Rezension über:

Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt, München: Prestel 2007, 320 S., 460 Farb-, 150 s/w-Abb., ISBN 978-3-7913-3763-0, EUR 148,00
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Rezension von:
Doris H. Lehmann
Institut für Kunstgeschichte und Archäologie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Doris H. Lehmann: Rezension von: Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt, München: Prestel 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/13880.html


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Alfred Weidinger (Hg.): Gustav Klimt

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Alfred Weidinger, Michaela Seiser und Eva Winkler haben 2007 ein kommentiertes Gesamtverzeichnis des malerischen Werkes von Gustav Klimt vorgelegt, das in der Höhe 42 cm misst und über 5 kg wiegt. Der hinten angestellte Œuvrekatalog umfasst 253 chronologisch sortierte Gemälde (232-311). Diesem Verzeichnis vorangestellt ist keine neue monografische Gesamtdarstellung, sondern eine aufwendig illustrierte Aufsatzsammlung. [1] Diese nimmt die vorderen zwei Drittel des Buchumfangs ein und enthält neben neun Beiträgen von sechs Autoren (11-201) auch eine von Sybille Rinnerthaler nach thematischen Aspekten gegliederte Biografie Klimts (204-229). [2] Abgeschlossen wird das Buch mit einer Auswahlbibliografie (312-315) und einem Register (316-318). Die Katalognummern informieren über Werkdaten, Provenienz, "wichtige" Ausstellungen, Auswahlliteratur und gegebenenfalls Skizzen. Mangelnde Konsequenz zeigt sich hier in den Details: Während im Fall des Beethoven-Frieses die Ausstellungen der Faksimiles berücksichtigt werden, werden die originalgroßen (und von Alice Strobl als Kopien bezeichneten) Reproduktionen der Fakultätsbilder im vergleichbaren Kontext nicht einmal als Sonderfall der Rezeption erwähnt. Die ergänzenden Kurztexte haben in vielen Fällen eher essayistischen als dokumentarischen Charakter. Benutzerfreundlicher wäre es gewesen, hier auf Endnoten zu verzichten und die zusätzlichen Literaturhinweise in die Auswahlliteratur aufzunehmen. Erfreulich ist, dass der Katalogteil neben der jeweiligen Abbildung des Werkes auch kleinere schwarzweiße Vergleichsabbildungen enthält.

Im Vorwort (7) verweist der Herausgeber selbst auf den Maßstab für diesen Katalog: das längst vergriffene und als Standardwerk anerkannte Verzeichnis der Gemälde Gustav Klimts von Johannes Dobai, das dieser 1967 zusammen mit Fritz Novotny vorlegte (2. Aufl. 1975). Dieses zählte 222 Nummern und einen Nachtrag; 115 Werke wurden hierin mit ganzseitigen Abbildungen ausgezeichnet. Die Illustrationen in der neuen Ausgabe sind zwar überwiegend qualitativ besser und in den meisten Fällen farbig, dafür aber leider insgesamt deutlich kleiner. Weidinger will dem Wissenschaftler eine "grundsätzlich neue Arbeitsgrundlage" bieten und hat deshalb mit dem vorliegenden Werkverzeichnis bewusst keine aktualisierte Neuauflage des Vorgängers vorgelegt.

Für wissenschaftliche Zwecke ist Weidingers Buch wegen der fehlenden Transparenz allerdings nur bedingt brauchbar. Da die Angaben insbesondere der Auswahlbibliografien gegenüber Novotny / Dobai an vielen Stellen gekürzt wurden und auch die neu erschienene Literatur im Katalog nicht konsequent erfasst ist [3], ersetzt das neue Verzeichnis das alte nicht. Neue, für die Sortierung relevante Datierungskriterien werden nicht benannt oder nachvollziehbar dargestellt. Gegenüber dem wenige Monate zuvor von ihnen selbst vorgelegten Ausstellungskatalog [4] sind die Mitarbeiter zudem zu neuen Ergebnissen gekommen, ohne dass die Abweichungen im neuen Werkverzeichnis thematisiert würden. Bei minimalen Änderungen der Maßangaben (Kat. 35) leuchtet dies ein, bei Datierung (Kat. 15) oder Technik (Kat. 23) nicht. Abschreibungen werden nicht thematisiert, die 30 neu aufgenommenen Werke sind nicht als solche gekennzeichnet, was übrigens auch die umdatierten Arbeiten zutrifft. Diesbezüglich wäre eine Konkordanz zu Novotny / Dobai sinnvoll gewesen [5], zumal die Dokumentation der alten Katalognummern lückenhaft ist (vgl. die neuen Kat.-Nrn. 138, 139, 153 und 166).

