Rezension über:

Stefan Georges: Das zweite Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Quellen, Entstehung, Überlieferung und Rezeption des Moamin. Mit einer Edition der lateinischen Überlieferung (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel; Bd. 27), Berlin: Akademie Verlag 2008, 459 S., ISBN 978-3-05-004483-5, EUR 79,80
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Rezension von:
Walter Koller
Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Walter Koller: Rezension von: Stefan Georges: Das zweite Falkenbuch Kaiser Friedrichs II. Quellen, Entstehung, Überlieferung und Rezeption des Moamin. Mit einer Edition der lateinischen Überlieferung, Berlin: Akademie Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14898.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Neubewertungen Friedrichs II. (1194-1250)" in Ausgabe 9 (2009), Nr. 4

Stefan Georges: Das zweite Falkenbuch Kaiser Friedrichs II.

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Der Verfasser legt mit seiner Dissertation bei Johannes Fried einen gewichtigen Beitrag zur Diskussion um Friedrichs II. zweites Falkenbuch und damit um die wissenschaftliche Leistung des Kaisers vor. Im Mittelpunkt steht die kritische Edition des so genannten Moamin, jenes Falknereitraktats, dessen Übersetzung aus dem Arabischen ins Latein der Kaiser 1240 seinem Arzt Theodor von Antiochia in Auftrag gab und im Felde vor Faenza selbst korrigierte. Die über hundertjährige Erforschung des Moamin, einer Kompilation aus zwei arabischen Traktaten aus dem 8. und 9. Jahrhundert, erhielt 1996 einen neuen Impuls durch die These von Johannes Fried, der (verlorene) Prachtkodex aus dem Besitz Friedrichs II., den der Mailänder Kaufmann Bottatius Karl von Anjou zum Kauf offerierte, sei nicht wie bislang angenommen Friedrichs "Liber de arte venandi" gewesen, sondern des Kaisers zweites Falkenbuch, ein Sammelband aus vier vom Kaiser bearbeiteten Traktaten, dem Moamin, Dancus rex, Guillelmus Falconarius und Guicennas. [1] Fried untermauerte seine These mit einer Untersuchung der Handschriften des Moamin und stieß dabei auf eine Mailänder Gruppe von Textzeugen, die eben jene erwähnten vier Traktate (von Fried als Guicennas-Gruppe bezeichnet) überlieferten. Seine Darlegungen stießen jedoch auf den methodischen und sachlichen Widerspruch von Martin-Dietrich Gleßgen und Baudouin Van den Abeele. [2] Beide hielten daran fest, dass der Bottatius-Codex De arte venandi enthalten habe, räumten jedoch ein, dass der Moamin einen weiteren Bestandteil gebildet haben könnte. Stefan Georges übernahm 1999 als Teilprojekt die Aufgabe, den persönlichen Anteil des Kaisers an der Bearbeitung des Moamin zu analysieren. Zweckmäßigerweise wurde sein Projekt erweitert zur kritischen Edition des lateinischen Moamin (die man noch immer entbehrte) und zur Darstellung seiner Textgeschichte bis ins 16. Jahrhundert, die nun in vorzüglicher Gestalt vorliegt.

Der Verfasser eröffnet sein Werk mit einer knappen Darstellung der Falknerei und der zugehörigen Fachliteratur in West und Ost unter gebührender Berücksichtigung der wechselseitigen Beziehungen im Hinblick auf die Beizjagd. Anschließend klärt er, was der Moamin ist: eine Kompilation aus dem Falkenbuch des al-Gitrif und den Büchern II - V des Traktats für den Kalifen al-Mutawakkil (von Anna Akasoy und Stefan Georges vorzüglich ediert [3]) unter dem Verfassernamen eines fiktiven Falkners Moamin, die in dieser Art nur im Westen nachweisbar ist. Im 3. Kapitel folgt die standardisierte Beschreibung sämtlicher 43 Handschriften, von denen 15 älter als das 15. Jahrhundert zu datieren sind.

Das Stemma im anschließenden 4. Kapitel umfasst 79 Textzeugen. In klassischer Lachmannscher Art führt es die erhaltenen Zeugen über mehrere erschlossene Hyparchetypen auf den Archetyp zurück; es weist damit die bekannte Problematik einer stets zwei gespaltenen Überlieferung auf. Es ist hier nicht der Ort für eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Stemma, denn dazu fehlen die Voraussetzungen, überdies wird sie bereits geführt. [4] Wir beschränken uns auf einige Beobachtungen, auch wenn Georges' Fassung die grundsätzliche Anerkennung von Fried wie anscheinend von Gleßgen / Van den Abeele gefunden hat. Problematisch erscheint die Annahme, dass zwischen Theodors Übersetzung und dem Bottatius-Codex, der 1248 dem Kaiser verloren ging, fünf Überlieferungsstufen liegen, die zwischen 1240 und 1248 entstanden sein müssen. Der Verfasser erklärt dies mit der Absicht des Kaisers, einzelne Exemplare in den verschiedenen Falkenhöfen des Königreiches zu deponieren. Dazu wären sie im Kettenverfahren kopiert worden, so dass jede Kopie die Vorlage der nächsten war - kein effizientes Verfahren und zudem fehleranfällig. Auch die Prachthandschrift des Bottatius ist nach diesem Stemma eine Kopie aus dieser Kette, was wenig wahrscheinlich ist. Dementsprechend war auch der Bottatius mit den Korruptelen belastet, die seit dem Archetyp die Überlieferung prägten. Das nötigt zur Annahme, dass der Kaiser, der die Übersetzung persönlich korrigiert hatte, nun das Interesse an seinem eigenen Werk verloren hatte und sich mit einem schlechten und stellenweise unverständlichen Text zufrieden gab. Überdies wurde jede dieser Kettenkopien zum Ursprung einer eigenen regionalen Tradition. Dazu gehört auch die Mailänder Überlieferung der Guicennas-Gruppe aus dem 15. Jahrhundert, die Fried auf das Bottatius-Exemplar zurückführt. Diese Verbindung bestreiten Gleßgen und Van den Abeele, unter anderem mit dem gewichtigen Argument, es sei nicht anzunehmen, dass diese Prachthandschrift noch so lange Zeit in Mailand verblieben sei.

