Rezension über:

Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert (= Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte; Bd. 23), München: C.H.Beck 2004, LVIII + 463 S., ISBN 978-3-769-66870-4, EUR 32,00
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Rezension von:
Bernd Schütte
Halle/S.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Bernd Schütte: Rezension von: Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert, München: C.H.Beck 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8434.html


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Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft

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Die Grafen von Sulzbach werden im frühen 11. Jahrhundert erstmals fassbar und starben schon 1188 mit Gebhard II., der seinen einzigen Sohn Berengar II. um mehr als 20 Jahre überlebte, im Mannesstamm aus. Gleichwohl spielte dieses bayerische Dynastengeschlecht, das man in agnatischer Linie über fünf Generationen verfolgen kann, in der Zeit Kaiser Heinrichs V. und König Konrads III. eine wichtige Rolle. Berengar I. von Sulzbach, der 1125 gestorbene Vater Gebhards II., hat neben anderen jungen und reformorientierten Adeligen aus dem Südosten des Reiches ganz wesentlich die Königsherrschaft Heinrichs V. getragen, wie Stefan Weinfurter schon vor einigen Jahren hat zeigen können. Gertrud, eine Tochter Berengars I., war die Gemahlin König Konrads III. und damit die Mutter Heinrichs (VI.) und Friedrichs von Rothenburg. Bertha, eine weitere Tochter, wurde von Konrad adoptiert sowie 1146 im Rahmen der weit gesteckten Bündnispolitik des Staufers mit dem byzantinischen Kaiser Manuel I. Komnenos vermählt. Gebhard II. selbst gehörte bis zum Jahre 1149 zum engeren Kreis um den ersten staufischen König. Dieser Sachstand lud in Verbindung mit der Tatsache, dass die bislang einzige Monografie zur Geschichte der Sulzbacher aus dem Jahre 1833 stammt, geradezu dazu ein, dieses Haus auf dem Hintergrund der modernen Forschung genauer als bisher in den Blick zu nehmen und aus sowohl landes- als auch reichsgeschichtlicher Perspektive ein neues Gesamtbild zu entwerfen.

Dieser Aufgabe hat sich Jürgen Dendorfer in einer von Stefan Weinfurter betreuten, 2002 in München angenommenen und hier vorzustellenden Dissertation in vorbildlicher Weise gewidmet. In einem ersten Abschnitt, der mit "Personale Bezüge" (16-147) überschrieben ist, klärt Dendorfer zunächst die Anfänge der Sulzbacher. Dann beschreibt er bis in die Generation Berengars II. ausführlich das Konnubium der Familie, in dem er in Anlehnung an die ebenfalls 2004 erschienene Dissertation von Tobias Weller ganz zu Recht einen wichtigen Gradmesser für den Aufstieg, die Geltung und den Abstieg eines Dynastengeschlechts sieht. [1] Im Anschluss verfolgt Dendorfer, wie sich die durch Verwandtschaft und Freundschaft geknüpften Bindungen der Sulzbacher in der Memoria niedergeschlagen haben.

In einem zweiten Abschnitt widmet er sich unter der Überschrift "Territoriale Bezüge" (148-314) dem Gefolge und dem Besitz der Sulzbacher, was angesichts der reichen bayerischen Überlieferung, der Vielzahl der getätigten Rechtsgeschäfte und Rechtstitel sowie der zu identifizierenden Ortsnamen eine ausgesprochen fleißige und ertragreiche Leistung darstellt. Dieses regional gegliederte und tief in die Landesgeschichte führende Kapitel, in dem vor allem zahlreiche Ministerialen und Edelfreie aus dem sulzbachischen Gefolge aufgelistet werden, wird durch etliche instruktive Karten gestützt.

