Rezension über:

Charlotte Lerouge: L'image des Parthes dans le monde gréco-romain. Du début du Ier siècle av. J.-C. jusqu'à la fin du Haut-Empire romain (= Oriens et Occidens. Studien zu antiken Kulturkontakten und ihrem Nachleben; Bd. 17), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007, 427 S., ISBN 978-3-515-08530-4, EUR 62,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Erich Kettenhofen
Fachbereich III, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Erich Kettenhofen: Rezension von: Charlotte Lerouge: L'image des Parthes dans le monde gréco-romain. Du début du Ier siècle av. J.-C. jusqu'à la fin du Haut-Empire romain, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/13872.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Charlotte Lerouge: L'image des Parthes dans le monde gréco-romain

Textgröße: A A A

Mit der überarbeiteten Dissertation von Frau Lerouge (Université Paris X - Nanterre ) ist die Reihe Oriens et Occidens um einen stattlichen Band bereichert worden. H. Sonnabend hatte in seiner Dissertation die Vorstellungen der Römer von Ägypten und dem Partherreich noch miteinander verglichen und den zeitlichen Rahmen zudem enger gezogen. [1] In der hier vorliegenden Arbeit wird das Thema erneut aufgegriffen und in weitaus größerer Ausführlichkeit für die gesamte Zeit parthisch-römischer Kontakte beleuchtet, beginnend mit der Begegnung des Proprätors Sulla mit Orobazes, und endend mit der militärischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Macrinus und dem parthischen Herrscher Artabanos IV. in den Jahren 217/218 n.Chr. [2] Das Bild, das sich Rom von den Parthern und ihrer Politik machte, wird von der Verfasserin in vier großen Kapiteln beleuchtet, die knapp die Hälfte des Buches einnehmen.

Es verwundert nicht, dass die Haltung Roms dem östlichen Nachbarn gegenüber variierte zwischen Furcht, Verachtung und Bewunderung; es ist zu achten auf das Bild, das jeweils von den Parthern gezeichnet werden sollte, unabhängig, ob es auf präzisen Beobachtungen beruhte oder lediglich Klischees bemüht wurden, sei es das des "Barbaren", des "Orientalen" oder des "Persers", wie es seit den Perserkriegen des 5. Jahrhunderts von griechischen Autoren tradiert und später von römischen Autoren übernommen wurde. Die Kapitel 5 bis 9 sind als 2. Hauptteil dem ethnografischen Bild der Parther gewidmet; behandelt werden die Herkunft des parthischen Volkes, das Arsakidenreich und seine Grenzen in den griechisch-römischen Quellen, Institutionen und politisches Leben im Arsakidenreich, militärische Fähigkeiten der Parther sowie deren Sitten und Gebräuche. Wird hier, vor allem im 8. Kapitel über das Militärwesen, eine Überfülle an Informationen in großer Ausführlichkeit geboten, so vermisst man leider entsprechende Informationen über die Sozialstruktur und die Wirtschaft des Partherreiches, was nur teilweise durch die unzureichenden Nachrichten entschuldigt werden kann. Anderes, wie Fragen der Erziehung oder der Status der Konkubinen am Hof, wird nur in wenigen Anmerkungen angedeutet. [3] Dass die Verfasserin das Bild der Frau in den griechischen und römischen Quellen nicht eigens thematisiert, mag ebenso überraschen.

Lerouge stellt an den Anfang ihres Werkes eine knappe Skizze der parthischen Geschichte bis zur ersten Begegnung der Parther mit Rom wie auch der 'parthischen Zivilisation', wo auch nicht-historische Quellen zur Sprache kommen. Sie wirft einen kurzen Blick auf die Forschungslage, wo sie mit Recht an H. Sonnabends Dissertation anknüpft, und bietet schließlich einen informativen Überblick über die Quellen, wo allerdings literarische dominieren.

In den ersten vier Kapiteln dokumentiert die Verfasserin - gründlich und kenntnisreich - zuerst die Ereignisse, überprüft darauf jeweils die Haltung der Handlungsträger auf römischer Seite, mit teilweise von der communis opinio abweichenden, aber durchaus erwägenswerten Überlegungen, um schließlich zu versuchen, sie in einen größeren Verstehenshorizont einzuordnen. Das Fazit, das Lerouge am Ende der jeweiligen Kapitel zieht, ist in meiner Sicht überzeugend und kann hier nicht nachgezeichnet werden.

Im ethnografischen Teil des Buches hat die Verfasserin in akribischer Detailarbeit eine Überfülle an Informationen zusammengetragen, die in dieser Ausführlichkeit in den vorliegenden Überblicksdarstellungen zur parthischen Geschichte noch nicht geboten wurde. Im Diskurs über die Ursprünge des parthischen Volkes wird sehr schön aufgezeigt, warum verschiedene, nicht miteinander harmonisierte Traditionen über diese origines entstanden. Mit Recht vertritt die Verfasserin die Vorrangstellung des Überlieferungsstranges bei Strabon und Iustin. Aber auch die Differenzen bei beiden Autoren und zwischen den beiden Überlieferungssträngen werden minutiös herausgearbeitet, auch wenn immer zu bedenken ist, dass Strabons Quellen nicht erhalten sind, ebenso wenig das Original des Pompeius Trogus.

