Rezension über:

Hubertus Seibert / Jürgen Dendorfer (Hgg.): Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079-1152) (= Mittelalter-Forschungen; Bd. 18), Stuttgart: Thorbecke 2005, VIII + 440 S., ISBN 978-3-7995-4269-2, EUR 65,00
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Rezension von:
Elke Goez
Institut für Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Elke Goez: Rezension von: Hubertus Seibert / Jürgen Dendorfer (Hgg.): Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079-1152), Stuttgart: Thorbecke 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/9017.html


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Hubertus Seibert / Jürgen Dendorfer (Hgg.): Grafen, Herzöge, Könige

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Während die Stauferzeit vom Regierungsantritt Friedrich Barbarossas bis zum Tod Friedrichs II. ein bevorzugtes Forschungsgebiet der Mediävistik war und noch immer ist, standen die frühen Staufer immer im Schatten ihrer kaiserlichen Nachfolger. Dem vorliegenden Tagungsband ist es zu danken, dass die Frühzeit der Familie zwischen 1079 und 1152 unabhängig von den lange gern geglaubten Schilderungen Ottos von Freising in 14 Beiträgen ganz neu beleuchtet wurde.

Eine höchst instruktive Einführung von Hubertus Seibert zu Forschungsdefiziten sowie zum gegenwärtigen Forschungsstand umreißt die Problemkreise "Herkunft und Verwandtschaft", "Königsnähe - Königsferne" sowie "Besitzgrundlage und Herrschaftsaufbau" und gibt damit gleichsam den Rahmen für die folgenden Beiträge. Mit älteren Thesen zu angeblichen weiteren Nachkommen Herzog Friedrichs I. und der Salierin Agnes sowie zur vermeintlichen ersten Ehe Konrads III. räumt Tobias Weller in seinem Beitrag zu Abstammung, Verwandtschaft und Konnubium der frühen Staufer gründlich auf. Dass Konrad III. nur einmal und zwar mit Gertrud von Sulzbach verheiratet war und Herzog Friedrich I. mit Agnes lediglich drei Kinder hatte, dürfte nun zweifelsfrei feststehen. Aufhorchen lässt die provokante These Daniel Ziemanns, ob die Staufer überhaupt ein schwäbisches Geschlecht waren und nicht vielmehr aus dem Elsass stammten, wofür ihre starke Westorientierung und die oftmals unterschätzte Mobilität auch des hochmittelalterlichen Adels sprechen würden. Nur politische Gründe hätten dafür gesorgt, die Ahnen im Mannesstamm zu vergessen und in programmatischer Absicht durch die "Heinriche von Waiblingen" zu ersetzen. Unmittelbar mit dem Aufstieg und der Herrschaftsentfaltung der frühen Staufer ist deren Verhältnis zu den Zähringern verbunden. In akribischer Kleinarbeit kann Heinz Krieg zeigen, dass die Zähringer keineswegs nur Herzöge mit einem leeren Titel ohne Macht, sondern durchaus ernsthafte Konkurrenten waren, der "Stachel im Fleisch" der Staufer. Aber nicht nur die erfolgreiche Durchsetzung gegenüber den Zähringern, sondern auch ihre Politik gegenüber geistlichen Institutionen und ihr Bemühen um Herrschaftsverdichtung ebneten den Staufern den Weg nach oben. Allerdings, so Gerhard Lubich, kann man nicht von einer regelrechten und planhaften Territorialpolitik sprechen, sondern von einem geschickten Ausnutzen regionaler Konstellationen mit wechselnden lokalen Partnern. Dies hatte zur Folge, dass der Aufstieg nicht immer geradlinig verlief und gelegentlich von Eigeninteressen staufischer Partner torpediert wurde. Diese Einsicht wird hervorragend ergänzt durch die Studie von Jürgen Dendorfer, die in minutiöser Auswertung der Zeugen und Intervenienten in den Urkunden Heinrichs V. zeigen konnte, dass die Herzöge Friedrich II. und Konrad (der spätere Konrad III.) keineswegs immer königsnah waren, sondern Phasen extremer Kronnähe mit längeren Abschnitten der Königsferne abwechselten. 1111-1118 und dann erst wieder 1122-1125 fand sich vor allem Herzog Friedrich II. auffallend häufig im Umkreis Heinrichs V. und konnte auch wegen seiner engen Verbindung zu anderen Saliergetreuen auf seine Wahl zum nächsten König hoffen.

