Rezension über:

Rüdiger Steinmetz / Reinhold Viehoff (Hgg.): Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg GmbH 2008, 608 S., mit DVD, ISBN 978-3-86650-488-2, EUR 39,95
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Rezension von:
Nora Helmli
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Nora Helmli: Rezension von: Rüdiger Steinmetz / Reinhold Viehoff (Hgg.): Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens, Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg GmbH 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/16236.html


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Rüdiger Steinmetz / Reinhold Viehoff (Hgg.): Deutsches Fernsehen Ost

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Die Bedenken mancher Historiker, bewegte Bilder aus Film oder Fernsehen als Quelle zu nutzen, sind hinlänglich bekannt. Doch wie sich in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse daran ausmachen lässt, so reifte auch in den Medienwissenschaften die Erkenntnis, dass das Bild nicht ohne seine Geschichte zu erklären ist. Wie fruchtbar der Blick über Disziplingrenzen hinweg ist, zeigte das an den Universitäten Halle, Leipzig, Berlin (Humboldt-Universität) und der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" angesiedelte DFG-Forschungsprojekt zur "Programmgeschichte des DDR-Fernsehens - komparativ". Mit der nun vorliegenden Abschlusspublikation wird zudem eine Lücke in der Aufarbeitung der Geschichte des DDR-Fernsehens von seinen Anfängen 1952 bis zur Abwicklung 1990 geschlossen. [1] Denn während zur Deutschen Film AG (DEFA) bereits verschiedene Monografien vorliegen [2], standen entsprechende Untersuchungen zum Deutschen Fernsehfunk (DFF) bisher aus; insbesondere fehlte eine Einbettung des Programms in den zum Teil verworrenen und sich stetig verändernden institutionellen Rahmen des DFF, wobei das Staatliche Komitee für Rundfunk (ab 1968: für Fernsehen) eine besondere Rolle spielte.

Von der Frage geleitet, welche "Kommunikationsstrukturen, Organisations- und Entscheidungsprozesse [und] Hierarchien" (30) sich herausbildeten, wird das Programm des DFF chronologisch vorgestellt. Dabei stützen sich die Autoren auf über 4000 ausgestrahlte Sendungen sowie verschiedene Aktenbestände. Gerade die Berücksichtigung partei- und fernsehinterner Dokumente, die für medienwissenschaftliche Arbeiten nicht vorausgesetzt werden kann, hat die Publikation wesentlich bereichert. Der Schwerpunkt des untersuchten audiovisuellen Materials lag auf "heiteren" Sendeformen, also populärkulturellen Genres wie Unterhaltungsshows, Sportübertragungen, Familien-, Kinder- und Kriminalsendungen. Die Auswahl erklärt sich zum einen aus einer bewussten Annäherung an die Sicht der Fernsehzuschauer, die diese Formate favorisierten. Zum anderen nehmen die Herausgeber damit direkten Bezug auf parteiinterne Diskussionen, die Unterhaltung ab 1971 "als eine wichtige Bedingung und Form der Reproduktion der Arbeitskraft der Bevölkerung legitimierten." (16 und 40f.) Hier ist freilich zu ergänzen, dass die Art und Weise der Fernsehunterhaltung bereits seit den frühen 1960er Jahren immer wieder im Staatlichen Rundfunkkomitee erörtert und deren Wert für Zuschauer und Programmgestaltung schon damals hervorgehoben wurde.

