Rezension über:

Juraj Šedivý: Mittelalterliche Schriftkultur im Pressburger Kollegiatkapitel, Bratislava: Chronos 2007, 283 S., Ergänzungsinformationen und Zusatzabbildungen auf beigelegter CD-ROM, ISBN 978-80-89027-22-4
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Andreas Zajic
Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Zajic: Rezension von: Juraj Šedivý: Mittelalterliche Schriftkultur im Pressburger Kollegiatkapitel, Bratislava: Chronos 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14799.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Juraj Šedivý: Mittelalterliche Schriftkultur im Pressburger Kollegiatkapitel

Textgröße: A A A

Der Autor verfolgt nach einer Einleitung, die einen guten Überblick über die allgemeine paläografische und die Forschung zur Schriftlichkeit im Pressburger Kapitel gibt, in sechs chronologisch gegliederten Abschnitten jeweils die Vorbedingungen für die Entwicklung der "Schriftkultur" des Kollegiatkapitels, dann dessen institutionelle und personale bzw. prosopografische Entwicklung sowie seine Bedeutung für das Gesamtgefüge der Stadt und schließlich die Produktion bzw. Nutzung von Schriftgut in den drei Großkomplexen Handschriften, Urkunden und Inschriften. Die chronologische Schilderung beschließt ein nicht nur wissenschaftsgeschichtlich interessantes Kapitel über die Geschichte der Bibliothek bzw. des Archivs des Kapitels in der Neuzeit.

Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts spannen archäologische Befunde und der Verweis auf anderswo besser dokumentierte Verhältnisse den historischen Rahmen für die Anfänge der quellenmäßig kaum fassbaren Schriftlichkeit im entstehenden Missionszentrum Pressburg auf.

Stärker tritt die wachsende Bedeutung des sich funktionell und personell ausdifferenzierenden Kapitels und vor allem seiner Leitungsfunktion im 13. / 14. Jahrhundert zutage. Die 1302 genannte "äußere", und damit eine "innere" voraussetzende, Schule des Kapitels lässt die Existenz eines einschlägigen Handschriftenbestands neben den notwendigen Liturgica vermuten.

Aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts stammen die ältesten offenbar unmittelbar für das Pressburger Kapitel angefertigten Handschriften, von denen ein Missale und ein Brevier von Šedivý ihrer der Rotunda nahestehenden Textschrift wegen auf durch die längeren Aufenthalte zweier päpstlicher Legaten vermittelte italienische Einflüsse zurückgeführt werden. Für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts bedeutete die Gründung der kurzlebigen academia Istropolitana einen Innovationsschub, der sich zusammen mit dem anhaltenden Zuzug gebürtiger Österreicher in das Pressburger Kapitel (180) auch in der Schriftkultur der Zeit bemerkbar macht.

Relativ gering ist der Ertrag paläografischer Analyse bei den nur selten zu Gruppen zusammenzufassenden Schreiberhänden der Handschriften des Kapitels, das offenbar während des gesamten Mittelalters kein eigenes Skriptorium ausbildete. Das erhaltene Material ist demnach eine "relativ konfuse und in mehreren Perioden entstandene - und vor allem ziemlich kleine - Gruppe von Manuskripten" (13).

Das Bild der um die Mitte des 13. Jahrhunderts allmählich entstehenden "Kanzlei" des Kapitels fügt sich gut in die allgemeine Entwicklung des ungarischen Urkundenwesens. Das Pressburger Kapitel fungierte seit dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts als "glaubwürdiger Ort" und stellte als solcher bis 1526 annähernd 5000 Urkunden aus, wobei bis ins späte 14. Jahrhundert hinein die Ausfertigung von a pari-Stücken - die Gleichschriften durch Chirograf mit Majuskelbuchstaben gekennzeichnet - die Regel darstellte. Erst im frühen 15. Jahrhundert ging das Kapitel zur handschriftlichen Registerführung (Kopialbücher mit sogenannten authentischen Protokollen) über.

Šedivý kann durch die Analyse von Schreiberhänden die alte These einer bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ausgebildeten städtischen Kanzlei entkräften und demgegenüber die Bedeutung des Kapitels als Pool von oft über viele Jahre hinweg tätigen Schreibern städtischer Urkunden unterstreichen.

