Rezension über:

Karl-Theodor Schleicher / Heinrich Walle (Hgg.): Feldpostbriefe junger Christen 1939-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Jugend im Felde. Mit einem Vorwort des Katholischen Militärbischofs Walter Mixa (= Historische Mitteilungen; Bd. 60), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, 413 S., ISBN 978-3-515-08759-9, EUR 32,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Felix Römer
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Felix Römer: Rezension von: Karl-Theodor Schleicher / Heinrich Walle (Hgg.): Feldpostbriefe junger Christen 1939-1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Jugend im Felde. Mit einem Vorwort des Katholischen Militärbischofs Walter Mixa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/9624.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Karl-Theodor Schleicher / Heinrich Walle (Hgg.): Feldpostbriefe junger Christen 1939-1945

Textgröße: A A A

Feldpostbriefe gehören in der Forschung zur Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht zu den wichtigsten Quellengattungen. Karl-Theodor Schleicher und Heinrich Walle tragen hierzu mit der Edition von etwa 300 bislang unbekannten Feldpostbriefen bei, die von tiefgläubigen Soldaten unterer Rangstufen stammen, welche vor ihrem Eintritt in die Wehrmacht katholischen Jugendorganisationen angehört hatten. Gegenüber der bekannten Feldpost, die häufig nur verstreut und fragmentarisch überliefert ist, besteht die Besonderheit dieses Bestands in seiner Homogenität, die einen konzentrierten Blick auf die Kriegswahrnehmung einer kleinen, geschlossenen "Minderheit" (26) in der Wehrmacht ermöglicht.

Wie Walle in seiner Einführung darlegt, standen im Wertekanon der katholischen Jugendorganisationen "Vaterlandsliebe, Gemeinschaftssinn, Einsatz- und Opferbereitschaft" obenan (47). Beeinflusst durch die Jugendbewegung und völkische Elemente, korrespondierte ihre "Hochschätzung soldatischer Tugenden" (47) mit der "Verherrlichung von Kraft, Ritterlichkeit, Kampfeswillen [...] sowie einem starken Bedürfnis nach Autorität." (40) Die Bejahung des Wehrdienstes und ein "übersteigert erscheinender Patriotismus" war daher nicht nur ein "Erbe des Kulturkampfes" (31f.) und mehr als ein taktisches Gewand, um die "staatsbürgerliche Gleichwertigkeit" zu betonen sowie dem Vorwurf zu begegnen, "national nicht zuverlässig" zu sein (47). Die fortwährenden Konflikte mit dem Regime verdeutlichten jedoch, dass allenfalls "Schnittmengen", aber keine "Teilidentität" mit der Weltanschauung der Nationalsozialisten bestanden (54), wie die Autoren betonen. Nach dem Verbot ihrer Organisationen 1939 wahrte die katholische Jugend ihren Zusammenhalt über Feldpost und Rundschreiben.

Im Unterschied zur Mehrheit der bekannten Feldpostbriefe ist das Reflektionsniveau der Briefe deutlich höher, aber überwiegend auf die theologische Bewältigung des Erlebens gerichtet und von der Erfahrungsebene vielfach gelöst. So geben die Briefe vor allem über die spezifische Wahrnehmung und Deutung der Soldaten Auskunft und weniger über ihr Handeln und das Kriegsgeschehen selbst. Nicht von ungefähr verwahrten sich manche Schreiber dagegen, dass Leser "dies alles als Autosuggestion auffassen" könnten (328, 340).

Der Dissens gegenüber dem Regime äußert sich in den Briefen durch die durchgängige Abwesenheit von Referenzen zum NS-Regime und seiner Rassenlehre. Für die Briefschreiber blieben allein "Gott und Volk [...] die beiden Lebenspole." (171) Sich dem Krieg zu verweigern, stand daher nicht zur Debatte. Die "stille tägliche Pflichterfüllung" (215) für "des Vaterlands Ruhm, für der Heimat heiligen Boden" (97) bildete für die Katholiken einen ebenso unverrückbaren Bezugspunkt wie der Stolz, Soldat zu sein (109, 113, 205), das Ersehnen und die Bejahung des Kampfeinsatzes (166, 170, 330), die Freude über militärische Auszeichnungen und Leistungen (199, 202, 213) sowie die Idealisierung von Tapferkeit (114, 229) und die Verachtung gegenüber allen "Halbe[n] und Laue[n]" (74, 357). Auch der Waffengang selbst erschien den Schreibern selbstverständlich (80, 130, 317). Den Krieg verklärten sie zu ihrem entscheidenden Bildungserlebnis, zur "Oberklasse unserer Lebensschule" (101, 229, 241), die sie "reifer gemacht" (204, 211, 225) und erst zu "echte[n] Menschen" (217) geformt habe.