Gleichsam in einem zweiten Abschnitt widmet sich der Band dann dem Königtum Konrads III. und trägt wesentlich dazu bei, dass man sich von dem in der älteren Forschung gerne gebrauchten Bild des Versagers auf dem Thron verabschieden muss. Knut Görich macht deutlich, dass die Wahrung des honor nicht erst für Barbarossa, sondern durchaus auch für Konrad III. handlungsleitend war, wobei die Wahrung der Ehre in der sozialen und politischen Interaktion von höchster Bedeutung war. Beachtenswerterweise auch außerhalb der Königskanzlei empfand man honor regis und honor regni als wichtiges Element der rechten Ordnung, das nicht nur den König selbst, sondern auch die an der Macht partizipierenden Fürstengruppen einschloss. Vor allem in der Begegnung mit anderen Herrschern auf dem Kreuzzug sowie im Ringen mit Heinrich dem Stolzen und Welf VI. wurde honor zur maßgeblichen Handlungsmaxime. Ganz konkret widmet sich Jan Keupp der Frage nach dem "Sozialpotential König Konrads III." und dessen Fluktuationen. Nach großen Anfangserfolgen und der gezielten Förderung der staufischen Verwandtschaft erwies sich Konrad aber bald in der "Reproduktion sozialen Kapitals" als zu geizig und musste erleben, dass ohne hinreichende Förderung durch materielle und symbolische Güter Beziehungsgeflechte rasch brüchig wurden, wobei seine Sparsamkeit möglicherweise auch mit den geschwundenen Ressourcen der Krone erklärt werden kann. Vollends nach der Rückkehr vom Kreuzzug und behindert durch lange Krankheit konnte Konrad nicht mehr an seine erfolgreiche Beziehungsarbeit der Anfangsjahre anknüpfen, was sich in der dramatischen Verschlechterung der Fürstenpräsenz ablesen wird. Werner Hechberger setzt sich sodann kritisch mit der Frage staufischer Familieninteressen und adliger Familienpolitik auseinander. In kritischer Auseinandersetzung mit Karl Schmid hebt er hervor, dass es zu Beginn des 12. Jahrhunderts keinen radikalen Bruch in der Struktur der Adelsfamilien gegeben hat. Zwar erinnerten sich die Familien zunehmend der eigenen Vorfahren, begrenzten diese aber nicht auf die männliche Linie, sondern auf die mächtigeren Ahnen, deren Besitz sie geerbt hatten. In konstruktiver Kritik wird die Vorstellung von der staufischen Grablege in Lorch und dem dortigen Hauskloster untersucht und auf die fatalen Folgen des Fehlens einer zentralen Staufergrablege für deren Memoria im 12. Jahrhundert hingewiesen. In analytischer Kleinarbeit zeigt Hechberger, dass es besser wäre, für das frühe 12. Jahrhundert noch nicht von Adelsgeschlechtern zu sprechen, sondern von Individuen, die von Verwandten umgeben sind, deren Zugehörigkeitsgrenze jedoch unscharf ist, was ein einheitliches Hausbewusstsein erschwert oder unmöglich macht.