Die Benutzung des neuen Verzeichnisses wird darüber hinaus dadurch erschwert, dass Konzept- und Anspruchsfragen sowie die für den Herausgeber relevanten Auswahlkriterien unerwähnt bleiben. Dies betrifft insbesondere die Selektion der relevanten Literatur und Ausstellungen: So verzichten die Auswahlbibliografien auf Ausstellungskataloge. Die Literatursammlungen zu den Fakultätsbildern (Kat. 138, 139, 166) enden um 1900-1909, die zum Beethovenfries 1985, um nur zwei Beispiele zu nennen. Hinsichtlich einer vollständigen Auflistung von Bibliografie und Ausstellungen wird der Leser auf die Darstellung im Internet verwiesen, wo in wenigen Jahren der Werkkatalog des Wiener Klimt-Archivs veröffentlicht werden soll, der "interaktiv und vom Forscher selbst beliebig erweitert und ergänzt werden kann" (7). Bis dahin wird der Wissenschaftler nicht auf die umfangreicheren (und teilweise sogar kommentierten) Angaben in Novotny / Dobai verzichten können.

Die neuen Detailaufnahmen des Stoclet-Frieses verleihen dem Buch Exklusivität. Die auffällig aufwendige Bild-Ausstattung ist allerdings dem Aufsatzvorspann vorbehalten, mit dem der Katalogteil leider nicht organisch verbunden ist: So fehlen im Katalogteil Verweise auf die Bildtafeln und Aufsätze (etwa Kat.-Nr. 104, 138, 153), gleichzeitig werden diese als bekannt vorausgesetzt, denn Abbildungen wichtiger Vergleichsobjekte fehlen in diesen Fällen. Auch wurde etwa in den Katalognummern zu den Fakultätsbildern auf den Verweis auf Alice Strobls vorangestellten Beitrag (40-53) verzichtet, was gerade deswegen bemerkenswert ist, da ihr das vorliegende Buch gewidmet ist. Dennoch fehlt auch hier ein Hinweis auf die vorangegangenen Publikationen Strobls zum Thema. Demgegenüber bildet Weidingers Dokumentation zum Stocletfries (Kat. 192) eine Ausnahme: Hier wurde sein Essay (119-136) unter die "Literatur" aufgenommen; er ersetzt dem Verweis folgend sogar den Kurztext zur Katalognummer vollständig.

