Rezension über:

Keith Robbins: England, Ireland, Scotland, Wales. The Christian Church 1900-2000 (= Oxford History of the Christian Church), Oxford: Oxford University Press 2008, xxi + 508 S., ISBN 978-0-19-826371-5, GBP 75,00
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Rezension von:
Claus Arnold
Fachbereich Katholische Theologie, Goethe-Universit├Ąt, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Claus Arnold: Rezension von: Keith Robbins: England, Ireland, Scotland, Wales. The Christian Church 1900-2000, Oxford: Oxford University Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/14891.html


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Keith Robbins: England, Ireland, Scotland, Wales

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Im Gegensatz zur unlängst vollendeten handbuchartigen "Cambridge History of Christianity" bietet die Reihe der "Oxford History of the Christian Church" umfangreiche Spezialdarstellungen zu Epochen, Räumen und Themen. Der Singular "die christliche Kirche" im Reihentitel lässt eine ökumenisch-theologische Dimension anklingen, die den beiden Herausgebern, den anglikanischen Theologen-Historikern Henry (+) und Owen Chadwick am Herzen gelegen haben mag. Der bekannte englische Historiker und Wissenschaftsorganisator Keith Robbins, ein bestens ausgewiesener Kenner der modernen britischen (Religions-) Geschichte, begründet die Konzentration auf die "Kirchen-Geschichte" der Britischen Inseln im 20. Jahrhundert aber rein historisch: Die christlichen (Groß-) Kirchen (v.a. Anglikaner, Presbyterianer, Methodisten und Katholiken) mit ihrer elaborierten Organisation stellen einen besonderen gesellschaftsmächtigen Typus von Religion dar, der eine eigene Untersuchung verdient. Zugleich beziehen sie sich irgendwie auf ein gemeinsames Christentum und streben - mal mehr, mal weniger - nach Einheit.

Vor diesem Hintergrund bietet Robbins alles andere als traditionelle Kirchengeschichtsschreibung: Obwohl Fragen der Theologie und Kirchenordnung eine gewisse Rolle spielen, ist es aufs Ganze gesehen die gesellschaftlich-politische Situierung der Kirchen, die ihn interessiert - und wo könnte diese spannender ausfallen als auf den Britischen Inseln, mit ihrer englischen und schottischen Staatskirche, dem Disestablishment und den Nonkonformisten in Wales, dem Nebeneinander eines zeitweise staatskirchenähnlichen Katholizismus und den Resten der ehemaligen anglikanischen Staatskirche in der Republik Irland - von der Situation in Nordirland ganz zu schweigen. Näherhin arbeitet sich Robbins vor allem am Verhältnis von Kirchen und nationaler Identität ab, etwa der mit dem übergreifenden Anspruch der Church of England verschwindenden Britishness/Englishness oder der politisch wie theologisch eher kontinentalen Orientierung der Schotten.[1] Hier liegt so etwas wie der rote Faden der umfangreichen Studie.

Der Konzentration auf die Sachthematik entspricht die Zurückhaltung gegenüber stärker strukturierenden Theorieangeboten und Großthesen. Schon in der Einleitung setzt sich Robbins von Callum Brown's "Death of Christian Britain" mit seiner monokausalen Deutung der rasanten Säkularisierung Britanniens seit den 1960er Jahren ab, die Brown als Ende der "Feminisierung" der Religion im 19. Jahrhundert deutet. Robbins optiert gegen solche Teleologien und für die Vielfalt der Facetten, für die Komplexität, die mitunter ironische Betrachtung eines Gegenstandes aus allen Perspektiven - ein Vorgehen, das dem Leser viel abverlangt und bei ihm oft ein beträchtliches Vorwissen voraussetzt. Es schadet einer verständnisvollen Lektüre beispielsweise nicht, eine ungefähre Kenntnis auch von Persönlichkeiten der "zweiten Reihe" wie Evelyn Underhill mitzubringen. Die Darstellung ist dabei forschungsgesättigt, ohne der expliziten Diskussion von Kontroversen größeren Raum zu geben.

