Rezension über:

Simone Simpson: Zwischen Kulturauftrag und künstlerischer Autonomie. Dresdner Plastik der 1950er und 1960er Jahre (= Dresdner Historische Studien; Bd. 7), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2008, 352 S., ISBN 978-3-412-20101-2, EUR 39,90
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Rezension von:
Sigrid Hofer
Kunstgeschichtliches Institut, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Sigrid Hofer: Rezension von: Simone Simpson: Zwischen Kulturauftrag und künstlerischer Autonomie. Dresdner Plastik der 1950er und 1960er Jahre, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/15001.html


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Simone Simpson: Zwischen Kulturauftrag und künstlerischer Autonomie

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Simone Simpsons Dissertation widmet sich einem Forschungsdesiderat. Während die wissenschaftliche Aufarbeitung der Kunst in der DDR vorwiegend für das Gebiet der Malerei Interesse zeigt, wird hier die Plastik, mit besonderer Fokussierung auf den öffentlichen Raum, thematisiert. Der Untersuchungsgegenstand fordert eine Betrachtung, die den soziologischen und politischen Kontext in den Vordergrund rückt, da baugebundene Kunst in besonderer Weise der staatsideologischen Selbstdarstellung zu dienen hatte. Infolgedessen nehmen die Praxis der Auftragsvergabe und damit die Mittel und Wege der staatlichen Lenkung sowie die Kontrollinstanzen der künstlerischen Werke zentrale Kapitel der Studie ein.

Die Studie nähert sich ihrer Fragestellung in drei Abschnitten. In "Instrumente staatlicher und kommunaler Auftragslenkung" werden zunächst die einzelnen Organe vorgestellt. In knapper Weise präsentiert die Autorin die spezifischen Organisationsstrukturen, die führenden Persönlichkeiten, die Zuständigkeitsbereiche und die administrativen Verknüpfungen zu anderen Institutionen, ein facettenreiches Bild an bürokratischer Machtausübung entsteht. Mit dieser konzentrierten Kompilation wird ein nützliches Nachschlagewerk zur Verfügung gestellt, das einer schnellen und ersten Orientierung dienen kann.

Der folgende Abschnitt "Denkmäler, Mahnmäler und Monumente" präsentiert eine Auswahl an Kunstwerken, die gemäß der vorausgehenden Materialaufbereitung, auf die faktische Bestimmung der Auftragslage und die beschreibende Erfassung der Werke ausgerichtet ist. Der Katalog der ausgewählten Plastiken berücksichtigt verschiedene Werkgruppen, Themenbereiche und politisch-historische Rahmenbedingungen. Wiederum basieren alle Ausführungen auf Quellenstudien.

So aufschlussreich die Einzelprojekte sein mögen, so wäre es doch zweckdienlich gewesen, die Auswahl der Werke zu erläutern, sie in eine stringente Gliederung einzubinden, auf das zugrunde liegende Erkenntnisinteresse zurückzuführen. So fehlt eine Argumentationslinie, die die Objekte zusammenbinden würde. Vergleichbar dem ersten Abschnitt, der die einzelnen Organisationen losgelöst vom Kunstbetrieb, von exemplarischen Auftragsvergaben oder dem politischen Kontext präsentiert und infolgedessen deren Arbeits- und Wirkungsweise nicht exemplifiziert und damit auch nicht problematisiert, findet auch hier keine kritische Würdigung statt.

Schließlich wird im letzten Abschnitt, der sich der "Entwicklung der baugebundenen Plastik in Abhängigkeit von der DDR-Architektur" widmet, verstärkt der städtebauliche Kontext als Folie der Auftragsvergabe einbezogen. Soweit möglich liefert die Autorin die historischen Begleitumstände, die den Stadtumbau bzw. -neubau geleitet haben, bezieht immer wieder die Arbeit der Kommissionen ein und lässt Fragen des nationalen Bauens anklingen. Das Hauptaugenmerk ist jedoch auch hier auf die beschreibende Auffächerung der plastischen Arbeiten, auf ikonografische und formale Beobachtungen gerichtet.

Kurze Verweise auf die stilistische Gesamtlage in Österreich oder Westdeutschland und auf die Fortführung der Vorkriegstradition erweitern den lokalhistorischen Rahmen der Untersuchung. Eine tiefer gehende Analyse und Bewertung der Vorgänge, der politisch-ideologischen Intentionen, des geforderten künstlerischen Programms, der parteiinternen Stellungnahmen oder auch der Rezeption in der Öffentlichkeit ist nicht erstrebt. Doch wäre es wünschenswert gewesen, das Wechselverhältnis zwischen staatlichem Lenkungsmechanismus und künstlerischem Autonomiestreben, das der Titel der Publikation verspricht, als kritischen Diskussionsrahmen vorzugeben, welchen die vorgestellten Einzelprojekte unterfüttert hätten. Auch wenn diese Erwartungen nicht erfüllt sind, ist durch die Sichtung und Präsentation sowohl der künstlerischen Werke wie des in breitem Umfang ausgewerteten Archivmaterials ein kulturpolitisch bedeutsames Kapitel der Dresdner Stadtgeschichte aufgeschlagen.

Sigrid Hofer