Ein dritter Abschnitt befasst sich mit der frühen Stauferzeit in interdisziplinärer Sicht. Ganz neue Aspekte bieten dabei die von der Archäologie vermittelten Einblicke in Baukonzepte, Wohnkultur und Herrschaftsrepräsentation im Burgenbau. An nordbayerischen Beispielen konnte Matthias Hensch zeigen, dass die sich wandelnden Ansprüche herrschaftlicher und repräsentativer Nutzung die Burgen-Architektur maßgeblich veränderten, wobei bemerkenswerter Weise alle im Reich wirkmächtigen Herrschaftsgruppen beteiligt waren. Sebastian Scholz stellte die seit langem diskutierte Frage, wie die Wiener Reichskrone zu datieren ist und ob sie nicht doch aus der Zeit Konrads III. stammt. Da seit der Herrschaft Heinrichs IV. zwei Inschriften der Kronplatten - per me reges regnant und honor regis iudicium diligit- in legitimierender Absicht in den Herrscherurkunden auftauchen, muss der Kronenkörper in der Zeit zwischen Heinrich IV. und Konrad III. entstanden sein, wofür auch der paläographische Befund spricht. In dem Kronenkörper spiegelt sich auch die Wandlung von der theokratischen Herrschaftsauffassung der Salier zur Vorstellung, dass "sachgerechtes Handeln des Königs die entscheidende Legitimationsgrundlage bildet" (353). Problematisch bleibt der Bügel, dessen Datierung aufgrund unterschiedlicher Herstellungstechniken umstritten ist und vor allem von Filitz und Schulze-Dörrlamm sehr kontrovers diskutiert wird. Scholz ist sich aber sicher, dass sich die Bügelinschrift ausschließlich auf Konrad III. und eben nicht auf Konrad II. beziehen kann. Um Entstehungsprobleme ganz anderer Art dreht sich der Beitrag Lars Hageneiers, der sich mit den Gesta Friderici beschäftigt und die provokante Frage aufwirft, warum Otto von Freising 1156/7 Barbarossa seine schon circa 10 Jahre lang fertiggestellte Chronik übergab, wenn sie doch eigentlich nicht mehr mit seinem neuen Geschichtsbild in Einklang zu bringen war, das sich angeblich von einer höchst pessimistischen Grundhaltung zur optimistischen Zukunftserwartung gewandelt hat. Hageneier riskiert die These, dass dies nur möglich war, weil sich sein Geschichtsbild eben nicht so grundlegend verändert hatte, dass er eine Umarbeitung für nötig erachtete. Vielleicht doch vorhandene positivere Grundstimmungen flossen unmittelbar in die Gesta Friderici ein, für deren Abfassung er auch auf Ergänzungen und Notizen zur Chronik zurückgriff, die er in der hoffnungsvollen Stimmung der Kreuzzugseuphorie aufgeschrieben hatte. So erklärt sich auch der zwittrige Charakter des ersten Buches, das zwischen Panegyrik und pessimistischer Weltverachtung schwankt und das Vorhandensein weitgehender Vorarbeiten voraussetzt, da sonst die Schreibgeschwindigkeit von nur einem Jahr nicht zu erklären wäre. Im zweiten Buch setzt sich dann die von Barbarossa geforderte Panegyrik durch, wobei anzunehmen ist, dass der Herrscher selbst das inhaltliche Gerüst vorgab, was die außerordentlich rasche Niederschrift ermöglichte. Zuletzt beschäftigt sich Monika Winterling mit der Darstellung Heinrichs V. und Lothars III. in der ersten deutschen Reimchronik des Mittelalters, der in Regensburg entstandenen Kaiserchronik. Die große inhaltliche Nähe zu lateinischen Quellen legt den Schluss nahe, dass dem Dichter mehrere Vorlagen zu Gebote standen, die indessen nicht genau zu spezifizieren sind und an die er sich nicht sklavisch gehalten hat. Vielmehr setzt er eigene, provinziell erscheinende Schwerpunkte, die aber auf lokale orale Traditionen zurückzuführen sind. Der orale Verständnishorizont einer sich neu bildenden Laien-Schicht potentieller Rezipienten leitete den Dichter bei der Abfassung, weshalb die Kaiserchronik durchaus als "Modell für die Präsenz von Geschichtswissen" (408) aufzufassen ist.

Beschlossen wird der Band von einer ideen- und facettenreichen Zusammenfassung von Claudia Zey, der es gelingt, die unterschiedlichen Forschungsneuansätze zu bündeln und die wesentlichen Problemkreise herauszuarbeiten, die vor allem in der Kritik an bislang akzeptierten Forschungsmeinungen zur genealogischen Verankerung der Staufer und ihrer Besitzstruktur, in der schärferen Akzentuierung der Staufer gegenüber anderen zeitgleichen Adelsfamilien sowie in der Differenzierung von Herzogs- und Königspolitik der frühen Staufer kulminieren. Ein Namens- und Ortsregister erleichtert den Zugang zu diesem außerordentlich gelungenen Band, dessen Beiträge die Stauferforschung noch lange beschäftigen werden.

Elke Goez