Der dritte Abschnitt mit dem Titel "Zwischen Königsnähe und -ferne - Die Sulzbacher und ihre cognati et amici am Hof der Könige" (315-385) beschäftigt sich hingegen mit der Reichsgeschichte. Dendorfer analysiert im Geflecht von Ausstellungsort, Ausstellungszeit, Empfänger, Rechtsinhalt und anderen genannten Personen die Erwähnungen Berengars I., Gebhards II. und Berengars II. in den Urkunden Heinrichs V. (1106-1125), Lothars III. (1125-1137), Konrads III. (1138-1152) und Friedrichs I. Barbarossa (1152-1190). Dahinter steht die schon in anderen Arbeiten erfolgreich beantwortete Frage, was sich aus den Nennungen der Großen als Intervenienten oder Zeugen für ihre Stellung am Hof und im Rat der Herrscher ableiten lässt und welche adeligen Gruppenbildungen man erkennen kann. An dieser Stelle ergänzt Dendorfer übrigens eigene Forschungen zu Heinrich V. sowie eine Wiener Dissertation über den Hof Konrads III. [2] Am Schluss wird unter "Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft - Die Grafen von Sulzbach im 12. Jahrhundert" (386-420) eigentlich eine Zusammenfassung geboten, wobei die Einbettung der Sulzbacher in ihr adeliges Umfeld im Mittelpunkt steht.

Zu den wichtigen Ergebnissen gehört aus reichsgeschichtlichem Blickwinkel, dass die Sulzbacher unter Heinrich V. schon den Höhepunkt ihrer Geltung erreicht hatten. Hintergrund ist, dass Berengar I. zusammen mit anderen reformorientierten bayerischen Großen den letzten Salier für seine Ziele hatte gewinnen können. Daraus erklärt sich Berengars überragende Stellung am Hof Heinrichs V., die noch nachwirkte, als sich der Staufer Konrad um 1135/36 mit Berengars Tochter Gertrud vermählte. So gelang den Sulzbachern mehr noch als durch die Heirat Gebhards II. mit der Welfin Mathilde ein weiterer Aufstieg in der südostdeutschen Adelswelt. Immerhin war Konrad ein Neffe Heinrichs V., Bruder des Herzogs von Schwaben und gegen Lothar III. als König aufgestellt worden. Parallel zu dieser Rangerhöhung vollzog sich jedoch schon der Abstieg der Sulzbacher. Im Umfeld Lothars III., mit dem das Königtum nach Sachsen zurückgekehrt war, spielten andere Große die entscheidende Rolle, doch gelang dem Grafen unter Konrad III. die Rückkehr in den königlichen Rat, wenngleich er an die Stellung seines Vaters nicht hat anknüpfen können. 1149 wird Gebhard II., der für kurze Zeit zudem den Titel eines Markgrafen trug, dann letztmals am Hof Konrads III. genannt. Die Anlässe sieht Dendorfer mit überzeugenden Argumenten in territorialpolitischen Auseinandersetzungen zwischen dem Grafen und dem König. Als sich mit der Königserhebung Friedrichs I. die Hoffnung zerschlug, dass mit Friedrich von Rothenburg ein Neffe Gebhards II. König werden könne, rissen die Beziehungen des Sulzbachers zum staufischen Hof letztlich ab, zumal Barbarossa sich auf neue Kreise stützte, die durch Heinrich den Löwen oder die Wittelsbacher geprägt wurden. Nachdem Gebhards einziger Sohn Berengar zusammen mit Friedrich von Rothenburg 1167 vor Rom im Heer des Kaisers zu Tode gekommen war, konnte der Sulzbacher nur noch dem Ende seines Hauses entgegensehen. Den größten Teil des Erbes brachte dann Barbarossa an sich.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass dieses ausgesprochen sorgfältig gearbeitete, klar geschriebene und gut lesbare sowie durch ein ausführliches Register erschlossene Buch einen grundlegenden Beitrag für die Geschichte der späten Salier- und frühen Stauferzeit darstellt.


Anmerkungen:

[1] Tobias Weller: Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert (= Rheinisches Archiv; 149), Köln / Weimar / Wien 2004.

[2] Jürgen Dendorer: Fidi milites? Die Staufer und Kaiser Heinrich V., in: Hubertus Seibert / Jürgen Dendorfer (Hg.): Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079-1152) (= Mittelalter-Forschungen; 18), Ostfildern 2005, 213-265; Wolfram Ziegler: Hof und Herrschaft. Studien zum Königtum Konrads III. (1138-1152), Phil. Diss. Wien 2004; vgl. http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/MRK/MRK15-1.htm (Zugriff am 21. August 2006).

Bernd Schütte