Die wertvollen Details, die die Verfasserin im 6. Kapitel zur Beschreibung des Partherreiches aus den griechisch-römischen Quellen (auch parthische Autoren wie Isidor und Apollodor werden berücksichtigt) zusammenträgt, fügen sich zu einem überzeugenden Gesamtbild. Dass das Wissen um die präzisen Grenzen des Partherreichs gering war, hier vor allem das der östlichen Grenzen, kann nicht überraschen, ebenso wenig, dass man rekurrieren musste auf Quellen, die den aktuellen Zustand keinesfalls wiedergeben konnten.

Bei der Beschreibung der 'Institutionen und des politischen Lebens im Arsakidenreich' konzentriert sich Lerouge auf die Rolle des Königs, in diesem Zusammenhang auch auf die Frage, welche Rolle dabei das bei Strabon XI 9,3 genannte "régime à deux sénats" (S. 246) gespielt hat, sowie das Funktionieren der arsakidischen Monarchie im Lichte der griechisch-römischen Quellen. Bedingt durch den Reichtum an Informationen, die die griechisch-römischen Quellen zur militärischen Ausrüstung des parthischen Heeres bieten, ist dieses Kapitel das weitaus umfangreichste. Immerhin mussten die römischen Autoren einräumen, dass die Parther ein Volk sind, das den Römern Niederlagen zufügen kann; andererseits warfen sie ihnen auch vor, dass sie keinen Nahkampf bestehen und auch nicht ausdauernd kämpfen könnten, was wiederum ihrer 'barbarischen' Herkunft geschuldet sein soll; daneben ist auch die Angleichung der Parther an die Perser zu beobachten, die ihnen militärischen Wert absprach, während ihre militärische Stärke auf ihre skythischen Ursprüngen zurückgeführt wurde. Im letzten Kapitel des 2. Hauptteils wird die Religion der Parther behandelt, wo den griechisch-römischen Autoren keine authentischen Quellen vorlagen und sie daher auf Informationen aus der Achaimenidenzeit zurückgriffen, "coutumes matrimoniales et sexuelles des Parthes" sowie schließlich der Reichtum bei den Parthern ("une image duelle").

Wichtige Quellenzeugnisse sind in französischer Übersetzung beigegeben, in wenigen Fällen ist der originale Wortlaut ebenfalls mit abgedruckt. Auf die Auflistung sachlicher Fehler muss ich hier verzichten. Eine letzte Durchsicht kann nicht stattgefunden haben (vgl. etwa S. 120. 223. 304. 349. 355 ). Beeindruckend ist die umfangreiche Bibliographie (S. 365-390), wo allerdings ebenfalls zahlreiche Fehler begegnen: Einige deutschsprachige Titel vermisst man, u.a. die Arbeiten von M. Karras-Klapproth und Th. Schrapel. Manche in den Anmerkungen angegebenen Arbeiten sind vergessen worden (z.B. S. 79 Anm. 134, 214 Anm. 109, 255 Anm. 40). Es folgt eine "Liste des planches et cartes" (S. 391). Die beiden Karten sind nicht eigens für das Buch gezeichnet; leider fehlen zahlreiche Einträge, die für das Verständnis des 6. Kapitels hilfreich wären (wie Dahistan und Arachosien).

Dankenswerterweise sind mehrere Indices beigegeben, die, soweit ich Stichproben machte, Lücken aufweisen. Als "Annexe" ist ein Verzeichnis der arsakidischen Könige abgedruckt, das der englischen Übersetzung von J. Wiesehöfers Standardwerk über die Perser entnommen ist. Ärgerlich sind jedoch die zahlreichen Diskrepanzen zu den Angaben im Text. Das in unterschiedlichen Druckformen geschriebene detaillierte Inhaltsverzeichnis beschließt den stattlichen Band.

Ungeachtet mancher hier vorgebrachter Einzelkritik hat die Verfasserin ein beeindruckendes Werk über die unterschiedlichen Partherbilder (so im Ergebnis korrekter als im Titel ausgedrückt) und ihre jeweilige Kontextualisierung vorgelegt, für das man Lerouge Respekt zollen muss und das für lange Zeit das maßgebende Werk zu dieser Thematik bleiben wird.


Anmerkungen:

[1] Holger Sonnabend: Fremdenbild und Politik. Vorstellungen der Römer von Ägypten und dem Partherreich in der späten Republik und frühen Kaiserzeit, Frankfurt am Main u.a. 1986.

[2] Nicht korrekt hier Seite 97 Anmerkung 63: Severus Alexander führte keinen Krieg gegen die Parther, wie Septimius Severus und Caracalla, vielmehr reagierte er auf das Vordringen des Sasaniden Ardašir I. in die römischen Ostprovinzen.

[3] Vgl. etwa Seite 286 Anmerkung 51; Seite 330 Anmerkung 36; Seite 340 Anmerkung 84.

Erich Kettenhofen