Die Gliederung des umfangreichen Opus ist locker, aber luzide. Das einleitende Kapitel "New Century, Old Faith" erkundet die Ausgangssituation um 1900, die kirchlichen Strukturen und Orte, die liturgische und bauliche Präsentation, die jeweilige Vergangenheitskonstruktion und die Präsenz im öffentlichen Raum. Die Titel der chronologisch definierten weiteren Kapitel (A Crisis of Christendom, 1900-1914; Just War 1914-1918; Post-War Dislocations, 1919-1932: 'Modernity' and 'Modernism'; 'Christian Civilization' in Jeopardy, 1933-1953; The Perils of Prosperity, 1953-1975; Pluralism's Puzzles, 1976-2000) zeigen wiederum die konsequente Einbettung der Kirchengeschichte in die allgemeine Politik- und Gesellschaftsgeschichte. Die mit unprätentiösen, mitunter etwas enigmatischen Titeln ("Pledging Peace, Being Reasonable, Taking Sides"; "Rebuilding Exercises") versehenen Unterkapitel sind konsequent komparatistisch angelegt, die bloße Parataxe konfessioneller "Eigengeschichten" wird vermieden.

Ein Blick in das Werk muss notgedrungen eklektisch ausfallen. Besonders gelungen erscheint die Darstellung zum Ersten Weltkrieg. Hier arbeitet Robbins präzise die aufs Ganze gesehen christlich-gemäßigte Teilnahme der Church of England an der "gerechten Sache" heraus und beleuchtet die stärkere Integration der englischen Katholiken durch den Krieg, die im Zweiten Weltkrieg dann vollends Züge einer gewissen "Kriegsökumene" annahm. Die vielfältigen ökumenischen Anstrengungen betrachtet Robbins dabei eher skeptisch. Die Wiedervereinigung der presbyterianischen Church of Scotland im Jahr 1929 sollte auch der Einheit der "schottischen Rasse" dienen (212-214) und hatte eine klare Stoßrichtung gegen die "inferioren" irisch-katholischen Einwanderer. Das ökumenische Tauwetter im Umkreis des Zweiten Vaticanums erlitt bald empfindliche Abkühlungen, etwa als die Glaubenskongregation unter Kardinal Ratzinger im Frühjahr 1982 den Schlussbericht der Anglican-Roman Catholic International Commission (ARCIC) schon einen Tag nach dem Erscheinen negativ beurteilte- und dies im unmittelbaren Vorfeld des ansonsten epochalen Besuchs von Johannes Paul II. in Britannien. Ungeschminkt ist Robbins' Wahrnehmung der klerikalen Dominanz in der sich herausbildenden Republik Irland, wo man gerade in den 1930er Jahren gerne auf die autoritären Regimes in Österreich, Spanien und Portugal blickte - eine Dominanz, die dann in den Skandalen des späten 20. Jahrhunderts zerbrach. Zu den wenigen Photographien im Band zählt die militärische Begrüßung des päpstlichen Kardinallegaten, der 1932 zum Eucharistischen Kongress nach Dublin kam (199) - Emblem für einen "Rom-verbundenen" Staat (bzw. das anglikanisch-englische Unbehagen darüber). Die im engeren Sinne theologischen Themen sind weniger prominent: Der katholische Modernismus vor 1914 ist Robbins eine halbe Seite wert (85), der anglikanische im Umkreis der Modern Churchmen's Union kommt ausführlicher in den Blick, u.a. mit einem eindringlichen Kurz-Portrait von W.R. Inge, dem "gloomy Dean" von St Paul's (in London natürlich; 162-167), der sich "zeitgemäß" zu allen Themen zu äußern wusste: "Deep Sea Fisheries was the only topic on which he admitted to have spoken without any knowledge whatsoever, but there may have been others"(164). Relativ ausführlich wird auch die britische Rezeption von Karl Barth nach 1933 in den Blick genommen (241-250). Was gerade in der komparatistischen Perspektive eindrucksvoll deutlich wird, ist das redliche und mühevolle Bemühen der Church of England und ihrer großen Erzbischöfe (Lang, Temple, Ramsey, Runcie), sich in die wechselnden gesellschaftlichen und politischen Kontexte einzupassen, etwa durch die interne Demokratisierung / Synodalisierung nach 1919 (185-189) oder durch die kontroverse Einführung des Frauenpriestertums nach 1992 (441-446). Dass dieses Bemühen nicht unbedingt "belohnt" wurde, zählt auch zu den "Ambivalent Messages", mit denen Robbins seinen Band beschließt. In seinem Facettenreichtum und seiner Dichte der Darstellung wird dieser zukünftig sicher ein Standardreferenzwerk darstellen.


Anmerkung:

[1] Vgl. u.a. Keith Robbins: History, Religion and Identity in Modern Britain. London 1993.

Claus Arnold