Rezension über:

Johannes Rößler: Poetik der Kunstgeschichte. Anton Springer, Carl Justi und die ästhetische Konzeption der deutschen Kunstwissenschaft, Berlin: Akademie Verlag 2009, 419 S., ISBN 978-3-05-004451-4, EUR 59,80
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Rezension von:
Anja Schürmann
Seminar für Kunstgeschichte, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Anja Schürmann: Rezension von: Johannes Rößler: Poetik der Kunstgeschichte. Anton Springer, Carl Justi und die ästhetische Konzeption der deutschen Kunstwissenschaft, Berlin: Akademie Verlag 2009, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/16041.html


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Johannes Rößler: Poetik der Kunstgeschichte

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Der Ruf der kunsthistorischen Wissenschaftsgeschichte nach einer epistemologischen Wende, einer neuen Aufmerksamkeit auf die Bedingungen, Voraussetzungen und Funktionen wissenschaftlichen Handelns, war auf dem Marburger Kunsthistorikertag 2009 kaum zu überhören. [1] Da - anders als in den Natur- und Technikwissenschaften - in der Kunstgeschichte die Wissenschaft vorwiegend ihre eigene Geschichte schreibt, blieben terminologische Ausdrucksformen und die verbale Verfasstheit dessen, was man 'Methodik' nennt, oft blinde Flecken historiografischer Untersuchungen, da das eigene Primärausdrucksmittel, die Schrift, stets zu den konstantesten und widerständigsten Elementen der methodischen Werkzeugkiste gehörte.

Die Dissertation von Johannes Rößler tritt an, diese blinden Flecken zu beleuchten, indem er mit Anton Springer und Carl Justi zwei Protagonisten wählt, die ebenfalls rezeptionsgeschichtlich mitnichten zu den Lieblingen kunsthistoriografischer Forschung zählen. Die Biografie als Untersuchungsobjekt stellt für ihn den Ort da, an dem "sich die tiefgreifende Methodenreflexion der universitären Gründergeneration abspielt" (9), und ist demnach nicht - wie andere Untersuchungen nahe legen - ein letztlich funktionsloser Dinosaurier einer dekadenten Wissenschaftslogik.

Rößlers Ausgangspunkt ist von der Problematik bestimmt, dass die Kunstgeschichte im Zeitraum von 1850 bis 1890 in den seltensten Fällen explizit ihre eigene verbale Verfasstheit thematisierte, weshalb er sie aus der "spezifische[n] Semantik und [...] formale[n] Struktur ihrer Historiographie" (3) fassbar machen möchte. Obwohl der Autor durch die dualistische Gliederung seiner Untersuchung in die Protagonisten Springer und Justi eine antagonistische Positionierung suggeriert, legt seine komparatistische These den Schwerpunkt auf den Dialog und die Komplementarität der beiden Wissenschaftler: Springer, der historiografisch vor allem als Positivist und Historist rezipiert wurde, wird von Rößler auch ästhetiktheoretisch verortet, während der oft als "Kunstschriftsteller" still diskreditierte Carl Justi in seiner wissenschaftsskeptischen Innovationskraft gewürdigt wird.

In Hinblick auf Anton Springer und dessen Doppelmonografie Raffael und Michelangelo setzt Rößler bei dessen Rezeption als Positivist an und weist nach, dass es keine eindeutige Beeinflussung durch Theoreme des westeuropäischen Positivismus im Sinne Comtes, Mills oder Buckles gibt (32 ff.). Springer - so stellt Rößler heraus - begegnet den skulpturalen Arbeiten Michelangelos mit einem neuen, rationalen Begriffsinstrumentarium, welches nicht implizit dessen Defizienz gegenüber Raffael oder seine rezeptionsgeschichtlich als Dekadenz eingestufte Position betont, sondern "sauber" (38) und stilistisch konzise arbeitet. Springers sensualistische und produktionsästhetische Kunstauffassung führte dazu, dass sich die Beschreibung von der Inhaltsdeutung des vollendeten Werks abstrahierte: Der abstrakte Gehalt galt nun nicht mehr als deskriptiv übersetzbar, da er sich in eine prismatische Sequenz aus Studien und Vorzeichnungen splittete, der allenfalls noch erzählerisch beizukommen war.

