Rezension über:

Victor Cojocaru (ed.): Ethnic contacts and cultural exchanges north and west of the Black Sea. From the Greek colonization to the Ottoman Conquests. Proceedings of the International Symposium Ethnic Contacts and Cultural Exchanges North and West of the Black Sea, June 12-17, 2005, Iasi: Trinitas 2005, 550 S., ISBN 978-973-7834-37-9, EUR 73,00
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Rezension von:
Roland Oetjen
Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik des Deutschen Archäologischen Instituts, München
Redaktionelle Betreuung:
Tassilo Schmitt
Empfohlene Zitierweise:
Roland Oetjen: Rezension von: Victor Cojocaru (ed.): Ethnic contacts and cultural exchanges north and west of the Black Sea. From the Greek colonization to the Ottoman Conquests. Proceedings of the International Symposium Ethnic Contacts and Cultural Exchanges North and West of the Black Sea, June 12-17, 2005, Iasi: Trinitas 2005, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 3 [15.03.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/03/11825.html


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Victor Cojocaru (ed.): Ethnic contacts and cultural exchanges north and west of the Black Sea

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Seit der Antike bildet die nördliche und westliche Küste des Schwarzen Meeres einen Raum interethnischer Kontakte und interkulturellen Austausches. Der von Cojocaru herausgegebene Sammelband enthält die Beiträge zu einer internationalen Konferenz, die im Juni 2005 an der Rumänischen Akademie der Wissenschaften in Iaşi abgehalten wurde. Die 31 Aufsätze nähern sich dem Gegenstand aus politik-, sozial-, wirtschafts-, kultur- und religionsgeschichtlicher Perspektive und decken einen Zeitraum ab, der von der griechischen Besiedlung der Region bis zu ihrer Eroberung durch die Türken reicht. Die Autoren stammen aus Bulgarien, Deutschland, Polen, Moldawien, Rumänien, Russland und der Ukraine. Der Sammelband beansprucht, den Schwarzmeerraum insgesamt in den Blick zu nehmen und die traditionelle Schwäche der in den Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres betriebenen Forschung, die sich bis heute weniger an antiken Verhältnissen als modernen Ländergrenzen orientiert, zu überwinden. Ein solcher Ansatz ist überfällig und verdient besondere Anerkennung.

Die Mehrheit der Aufsätze behandelt die Beziehungen zwischen den Griechen und den einheimischen Völkern des Hinterlandes, d.h. den Gegenstand, dem die mit der Geschichte dieser Region befasste Forschung, nicht zuletzt in Russland, sich seit dem 19. Jahrhundert bevorzugt widmet. Am Beginn dieser Tradition stehen Namen wie Latyšev und Rostovcev. Die Grabungstätigkeit der vergangenen 25 Jahre hat bei gleichzeitig gewachsenem Interesse an kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu einer Fülle neuer Publikationen geführt (vgl. 56 Anm. 5).

Die Aufsätze sind chronologisch geordnet. Die ersten vier behandeln die einheimische Bevölkerung in prähistorischer Zeit. Es folgen 16 Aufsätze, die die Zeit der griechisch-römischen Antike betreffen und überwiegend historische und epigrafische Themen behandeln. Ich stelle eine Auswahl vor. Heinen bespricht das aus dem Jahre 284 stammende Ehrendekret der Athener für Spartakos III. Er analysiert die Beziehungen zwischen der Stadt und dem bosporanischen Reich und besonders die Unterstützung, die der König in der Form einer Getreidespende den Athenern bei der Befreiung von der Herrschaft des Demetrios Poliorketes im Jahre 287 zuteil werden ließ. Der Aufsatz von Cojocaru ist der Geschichte der Forschung zu den Beziehungen zwischen Griechen und Barbaren gewidmet. Cojocaru geht unter anderem der Frage des sogenannten skythischen (oder barbarischen) Protektorats über Olbia und die an der nordwestlichen Küste des Schwarzen Meeres gelegenen Städte nach, einer bereits im 19. Jahrhundert in der russischen Forschung geäußerten und von Vinogradov zu allgemeiner Anerkennung verholfenen Auffassung, wonach die Städte in ökonomischer Abhängigkeit von den Skythen standen und ihnen als Transithandelszentren dienten, während sie innen- und außenpolitisch unabhängig blieben. Der Verfasser spricht sich nach einer Überprüfung der Quellen, besonders der zugunsten des skythischen Protektorates häufig herangezogenen Münzen skythischer Könige aus den griechischen Städten, gegen die Auffassung der russischen Forschung aus und schließt auf friedliche und freundliche Beziehungen zwischen den Griechen und Einheimischen.

