Rezension über:

John Darwin: After Tamerlane. The Global History of Empire, London: Penguin Books 2007, 592 S., ISBN 978-0-713-99667-8, USD 47,94
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Rezension von:
Tilmann Kulke
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Tilmann Kulke: Rezension von: John Darwin: After Tamerlane. The Global History of Empire, London: Penguin Books 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/17151.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 9 (2009), Nr. 10

John Darwin: After Tamerlane

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Kurz bevor Jürgen Osterhammel sein Werk "Die Verwandlung der Welt: eine Geschichte des 19. Jahrhunderts" (München 2009) veröffentlichte, das als die "[...] ohne Zweifel bislang bedeutendste Leistung eines deutschsprachigen Neuzeithistorikers des 21. Jahrhunderts" gewertet wird [1], besprach er bei geschichte.transnational die hier vorliegende Studie. [2] Osterhammel betont in seiner Rezension die gelungene Wandlung des ehemaligen "imperial historian" Darwin in einen "Virtuosen der Globalgeschichte" - völlig zu Recht, wie auch in dieser Besprechung gezeigt werden soll.

Worin liegt die Stärke dieser Studie und was ist das Ziel des Autors? Lassen wir den Verfasser bezüglich der Kernaussage von "After Tamerlane: The Rise and Fall of Global Empires 1400-2000" selbst zu Wort kommen:

"The history of the world, it is tempting to say, is an imperial history, a history of empires. It would be easy to think from much historical writing that empires are abnormal: unwelcome intrusions in a non-imperial world [...] This view is appealing, but has little else to commend it. A glance at world history suggests on the contrary that, for most of the time, the default position so far as politics went was imperial power." (491) [3]

Warum wurde und wird dieser verlockenden Interpretation unserer Geschichte so oft widersprochen? Noch einmal der Autor selbst, der auf Seite 23 eine vorläufige Antwort vorlegt: "But if empire is 'normal', why has it practice by Europeans aroused such passionate hostility - a hostility still strongly reflected in most of what is written on the subject? Part of the answer is that so many post-colonial states found it natural to base their political legitimacy on the rejection of empire as an alien, evil and oppressive force."

Darwin will die Frage klären, wie es dazu kommen konnte, dass europäische Staaten, die sich im Laufe der Geschichte als der 'Westen' definieren sollten, aus dem internationalem System der Frühen Neuzeit ausbrechen und islamische und asiatischen Imperien dominieren und teilweise beherrschen konnten. Was sind die Gründe des europäischen breakouts und wie sind die Folgen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus für die Welt zu bewerten? Darwin teilt seine Studie in neun Kapitel ein, um diese Kernfrage beantworten zu können.

In einer ausgezeichneten Einleitung (Orientations, 1-47) referiert der Autor die wesentlichen Ansätze der Postcolonial Studies, deren Ergebnis Darwin in einem Satz provokativ zusammenfasst: "Decolonized History has cut Europe down to size." (14) Erfreulich ist hier, dass Darwin den (allzu oft ignorierten) geschichtstheoretischen Abhandlungen von Marx und Lenin für das Verfassen globalgeschichtlicher Ansätze eine zentrale Rolle zugesteht (Lenin deutete die Grundlage des europäischen Kapitalismus im ökonomischen Imperialismus und sah den Zusammenfall dieses Systems in der Revolte der Kolonisierten voraus. Und für Marx lag die Ursache des immer enger zusammenwachsenden globalen Marktes in der wachsenden europäischen Nachfrage): "The Marx-Lenin version, half history, half prophecy, seemed the key to world history." (9)

In 'Medieval Eurasia' (27-47) wird die Vorgeschichte des früh-neuzeitlichen Eurasien dargestellt - hier spielten europäische Staaten kulturell wie ökonomisch eine marginale Rolle. "For most of the world, European trade was of little importance;" (39) system-interne Ursprünge eines mittelalterlichen Sonderwegs à la Weber zu suchen, wäre an dieser Stelle also falsch. [4] Vielmehr stellte sich die Position Europas um 1400, global betrachtet, äußerst düster dar: " Hemmed in between Islam, the dark limitless sea, and the forests and tundra of the North, Europeans could not pretend to inhabit a serene 'middle kingdom', surrounded by tributaries and guarded by walls. For all the sucess of the Frankish political system, it could make no headway in South East Europe against the Muslim advance in the fourteenth century. The hope of outflanking Islam by allying with the Mongol 'world-conquerors' had fizzled out after 1350."(32) Es waren Muslime, die die 'middlemen of worldtrade' repräsentierten (38) und der wichtigste Herrschaftsverbund hieß "[...] China, whose wealth and power were pre-eminent. [...] China displayed a political and cultural cohesion unmatched by Europe or the Islamic World."(40)

