Rezension über:

Rainer Christoph Schwinges (Hg.): Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter (= Vorträge und Forschungen; Bd. LXVI), Ostfildern: Thorbecke 2007, 408 S., ISBN 978-3-7995-6866-1, EUR 59,00
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Rezension von:
Bernd Schütte
Halle/S.
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Schütte: Rezension von: Rainer Christoph Schwinges (Hg.): Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter, Ostfildern: Thorbecke 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/13886.html


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Rainer Christoph Schwinges (Hg.): Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter

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Der hier kurz vorzustellende Sammelband, der auf eine 2005 veranstaltete Tagung zurückgeht, führt in einen nicht zu unterschätzenden Bereich geschichtswissenschaftlichen Arbeitens, denn Straßen und Verkehr sind unabdingbare Voraussetzungen zahlreicher Handlungsabläufe nicht nur in modernen, sondern auch in älteren oder vormodernen Gesellschaften. Ein an der Reichsgeschichte des frühen und hohen Mittelalters interessierter Historiker denkt zwar möglicherweise in erster Linie an das Reisekönigtum und die damit verbundene Herrschaftspraxis, doch betrifft das gestellte Thema natürlich weitaus mehr Sachverhalte - die Spannbreite reicht zum Beispiel vom Waren-, Nachrichten- und Ideenaustausch zwischen oder innerhalb unterschiedlich großer Räume bis hin zum Pilgerwesen. Die Straßen- und Verkehrsgeschichte stellt also einen wichtigen Aufgabenbereich dar, doch genießt sie in der Wissenschaft trotz einschlägiger Veröffentlichungen nicht recht die ihr zukommende Beachtung, obwohl sie mehrere mediävistische Disziplinen zusammenzuführen vermag.

Das vorliegende Gemeinschaftswerk versucht, dieses Verhältnis ein wenig neu zu gewichten. Förderlich sind dabei die vom Herausgeber (Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter - eine Einführung; 9-18) unterlegten Fragen, die sowohl die einzelnen Beiträge als auch den Band in seiner Gesamtheit strukturieren. Untersucht werden sollen nämlich die Technik des Straßen- und Wasserwegebaus sowie die Gliederung des Raumes durch ebendiese Verkehrswege, die an deren Bau und Unterhaltung beteiligten Einzelpersonen und Korporationen sowie die damit verbundenen Problemkreise um Herrschaft, Verwaltung und Recht, die Nutzung der Straßen von der Transportpraxis bis hin zu Gasthäusern und schließlich ein zentralasiatisches Beispiel, um die europäischen Verhältnisse vergleichend einordnen zu können.

