Rezension über:

Claudia Zey / Claudia Märtl (Hgg.): Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie. Zum geistlichen und weltlichen Gesandtschaftswesen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, Zürich: Chronos Verlag 2008, 382 S., ISBN 978-3-0340-0927-0, EUR 35,00
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Rezension von:
Volker Scior
Historisches Seminar, Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Volker Scior: Rezension von: Claudia Zey / Claudia Märtl (Hgg.): Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie. Zum geistlichen und weltlichen Gesandtschaftswesen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, Zürich: Chronos Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 9 [15.09.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/09/14889.html


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Claudia Zey / Claudia Märtl (Hgg.): Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie

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In elf Beiträgen widmet sich der Band, der auf eine 2007 in Zürich abgehaltene internationale Tagung zurückgeht, der Geschichte der Diplomatie im Spätmittelalter. Eingerahmt werden die Aufsätze, die einen großen geographischen Raum abdecken (neben dem Reich und Italien etwa Aragón, Frankreich, England und Südosteuropa), durch eine Einleitung der Herausgeberinnen mit einem Forschungsüberblick und durch eine Zusammenfassung von Werner Maleczek.

Den Herausgeberinnen geht es weniger um eine Fortschreibung althergebrachter Diplomatiegeschichte, sondern eher um deren Kombination mit kommunikations- und kulturgeschichtlichen Perspektiven auf das europäische Gesandtschaftswesen. Ein wesentliches Ziel besteht in der Zusammenschau von geistlichem und weltlichem Gesandtschaftswesen und in einer Herausarbeitung von Einflussfaktoren der päpstlichen Diplomatie auf weltliche Formen. An drei inhaltlichen Bereichen sollen sich die Beiträge orientieren: 1. an Organisation und Strukturen von Gesandtschaften, 2. an personengeschichtlichen Aspekten und 3. an kommunikationshistorischen Feldern wie Schriftlichkeit und Oralität, Repräsentation, Geschenke und Wissenstransfer. Die Beitragenden folgen mehr oder weniger diesem Schema und setzen je nach Quellenlage und Erkenntnisinteresse eigene Schwerpunkte.

Rudolf Schieffer betrachtet in einem Längsschnitt vom Frühmittelalter bis zur Reformation die päpstliche Kurie als internationalen Treffpunkt. Souverän schildert er die Folgen der Zentralisierungstendenzen geistlicher Gewalt im Hochmittelalter für die Etablierung Roms als Zielort von Reisenden. Der Aufenthaltsort des Papstes (der nicht immer mit Rom identisch ist), des allgemein anerkannten geistlichen Oberhaupts der christianitas, erscheint als Magnet für Petenten von Urkunden und Reliquien, von Gesandten und anderen Reisenden unterschiedlicher Herkunft aus ganz Europa, die sich dort trafen und miteinander bekannt gemacht wurden.

Drei weitere Aufsätze beschäftigen sich konkret mit der päpstlichen Diplomatie. Harald Müller thematisiert mit dem delegierten Richter im Rahmen der geistlichen Gerichtsbarkeit um 1200 einen Randbereich des Legatenwesens. Unterschiede zwischen Richtern und päpstlichen Legaten sieht er insbesondere hinsichtlich der Handlungsspielräume und der bei den Legaten ungleich größeren päpstlichen Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten. Gleichwohl hätten sich die Richter im 12. Jahrhundert zu einem zuverlässigen Bestandteil päpstlicher Verwaltung entwickelt. Stefan Weiß betrachtet mit Aegidius Albornoz einen Legaten Innozenz' VI., der in der spanischen Forschung häufiger thematisiert worden ist. Albornoz fungierte als Mittler von (delegierter päpstlicher) geistlicher und weltlicher Herrschaft zwischen Papst und Provinz und setzte selbst Maßstäbe für die Rückführung des Kirchenstaates in päpstliche Suprematie. Für seine partiellen Erfolge seien jedoch vor allem finanzielle Ressourcen verantwortlich gewesen. Birgit Studt zielt mit ihrem Beitrag mehr ins Zentrum des päpstlichen Legatenwesens. Sie untersucht die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen theoretischen Handlungsspielräumen und tatsächlicher Reichweite päpstlicher Diplomatie im 15. Jahrhundert. Anhand Brandas von Castiglione werden das konkrete Vorgehen eines bekannten Legaten und seine Angewiesenheit auf lokale und regionale Netzwerke deutlich. Studt konstatiert für das Ende des 15. Jahrhunderts eine nur noch zeremonielle, keine im eigentlichen Sinne politische Überlegenheit der päpstlichen Diplomatie gegenüber der weltlichen.

