Rezension über:

Harald Meller / Ingo Mundt / Boje E. Schmuhl (Hgg.): Der Heilige Schatz im Dom von Halberstadt. Fotos von Juraj Lipták, Regensburg: Schnell & Steiner 2008, 436 S., ISBN 978-3-7954-2117-5, EUR 59,00
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Rezension von:
Klaus Gereon Beuckers
Kunsthistorisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Gereon Beuckers: Rezension von: Harald Meller / Ingo Mundt / Boje E. Schmuhl (Hgg.): Der Heilige Schatz im Dom von Halberstadt. Fotos von Juraj Lipták, Regensburg: Schnell & Steiner 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/15272.html


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Harald Meller / Ingo Mundt / Boje E. Schmuhl (Hgg.): Der Heilige Schatz im Dom von Halberstadt

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Ohne Zweifel gehört der Halberstädter Domschatz zu den bedeutendsten und umfangreichsten Kirchenschätzen Europas. Bekannt für seine Reliquiare aus dem 13. Jahrhundert, seine byzantinischen Stücke und seine Textilien enthält er ebenso eine Fülle bedeutender Werke aus den anderen Bereichen des Mittelalters. Es ist also mehr als angemessen, wenn diesem Schatz im Jahre 2008 eine neue und räumlich wesentlich großzügigere Präsentation zugestanden wurde und dies durch die vorliegende Veröffentlichung der Bestände begleitet wird. Dass es dabei um mehr als einen üppig ausgestatteten, mit qualitätvollen Fotos versehenen Bildband ging, zeigt die Konzeption: So werden die Objekte - einschließlich von Teilen der Domausstattung und einiger Werke aus der Liebfrauenkirche - in insgesamt 120 Katalognummern meist einzeln und in dankeswerter Ausführlichkeit besprochen. Dafür hat man sich der Mitarbeit ausgewiesener Fachleute versichert, so dass an dem Band stolze 52 Autoren aus allen Teilen Deutschlands und sieben weiteren europäischen Ländern beteiligt waren - mehr als an manchem vergleichbar großen Ausstellungsprojekt. Und das Ergebnis gibt den Herausgebern recht: Die meisten Texte erfüllen einen hohen Anspruch. Einen großen Anteil daran hat Barbara Pregla, der die Koordination des Bandes oblag und die seit Jahren zu den wichtigsten Autoren um den Halberstädter Schatz gehört.

Eingeleitet wird das Buch mit einem gut lesbaren Überblick über die Baugeschichte des Doms und der Domklausur auf heutigem Forschungsstand, der in einer Zusammenfassung der nachmittelalterlichen bzw. nachreformatorischen Geschichte des Domschatzes den Bogen zum Schatz selbst schlägt (Reinhard Schmitt, Jörg Richter, Barbara Pregla). Hier wird noch einmal deutlich, wie die von Andreas Odenthal liturgiewissenschaftlich aufgearbeitete [1] gemischtkonfessionelle Zusammensetzung des Halberstädter Domkapitels den Bestand insbesondere über die für Kirchenschätze oft fatale Zeit der Reformation gerettet hat. Auch die Zeit der DDR hat der Schatz ohne entscheidende Verluste überstanden. Stand seine teilweise auf der Präsentation von 1936 fußende (deren Klarheit jedoch nicht erreichende) Eröffnung 1959 ganz im Kontext des schwierigen Wiederaufbaus der Halberstädter Kirchen und wurde sie durch den Staat noch durchaus wohlwollend instrumentalisiert, so verflachte das Interesse zunehmend und nahm gegen Ende der DDR auch konservatorisch immer problematischere Züge an. Nicht umsonst zeigt der Band zwar Ansichten der Ausstellung nach 1936, jedoch keine Fotos der DDR-Präsentation. 1996 wurde die Zuständigkeit für den Domschatz durch einen Vertrag zwischen der Domgemeinde und einer Stiftung zum Erhalt der Kirchen im Land Sachsen-Anhalt neu strukturiert. Es ist ein Verdienst der 1997 berufenen Leiterin Petra Janke, ehemals Sevrugian, das Haus dann aus seiner Lethargie herausgeführt und für die wissenschaftliche Diskussion geöffnet zu haben. Umso unverständlicher ist es, dass in dem historischen Überblick ihre Tätigkeit hier bis 2003 ganz verschwiegen und wenig zutreffend eine Kontinuität von 1959 bis 2006 behauptet wird (34). Immerhin hat Petra Janke nicht weniger als zwei Auswahlbände und eine Aufsatzsammlung zum Schatz mit auf den Weg gebracht. [2] Ihre Kompetenz hat sie darüber hinaus 2006 in einem auch durch den vorliegenden Band keineswegs ersetzten Buch zu den Halberstädter Reliquien und Reliquiaren noch einmal bewiesen. [3] Vor den beiden Auswahlbänden war die Forschung auf die mehrfach nachgedruckte Darstellung von Paulus Hinz (1962) und den Abschnitt im offiziellen DDR-Band aus der Feder von Johanna Flemming (1974) sowie verstreute Einzeluntersuchungen zu Einzelobjekten des Schatzes angewiesen gewesen. [4] Diese Zeiten sind jetzt vorbei und mit der wesentlich umfangreicheren Bestandserfassung sowie der Ausführlichkeit der Bearbeitung setzt der vorliegende Band einen neuen Diskussionsstand.

