Rezension über:

Bernhard Assmann / Patrick Sahle: Digital ist besser. Die Monumenta Germaniae Historica mit den dMGH auf dem Weg in die Zukunft - eine Momentaufnahme., Norderstedt: Books on Demand 2008, 56 S., ISBN 978-3-8370-2987-1, EUR 11,95
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Rezension von:
Thomas Just
Österreichisches Staatsarchiv / Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Just: Rezension von: Bernhard Assmann / Patrick Sahle: Digital ist besser. Die Monumenta Germaniae Historica mit den dMGH auf dem Weg in die Zukunft - eine Momentaufnahme., Norderstedt: Books on Demand 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/14673.html


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Bernhard Assmann / Patrick Sahle: Digital ist besser

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Digital ist besser. Die deutsche Band "Tocotronic" wusste das bereits 1995, als ihr erstes Album unter diesem Titel erschienen ist. Dass die Monumenta Germaniae Historica mit ihrer Editionsreihe, eine der traditionsreichsten und renommiertesten Unternehmungen der deutschsprachigen Geschichtswissenschaften, bereits 1995 auch dieser Ansicht gewesen ist, darf bezweifelt werden. Allerdings welche andere deutschsprachige Geschichtsinstitution dachte damals schon so, wie die bis heute stilbildende Band "Tocotronic"? Immerhin aber hat sich dieses Denken geändert, darum soll hier diese Besprechung des digitalen Angebots der Monumenta Germaniae Historica angezeigt werden. Die Besprechung, die mit 55 Seiten recht umfangreich ausgefallen ist, beginnt ihren Weg durch die digitale MGH mit einem Rückblick auf die bereits verstorbene eMGH, die unter Verzicht auf das "editorische Rankenwerk" der Editionen (Vorworte, Einleitungen, Sachanmerkungen, Variantenapparate, etc.), den puren Text der Editionen bot. Mag das, gerade bei einer Institution wie der MGH, schon seltsam anmuten, ist auch das verwendete Medium der CD-Rom zu kritisieren, dass ja schon lange tot ist. Umso verblüffender ist es, wenn auch heute noch bei Buchpublikationen CD-Roms beigelegt werden, denn die Haltbarkeit der Daten auf dem Datenträger ist bekannterweise mehr als beschränkt, sodass all diesen Publikationen der süße Duft des Vergänglichen anhaftet. Daher ist der Schritt der MGH weg von der eMGH hin zur dMGH in Richtung Nachhaltigkeit nur zu begrüßen. So bietet die digitale MGH nun eine Retrodigitalisierung aller Bände der klassischen MGH. Neuerscheinungen werden drei Jahre nach ihrem Erscheinen ebenfalls online gestellt, sodass hier laufend mit textlichen Updates zu rechnen ist. Der Weg zu einer Volltextgewinnung ist eingeschlagen, der Text von Sahle und Assmann gibt auf Seite 9 dafür einen Projektrahmen bis in das Jahr 2010 an, mittlerweile bietet die dMGH bereits eine Volltextsuche auf ihrer Homepage an, die Assman und Sahle in ihrer Besprechung noch als dMGH Beta bezeichnen. Ein tolles Tool, das die Arbeit zum Auffinden mancher Texte sehr erleichtert. Aber auch die virtuelle Blättermaschine der dMGH hat sich mittlerweile bewährt und funktioniert mit praktisch allen gängigen Browsern einwandfrei. Der auf Seite 13, Fussnote 14 von Assmann und Sahle gebrachte Ansatz, dass man die Bände der MGH aus einer "materialistischen Gegenposition heraus" hätte digitalisieren sollen, die als "museale (unikale) Objekte [...] mit Einband und z. B. Benutzungsspuren [...] zu digitalisieren" gewesen wären, ist eine hübsche Gedankenspielerei, aber für den wirklichen Nutzen der dMGH wohl nicht einmal von zweitrangiger Bedeutung. Sehr gut arbeiten die beiden Autoren die Fehler, die bei der Digitalisierung gemacht wurden, heraus: so wurden beispielsweise bei SS Auct. Ant. 11 zwei Haupteinträge des Inhaltsverzeichnisses vergessen oder übersehen. Dieser Fehler ist mittlerweile beseitigt. Auch andere Kritikpunkte der beiden Autoren wurden von der dMGH anscheinend beherzigt und die im Buch vorgeschlagenen Lösungsansätze dafür umgesetzt. Ziemlich skurril muten die von Assmann und Sahle genannten Kopierschutzmechanismen der dMGH an (18ff), die einem Copyrightdenken von gestern folgen, wenn eine IP-Adresse des Nutzers und ein Zähler mitprotokolliert wird und bei 300 Aufrufen eines Nutzers eine Servermeldung erscheint, dass der Server nun leider ausgelastet wird. Dankenswerterweise liefern Assmann und Sahle auch gleich die Methode mit, wie dieser Vorgang umgangen werden kann. Ich denke nicht, dass hier die Angst vor Datenklau umgehen muss, denn wer soll sich bitte ganze Bände der MGH downloaden und diese dann geschäftsmäßig vertreiben? Der Markt für diese Art von Publikation ist ein sehr kleiner, der sicher nicht von Raubkopierern bedient werden wird. Diese Art des Kopierschutzes wird aber mittlerweile wohl der Vergangenheit angehören.

