Rezension über:

Julia Wilker: Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n.Chr. (= Studien zur Alten Geschichte; Bd. 5), Berlin: Verlag Antike 2007, 564 S., ISBN 978-3-938032-12-1, EUR 69,90
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Rezension von:
Stefan Priwitzer
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Priwitzer: Rezension von: Julia Wilker: Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n.Chr., Berlin: Verlag Antike 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 6 [15.06.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/06/13413.html


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Julia Wilker: Für Rom und Jerusalem

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Die römisch-jüdischen Beziehungen sind angesichts so herausragender Persönlichkeiten wie Herodes I. oder Ereignisse wie dem Jüdischen Krieg immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen. Dass man abseits solch ausgetretener Pfade dennoch neue Ergebnisse gewinnen kann, beweist Julia Wilker mit Ihrer Dissertation eindrücklich.

Dem Titel entsprechend spielen die Personen der herodianischen Dynastie im 1. Jahrhundert n. Chr. die Hauptrolle und werden zunächst in einem Überblick knapp vorgestellt (24-36). Hier, wie auch später im Buch, wenn es um Herrschaftsgebiete, Gebietszuwächse und -abtritte geht, wäre die eine oder andere Karte eine willkommene Ergänzung gewesen. Aufgrund der ausführlichen Quellendiskussion in den Hauptteilen angemessen knapp ist die folgende Präsentation der Quellen (36-48).

Das wichtigste Ergebnis des Hauptkapitels "Die Herodianer und Judaea" (68-318) bzw. der gesamten Arbeit lässt sich kurz zusammenfassen: Die Herodianer nahmen eine Verbindungs- und Vermittlungsfunktion zwischen dem Imperium Romanum und ihren Repräsentanten auf der einen und den Juden und jüdischen Interessen auf der anderen Seite ein. Die wechselvolle Geschichte Judäas im 1. Jahrhundert n. Chr. als Provinz, als Königreich unter Agrippa I. und wieder als Provinz führte dazu, dass sich diese Mittlerrolle der Herodianer in verschiedenen Ausprägungen zeigte. Wilker gelingt es dabei, sich auf die für die Fragestellung interessanten Ereignisse zu konzentrieren, bzw. sie konzentriert sich bei Ereignissen auf die für die Fragestellung interessanten Aspekte. Den Prozess Jesu untersucht sie dementsprechend 'nur' auf eine mögliche Beteiligung des Herodes Antipas, wobei dieser Abschnitt auch exemplarisch für Wilkers detaillierte und stets nachvollziehbare Quellenkritik unter ausführlicher Berücksichtigung der Sekundärliteratur steht. Die auf diese Weise ermittelte Überweisung des Angeklagten Jesus an Antipas durch Pontius Pilatus und die Rücküberweisung durch Antipas deutet Wilker abschließend: "Der Fall Jesu bot daher für den Statthalter und herodianischen Klientelfürsten die Möglichkeit, sich gegenseitig Respekt zu erweisen und zumindest die Bereitschaft zur Kooperation erkennen zu lassen." (127)

Während es in dieser Phase um das Verhältnis zum örtlichen Repräsentanten des Imperium Romanum geht, ändert sich die Position der Herodianer nach dem Tod Caligulas durch die Wiederherstellung der Königsherrschaft durch Claudius deutlich: "Nun war Agrippa jedoch König aller Bewohner Judaeas, und dies schloss die Samaritaner ebenso wie die Bewohner der römisch-hellenistisch geprägten Städte [...] ein. Diese Aufgabe [...] musste unweigerlich zu Spannungen führen, die durch die zu postulierenden hohen Erwartungen gerade der jüdischen Bevölkerungsmehrheit an den jüdischen König Agrippa nur noch forciert wurden." (164f.) Aber der Spagat zwischen Interessenvertretung der Juden und Versicherung seiner Loyalität gegenüber dem Imperium Romanum gelangt Agrippa auch in dieser Zeit.

