Rezension über:

Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490-1700. Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber, München: DVA 2008, 1022 S., 54 Abb., ISBN 978-3-421-05950-5, EUR 49,95
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Rezension von:
Helga Schnabel-Schüle
Fachbereich III, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Helga Schnabel-Schüle: Rezension von: Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490-1700. Aus dem Englischen von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber, München: DVA 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 11 [15.11.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/11/14695.html


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Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490-1700

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Obwohl es der Titel suggeriert: Für Diarmaid MacCulloch, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford, steht das, was in der Historiografie gemeinhin Reformation genannt wird, nicht im Zentrum des Interesses. Seine leitende Fragestellung zielt vielmehr auf den Verlust der religiösen Einheit Europas, worauf der Titel der englischen Originalausgabe programmatisch verweist: "Reformation. Europe's House Divided". Zwar räumt er ein, dass die Einheit bereits mit der Trennung in die orthodoxe und die lateinische Kirche verloren gegangen sei, misst aber der Reformation des 16. Jahrhunderts dennoch die entscheidende Bedeutung dafür zu.

Sein voluminöses Werk gliedert er in drei Hauptteile. Der erste Teil "Eine gemeinsame Kultur" umfasst die Jahre 1490-1570, der zweite Teil ist betitelt "Die Teilung Europas, 1570-1619". In diesem Zeitrahmen bewegt sich das Kapitel abgesehen von einer "Coda", die nur für das britische Königreich die zeitliche Linie bis 1700 auszieht. Der dritte Hauptteil heißt lapidar "Lebensmuster". MacCulloch trifft mit der zeitlichen Zäsur zwischen seinen beiden ersten Hauptkapiteln eine ungewöhnliche Entscheidung. Seine Begründung, dass bis 1570 die konfessionelle Lage noch offen gewesen sei, trifft für einige europäische Länder zu, für andere hingegen aber auch nicht. Hier zeigt sich die Schwierigkeit seines europaweiten Zugriffs, der auf länderspezifische Rahmenbedingungen und Abläufe keine Rücksicht nimmt. Nicht selten bilden MacCullochs detaillierte Kenntnisse der angelsächsischen Reformation den Gradmesser, nach dem auch die Entwicklungen in anderen Ländern trotz völlig anderer Voraussetzungen beurteilt werden. Der Grund dafür ist MacCullochs Perspektive. Er selbst bezeichnet sie als weder konfessionell, noch dogmatisch (21), faktisch ist sie dezidiert theologisch und nicht historisch.

In der Einleitung erklärt MacCulloch zunächst, sich der Reformation des 16. Jahrhunderts widmen zu wollen, obwohl er im Titel den Zeitraum seiner Untersuchung mit 1490-1700 benennt. Zudem kündigt er an, viele Reformationen untersuchen zu wollen, "auch solche, die vom Papst gelenkt waren", was die Frage nach seinem Begriff von Reformation aufwirft. Die Verwirrung nimmt zu, wenn er äußert, eine Motivation seines Buches sei es gewesen, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer oder was ein Katholik war. Wenige Seiten später bereits gelangt MacCulloch zu dem bemerkenswerten Befund, dass die Kirche des 15. Jahrhundert nicht reformbedürftig gewesen sei. Wer für diesen Befund allerdings einen Beleg oder nur auch eine stringente Argumentation erwartet, wird enttäuscht, vielmehr muss man sich mit der apodiktischen Feststellung begnügen: "Sie haben keine marode Kirche angegriffen, mit der sie leichtes Spiel gehabt hätten, weil sie ohnehin der Erneuerung bedurfte" (18). So bleibt die Fragestellung des Buches im Dunkeln, lediglich der gute Rat, dass bei der Lektüre des Buches eine Bibel zur Seite stehen sollte (18), weist in die Richtung, in die das Buch dann schließlich auch geht. Denn der Inhalt des Buches sind die theologischen Kontroversen, die im 16. und 17. Jahrhundert europaweit ausgetragen wurden. Was eigentlich Reformation ausmacht, wann man von Reformation überhaupt sprechen kann, erfahren wir bei MacCulloch nicht.