Im Aufsatzvorspann sind die Texte Überschriften untergeordnet, wobei einzelne Aufsätze eine eigene Sektion bilden. Zwei Beiträge des Herausgebers sind dem Thema gewidmet, mit dem dieser sich bereits in seiner Diplomarbeit intensiv auseinandergesetzt hat (140-189). Warum Weidingers Essay "Symbolismus in den Landschaftsbildern" allerdings unter den Titel "Von Blumen und Frauen" statt unter "Die Landschaften" fällt, wird nicht klar. Marian Bisanz-Prakken baut in "Der Beethovenfries und die 'Gabe der Empfänglichkeit'" (93-117) souverän auf die ihr wesentlichen Gedanken zum Beethovenfries auf. Mit ihren Ausführungen zum Verhältnis von Klimt und Toorop (98-112) bindet sie in ihre Betrachtungen auch die Erkenntnisse ein, die sie anlässlich der Vorbereitung der Ausstellung "Toorop / Klimt. Toorop in Wenen: Inspiratie voor Klimt" in Den Haag 2006/07 neu gewonnen hat. Von den anderen Beiträgen wurden die vier folgenden bereits kurz zuvor mit nur leichten Textabweichungen und jeweils unter Titelvarianten publiziert, drei davon im Belvedere Sonderband von 2006/07: Michaela Seiser: Die Künstler-Compagnie. Das Frühwerk Gustav Klimts (11-39); Manu von Miller: Die Malerei von James Whistler und Gustav Klimt (57-71); Susanna Partsch: Emilie, Adele, Mizzi und Hilde (190-201). Alice Strobls Untersuchung zu den Fakultätsbildern, deren Hauptinteresse der Erforschung des gemalten Entwurfs für die "Medizin" gilt (Die Fakultätsbilder 'Medizin' und 'Philosophie', 40-53), liegt nun binnen eines Jahres in einer dritten Fassung vor. Bedauerlich ist, dass der Text-Remix im vorliegenden Buch bis auf wenige Ausnahmen (Miller, 70, Endnote 35; versteckter Partsch, 201, Endnote 19) verschwiegen wird.

Das Schwergewicht mit Leseband gibt sich schnell als Zwitter zu erkennen, der allein den Ansprüchen des Liebhabers genügen kann. Dieser, angelockt von der "dem Thema kongenialen Buchgestaltung" (7), einer plakativen Kombination Klimts' goldener Periode mit typografischen Zitaten der Wiener Werkstätte, wird sich vermutlich nicht über den schnell reißenden Schuber ärgern müssen, sondern sich "über die Schönheit der Bilder" freuen. Der Benutzer allerdings benötigt neben viel Geduld einen zusätzlichen Schreibtisch, auf den auch Nowotny / Dobai passen muss, und eine Lupe. Um "den Rahmen dieses Buches nicht zu sprengen" (7) wurde in wissenschaftlicher Hinsicht am falschen Ende gespart. Dieses Verzeichnis des malerischen Werkes Gustav Klimts sollte den "bis zum Erscheinen dieses Bandes gültigen" Œuvrekatalog ablösen. Diesen monumentalen Anspruch löst das vorliegende Buch leider nicht ein.


Anmerkungen:

[1] Vgl. die Rezensionen von: Otmar Rychlik, in: Die Presse (Online-Ausgabe vom 30.10.2007, http://diepresse.com/home/kultur/news/340233/index.do (20.08.2009)); John Collins, in: The Burlington Magazine 150 (2008), 621-622; Elizabeth Clegg, in: Apollo 167 (2008), 100-102; Karin von Maur, in: Journal für Kunstgeschichte 12 (2008), 64-76.

[2] Dass es sich hierbei um Sybille Rinnerthalers Beitrag "Gustav Klimt - Leben und Werk" handelt, kann der Leser allein dem Inhaltsverzeichnis entnehmen.

[3] Im Fall der "Philosophie" (Kat. 105) gaben Nowotny / Dobai 1967 28 kommentierte Literaturhinweise, Seiser nennt 2007 (Kat. 138) unkommentierte 7 Titel, von denen "Muther, Bd. I, 1900" der jüngste ist (265).

[4] Vgl. Gustav Klimt und die Künstler-Compagnie, hg. von Agnes Husslein-Arco / Alfred Weidinger, Ausst.-Kat. Wien Belvedere (20.06.-2.10.2007), 92, 23, 31 und 28. Die Korrektur der Maße von Kat. 34 hat neben der Feinjustierung durch einen Tippfehler auch zum Verlust von ca. 1 m geführt.

[5] Eine Konkordanz zu Novotny / Dobai bietet demgegenüber wie selbstverständlich das Archiv der Meister auf CD-Rom. Achim Raschka (Red.): Gustav Klimt. Digitales Verzeichnis der Werke, Berlin 2007.

Doris H. Lehmann