Rezension über:

Karl Christ: Der andere Stauffenberg. Der Historiker und Dichter Alexander von Stauffenberg, München: C.H.Beck 2008, 201 S., 16 Abb., ISBN 978-3-406-56960-9, EUR 22,90
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Rezension von:
Winfried Heinemann
Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Winfried Heinemann: Rezension von: Karl Christ: Der andere Stauffenberg. Der Historiker und Dichter Alexander von Stauffenberg, München: C.H.Beck 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/14096.html


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Karl Christ: Der andere Stauffenberg

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Jeder kennt Claus Graf Stauffenberg, die meisten Historiker wissen, dass er einen Bruder hatte, der Berthold hieß und wegen Beteiligung am 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Dass Berthold aber einen Zwillingsbruder hatte, der Alexander hieß, überlebte und später Professor für Alte Geschichte wurde, das wissen nur die wenigsten. Karl Christ, Schüler Alexander Graf Stauffenbergs und selbst ein bedeutender Althistoriker, hat seinem akademischen Lehrer mit diesem Buch ein würdiges Denkmal gesetzt. (Karl Christ ist inzwischen selbst verstorben.)

Der Band gliedert sich in zwei große Teile: der eine ist eher biografisch angelegt, der andere würdigt Stauffenbergs wissenschaftliche Arbeit, wobei sich naturgemäß beides nicht völlig trennen lässt.

Die Familiengeschichte der Brüder Stauffenberg hat Peter Hoffmann bereits akribisch belegt [1], und Christ konzentriert sich daher zu Recht auf jene Aspekte, die spezifisch für seinen Protagonisten sind. Mehr vielleicht noch als Berthold und Claus gerät Alexander in den Bann des Dichters Stefan George - eine Geistesverwandtschaft, die ihn lebenslang geprägt hat, wenn auch George selbst wohl eher in Claus einen seiner Favoriten sah. Christ hat sein Buch "Der Historiker und Dichter" untertitelt - Alexander Graf Stauffenberg hat auch seinen Studenten gegenüber immer auf die Schönheit der Sprache und ihre Ausdruckskraft Wert gelegt. Ja, selbst ihm wohlgesonnene Kritiker vermissten in seiner wissenschaftlichen Arbeit gelegentlich "jene Nüchternheit, ohne die keine Geschichtsschreibung bestehen kann" (Victor Ehrenberg, zitiert nach Christ, Stauffenberg, 13). Alexander Graf Stauffenberg schrieb aber auch selbst Gedichte, einige davon, vor allem aus Anlass des Todes von Stefan George, sind in diesem Band abgedruckt.

Stauffenberg wurde bei Kriegsbeginn zunächst einberufen, wechselte dann jedoch zwischen militärischen Verwendungen (inzwischen als Reserveoffizier) und Tätigkeiten in der Wissenschaft. Seine Professur an der "Reichsuniversität" Straßburg konnte er kriegsbedingt nie antreten. Nach dem 20.Juli 1944 geriet Stauffenberg in Sippenhaft; da er an der Verschwörung unbeteiligt war, überlebte er schließlich. An dieser Stelle geht Christ ausführlich auf Stauffenbergs erste Frau Melitta ein, die der aufstrebende Althistoriker 1937 geheiratet hatte, obwohl sie nach damaligem Verständnis Halbjüdin war. Melitta Gräfin Stauffenberg war aber auch Pilotin, die in der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlershof kriegswichtige Testflüge absolvierte; wohl deshalb hatte Hitler selbst sie 1941 "deutschblütigen Personen gleichgestellt". Melitta kam bereits nach wenigen Tagen aus der Sippenhaft frei, wohl auf Grund von Interventionen aus der Luftwaffe, wo man die Fliegerin weiterhin brauchte. Mit Flügen zu den Haftorten ihrer breit verstreuten Verwandtschaft konnte sie Verbindung aufrecht erhalten und die Inhaftierten teilweise auch mit Lebensmitteln versorgen. Bei einem solchen Flug wurde sie am 8. April 1945 von einem amerikanischen Jagdflieger abgeschossen und dabei tödlich verletzt. (Dass der vorliegende Band auch dieser unerschrockenen Frau ein Denkmal setzt, ist besonders verdienstvoll.)

