Rezension über:

Heidi Mehrkens: Statuswechsel. Kriegserfahrung und nationale Wahrnehmung im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 (= Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte. Neue Folge; Bd. 21), Essen: Klartext 2008, 282 S., ISBN 978-3-89861-565-5, EUR 34,90
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Rezension von:
Christine G. Krüger
Universität Oldenburg / University of Oxford
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Christine G. Krüger: Rezension von: Heidi Mehrkens: Statuswechsel. Kriegserfahrung und nationale Wahrnehmung im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, Essen: Klartext 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14570.html


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Heidi Mehrkens: Statuswechsel

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Viele Zeitgenossen im fortschrittsgläubigen 19. Jahrhundert glaubten, das moderne Kriegsrecht werde die Kriegsführung der Zukunft immer weiter humanisieren. In der Tat schienen völkerrechtliche Konventionen die Kriegsgewalt einzuhegen - eine Entwicklung, die viele Zeitgenossen die wachsende Aggressivität der im Zeichen des Nationalismus geführten Kriege übersehen ließ. Das Kriegsvölkerrecht und die traditionellen Kriegsgebräuche stehen im Mittelpunkt der Arbeit von Heidi Mehrkens. Sie legt ihr allerdings bewusst nicht eine rechtshistorische, sondern eine kultur- und erfahrungsgeschichtlicher Perspektive zu Grunde. Die Fragen, die sie hierfür aufwirft, reihen sich in den Trend der "neuen Militärgeschichte" und speziell der Forschung zum deutsch-französischen Krieg ein: Sie kreisen um den Zusammenhang zwischen Krieg und Nationalismus, um nationale Sinnstiftung, Feindbilder und Gewaltwahrnehmung sowie um die Charakterbestimmung und Verortung des Krieges "on the road to total war". [1] Der Ansatz, den die Autorin hierfür wählt, erstrebt indes Originalität: In den Fokus nimmt sie verschiedene Arten von "Statuswechslern", d.h. von Personen, deren Rechtsstatus sich während des Krieges veränderte. Anhand solcher "Statuswechsel", so Mehrkens, lassen sich Kriegsdeutungen besonders scharf fassen. Zu den untersuchten Statuswechseln zählen so verschiedene Phänomene wie die Gefangennahme, das Erleiden einer Verwundung, das Sterben, der Übergang vom Soldaten im Bewegungskrieg zum Soldaten im Belagerungskrieg oder der Eintritt in das Kampfgeschehen als Freischärler. Nicht dazugerechnet wird überraschenderweise die Rekrutierung der regulären Soldaten - vielleicht weil diese in der Presse selten diskutiert wurde und die Feldkorrespondenzen erst einsetzen, nachdem sie vollzogen war.

Nach einem kurzen Kapitel zur Entwicklung des Kriegsrechts ist der Hauptteil der Arbeit in drei Kriegsphasen gegliedert: die ersten Kriegswochen bis zur Schlacht von Sedan und der Kapitulation Napoleons, die folgende Zeit des Bewegungskrieges und schließlich die dritte Phase des Belagerungskrieges. Innerhalb dieser chronologischen Unterkapitel orientiert sich die weitere Untergliederung an den verschiedenen Statuswechseln: Nacheinander werden hier ein Dutzend Statuswechsel abgehandelt. Das Ideal eines durch das Kriegsrecht humanisierten Krieges, so wird an vielen dieser Beispiele deutlich, galt den Zeitgenossen als Norm, die in vielen Fällen, wie etwa bei der Bergung von Verwundeten oder der Versorgung der Kriegsgefangenen, auch handlungsleitend war.

