachliche und eine chronologische - zu verteilen. Die Vorzüge dieser Gliederung für den Leser liegen im einfacheren Zugriff auf bestimmte Dimensionen. Andererseits führt die Kombination zweier Gliederungsprinzipien an einigen Stellen zu Doppelungen von Informationen, vor allem aber zu Lücken, die man nicht erwartet. Wer zum Beispiel nach dem Phänomen des Hungers in der Zwischenkriegszeit fragt, findet Aussagen dazu nicht im Weimar-Kapitel, sondern - ganz knapp und leicht zu überlesen - im Abschnitt "Ernährung" (43). Lassen sich Epochen in ihrer Bedeutung für den langfristigen Gang der Entwicklung wirklich überzeugend beschreiben, wenn zentrale Elemente an anderer Stelle des Textes auftauchen?

Ein paar Kleinigkeiten, die bei einer Neuauflage zu korrigieren wären: Der zweite Satz auf Seite 58 ist nicht richtig konstruiert und enthält deshalb eine falsche Aussage. "Die landwirtschaftlichen Produzenten ... waren zumeist in Zünften [?] organisiert und agierten in den Städten [?]."(58) Stimmt es wirklich, dass Gold aus Südamerika in deutschen protoindustriellen Regionen verarbeitet wurde? (59 f.) Einige Seitenüberschriften enthalten Rechtschreibfehler: "Kientopp" statt "Kintopp" (85-90). Der Terminus "industrious revolution" verbindet sich mit dem Namen des niederländischen Wirtschaftshistorikers Jan de Vries. Der von Kleinschmidt erwähnte John Brewer ist Zweitverwerter (67).

Manche der genannten Punkte betreffen Dezisionen, die im vorgegebenen Rahmen letztlich unvermeidlich sind. Kleinschmidt lässt seine Leserschaft nicht darüber im Unklaren, dass es ihm um eine solide wirtschaftlich- und sozialgeschichtliche Darstellung ging. Diesem Anspruch wird der konzise Text uneingeschränkt gerecht. Auf knappem Raum werden eine Fülle von empirischen Details ausgebreitet, Deutungskontroversen abgewogen präsentiert, Langzeitentwicklungen knapp und verständlich skizziert. Besonders überzeugt der Versuch, den Aufstieg der Konsumgesellschaft in eine lange zeitliche Perspektive seit der Frühen Neuzeit zu rücken. Damit weist der Autor auch der weiteren Diskussion den Weg.

Michael Prinz