Für die Herstellung des Editionstextes des Moamin (5. Kapitel) spielen diese Probleme keine große Rolle, denn der Textbestand der Ausgangsfassung (d.h. des Archetyps) lässt sich aufgrund der ziemlich einheitlichen Überlieferung durch die Kernhandschriften (die dem Archetyp am nächsten stehen) recht gut erstellen, wofür die zweckmäßigen Editionsentscheide des Verfassers die Grundlage bilden. So werden die zahlreichen Korruptelen des Archetyps nicht emendiert, sondern im Sachapparat geklärt. Bei Präsumptivvarianten wird die sachlich und sprachlich wahrscheinlichere in den Text übernommen, gelegentlich unter Beizug der arabischen Version; bei Gleichwertigkeit der Varianten wird der konservativeren Tradition gefolgt, also jenem Zweig, der generell den besseren Text aufweist. So ediert der Verfasser auf der Basis von rund 30 Handschriften einen Mischtext, der zweifellos der Übersetzung Theodors so nahe kommt, wie dies überhaupt möglich ist.

Der letzte Teil des Werks bietet eine ausführliche Darstellung der Nachwirkung, wofür der Verfasser die Überlieferung nach regionalen Handschriftengruppen ordnet. Das Schwergewicht liegt dabei auf dem staufischen Hof als Zentrum der Textverbreitung. Die eingehende Beschreibung der Textzeugen erlaubt es, den Wandel des Textes im Lauf der Überlieferung zu verfolgen. Allerdings kann der Anteil Friedrichs nur eingeschränkt nachgewiesen werden, da seine Arbeit zwischen Übersetzung und Archetyp anzusetzen ist. Die Analyse des Archetyps macht den Umfang seiner Korruptelen deutlich. Neapel (unter den Anjou und der Krone von Aragon), Rom, Venedig, Toskana, Bologna und Mailand nehmen die staufische Tradition auf; über Italien hinaus wird sie aber kaum wirksam.

Der Verfasser stützt mit seiner genauen Beschreibung der Textzeugen einerseits sein Stemma, andererseits schafft er mit deren Einbindung in den historischen Kontext ein dichtes und anschauliches Bild von der Moamin-Tradition. Dessen Plausibilität beruht aber letztlich auf zahlreichen Annahmen und bleibt in manchen Punkten hypothetisch, wie das Beispiel von der Verknüpfung der Mailänder Überlieferung mit dem Bottatius-Codex zeigt.

Die Zusammenfassung gibt dem Verfasser nochmals Gelegenheit, die Bezeichnung "zweites Falkenbuch des Kaisers" für den Moamin zu rechtfertigen (gegen Gleßgen / Van den Abeele, die hierin eine bloße Kompilation sehen): Friedrich persönlich habe den Moamin aus dem Falknereitraktat des al-Gitrif und dem Werk für al-Mutawakkil kompiliert, sinnvoll gekürzt und durch seine Bearbeitung dem Bedürfnis der westlichen Falknerei angepasst.

Auch wenn einige Fragen offen bleiben (und in Anbetracht der Quellenlage wohl auch offen bleiben werden): Der Verfasser hat mit dieser Edition und der Darstellung der Texttradition ein Werk geschaffen, das dank seiner profunden Sach- und Handschriftenkenntnis sowie dem klaren, nüchternen Stil grundlegend ist.


Anmerkungen:

[1] Vgl. zuletzt Johannes Fried: Die Handschrift des Guilielmus Bottatius aus Mailand, in: Kulturtransfer und Hofgesellschaft im Mittelalter. Wissenskultur am sizilianischen und kastilischen Hof im 13. Jahrhundert, hg. von Gundula Grebner / Johannes Fried (Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel 15), Berlin 2008, 179-196 (Vgl. die Rezension von Andrea Sommerlechner in diesem Forum; http://www.sehepunkte.de/2009/04/12694.html).

[2] Vgl. Martin-Dietrich Gleßgen / Baudouin Van den Abeele: Die Frage des "Zweiten Falkenbuchs" Friedrichs II. und die lateinische Tradition des Moamin, in: Kulturtransfer und Hofgesellschaft im Mittelalter (wie Anm. 1), 157-178.

[3] Muhammad ibn 'Abdallāh al-Bāzyār: Das Falken- und Hundebuch des Kalifen al-Mutawakkil. Ein arabischer Traktat aus dem 9. Jahrhundert, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Anna Akasoy / Stefan Georges (Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel; 11) Berlin 2005.

[4] Siehe die Titel in Anm. 1 und 2.

Walter Koller