Einige Statuswechsel, so eine zentrale These des Buches, zeugen indes auch von einer zunehmenden Nationalisierung, die sich während des Krieges und durch den Krieg vollzog, etwa im Zuge von Geiselnahmen, Besatzungen und Freischärlerkrieg. In vielerlei Hinsicht sei der Krieg "als Ausgangspunkt nationalen Denkens, nicht als dessen Folgeerscheinung" (20) zu verstehen. Eine wichtige Funktion im Nationalisierungsprozess kam dabei der Presse zu. In den einzelnen Kapiteln wird immer wieder die Sicht (soldatischer) Selbstzeugnisse mit derjenigen der medialen Öffentlichkeit verglichen. Auf diesen Vergleich stützt sich eine weitere Hauptthese des Buches: Die Deutungsmacht der Presse, so Mehrkens, war für die nationale Sinnstiftung entscheidend. Die vom Kriegsschauplatz in die Heimat gesandten Feldkorrespondenzen konnten sich als Korrektiv nicht durchsetzen, ja die Presseberichterstattung beeinflusste teilweise sogar die Wahrnehmung der Soldaten selbst. So nährte sie etwa die Furcht vor Freischärlern.

Wenn die Autorin im Schlusswort als Ergebnis formuliert, "dass der konkrete Umgang mit den Statuswechslern auf beiden Seiten dazu beitrug, bereits vorhandene nationale Stereotype und Deutungsmuster umzuformen oder zu festigen" (249), so zeigt sich darin eine Schwäche des Buches. Als Beispiele für diesen Mechanismus nennt Mehrkens etwa die mediale Wahrnehmung der französischen Kriegsgefangenen in der deutschen Öffentlichkeit. Aber war tatsächlich der Wechsel des Rechtsstatus der gefangenen Soldaten für deren Wahrnehmung durch die deutsche Presse entscheidend? Hier scheint doch die zu starke Konzentration auf "Statuswechsel" in die Irre zu führen. Vom Analyseinstrument geraten die Statuswechsel der Autorin vielerorts zum Interpretationsschlüssel. Dabei steht jedoch nicht immer der Statuswechsel selbst, d.h. der spezifische Moment des Überganges von einem Status zum anderen, im Mittelpunkt, sondern vielfach werden viel allgemeiner die "Statuswechsler" untersucht, d.h. die Personen, die einen solchen Übergang durchgemacht haben - also im Grunde fast alle am Krieg Beteiligten. Und damit verliert der Ansatz seine Deutungskraft.

Kritisch anzumerken ist die in mehrerer Hinsicht mangelnde Sorgfalt: Für manch eine Aussage fehlt ein Quellenbeleg. Und an etlichen Stellen hätte man Hinweise auf einschlägige Forschungstitel erwartet. Durch deren Fehlen erscheinen einige Ergebnisse origineller als sie sind. Im Schlusswort schließlich ging der Autorin die Luft aus: Wortwörtlich wiederholt sie hier zahlreiche Sätze aus den vorhergegangenen Kapiteln (etwa 58 und 251, 75f. und 251, 59 und 254, 246 und 252).

Das Kriegsvölkerrecht im Zeitalter der Einigungskriege aus einem kultur- und erfahrungsgeschichtlichen Blickwinkel zu untersuchen, ist zweifelsohne ein gerechtfertigtes Unterfangen. Indem Mehrkens das Spannungsverhätnis zwischen Nationalkrieg, Völkerrecht und traditionellen Kriegsgebräuchen untersucht, rückt sie ein Themenfeld ins Licht, das auch für das Verständnis der weiteren Entwicklung der Kriegführung im Ersten Weltkrieg wichtig ist. Positiv hervorzuheben ist, dass die Studie dabei beide Kriegsparteien berücksichtigt, wenngleich die deutsche Seite weitaus gründlicher behandelt wird. Einige von Mehrkens behandelte Themen wie Spionage, Geiselnahmen, Kriegsgefangenschaft, die Freischärler oder die Ausweisung deutscher Immigranten aus Frankreich haben in der Forschung bislang nur wenig Würdigung erfahren und bringen neue Einsichten. Die Interpretation wird allerdings durch die eigenwillige Konzentration auf die "Statuswechsel" an einigen Stellen wohl eher behindert als befördert.


Anmerkung:

[1] Stig Förster / Jörg Nagler (eds.): On the road to total war. The American Civil War and the German Wars of Unification, 1861-1871, Cambridge / New York 1997.

Christine G. Krüger