Die Konkurrenz zwischen dem Schreibpersonal des Kapitels und dem des Gespans als Urkundenschreiber entschied schließlich bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts das Kapitel für sich, das in der Folge bis 1340 die führende Beurkundungsinstanz der Stadt wird. Die beteiligten Schreiber kann Šedivý paläografisch gut scheiden und dabei auch einzelne Fälschungen orten. Hand in Hand mit der paläografischen Einschätzung geht auch der Versuch einer Typologie der Urkunden nach inhaltlichen (rechtlichen) und formalen Kriterien. Beobachtungen zur Praxis der Verwahrung von bürgerlichen "Privatarchiven" innerhalb des Kapitelarchivs schließen sich an.

Erst im Gefolge einer Auseinandersetzung um das Patronat der Pressburger Pfarrkirche zwischen der Stadt und dem Kapitel etablierte sich eine eigenständige städtische "Kanzlei" als Beurkundungsstelle, deren Ausstoß den des Kapitels ab 1364 rasch übertrifft.

Grabdenkmäler sind aus dem 13. Jahrhundert nicht erhalten geblieben, und auch die übrige originale Überlieferung von Inschriften des 14. Jahrhunderts ist dünn. Aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts liegt die interessante figürliche Grabplatte eines Pfarres von Podunajské Biskupice (eines mutmaßlichen Pressburger Kanonikers, gest. 1360) vor. An dem gestalterisch und inschriftenpaläografisch auf der Höhe seiner Zeit befindlichen Stein ist unter anderem eine ungewöhnliche Kürzung per singulas litteras bemerkenswert.

Der epigrafische Denkmalbestand des 15. Jahrhunderts, soweit er zum Kapitel in Beziehung zu setzen ist, ist klein und inhomogen. An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert nimmt Propst Georg (Peltel) von Schönberg / Schomberg als Auftraggeber eines qualitativ herausragenden figürlichen Grabdenkmals in Frühhumanistischer Kapitalis sowie zweier Inschriftentafeln in Gotischer Minuskel mit teilweise stark kapital geprägten Versalien eine Sonderstellung ein. Daneben lassen sich auch am Ende des 15. Jahrhunderts wieder einzelne liturgische Geräte mit knapper Beschriftung in zeittypischer, als Bandminuskel ausgeführter Gotischer Minuskel und Fragmente von Grabdenkmälern für Kanoniker nachweisen.

Den zahlreichen Qualitäten des insgesamt sehr gelungenen Buchs sind wenige, durchwegs nicht substantielle Monita entgegenzuhalten. In einzelnen Details wird man nicht immer vorbehaltlos dem Autor folgen wollen. So erregt die von Šedivý an den Beginn des 14. Jahrhunderts gesetzte Grabplatte eines Petrus (80-81, Abb. 31) gewisse Zweifel: möglicherweise deutet die ausgesprochen lineare Inschrift mit ihren synkretistischen, teils extrem konservativ bis archaisch wirkenden Einzelformen und (absichtlich?) ungelenk wirkenden bzw. verfremdeten Buchstaben (besonders A, L und N) eher auf das Vorliegen einer historisierenden Arbeit bzw. eines Memoriengrabmals (des 15. oder 16. Jahrhunderts?) hin. Das Formular mit bloßer Angabe des für den Jahrtag relevanten (hier ungewöhnlicherweise Bestattungs-, nicht Sterbe-) Tags ist freilich für die Zeit um 1300 nicht ohne Parallelen.

Fragestellungen des Forschungsfeldes pragmatischer Schriftlichkeit durchziehen implizit die gesamte Darstellung, an manchen Stellen tritt die Benützung (bzw. Nachnutzung) der Urkunden in den Vordergrund, etwa wenn Überlegungen zur unterschiedlichen Bedeutung des Lecta-Vermerks auf Herrscher-Urkunden der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Empfängerteil des Kapitelarchivs bzw. auf den einbehaltenen par-Stücken ausgehändigter Urkunden des Kapitels oder zu archivarischen Dorsualvermerken der Stücke im Archiv der Kanoniker angestellt werden (175-176) oder die Neuausfertigung von bei den ursprünglichen Empfängern verloren gegangenen Urkunden nach den par-Stücken im Kapitelarchiv belegt wird (223).

Das Buch ist durchwegs problembewusst und methodisch reflektiert und leistet so wesentlich mehr als nur eine "Beschreibung von Bruchstücken eines ehemals lebendigen Mosaiks" (8). Eines seiner zahlreichen Verdienste ist zweifellos die Demonstration, dass detailreiche hilfswissenschaftliche (hier vor allem paläografische und diplomatische) Analyse durchaus im Sinne praktischer Nutzanwendung eine umfangreichere geschichtswissenschaftliche Darstellung nicht nur illustrativ anreichern und vertiefen, sondern erst im eigentlichen Sinn konstituieren und grundlegend strukturieren kann.

Andreas Zajic