Stauffenberg hat sich von dem Verlust seiner Frau und seiner beiden Brüder lange nicht erholt. Der Stefan-George-Freundeskreis fing ihn zunächst auf. 1947 wurde Stauffenberg dann auf einen Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Christ führt detailliert und quellengestützt vor Augen, wie unbelehrbar die Fakultät an dem schwer belasteten und deshalb von den Amerikanern aus dem Amt entfernten Ordinarius Helmut Berve festhielt, wie lange sie eine Berufung Stauffenbergs zu verhindern suchte, bis schließlich das Kultusministerium zu dessen Gunsten entschied. Christ bemerkt lakonisch, Stauffenberg habe seine Berufung politischen Kriterien verdankt - hier aber hätte man gern mehr gewusst. Christ sagt selbst, dass die enge Verwobenheit von Kunst und Wissenschaft in seinem Werk Stauffenberg zu einer Ausnahmeerscheinung unter den Althistorikern gemacht habe - ob die Ablehnung der Fakultät darauf zurückzuführen war oder auf seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Widerstand, das bleibt etwas offen.

Stauffenberg geriet in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit in der Kontroverse um die "Synchronoptische Weltgeschichte", eine Publikation von Arno und Anneliese Peters aus dem Jahre 1952, der nach einiger Zeit unterstellt wurde, ein "raffiniert getarntes kommunistisches Propagandainstrument" zu sein. Das war in den Jahren des McCarthyismus ein schwerwiegender Vorwurf. Stauffenberg konnte und wollte sich der antikommunistischen Hysterie nicht anschließen; zusammen mit so verschiedenen Charakteren wie etwa Gerhard Ritter und Thomas Mann verwahrte er sich gegen die Unterstellungen. Auch später hat Stauffenberg nicht gezögert, sich in aktuelle politische Debatten einzumischen - gegen die Atombewaffnung etwa.

Christ wendet sich dann aber Stauffenbergs wissenschaftlichem Werk zu. Seine Dissertation hatte den oströmischen Historiker Malalas zum Gegenstand, seine Habilitationsschrift befasste sich mit dem Themenkreis, der Stauffenberg ein Leben lang nicht loslassen würde: "Hieron II. von Syrakus" - die Erforschung der griechischen Siedlung in Süditalien blieb sein wesentliches Wirkungsfeld. Neben Hieron war es später der Dichter Pindar, dem der Münchener Professor seine Aufmerksamkeit widmete. Christ referiert ausführlich die wesentlichen Monographien seines Protagonisten (den er gelegentlich ehrfurchtsvoll "der Graf" nennt - er attestiert ihm ausdrücklich ein "aristokratisches Auftreten" sogar engsten Freunden und Vertrauten gegenüber), aber auch einige seiner kleineren Arbeiten. Der "andere" Stauffenberg ist eben nicht nur als der überlebende Bruder des Hitler-Attentäters wichtig, sondern auch wegen seiner althistorischen Arbeiten. Dass diese in ihrer stark dichterischen Art von der Fachwissenschaft nur skeptisch aufgenommen wurden, räumt Christ allerdings selbst umstandslos ein. Einiges Augenmerk legt er auch darauf, dass Alexander Graf Stauffenberg 1951 die Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik mitbegründet hat, deren erster Vorsitzender er auch war - Christ ist Stauffenberg wohl aus dieser Tätigkeit verbunden gewesen. Ein Anhang, unter anderem mit einer Werkübersicht, und ein Interview mit Stauffenbergs Tochter runden das Buch ab.

Insgesamt liegt mit Christs Biographie ein schmales, ansprechend gestaltetes Bändchen über eine vielseitige, in ihrer Unzeitgemäßheit faszinierende Forschergestalt vor.


Anmerkung:

[1] Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder. Das Geheime Deutschland, Stuttgart 1992.

Winfried Heinemann