Eher übergeordneten Charakters sind sieben Beiträge. Arnold Esch (Auf der Straße nach Italien. Alpenübergänge und Wege nach Rom zwischen Antike und Spätmittelalter. Methodische Beobachtungen zu den verfügbaren Quellengattungen; 19-48) stellt hauptsächlich unterschiedliche Gattungen von Schriftquellen vor, denen wir unsere Kenntnisse über Verkehrswege und Reisen verdanken. Während sich dieser Beitrag den Fernreisen widmet, nimmt Thomas Szabó (Die Straßen in Deutschland und Italien im Mittelalter; 71-118) zunächst den Wegebau in deutschen Städten in den Blick, schließt archäologische Befunde mit ein und stellt fest, dass die einschlägigen Tätigkeiten der Städte kaum in das größere Umland reichten. Anders sah es hingegen in der Alpenregion und in Italien aus, wo einzelne Kommunen und Herrschaftsträger zur Förderung des Warenaustausches weitausgreifende Straßenbaumaßnahmen unterhielten. Dietrich Denecke (Linienführung und Netzgestalt mittelalterlicher Verkehrswege - eine raumstrukturelle Perspektive; 49-70) weist auf die Abhängigkeit der Verkehrsführung von naturbedingten Gegebenheiten, vom Handel sowie von Maßnahmen, die an der Herrschaftsausübung orientiert waren, hin. Abschließend entwirft er einen Katalog von mehreren Fragen, die das gesamte Verkehrgeschehen im Sinne einer Kulturlandschaftsgeschichte erfassen. Detlev Ellmers (Techniken und Organisationsformen zur Nutzung der Binnenwasserstraßen im hohen und späten Mittelalter; 161-183) richtet das Augenmerk auf die große Bedeutung der Flüsse und insbesondere Flussoberläufe, die gerade wegen ihrer weit hinaufreichenden Schiffbarkeit ein enges Verkehrsnetz darstellten und einen weitaus reibungsloseren Personen- und Gütertransport ermöglichten als die Landstraßen. Diese für das frühe Mittelalter festgestellten Verhältnisse änderten sich indes im hohen Mittelalter, als die Nutzung der Wasserkraft zum vermehrten Mühlenbau führte und die Schiffe aus Gründen der Wirtschaftlichkeit größer wurden, was überdies zahlreiche Auswirkungen auf den Landstraßenverkehr, aber auch auf die an Flussunterläufen gelegenen Seestädte hatte. Während Reinhard Schneider (Das Königsrecht an schiffbaren Flüssen; 185-200) und Klaus Brandstätter (Straßenhoheit und Straßenzwang im hohen und späten Mittelalter; 201-228) letztlich rechtsgeschichtliche Fragen erörtern, führt Beat Kümin (Wirtshaus, Reiseverkehr und Raumerfahrung am Ausgang des Mittelalters; 331-352) nach theoretischen Überlegungen zu raumhistorischen Ansätzen in die Reisepraxis und handelt über "Wirtshäuser im Makroraum" sowie den "Mikroraum Wirtshaus".

Darüber hinaus lassen sich vier Beiträge verzeichnen, die vornehmlich in das späte Mittelalter und in einzelne Regionen führen und insofern gewissermaßen als Fallbeispiele angesehen werden können. Hans-Ulrich Schiedt, Guy Schneider und Heinz E. Herzig (Historische Straßen- und Wegeforschung in der Schweiz; 119-159) weisen auf ein einschlägiges Schweizer Forschungsunternehmen hin, untersuchen die sogenannten Geleisestraßen und fragen nach dem Fortleben römischer Verkehrswege. Christian Hesse (Handel und Straßen. Der Einfluss der Herrschaft auf die Verkehrsinfrastruktur in Fürstentümern des spätmittelalterlichen Reiches; 229-256) untersucht das ernestinische Kurfürstentum Sachsen sowie die bayerischen Herzogtümer und zeigt, dass im Lauf des 15. Jahrhunderts die landesherrlichen Bemühungen um die Verkehrsinfrastruktur intensiviert und Gegenstand einer zunehmend komplexeren Verwaltung wurden. Abschließend seien die Aufsätze von Klara Hübner (Melliorar chimins et pont. Zwischen städtischer Infrastruktur und Fernhandelsinteressen. Straßen- und Brückenbau im spätmittelalterlichen Freiburg im Uechtland; 257-287), Marie-Claude Schöpfer Pfaffen (Verkehrspolitik im schweizerischen Alpenraum. Bernische und Walliser Erscheinungsformen vom 12. bis zum 16. Jahrhundert; 289-329) und - für die außereuropäische Perspektive - Andreas Kaplony (Das Verkehrsnetz Zentralasiens: die Raumgliederung der arabischen Geographen al-Muqaddasī und Ibn Ḥawqal; 353-364) wenigstens noch genannt.

Die von Martin Kintzinger stammende Zusammenfassung (365-385) umreißt unter Einbeziehung der Diskussionsbeiträge pointiert die Komplexität des gesamten Themas und öffnet den Horizont für weitere einschlägige Arbeiten. Erschlossen wird der ertragreiche Band durch ein Register der geografischen Begriffe und Personen.

Bernd Schütte