Rezension über:

Hubert Houben: Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mensch und Mythos, Stuttgart: W. Kohlhammer 2008, 262 S., ISBN 978-3-17-018683-5, EUR 16,90
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Rezension von:
Susanne Klouth
Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Harald Winkel
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Klouth: Rezension von: Hubert Houben: Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mensch und Mythos, Stuttgart: W. Kohlhammer 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 4 [15.04.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/04/14059.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Neubewertungen Friedrichs II. (1194-1250)" in Ausgabe 9 (2009), Nr. 4

Hubert Houben: Kaiser Friedrich II. (1194-1250)

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Hubert Houben ist bekanntlich nicht der erste Biograf Friedrichs II. in der jüngeren Vergangenheit, vielmehr folgt der hier zu besprechende Band auf eine Vielzahl von Beiträgen zu diesem Kaiser. Zu nennen wären etwa - um nur die wohl einschlägigsten Werke des letzten Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen - die pathetische Würdigung Ernst Kantorowicz', die dazu antipodische Darstellung David Abulafias sowie die jüngste und derzeit maßgebliche kritische Biografie Wolfgang Stürners. Nicht nur streng wissenschaftliche, sondern - wie das vorliegende Opus - auch an ein breiteres Publikum gerichtete Arbeiten zu Friedrich II. liegen zahlreich vor. Der Gedanke liegt also fern, der Staufer sei von den jüngeren Forschergenerationen monografisch noch nicht umfassend gewürdigt worden. Doch Houben setzt mit dem nun vorliegenden Band aus der Reihe der Urban-Taschenbücher eigene Akzente und bietet eine wissenschaftlich fundierte, methodisch reflektierte und perspektivisch vielschichtige Darstellung zu Friedrich II.

Das Werk gliedert sich in insgesamt drei Teile jeweils leicht abnehmenden Umfangs, die unter den Stichworten "Herrscher", "Mensch" und "Mythos" die Person Friedrichs II. aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und jeweils durch ein eigenes Fazit abgeschlossen werden.

Der erste Teil befasst sich zunächst eher deskriptiv mit der Darstellung Friedrichs II. als Herrscher. Hierzu wird die Ereignisgeschichte chronologisch aufgerollt: Houben folgt der gängigen dreigeteilten Periodisierung, der zufolge als erste Phase die Jahre der Kindheit bis zur Kaiserkrönung von 1194-1220 behandelt werden. Im Fokus des zweiten Abschnitts stehen die Jahre zwischen 1220 und 1238 als Phase der universalen Herrschaft mit ihren spezifischen Problemen und Besonderheiten. Schließlich werden die Jahre 1239-1250 in Augenschein genommen, die unter dem Zeichen des verzweifelten Kampfes des Staufers mit den Päpsten stehen. Die politische Geschichte wie auch die strukturellen Eigenheiten und Schwierigkeiten der friderizianischen Herrschaftszeit werden insgesamt prägnant und eingängig geschildert. Nicht erst im abschließenden Fazit wird ein abwägendes Urteil mit Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen von Friedrichs Herrschaft in seiner Zeit gegeben, das in seiner Bilanz "insgesamt allerdings negativ" ausfällt (103).

Im zweiten, eher analytischen Teil steht Friedrich II. als menschliches Individuum im Mittelpunkt des Interesses, ein für einen mittelalterlichen Herrscher generell nicht leicht zu fassender Aspekt. Trotz der zuvor dargelegten grundsätzlichen methodischen Schwierigkeiten, charakterliche Züge in mittelalterlichen Quellen zu greifen, will der Verfasser versuchen, "sich ein Bild von der individuellen Persönlichkeit einer mittelalterlichen Herrscherfigur zu machen", indem er die Quellen "gegen den Strich" liest (11). Man mag einem solchen Vorhaben, das schon häufig versucht und gerade in jüngerer Zeit oft hinterfragt wurde, generaliter mit einiger Skepsis begegnen. Houbens Einschätzung nach ist dies im vorliegenden Fall aber möglich, da bei Friedrich II. die Voraussetzung erfüllt ist, "dass eine genügend große Zahl von Zeugnissen vorhanden ist, die in dieser Hinsicht befragt werden können" (11) - auch wenn der Verfasser die unvermeidbar subjektiven Tendenzen seiner Analyse selbst einräumt. Methodisch bleibt Houben insofern auf der sicheren Seite, als er zur Beantwortung seiner Fragen sehr quellennah argumentiert. Er behandelt die Persönlichkeit Friedrichs zudem auf ganz unterschiedlichen Ebenen, die die Bereiche Kunst, Kultur, Literatur, Bildung und Sozialleben einschließen und zumindest zum Teil gut durch zeitgenössische Quellen dokumentiert sind. Restzweifel bleiben gleichwohl bestehen: Am wenigsten zu überzeugen vermag wohl der Versuch, "des Kaisers Bilder" (Kap. 2.6) nach der Physiognomie Friedrichs II. zu befragen, v.a. in Anbetracht des nicht sonderlich überraschenden Fazits, dass "im Mittelalter das reale Aussehen eines Herrschers unwichtig war" (170) und aufgrund fehlender Quellen der Befund zwangsläufig enttäuschend sein muss. Auch die ebenso wenig zu beantwortende Frage nach Friedrichs Gefühlsleben erscheint allzu sehr dem subjektiven Interesse des modernen Lesers geschuldet. Dennoch vermag sowohl das zahlreich angeführten Quellen- als auch das reiche Abbildungsmaterial des Kapitels den Menschen Friedrich dem modernen Leser näher zu bringen und anschaulicher zu illustrieren, als dies bei einem mittelalterlichen Herrscher gewöhnlich der Fall ist.