Die 120 Katalognummern sind in sechs Kapitel untergliedert, die durch mehrseitige Einführungen eingeleitet werden: Reliquien und Reliquiare (Jörg Richter, Nr. 1-33), Altargerät (Thomas Richter, Nr. 34-44), Handschriften und Bücher (Patrizia Carmassi, Nr. 45-54), Paramente (Barbara Pregla, Nr. 55-93), Altäre und Retabel (Jochen Luckhardt, Nr. 94-110), Domausstattung und Mobiliar (Eva Fitz, Nr. 111-120). Ein Glossar und eine Bibliografie schließen den Band ab. Die Auswahl der besprochenen Werke bemüht sich um eine Behandlung aller prominenten Schatzstücke, muss jedoch insbesondere bei den Handschriften und der Domausstattung notgedrungen Beschränkungen akzeptieren. Die Kriterien dafür sind nicht immer einsichtig, wenn beispielsweise mit der Handschrift Inv. Nr. 469 ein inhaltlich für Halberstadt höchst bedeutendes Sakramentar des 10. Jahrhunderts mit zudem einer ikonografisch bedeutenden ottonischen Stifterdarstellung zwar in der Einleitung angesprochen, nicht jedoch als Katalognummer behandelt wird, obwohl hierzu aktuelle Forschung vorliegt. [5] Eine bedauerliche Fehlentscheidung war zudem der Verzicht auf eigentlich übliche Literaturnachweise zu den Einzelobjekten, die sowohl die Argumentationen der Beiträge belegen als auch den Forschungsgang hätten dokumentieren können. Hier wurde am falschen Ende gespart und die wissenschaftliche Benutzbarkeit des Bandes unnötig eingeschränkt. Dessen ungeachtet ist der prächtige Band die umfassende Dokumentation des bedeutenden Halberstädter Schatzes, auf die die Forschung lange gewartet hat.


Anmerkungen:

[1] Andreas Odenthal: Die Ordinatio Cultus Divini et Caeremoniarium des Halberstädter Domes von 1591. Untersuchungen zur Liturgie eines gemischkonfessionellen Domkapitels nach Einführung der Reformation (= Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen; Bd. 93), Münster 2005.

[2] Kostbarkeiten aus dem Domschatz zu Halberstadt, Halle 2001. - Horst H. Grimm / Petra Janke: Der Domschatz zu Halberstadt (= Edition Logika; Bd. 3), Wechmar 2003. - Wolfgang Schenkluhn (Hg.): Halberstadt. Dom und Domschatz (= Hallesche Beiträge zur Kunstgeschichte; 4), Halle 2002.

[3] Petra Janke: Ein heilbringender Schatz. Reliquienverehrung am Halberstädter Dom im Mittelalter. Geschichte, Kunst und Kult, München 2006, mit einem 132seitigen Katalog der Reliquienbehältnisse.

[4] Paulus Hinz: Gegenwärtige Vergangenheit. Dom und Domschatz zu Halberstadt 1962, insgesamt 5 Auflagen bis 1971, 148-229. - Johanna Flemming / Edgar Lehmann / Ernst Schubert: Dom und Domschatz zu Halberstadt, Berlin 1974 (Neuausgabe Leipzig 1990), 157-162 u. 223-252.

[5] Berit Helga Gass: Das ottonische Sakramentar Inv.-Nr. 469 (ehem. Ms. 153) im Halberstädter Domschatz und seine Miniaturen, 2 Bde., MA-Arbeit Universität Stuttgart 2003.

Klaus Gereon Beuckers