Zwei Beiträge widmen sich aus unterschiedlicher Perspektive Legaten im Kaiserreich. Zum einen behandelt Knut Görich die Diplomatie Friedrichs II. in Italien, dessen Legaten sich aus engen Vertrauten, zunehmend aus adligen Laien, rekrutierten. Insgesamt seien die Reichslegaten Friedrichs zwar im Vergleich zu früheren Zeiten als stärker normiertes System zu begreifen, in Kontrast zum päpstlichen Gesandtschaftswesen jedoch erwiesen sie sich als ein eher situativ, an aktuellen Interessen ausgerichtetes Mittel der Herrschaftspraxis ohne Kontinuität. Zum anderen werden die Nürnberger Gesandten am Hof Friedrichs III. von Franz Fuchs und Rainer Scharf anhand von Quellen aus dem Nürnberger Staatsarchiv beleuchtet. Über 130 Gesandtschaften zum Kaiser lassen sich nachweisen, von einigen haben sich die eigenhändigen Verzeichnisse der Ausgaben erhalten, so dass sich hier gut belegte Rückschlüsse auf die Tätigkeiten, auch auf die eingesetzten Boten und auf Reisegeschwindigkeiten, ziehen lassen.

Mit Gebieten außerhalb des Reiches beschäftigen sich die weiteren Aufsätze. Durch eine nahezu paradiesisch anmutende Fülle von Quellenmaterial fällt die Studie von Arnd Reitemeier über das spätmittelalterliche England auf, in der vor allem die Entscheidungsstrukturen, zudem die Auswahlkriterien und die soziale Zusammensetzung von Gesandtschaften sowie schließlich die Verwaltungsabläufe am englischen Hof untersucht werden, die der Entsendung von Gesandten zugrunde lagen. Reitemeier plädiert für eine Betrachtung des englischen Gesandtschaftswesens im Kontext sowohl der englisch-europäischen Fürstenpolitik und des westeuropäischen höfischen Wertesystems als auch der innenpolitischen Auseinandersetzungen. Inspiriert von jüngeren kulturwissenschaftlichen Ansätzen widmet sich Martin Kintzinger der französischen Diplomatie. Er extrahiert, etwa aus Bildquellen (Gesandtenempfänge) und aus Passagen der offiziösen zeitgenössischen Chronistik, Aussagen über die Bedeutung personaler Bindungen und letztlich über die Diplomatie "zwischen Familiarität und Funktion". Nicht zuletzt bietet der Aufsatz Kintzingers einen konzentrierten Überblick über die jüngere, vor allem französische Forschung. Jean-Marie Moeglin behandelt die Verhandlungsnormen zu Beginn des Hundertjährigen Krieges auf englischer wie auf französischer Seite. Moeglin zeichnet das Bild eines sich infolge der Auseinandersetzungen weiterentwickelnden Gesandtschaftswesens, in dessen Rahmen einerseits bereits existierende Verhandlungsnormen bestehen blieben, welche die Ehre der beteiligten Könige unterstrichen, andererseits jedoch auch darüber hinausgehende Möglichkeiten zur 'aktiven Diplomatie' und zur subtilen Verhandlungsführung genutzt wurden. Nikolaus Jaspert kennzeichnet die christlich-islamische Diplomatie vom 12. bis zum 14. Jahrhundert als ein komplexes Geflecht von politischen wie wirtschaftlichen, sozialen wie kommunikativen Beziehungen, die zunehmend bereits Elemente ständiger Vertretungen in sich trugen. Vor allem Konsuln und Milizenführer werden als der interreligiösen mediterranen Welt eigene und insofern spezifische Typen von Handlungsträgern auf dem Feld der Diplomatie angesehen. Oliver Jens Schmitt bietet schon durch den Fokus auf den geographischen Raum Südosteuropa im 15. Jahrhundert Neues. Nahezu ständig wechselnden und zudem oft räumlich eng begrenzten Herrschaften unterworfen, lässt sich für diese Großregion - bei allen Unterschieden, die hier im Einzelnen zu treffen sind, zum Beispiel zwischen den adligen Herrschaften und den Städten an der Adria - ein intensiver und regelmäßiger Gesandtschaftsverkehr feststellen. Deutlich werden in dem Beitrag schließlich die Grenzen der Diplomatie gegenüber der militärischen Suprematie des Osmanischen Reiches.

Werner Maleczeks Schlussbeitrag bietet nicht nur eine inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Beiträge, sondern auch den Versuch, ein an den inhaltlich-thematischen Schwerpunkten der Herausgeberinnen orientiertes Gesamtfazit zu ziehen. Dass das bei Fragen der älteren Diplomatiegeschichte (wie nach den Aufgaben und dem Personenkreis der Gesandten) leichter fällt als bei anderen Fragen (wie insbesondere nach dem Einfluss des geistlichen Gesandtschaftswesens auf das weltliche), ist auffällig. Diese Schwierigkeit gründet zum einen in den Beiträgen selbst, die das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Diplomatie oft unerwähnt lassen, zum anderen spiegelt sie jedoch auch die Forschungslage wider, die hierzu insgesamt kaum Aussagen trifft. Insofern unterstreicht das Fehlen entsprechender Äußerungen noch einmal die Notwendigkeit des Vorhabens. Lässt sich über die Bezeichnung 'Frühzeit' der Diplomatie für das 12. Jahrhundert streiten - ein Beitrag über die Jahrhunderte davor hätte einer Einordnung vielleicht dienlich sein können -, so liegt ein wichtiger Pluspunkt diese Bandes in der Beachtung geographischer Regionen, die bislang kaum oder gar nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, so dass hier insgesamt eine europäische Bezugsebene erreicht wird.

Volker Scior