Besonders gelungen erscheint indes der dritte Teil, die Darstellung des Friedrich-Mythos im Wandel der europäischen Geistesgeschichte: Houben schildert zunächst die äußerst ambivalenten Interpretationen, die dem Stauferkaiser bereits zu Lebzeiten, meist zu propagandistischen Zwecken, widerfahren sind. Der Aspekt der gezielten Herrschaftsrepräsentation und -inszenierung am Stauferhof selbst, etwa auch im volkssprachlich-literarischen Bereich, hätte unterdessen noch stärker akzentuiert werden können. Weiterhin verfolgt der Verfasser Friedrichs Spuren nach dessen Tod, die gemäß der vieldeutigen Weissagung der erythräischen Sibylle "vivit, non vivit" u.a. zu einer Reihe von falschen Friedrichen führten oder verschiedenen Orts einen dritten Friedrich als neuen Hoffnungsträger aufscheinen ließen. Auch die gleichfalls widersprüchlichen wie jeweils zeit- und ideologiegebundenen Bilder, die sich die neuzeitliche Welt von Friedrich II. gemacht hat, zeichnet Houben bis in unsere Tage nach. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf die deutsche Sicht, sondern nimmt auch die (süd-)italienische Friedrich-Rezeption in den Blick.

Gerade die binationale und der Figur des Stauferkaisers erst wirklich gerecht werdende Perspektive, die die gesamte vorliegende Arbeit auszeichnet, erscheint besonders anregend und findet in Houben als deutschem Ordinarius an der apulischen Universität von Lecce einen geradezu prädestinierten Historiografen. Die Schlussbetrachtung deutet zudem mit der knappen Nachzeichnung des europäischen Kontextes der friderizianischen Herrschaft einen noch weiteren Horizont an, in dem der Staufer immer auch zu sehen und zu bewerten ist und vor dessen Folie seine Leistungen teilweise nüchterner als bisweilen propagiert erscheinen müssen. Hervorzuheben sind ferner das zur Anschaulichkeit beitragende umfangreiche Karten-, Tafel- und Abbildungsmaterial sowie die in Anbetracht der immens unüberschaubaren Forschungsliteratur zwar zwangsweise knappen, aber den neuesten Forschungsstand berücksichtigenden Literaturhinweise am Ende des Bandes.

Auch wenn von einer Biografie mit einführendem Charakter eine generelle Neubewertung der Figur Friedrichs II. weder zu leisten noch zu erwarten ist, so zeichnet sich die vorliegende Arbeit doch durch ausgewogene Urteile und umsichtige Interpretation der Quellen im Detail aus. In Bezug auf einzelne Aspekte wird gegenüber früheren Biografien eine Aktualisierung des Forschungsstandes vorgenommen, etwa im Fall der Sizilianischen Fragen, die inzwischen nicht mehr der Autorschaft Friedrichs II. zuzuschreiben sind (146), jedoch etwa bei Stürner noch als authentisch friderizianisch angesehen werden - nicht ohne Folgen für die Bewertung der wissenschaftlichen Interessen Friedrichs II. Houben ist mit dem vorliegenden Werk eine anschauliche und zudem sehr angenehm zu lesende Einführung gelungen, die den Herrscher, Menschen und Mythos Friedrich II. insgesamt aus einer geglückten Vogelsperspektive beschreibt, ohne dabei das Quellenfundament aus dem Blick zu verlieren. Gerade auch der weite und zugleich differenzierte Blick eines deutschen Mediävisten vom Stiefelabsatz Italiens aus auf den sizilianisch-staufischen Kaiser dürfte der anregenden Darstellung zugute gekommen sein und sie zum lohnenden Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit dem Stauferkaiser machen.

Susanne Klouth