Der dritte Teil ist eine Art Anhang, in dem in zum Teil recht lockerer Assoziation "Lebensmuster" untersucht werden. Mit dieser Überschrift versucht der Autor - mehr schlecht als recht - sehr heterogene Themen zusammenzuführen, über deren Erforschung in den letzten Jahren MacCulloch bemerkenswert wenig weiß. So findet sich z.B. ein Kapitel über Hexenverfolgungen in Europa, das in zum Teil erschreckender Deutlichkeit zeigt, dass der Autor die politischen und rechtlichen Grundlagen der Hexenverfolgung nicht verstanden hat: "Während der Reformationszeit wurde der Hexenwahn zu einem regelrechten Killer" (730); "Papst, Inquisitoren und Kaiser" sollen die Verfolgung "empfohlen" haben (735).

Gleich zwei Unterkapitel (Kapitel 15, 784-810, und 16, 811-856) befassen sich mit "Liebe und Sex[!]", wobei das Patriarchat, die Kleinfamilie und die Ablehnung der Homosexualität, als das, "was blieb wie es war", strengere Sittenzucht, weibliche Lehrorden und die Möglichkeit der Scheidung als "das, was sich veränderte" kategorisiert werden.

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass der Vorgang, der mit dem Begriff "Reformation" etikettiert wird, ein europäisches Phänomen war, MacCulloch hätte sich große Verdienste erworben, den Beweis mit Engagement und überzeugenden Belegen erbracht zu haben. Jenseits dieses wohl schon lange als gesichert geltenden Befundes aber erzeugt das Buch mehr Irritationen als dass es neue Erkenntnisse brächte oder auch nur gesicherte Erkenntnisse präsentierte.

Schwer wiegt, dass MacCulloch die neuere Forschung zu Reformation und Konfessionalisierung jenseits des angelsächsischen Raums nicht zur Kenntnis genommen hat. Selbst die Auswahl an angelsächsischer Forschungsliteratur weist gravierende Lücken auf. Auffallend häufig dienen ihm als Belegautoritäten Andrew Pettegree [1] und James D. Tracy [2], während Robert W. Scribner, Thomas A. Brady und Steve E. Ozment jeweils nur mit ihren frühesten Publikationen zitiert werden.

Schwer wiegen auch die zahlreichen Fehler, die sich in das Buch eingeschlichen haben, von denen nur exemplarisch einige genannt seien: Dem Übergang Nürnbergs zum Protestantismus 1521 misst MacCulloch große Bedeutung zu, da dort "alle zentralen Rechts- und Verwaltungsorgane des Reichs" angesiedelt gewesen sein sollen (193), womit er fälschlicherweise nicht nur das Reichkammergericht nach Nürnberg verlegt, das der "Kaiser 1495 eingesetzt hatte" (214). Andere Fehler sind der Übersetzung geschuldet. So wird z.B. aus dem Brechtschen "Verfremdungseffekt" der "Entfremdungseffekt", obwohl im Original "alienation" und zusätzlich der richtige deutsche Begriff steht. Eine vollständige Liste aller im Buch enthaltenen sachlichen Fehler wäre bedauerlicherweise lang.

Auch MacCullochs Hang zu eingängigen, leider nicht immer passenden Formulierungen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dem Humanismus wird das "pubertäre Geltungsbedürfnis einer neuen Geistesdisziplin" (127) attestiert, die Kirche ist für ihn das "Synonym für die gewaltige europaweite Gewerkschaft namens Klerus" (75).

MacCulloch huldigt zudem in seinem Buch einer längst überwunden geglaubten Geistesgeschichte: "Entscheidend waren die Ideen." In unterschiedlichen Variationen kommt diese Aussage vor: "Die Macht der Ideen erklärt, warum die Reformation weite Teile des Kontinents erfasste." (19) Diese Feststellung mag aus der Sicht eines Theologen nachvollziehbar sein, als Historiker muss man hier aber ein Veto einlegen. MacCulloch interessiert sich nicht dafür, welche politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Konstellationen Reformation begünstigten oder verhinderten. Er schreibt ein Buch aus theologischer Perspektive. Dies ist legitim, wenn die politischen Grundlagen, dort wo sie angesprochen werden, richtig dargestellt werden. Da dies bei MacCulloch nicht der Fall ist, kann sein Buch nicht als Beitrag zur historischen Forschung gewertet werden.


Anmerkungen:

[1] Andrew Pettegree (ed.): The Reformation world, London 2000.

[2] James D. Tracy: Europe's Reformation,1450-1650, Lanham 1999.

Helga Schnabel-Schüle