Rezension über:

Alena Wagnerová (Hg.): Helden der Hoffnung - die anderen Deutschen aus den Sudeten 1938-1989, Berlin: Aufbau-Verlag 2008, 272 S., ISBN 978-3-351-02657-8, EUR 24,95
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Rezension von:
Raimund Paleczek
Sudetendeutsches Institut e.V., München
Empfohlene Zitierweise:
Raimund Paleczek: Rezension von: Alena Wagnerová (Hg.): Helden der Hoffnung - die anderen Deutschen aus den Sudeten 1938-1989, Berlin: Aufbau-Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/15700.html


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Alena Wagnerová (Hg.): Helden der Hoffnung - die anderen Deutschen aus den Sudeten 1938-1989

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Im August 2005 hat die Regierung der Tschechischen Republik eine Erklärung verabschiedet, in der sie sich bei "denjenigen tschechoslowakischen Staatsbürgern [...] deutscher Abstammung" für Taten entschuldigt, die an ihnen "im Widerspruch zu der damals gültigen Gesetzlage" nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verübt wurden. Der Adressat wird eingegrenzt auf diejenigen Deutschen, die "während des Zweiten Weltkriegs der Tschechoslowakischen Republik treu blieben und aktiv an dem Kampf für deren Befreiung beteiligt waren oder unter dem nazistischen Terror litten." (6) Diese Personengruppe wird gemeinhin als "Antifaschisten" bezeichnet. Mit der vorgenommenen Auswahl hat die tschechische Regierung allerdings die Kriterien und die Wortwahl der tschechoslowakischen Nachkriegsregierung 1945/46 übernommen, die im Hinblick auf ihre Rechtsauffassung und demokratische Legitimität erhebliche Defizite aufweist. Auf diesen Makel hat im Herbst 2008 auch der Historiker Detlef Brandes hingewiesen. [1]

Im Rahmen der Entschuldigung hat die tschechische Regierung 30 Millionen Kronen zur Erforschung des Schicksals der aktiven, "erfahrenen Gegner des Nazismus" (14) zur Verfügung gestellt. Die Anzahl dieser Gruppe, die 1945/46 in Antifa-Transporten trotz ihres privilegierten Status als Angehörige der deutschen Minderheit ausgesiedelt wurde oder freiwillig aussiedelte, wird mit 130000 Personen beziffert. Davon waren 79000 Sozialdemokraten und 50000 Kommunisten (9).

Ein Ergebnis des staatlich geförderten Projektes ist die von A. Wagnerová, St. Dölling, G. Schwarz, P. Fiedler, E. Schmutzer und R. Mieder überarbeitete Darstellung von 15 Einzelschicksalen. Grundlage waren Interviews von fast 100 Zeitzeugen, die sich an ihre Erlebnisse zwischen den zwanziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts erinnerten. Allen Zeitzeugen ist gemeinsam, dass sie parteipolitisch aktiv waren, darunter sind acht kommunistische und fünf sozialdemokratische Aktivisten. Lediglich zwei Schicksale von Angehörigen des "Bundes der Landwirte" (BdL), die auch eine kirchliche Bindung aufweisen, sind vertreten. Der Mangel, den kirchlichen Widerstand nicht erfasst zu haben, war auch der Herausgeberin bewusst. Die Erklärung, dass man bei der Zeitzeugensuche "aus dem nächsten Familienumfeld der katholischen Geistlichen, die vielfach einen individuellen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime leisteten, an ihre Grenze" (12) gestoßen sei, ist aber nicht befriedigend. Hierin zeigt sich einmal mehr die grundlegende Schwäche der Beschränkung auf die oral-historische Methode. Deutlich wird das an den unvermeidlichen Anmerkungen, die Einzelbegriffe und historische Zusammenhänge erläutern oder ergänzen. Ihre knappe Auswahl am Ende des Buches (253-66) ist zwar angemessen, aber leider z.T. unzulänglich. Die Aussage zweier Zeitzeugen, dass es erst seit 1937 mit dem Sender Mělník deutschsprachige Sendungen gegeben hat, wird in der Anmerkung irreführend korrigiert: "Deutschsprachige Sendungen im tschechischen Rundfunk gab es schon seit Oktober 1925." (254, Anm. 3) Richtig ist, dass seit 1. November 1925 ein deutschsprachiges Radio Journal gesendet wurde. Der Umfang der rein kulturellen Sendungen betrug aber lediglich eine Viertelstunde täglich, das Journal konnte also keineswegs über gesellschaftliche und politische Entwicklungen informieren. [2] Das war der entscheidende Grund dafür, dass die Sudetendeutschen den reichsdeutschen Rundfunk hörten. Der Hinweis, die Aussiedlung der gesamten deutschen Bevölkerung habe schon 1944 festgestanden (263, Anm. 3), entspricht nicht dem Forschungsstand. [3] Vielmehr wurden die als "wilde Vertreibungen" bezeichneten Gewaltmaßnahmen von der tschechischen Führung zwischen Mai und August 1945 geplant.