Der analytische Rahmen des Projekts, der in der umfangreichen Einleitung dargelegt wird, unterscheidet drei Ebenen: Auf der ersten findet eine Periodisierung der Programmgeschichte statt, die sich an allgemeinen Entwicklungsphasen von Fernsehsystemen orientiert. Das angewandte Schema könne völlig "unabhängig von spezifischen nationalen oder kulturellen Merkmalen" beschrieben werden. So begann auch das Fernsehen der DDR mit einer "Experimentier- und Frühphase" (1952-1955) und endete in einer Phase von "Stagnation, Widersprüchen und Ambivalenzen" (1989-1991). Dabei, so das Resümee des Forscherverbunds, stellte der DFF nur insofern einen Sonderfall dar, als er "das Fernsehen eines autoritären Staates war" (540); ansonsten sei die Geschichte des Fernsehprogramms nach "systemischem Muster" verlaufen. Ob die hier angebotenen Zäsuren 1956, 1961, 1970, 1989/90 sowie die postulierte Generalisierbarkeit der Entwicklung auch mit Blick auf andere, nicht untersuchte Sendeformate des DDR-Fernsehens so eindeutig sind, bleibt allerdings zu hinterfragen. Auf der zweiten Ebene wird der DFF in Beziehung zur Diktatur- und Herrschaftsgeschichte der DDR gesetzt. Damit verknüpft war das Ziel, das Fernsehen nicht nur als "Instrument und Waffe im Klassenkampf" (536) zu betrachten, sondern auch die Grenzen der Durchherrschung auszuloten. Drittens kommt auch diese DDR-Geschichte schwerlich ohne das andere Deutschland - im Sinne der von Christoph Kleßmann postulierten "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte" - aus. Der von der Forschergruppe entwickelte, sehr fruchtbare Ansatz des "kontrastiven Dialogs" beschreibt dabei treffend die Rolle der Westmedien als "Gegenmodell gesellschaftlicher Kommunikation, mit dem sich das DDR-Fernsehen in allen Zeiten seiner Existenz auseinanderzusetzen hatte." (27)

Die Struktur der einzelnen Kapitel orientiert sich grob an den in der Einleitung aufgeworfenen Forschungsperspektiven. So detailliert die institutionellen Veränderungen des DFF und das von ihm produzierte Unterhaltungsprogramm ausgebreitet werden, so sehr bleibt die angekündigte Verzahnung von Medien-, Herrschafts- und Rezeptionsgeschichte unter Berücksichtigung aller Akteure hinter den Erwartungen zurück. Man hätte gerne gewusst, ob sich hinter der offensichtlichen Systemkonformität der Sendungen noch etwas anderes verbarg oder wo sich Nischen für Fernsehschaffende und Rezipienten auftaten. Doch wiegen solche Mängel angesichts des gelungenen Überblicks über die Programmgeschichte des DDR-Fernsehens wohl eher leicht, zumal auch auf eine Reihe weiterer Arbeiten verwiesen werden kann, die im Kontext des Projektes entstehen oder bereits erschienen sind.

Visuell wird der Band durch eine Fülle von Standbildern unterstützt. Die auf einer DVD beigelegten Sendeausschnitte geben einen lebendigen Einblick in die Produktionen des DFF über den gesamten Zeitraum seines Bestehens. Leider existieren keine Querverweise zwischen Text und DVD, die interessierten Lesern die Möglichkeit bieten würden, die angebotenen Analysen auch audiovisuell nachzuvollziehen. Generell sei jedoch auf den erheblichen Mehrwert derartiger Beigaben verwiesen, die die Filmanalyse von endlosen, kaum nachvollziehbaren Bildbeschreibungen entlasten.

Den Bearbeitern und Autoren, die leider nicht den einzelnen Beiträgen zugeordnet, sondern nahezu kollektivistisch in einer Liste aufgeführt werden, ist es gelungen, einen großen Schritt in der deutsch-deutschen Mediengeschichte zu machen: Sie haben durch eine quellenfundierte Historisierung des Deutschen Fernsehfunks Anknüpfungspunkte für die Geschichtswissenschaft geliefert. Nun ist diese ihrerseits am Zug, die Quelle (Fernseh-)Film stärker in ihre Betrachtungen einzubeziehen.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Knut Hickethier: Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart 1998.

[2] Vgl. vor allem Dagmar Schittly: Zwischen Regie und Regime. Die Filmpolitik der SED im Spiegel der DEFA-Produktionen, Berlin 2002.

Nora Helmli