Die Beschreibung wird dabei von Rößler nicht isoliert betrachtet, sondern immer im syntagmatischen Textzusammenhang verortet, was ihm erlaubt, auch funktionale Differenzierungen vorzunehmen: So unterscheiden sich die Beschreibungen Springers je nach Chronologie und Publikationszusammenhang nicht in erster Linie paradigmatisch, aber funktional und operativ von ihren Kopien, wie Rößler anhand dreier Beschreibungen Springers komparativ herausarbeitet. Je nach methodischer Ausrichtung werden sie durch minimale Änderungen rhetorisch, narrativ oder hermeneutisch funktionalisiert (72). Dabei ist die komparative Lesart bezeichnend für seine deskriptive Analyse: Im Vergleich werden Strukturmerkmale und rhetorische Bestrebungen der einzelnen Autoren konturierter, weshalb Springers Deskriptionen auch in Abgrenzung zu Passavant, Schnaase und Burckhardt analysiert werden. Diese Vorgehensweise schärft zwar die textuelle Kohäsion, birgt aber leider allzu oft die Gefahr des Relativismus: die Rolle Herman Grimms beispielsweise, dessen Publikation vom Leben Michelangelo's als analytischer Wetzstein für Springer rein komparatistisch eingesetzt wird, scheint in ihrer epistemologischen Relevanz in dieser Untersuchung marginalisiert.

Der intertextuelle Verweis wird im zweiten Teil weitestgehend vermieden, Justi wird von Rößler durch Einzelanalysen seiner Beschreibungen charakterisiert. Sein autonomes quellenfiktionales Arbeiten wird zu Beginn synchron gegen die kennerschaftlichen Verfahren Morellis abgegrenzt, wobei Justis aus verschiedenen Textformen wie Formaten kompilierte Velazquez-Biografie als ironischer Kommentar zur Quellenkritik und homogenisierenden Tendenzen der Epistemologie gewertet wird.

Wert wird von Rößler auf die Tatsache gelegt, dass man Willkür und Kontingenz in Justis Methode - dessen Begründung in der Kontingenz lag - nicht synonym setzen sollte (254). Durch Einzelanalysen der Beschreibungen verschiedener Bildgattungen arbeitet Rößler zwei Begriffspaare heraus, die er als paradigmatisch für die Deskriptionspraxis Justis ansieht: Die Beschreibungen werden als "transsubjektiv" und "transhistorisch" etikettiert, was paraphrasiert, dass in ihnen nicht nur Künstler und Rezipient, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart amalgamieren (287).

Rößlers sprachwissenschaftliche und erzähltheoretische Grundlage, die Marcus Müller in seiner Dissertation noch streng strukturalistisch auf die Begriffstrias Geschichte - Kunst - Nation synthetisierte, zeitigt in ihr allerdings auch seinen einzigen monografischen Vorläufer im Forschungskontext. [2] Die methodische Hybridität, Wissenschaftsgeschichte mit sprachwissenschaftlicher Analyse verbinden zu wollen, gelingt durch den engen chronologischen Fokus und Rößlers sprachliche Sensibilität sowie seine dichte und komplexe Argumentationsstruktur in den allermeisten Fällen. Eine leichte Einschränkung gilt der Rekonstruktion verbaler Dispositionen: Rößler unternimmt den Versuch, die verbalen Eigenarten und deren Genese, die wissenschaftliche Ausbildung und methodische Anwendung der Schrift nahezu biografisch, durch Briefe und andere Archivalien seiner Protagonisten zu analysieren, eine Form entwicklungsgeschichtlicher Methodik, deren spekulative Ausrichtung die Schärfe der sprachwissenschaftlichen Analysen vermissen lässt.

Dennoch macht diese Dissertation beeindruckend und in bisher singulärer Weise deutlich, dass die Kunstgeschichte eine Schriftwissenschaft in dem Sinne ist, dass sich methodische, wahrnehmungsgespeiste oder epistemologische Vorstellungen eines Autors als Agens noch in der minimalsten verbalen Einheit manifestieren. Rößlers auf die verbale Verfasstheit der Kunstgeschichte konzentrierter Ansatz vermag es, der Zunft einen epistemologischen Einblick in ihre - nicht immer bewusst und funktional eingesetzte - Methodik zu geben, der sehr erhellend für weitere Untersuchungen zu diesem Themenbereich ist und sein wird. [3]


Anmerkungen:

[1] Vgl. das Forum "Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte. Grenzen und Möglichkeiten eines Rahmenwechsels" und dessen Thesen unter: http://www.kunstgeschichte-ejournal.net/TextezurDiskussion/forum-wissenschaftsgeschichte/.

[2] Marcus Müller: Geschichte - Kunst - Nation. Die sprachliche Konstituierung einer 'deutschen' Kunstgeschichte aus diskursanalytischer Sicht (= Studia Linguistica Germanica; 90), Berlin / New York 2007.

[3] Wie sie es auch für meine Dissertation zur kunsthistorischen Deskription war, die mit anderer methodischer und chronologischer Ausrichtung im nächsten Jahr beendet wird.

Anja Schürmann