In allen Berichten, "Porträts" genannt, äußern die Zeitzeugen ihr Unverständnis über den rapiden Stimmungswandel im Frühjahr 1938 und über die nachfolgende Ausgrenzung aus der Gemeinschaft der deutschen Mitbürger ("Als meine Mutter verhaftet worden war, haben mich die Klassenkameradinnen die Treppe hinunter gestoßen, mich angespuckt"; Beitrag A. Hinke, 202). Diese Entwicklung bleibt wohl ein psychologisch-soziologisches Phänomen, das mit den enttäuschten Lebensentwürfen infolge jahrelanger Arbeitslosigkeit und mit der bis zuletzt mangelhaften Nationalitätenpolitik der Prager Regierung allein nicht erklärt werden kann (vgl. Beitrag M. Halke, 237).

Wertvoll sind Details, die manche sudetendeutschen Spezifika erklären, die aus wissenschaftlichen Darstellungen selten erhellen. So sind die Pfingsttreffen als Forum politischer Kundgebungen keineswegs eine Erfindung des organisierten Sudetendeutschtums nach 1948, sie wurden bereits in den zwanziger Jahren von den kirchenfernen sozialdemokratischen und kommunistischen Verbänden veranstaltet (193). Auch der Grund dafür, dass 1938 so viele Sozialdemokraten gerade nach Kanada auswandern konnten, lohnt einer Überprüfung: "Kanada war das einzige Land, welches sich bereit erklärt hatte, eine unbegrenzte Anzahl von politischen Flüchtlingen aufzunehmen. Dafür gab es natürlich einen Grund: Sie wollten keine Juden haben." (47)

Alles in allem ist das Buch ein wichtiger und verdienstvoller Baustein für die Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte im tschechischen Landesteil der ehemaligen Tschechoslowakei. Einige Zeitzeugen können allerdings immer noch nicht akzeptieren, dass das sozialistische Modell politisch und moralisch gescheitert ist: "Die sozialen Errungenschaften, die internationale Solidarität und die friedensfördernde Politik der DDR werden nie ernsthaft zu bestreiten sein." (166) - "Vieles hat sich in der DDR erfüllt, was von Vorteil für die Menschen und für ihr Leben ist." (212) Das lässt doch Zweifel darüber aufkommen, ob alle ausgewählten Zeitzeugen geeignet waren, mit dem vorliegenden Werk ein Forum für ihre Erinnerungen zu erhalten und als "Helden der Hoffnung" präsentiert zu werden. Falsche Geschichtsdeutungen ("Die kommunistische Partei war /1948/ bereit, die Macht mit bürgerlichen Parteien zu teilen", 155) sind ärgerlich, zumal sie nicht kommentiert werden.

Es bleibt zu wünschen, dass die vorliegende Darstellung nicht der letzte Versuch bleibt, gemäß dem Werktitel "die anderen Deutschen aus den Sudeten [...]" - also die moralisch 'besseren' - auf die Antifabewegung einzuschränken. Mit gleichem Aufwand sollte man sich dem individuell und jenseits von Parteipolitik geleisteten Widerstand widmen.


Anmerkungen:

[1] Notiz des Rezensenten aus dem bisher unveröffentlichten Redebeitrag D. Brandes' während der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung "Zapomenutí hrdinové - Vergessene Helden" in Aussig/Ústí n.L. am 11.9.2008.

[2] Vgl. E. Jirgens: Der Deutsche Rundfunk der 1. Tschechoslowakischen Republik. 2 Teile, Frankfurt a.M. u.a. 2005. - Rezension von A. Knechtel in: Stifter-Jahrbuch NF 20, München 2006, 266-70.

[3] D. Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945 [...], München 2005, 315-24, weist nach, dass die westlichen Alliierten bis Kriegsende einer Vertreibung von etwa 2-2,5 Millionen Sudetendeutschen, also etwa zwei Drittel der sudetendeutschen Bevölkerung, zustimmten. 800000 hätten bleiben dürfen.

Raimund Paleczek