Im zweiten Abschnitt (Eurasia and the Age of Discovery, 47-101) ist es Darwins Ziel, den 'european breakout' im internationalen Kontext darzuestellen: Zwar macht er von Anfang an klar, dass er dieser Expansionsbewegung (die er auf die Zeit von 1480 bis 1620 eingrenzt) eine immens wichtige Rolle zuweist: "With astonishing rapidity after the 1480s, Europeans voyaging from Portugal and Spain transformed the geopolitical relationship between the Occident and the rest of the Old World." (50) Diese müsse aber globalgeschichtlich gedeutet werden - die Folge dieser vergrößerten Perspektive ist es, dass sich das klassische Bild der euopäischen Frühen Neuzeit, die oft mit den epochalen Daten 1492 und 1498 in Verbindung gesetzt wird, weniger epochal erscheint - vielmehr 'cut down to size', da das früh-neuzeitliche Expansionsmonopol nicht mehr alleine bei den Europäern liegt. "If the occident emerged richer and stronger from its age of discovery, so too did the Islamic world from its age of expansion." (73)

Das europäische Ausbrechen brachte also wenig Neues in die Welt, außer vielleicht eine bis zu diesem Zeitpunkt ungekannte Form von organisierter Gewalt (ausgezeichnet stellt Darwin an dieser Stelle den Aufbau des Estato da India der Portugiesen dar). [5] Nachdem diese kein Monopol auf den Pfefferhandel erlangen konnten, führten sie lange Zeit eine Exotenrolle im Indischen Ozean aus, die im Wesentlichen auf der Vergabe von Schutzpapieren basierte. (53 f.) Nimmt man also den Aspekt der Gewalt aus dieser Perspektive weg, verringert sich der Unterschied zwischen Europa und Asien (diesen Unterschied zwischen Europa und Asien, bzw. das Besondere an Europa hervorzuheben, war hingegen Inhalt älterer, weltgeschichtlicher Darstellungen): "Instead, a chain of 'connectedness', both commercial and cultural, linked much of early modern Eurasia just at the time when (in older accounts) Europe's divergence from Asia was becoming decisive. Notions of universal empire, a new 'culture of travel', and millenarian rumours and fantasies circulated around the huge land mass between Spain and the Bay of Bengal." (12)

Es war das Mogulreich, das sich als die größte imperiale Leistung der Frühen Neuzeit herausbilden konnte. Ein Vergleich mit diesem Imperium lässt die innere Instabilität Europas, wie sie etwa in Wolfgang Kaisers jüngst erschienen Studie aufgezeigt worden ist, [6] deutlich zum Vorschein kommen. "[...] The Mughals presided over a larger and wealthier economy than the Ottomans or Safavids." (86) Exporteur zahlreicher Güter nach Iran, in das Osmanische Reich, zu den Usbeken und weiter, "[...] the Mughals were a stimulant to both internal and foreign trade," und in einigen Bereichen könne man sogar so weit gehen, dass "[...] India's manufacturing capacity in early modern times dwarfed that of Europe." (86) Asiatische Exportoffensiven erreichten also Europa. Mit diesem die Ökonomie Indiens behandelnden Abschnitt richtet sich Darwin gegen die Thesen Wallersteins, Asien sei zu diesem Zeitpunkt zwar eine Weltökonomie gewesen, jedoch eine extern wirtschaftende, die zudem durch die ersten Portugiesen ökonomische Verbesserungen erfuhren. [7]

In dem Kapitel "The Early Modern Equilibrium" (101-157), das den Zeitraum von 1600-1750 behandelt, blieb das Mächtegleichgewicht zwischen Europa und Asien weitestgehend gleich, so Darwin. Der eigentliche Wendepunkt beginnt in den folgenden Jahren bis 1830, die die technologischen Innovationsschübe im Zusammenhang mit dem europäischen Imperialismus einleiten (Inhalt des vierten Abschnitts, "The Eurasian Revolution" 157-214). Hier steht vor allem Russland im Zentrum von Darwins Untersuchungen, das als imperialer Akteur den beiden islamischen Großreichen, dem Osmanischen Reich und Iran, erhebliche Niederlagen zufügte und unter Druck setzte. Aber auch um 1830 könne man noch nicht von einer Beherrschung Asiens oder Afrikas durch Europa sprechen: "Yet it should not be thought, that non-European states had lost all room for manoeuvre." (213) Dies wird in "The Race against the Time (219-295) anschaulich dargestellt; China und Japan teils mit großem Erfolg, das Osmanische Reich, das vor allem 1830 und 1839 schwerste Krisen durchlief und einige afrikanische Staaten: Sie alle widerstanden noch lange Zeit den europäischen Durchdringungsversuchen. Die Wende beginnt um 1880, was in "The Limits of Empire" (295) beschrieben wird. Es folgen "Towards the Crisis of the World, 1914-1942", in dem skizziert wird, wie es Europa nach dem Ersten Weltkrieg verpasste, eine krisenfeste Ordnung zu etablieren und es dadurch zum einen zu einem globalen Auftreten von Faschismus und Nationalismus und zum anderen zu protektionistischen Maßnahmen insbesondere von Seiten der USA kam. Deren Weg zum alleinigen Welthegemon wird dann hervorragend in "Empire Denied (425-487)" beschrieben.