Die große Stärke der Arbeit von Assmann und Sahle liegt in ihrem Streben nach vorne. Sie begutachten die bisherige Arbeit der dMGH nicht nur durchaus kritisch, sondern bieten auch fundierte Vorschläge für die Weiterentwicklung der dMGH. Besonders interessant und spannend ist das leider etwas zu kurz geratene Kapitel zur medialen Logik (es umfasst knapp mehr als eine Seite), wo auch das Thema der digitalen Repräsentationen kurz angesprochen wird. Dieses ist besonders für Archive und Bibliotheken ein spannendes und bereits viel diskutiertes Thema, das vor allem auch in der Frage der digitalen Langzeitarchivierung immer bedeutender wird.

Blickt man aktuell auf die Seiten der dMGH sieht man, dass viele Neuerungen bereits vorgenommen wurden. Besonders spannend ist das Projekt der Verknüpfung von Geodaten mit den Editionsdaten. Es wird dies auf den Seiten von dMGH bereits getestet, indem man für die bekannten echten Urkunden der Merowingerzeit die Empfänger mit Geokoordinaten versehen und mit den dMGH verlinkt hat. Man bedient sich hier am Kartenmaterial von Google Maps. Anhand einer derartigen Darstellung kann beispielsweise die regionale Verteilung der Urkundenüberlieferung in Abhängigkeit von der Zeit veranschaulicht werden. Noch basiert diese Darstellung auf statischen XML-Dateien, die sicherlich von einer Datenbank abgelöst werden sollen. Dieser Demoversuch sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Auch dass die dMGH mittlerweile eine API anbietet, zeigt den Willen zur weiteren Kommunikation mit der Fachwelt.

Festzuhalten bleibt, dass es Assmann und Sahle gelungen ist die Vor- und Nachteile des dMGH Systems herauszuarbeiten. Kritisiert werden vor allem technische Unzulänglichkeiten, die möglicherweise beim Projektpartner der MGH, dem Münchner Digitalisierungszentrum (MDZ), liegen, dem die Verfasser "nicht sachbezogene Technik" vorwerfen. Spannender aber sind die Vorschläge, die Edition der MGH zu remodellieren, die Vorteile der digitalen Welt mit dem Know-How der klassischen MGH zusammenzuführen. Dies würde am Ende auf ein völlig neuartiges digitales Informationssystem der MGH hinauslaufen, in dem alle Neufunde, Projektvorarbeiten, Rückmeldungen aus der Forschung etc. einfließen müssten. Diese neuartige Form von Wissens- und Informationsmanagement wäre ein Meilenstein auf dem Weg dahin, dass die Unterscheidung zwischen MGH und dMGH aufgehoben ist. Denn nur dies kann das Ziel eines solchen Projektes sein.

Thomas Just