Mehrere Aufsätze führen in die Kaiserzeit. Haensch untersucht anhand zweier neuer Beschlüsse der Chersonesiten zu Ehren eines T. Aurelius Calpurnianus Apollonides und seiner Frau Aurelia Paulina die Beziehungen zwischen den griechischen Städten des nördlichen Schwarzmeerraumes und Rom. Er datiert die Inschrift in die Zeit zwischen dem März 173 und dem März 174 und identifiziert den Geehrten als Offizier einer auf chersonesitischem Territorium stationierten vexillatio. Der Autor stellt fest, dass die Geehrten wie in republikanischer Zeit die proxenias politeia und das Recht der freien Ein- und Ausfahrt in den Hafen der Stadt in Zeiten des Friedens und Krieges erhielten. Haensch erkennt in der Inschrift (wie in vergleichbaren Zeugnissen desselben Zeitraumes aus Chersonesos und Olbia) die von Millar als "two-level sovereignty" bezeichnete Situation, dass Städte sich ihrer Abhängigkeit bewusst waren (obwohl sie nicht direkt zum Römischen Reich gehörten), aber in der Tradition griechischer Poleis beanspruchten, mit diplomatischer Rücksicht behandelt zu werden und sich in einer Weise darzustellen, die (begrenzte) Unabhängigkeit implizierte. Ruscu und Ciongradi nehmen den griechisch-orientalischen Einschlag, den sie in der Zusammensetzung der Bevölkerung und im geistigen Leben des als lateinisch-westlich geprägt geltenden Dakien feststellen, als Ausgangspunkt, um die Beziehungen zwischen den Städten dieser Provinz und den Handelszentren Kleinasiens, besonders Bithyniens, zu analysieren. In diesem Zusammenhang soll auf den Aufsatz von Alexianu hingewiesen werden, der zweisprachige Privatinschriften aus Histria und Tomis vorstellt und das Problem der Romanitas im griechischsprachigen Schwarzmeerraum diskutiert.

Es folgen elf Aufsätze, die sich auf die byzantinische Zeit beziehen und überwiegend archäologischen Themen gewidmet sind. Die inhaltliche Breite des Sammelbandes wird durch die sprachgeschichtlichen Beiträge bestätigt. Tochtas'ev behandelt die skythische Sprache und ihre Stellung innerhalb der iranischen Sprachgruppe. Der Aufsatz von Adrian Poruciuc lässt in besonderer Weise die politischen und ideologischen Zwänge erkennen, denen historische Forschung in kommunistischer Zeit ausgesetzt war. Er behandelt anhand der altgermanischen Elemente in der rumänischen Sprache die intensiven Beziehungen, die besonders in der Zeit der Spätantike und des frühen Mittelalters zwischen Altgermanen und Südosteuropäern bestanden, und diskutiert ihre Bedeutung für die südosteuropäische Ethno- und Glottogenese. Die Präsenz der Germanen in Gebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Brudervölkern besiedelt sein sollten, ist ein Thema, das in der Forschung der DDR, aber auch des stalinistischen und poststalinistischen Rumänien verschwiegen wurde.

Von den 31 Aufsätzen sind in deutscher und englischer Sprache jeweils sieben Aufsätze geschrieben, in französischer acht und in russischer neun. Des Russischen unkundigen Lesern bleibt damit (trotz der deutschen, englischen oder französischen Zusammenfassungen) mehr als ein Viertel der Beiträge unzugänglich. Eine Übersetzung hätte die Chance geboten, die russische Forschung einem breiteren Publikum bekannt zu machen und den nördlichen und westlichen Schwarzmeerraum stärker als bisher in die altertumswissenschaftliche Forschung zu (re-)integrieren.

Gleichwohl erfüllt der Sammelband seinen Anspruch. Die 31 Beiträge decken bei beeindruckender inhaltlicher Vielfalt die gesamte Region ab. Es gelingt den Verfassern, die Beziehungen zwischen den Griechen und Einheimischen in ihren reichen Facetten darzustellen und hiermit eine Besonderheit des Schwarzmeerraumes in den Blick zu nehmen. Die Aufsätze, nicht zuletzt die besprochenen, lassen aber auch erkennen, dass die Region und die in ihr gelegenen Städte nicht nur einen Bestandteil der pontischen Steppe, sondern auch der antiken Welt bilden. Die Beziehungen zwischen dem Zentrum und der Peripherie der antiken Welt sind das zweite Hauptthema schwarzmeergriechischer Geschichte. Eine Darstellung der historischen Entwicklung der Städte des Schwarzmeerraumes im Vergleich zu derjenigen der Städte Griechenlands und Kleinasiens bleibt eine lohnende Aufgabe. Die Lage in zwei Welten macht den besonderen Reiz der Region aus, den der Sammelband in hervorragender Weise zeigt.

Roland Oetjen