Natürlich kann in einer solchen Studie nicht alles mit der gleichen Gewichtung für verschiedene Interessen behandelt werden; und nur ganz selten verfällt Darwin in die Methode älterer, weltgeschichtlicher Ansätze, indem er etwa von 'Europa' wie von einer geschlossen Einheit spricht. Oder wenn er sich unkritisch auf die ohne Zweifel wichtige, aber in einigen wesentlichen Bereichen überholte Studie von Abu Lughod verweist [8] und davon ausgeht, dass bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Einfluss europäischer Textilexporte derart stark war, dass sie den syrischen und ägyptischen Binnenmarkt dominierten und ganze Stadtteile durch Strukturwandel zerfielen. Hierzu schreibt Peter Feldbauer: "Der von Labib, Ashtor, Abu Lughod und vielen anderen immer wieder betonte Monopolcharakter der venezianisch-ägyptischen Handelsbeziehungen sowie die These der wachsenden mamlukischen Unterlegenheit und Abhängigkeit lässt sich übrigens mit guten Argumenten relativieren und vielleicht sogar in Frage stellen. Wahrscheinlich gab es auch im 15. Jahrhundert weniger Monopol und Abhängigkeit, als komplementäre Bedürfnisse und akzeptable Kompromisse zwischen Venedig bzw. Südeuropa und Mamluken, und wahrscheinlich konnte keiner der Partner dem anderen seine Interessen mit politisch-militärischen Mitteln aufzwingen." [9]

Großartig versteht es Darwin von der Makro- zur Mikroebene zu wechseln, etwa bei der Einführung über die Geschichte des Osmanischen Reiches: "The Ottoman system seemd a masterly synthesis of religion and politics in an empire whose dynamism astonished and horrified Euopean contemporaries. 'On their side', groaned Busbecq in 1560, [...] endurance of toil, unity, order, discipline, frugality and watchfullness. On our side is public poverty, private luxury, impaired strength, broken spirit.' "(77)

Bisweilen gelingt es Darwin auf nur ein, zwei Seiten, europäische Modernitäts- und Freiheitsdefinitionen zu hinterfragen und einen neuen Blick auf die Geschichte entstehen zu lassen. "Even those countries that we think of as pioneers of modernity had strong pre-modern features. Slavery was lawfull in the United States until 1863. The ruling class of Victorian Britain was largely chosen by birth, and religion remained central to social aspiration and identity. Twentieth-century America was a caste society whose marker was colour, used to exclude a large social fragment from social and political rights until the 1960s or later. Post-revolutionary France confined the rights of Man to men until 1945, when women gained the vote. Viewed from this angle, the threshold for modernity becomes very uncertain." (26) Oder etwa über die Beurteilung über die neuen Herrschaftsverhältnisse in Amerika "[...] where Europeans were much freer than elsewhere to impose their will." (24)

Darwins Buch ist ohne Zweifel ein großer Wurf und wir können uns glücklich schätzen, in den letzten zwei Jahren mit Studien von Christopher Bayly, Jürgen Osterhammel und jetzt John Darwin globalgeschichtlich derart reich beschenkt zu werden.


Anmerkungen:

[1] Friedrich Lenger: Rezension zu: Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, in: H-Soz-u-Kult, 13.03.2009, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-210.

[2] Jürgen Osterhammel: Rezension zu: Darwin, John: After Tamerlane. The Global History of Empire since 1405. London 2007. In: H-Soz-u-Kult, 22.01.2009, http://geschichte-transnational.clio-online.net/rezensionen/2009-1-058.

[3] Eine ausgezeichnete Besprechung zu Darwins Studie liegt auch von David Fieldhouse vor in: The Journal of Imperial and Commonwealth History, Vol. 35, Nr.4, Dezember 2007, 615-16.

[4] Dies ist aber immer noch Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Vgl. etwa Michael Mitterauer: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 2004.

[5] Hierzu liegen uns ausgezeichnete Studien von Sanjay Subrahmanyam vor. Vgl.: Sanjay Subrahmanyam: The Portuguese Empire in Asia 1500-1700. A Political and Economic History, London 1993; sowie ders.: The Career and Legend of Vasco da Gama, New York 1997. Und auf Deutsch die zahlreichen Abhandlungen von Peter Feldbauer.

[6] Wolfgang Kaiser (éd.): L'Europe en conflits. Les affrontements religieux et la genèse de l'Europe moderne, vers 1500-vers 1650, Rennes 2008.

[7] Vgl. Immanuel Wallerstein: The Modern World System. Capitalist Agriculture and the Origins of the European-World Economy in the Sixteenth Century, New York 1974, 331f.

[8] Janet Abu-Lughod: Before European Hegemony. The World System a.d. 1250-1350, New York 1989.

[9] Zit. nach Peter Feldbauer: Der islamische Osten im Spätmittelalter, in: Ders. et al. (Hg.): Mediterraner Kolonialismus, Essen 2005, 193-213, 207.

Tilmann Kulke