Diese kurze Episode der Königsherrschaft endet bereits 44 n. Chr. mit dem Tod Agrippas. Den Grund für die Reprovinzialisierung sieht Wilker vor allem in römischen Sicherheitserwägungen: "Die Unruhen in Caesarea und Sebaste, mit denen die paganen Soldaten den Tod ihres Regenten feierten und ihn und seine Familie verhöhnten, mußten Zweifel an der Integrations-, Kontroll- und Regierungsfähigkeit der herodianischen Dynastie in einem politisch, religiös und kulturell so heterogenen Gebiet aufkommen lassen." (197f.) Ein Sicherheits- bzw. Kontrollbedürfnis würde aus römischer Sicht auch die Einrichtung der exousía toû naoû, der Oberaufsicht über den Tempel, erklären - auch wenn die Einrichtung des Amtes auf eine Anfrage des Herodes II. hin geschah. Die Herodianer, die sich als Rom gegenüber treu erwiesen hatten, waren die ideale Besetzung für dieses Amt. Zudem bedeutete es eine Kompensation für den Verlust der Königsherrschaft, weil die Herodianer auf diese Weise eine herausgehobene Machtstellung bewahrten. Ein weiteres Verdienst Wilkers ist es, dieses Amt als erste einer genaueren Untersuchung unterzogen zu haben (205-252). Besonders wichtig war die religiöse Komponente des Amtes, den jüdischen Hohepriester auswählen, ernennen und absetzen und den Tempelbezirk kontrollieren zu dürfen. Durch die Übertragung dieser Aufgaben auf einen Juden, wobei der dynastische Charakter das Amt in den Händen der Herodianer hielt, befreiten sich die Römer von potentiellen Konfliktfällen mit den Juden; gleichzeitig bedeutete aber die Einrichtung des Amtes einen Bruch der jüdischen Traditionen: "Die römischen Machthaber setzten mit der Einrichtung des Amtes [...] damit eine Entwicklung fort, die [...] sich in der zunehmenden Trennung zwischen politischer und religiöser Autorität und der damit verbundenen eindeutigen Unterordnung der sakralen Gewalt unter die politische zeigte. [...] Mit der Ernennung des Herodes zum König von Judaea [...] 40 v. Chr. wurden [...] die Grundlagen für die zukünftige Entwicklung gelegt. Da Herodes nicht der traditionellen Dynastie der Hasmonäer entstammte und aufgrund seiner nichtpriesterlichen Herkunft nicht das Amt des jüdischen Hohepriesters übernehmen konnte, wurde von römischer Seite mit seiner Inthronisierung die bisherige theokratische Verfassung beendet und durch ein im wesentlichen auf der römischen Macht und Unterstützung basierendes Königtum ersetzt." (242)

Eine 'Scharnierfunktion' nahmen die Herodianer auch im Verhältnis zwischen römischer Zentralmacht und Juden außerhalb Judäas in der Diaspora ein, wie Wilker anhand einer Untersuchung vor allem der jüdischen Gemeinden in Rom und Alexandria nachweisen kann (319-376). Grundsätzlich hatten die Herodianer dort sogar eine 'leichtere' Aufgabe, da sie sich im Gegensatz zur Heimat nicht zusätzlich mit Legitimationsproblemen auseinanderzusetzen hatten.

Die beiden letzen Kapitel (377-470) befassen sich mit der Rolle der Herodianer während und nach dem Jüdischen Aufstand. Nun greift die Vermittlerfunktion der Herodianer nicht mehr, sondern sie werden von römischer wie jüdischer Seite angegriffen, die Versuche eines Ausgleichs werden nicht mehr gewürdigt, sondern führen teilweise sogar zu Verleumdungen (423). Ein ursprünglich innerjüdischer Konflikt führte somit zum Ende der Entwicklung der Position der herodianischen Dynastie, den sie im Laufe des 1. Jahrhunderts gewonnen hatten.

Die Arbeit bietet einen neuen Blick auf Judäa im ersten Jahrhundert nach Christus. Der weitreichende Erkenntnisgewinn bleibt dabei nicht auf die herodianische Dynastie beschränkt, sondern Wilker vermittelt auch wichtige Ergebnisse für das Verständnis des Systems der römischen Provinzverwaltung.

Stefan Priwitzer