An der Ostfront stimmten die meisten Soldaten zugleich mit dem Kriegsziel überein, den "bolschewistischen Teufel [zu] vernichten" (240, 81, 187, 189, 200, 211, 213, 256), auch wenn sich keiner der Schreiber mit dem NS-Ideologem vom "jüdischen Bolschewismus" identifizierte. Entgegen der Interpretation der Herausgeber (62) zeigt sich zudem, dass die Soldaten auch den Krieg an den übrigen Fronten als legitimen Abwehrkampf erlebten (98, 114, 149, 342), selbst wenn die Zweifel mit zunehmender Kriegsdauer wuchsen (149, 179, 199). Genauso wenig waren manche der katholischen Soldaten vor jenen Feindbildern gefeit, auf Grund derer "die Russen [...] zäh und feige wie die Bestien" erschienen und mit "Hecken- und Baumschützen sowie Flintenweiber[n] [...] gründlich aufgeräumt" wurde (187, 79, 184, 200, 201). An der Westfront empörte sich ein Soldat über die "Grausamkeit" der gegnerischen "Neger", die in der Gefangenschaft auf ihn "wie Tiere" wirkten (129f.).

Besonders gravierend erscheinen jedoch die theologischen Rationalisierungen, mit denen die Soldaten selbst im Angesicht des "Grauen[s] des Kriegsgeschehens" Wege zum "Erkennen positiven Sinnes [...] [ihres] Soldatentums" (235) konstruierten, um daraus "Mut zum Weiterkämpfen" (185) und "Durchhalten" (329) zu gewinnen. In der Deutung vieler Schreiber verhalf ihnen erst der Krieg als göttliche "Probe" (101) und "Kreuzweg" (340) dazu, "so gottnah" wie nie zu sein, sodass selbst das "Schrecklichste", das sie "je erlebt" hatten, als "großes Glück" erschien (219). So erhielten selbst die traumatischsten Erlebnisse einen transzendentalen Sinn und gab es für die Soldaten "kein Recht von einem sinnlosen Schicksal zu sprechen, denn alles was geschieht, kommt ja von ihm, auch wenn er uns zermalmt." (354, 278, 344)

Da es somit nichts geben konnte, was keinen Sinn ergab, konnte auch die von vielen Briefschreibern verabsolutierte Opferbereitschaft, die teilweise an Todessehnsucht grenzte (75), unter keinen Umständen in Frage gestellt werden: Im "Waffendienst" und der "Opferbereitschaft", so forderte ein Theologe in einem Rundbrief, "soll uns niemand übertreffen!" (114, 194, 357) Zwar widmeten die Soldaten das "schwerste Opfer" dem "Herrn für Sein Reich in Deutschland" (179), ignorierten dabei aber, dass ihre Bereitschaft zum "Heldentod für Deutschland" (198) im irdischen Geschehen zunächst allein der deutschen Militärmaschine diente. Ebenso schicksalsergeben sahen die Soldaten den Krieg nicht als menschengemachte Entwicklung, für die politische Verantwortung existierte, sondern zählten ihn zu den Naturgewalten und "Heimsuchungen Gottes". (327, 215, 342) Wegen solcher Auffassungen mussten sich manche der Briefschreiber schon von ihren Zeitgenossen den Vorwurf einer "fatalistische[n] Haltung" gefallen lassen (329). Im Unterschied zu ihrem Bestreben, als "miles christi" selbst im Kampf zivilisatorische Normen zu wahren (100), erscheint es fraglich, ob die bedingungslose, apolitische Einsatzbereitschaft dieser Soldaten tatsächlich dazu geeignet wäre, ein "Vermächtnis" für die Bundeswehr zu bilden, wie die Herausgeber, selbst ehemalige Offiziere und Bundesbrüder, es einfordern (22).

Der Schluss, dass "Wehrmachtsoldaten aus bestimmten sozialen oder weltanschaulichen Gruppierungen gruppenspezifische Auffassungen vertraten" (26), kann lediglich für den eng umgrenzten Kreis der im Sondermilieu der Jugendverbände sozialisierten, "praktizierenden Katholiken" (28) gelten. Die Übertragung auf die denkbar heterogene Allgemeinheit der Wehrmachtssoldaten, die "aus ihrem christlichen Glauben heraus [...] ihre Pflicht für das Vaterland erfüllt" hätten (21), erscheint zweifelhaft. Forschungen zur Mentalitätsgeschichte haben gezeigt, dass die Kriegswahrnehmung der Soldaten keineswegs allein von Parametern wie Konfession, Bildung oder Alter determiniert wurde, von ihrem Handeln ganz zu schweigen.

Die Edition bleibt ohnehin zum Teil hinter dem Forschungsstand zurück. Das Bild vom Ostkrieg etwa, in dem alle "Ausschreitungen" von "Amtsträgern" der "deutschen Verwaltung" ausgingen (392), ist Jahrzehnte alt, um nur das augenfälligste Beispiel zu nennen. Letztlich erscheint es auch fraglich, ob es den Briefschreibern gerecht wird, wenn man ihre Kriegsteilnahme auf die Formel reduziert, dass sie "hemmungslos missbraucht" (20) wurden.

So wirkt der Blick auf die katholischen Wehrmachtssoldaten sowohl in der ansonsten instruktiven Einführung als auch in der knappen Kommentierung der Briefe, in der weitere Erläuterungen zu den zahlreichen theologischen Referenzen gewinnbringend gewesen wären, zuweilen idealistisch. Die edierten Feldpostbriefe sind für die Wehrmachtsforschung jedoch zweifellos bereichernd, auch wenn der Krieg selbst in den Briefen oft im Hintergrund bleibt.

Felix Römer