Rezension über:

Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin / München: Propyläen 2008, 380 S., ISBN 978-3-549-07335-3, EUR 29,80
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Rezension von:
Bert Hoppe
Edition Judenverfolgung (EJV), Berlin
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Stellungnahme von Bogdan Musial mit einer Replik von Bert Hoppe

Empfohlene Zitierweise:
Bert Hoppe: Rezension von: Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen, Berlin / München: Propyläen 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15.01.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/01/15397.html


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Bogdan Musial: Kampfplatz Deutschland

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Bogdan Musial hat sich mit seinem neuen Werk nichts weniger vorgenommen, als den Generalschlüssel zum Verständnis der sowjetischen Geschichte bis 1941 zu präsentieren. Ob es sich um den Aufbau der Schwerindustrie handelt oder um die 'Neue Ökonomische Politik', um die Aufrüstung der Roten Armee oder die Deportationen von nationalen Minderheiten - jede politische Entscheidung Moskaus bis hin zur Ausgestaltung des staatlichen Alkoholmonopols leitete sich laut Musial aus Stalins Drang ab, einen Krieg gegen Westeuropa vom Zaun zu brechen. Letztlich sei ihm Hitler, als dieser am 22. Juni 1941 die Wehrmacht nach Osten marschieren ließ, nur um ein knappes Jahr zuvorgekommen. Spätestens seit dem Frühjahr 1941 habe Stalin nämlich die "größte Invasionsarmee aller Zeiten" im Westen der Sowjetunion zusammengezogen, um einen - so wörtlich - "Vernichtungskrieg" gegen Deutschland zu führen.

Gleich zwei Tabubrüche in einem Buch und obendrein noch eine vollständige Umwertung der Stalinschen Politik - großartig! Schade nur, dass sich diese Thesen nicht einmal mit den zahlreichen Dokumenten aus russischen Archiven belegen lassen, die Musial in seinem Buch präsentiert; selten hat ein Historiker so souverän der Zumutung widerstanden, seine Ausgangsthese anhand der Quellen zu revidieren. Auch nähere Informationen darüber, wie man sich den vermeintlich geplanten sowjetischen "Vernichtungskrieg" gegen Deutschland genau vorzustellen habe, bleibt der Autor seinen Lesern schuldig.

Dabei darf man Musial unterstellen, dass er einen derart hochgradig sensiblen Begriff nicht gedankenlos in die Debatte wirft: Der breiten Öffentlichkeit ist er als der Historiker bekannt geworden, der die erste Ausstellung des Hamburger Institutes für Sozialforschung über den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu Fall brachte; er hatte nachgewiesen, dass einige der dort gezeigten Fotos nicht Opfer der Wehrmacht, sondern des sowjetischen Geheimdienstes zeigten. Seitdem gibt er das Enfant terrible der deutschen Zeitgeschichtsforschung, regelmäßig kanzelt er die bisherige Forschung rüde ab. Auch in seinem neuen Buch wirft er der Mehrzahl seiner Kollegen pauschal vor, immer noch der kommunistischen Propaganda von der friedliebenden Sowjetunion aufzusitzen. Besser wäre es gewesen, er hätte einige ihrer Werke gelesen. Seine Literaturbasis ist nämlich recht schmal und teilweise grotesk veraltet, zentrale Bücher zu seinem Thema hingegen - insbesondere Gabriel Gorodetskys im Jahr 2001 auch auf deutsch erschienene, bahnbrechende Studie "Die große Täuschung" über Stalin und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion - tauchen bei ihm überhaupt nicht auf.

Eine solch selektive Literatur- und Quellenrezeption hat freilich den Vorteil, sich nicht mit Argumenten und Fakten auseinandersetzen zu müssen, die die eigenen Thesen infrage stellen könnten. So lässt sich Stalin beispielsweise nur dann als blinder Revolutionsexporteur darstellen, wenn man einige (teils schon lange bekannte) Dokumente stillschweigend übergeht: Mit keinem Wort erwähnt Musial beispielsweise, dass Stalin die Erfolgsaussichten des von der Komintern geplanten Staatsstreiches im Jahr 1923 äußerst skeptisch beurteilte. "Wenn in Deutschland die Macht heutzutage stürzt und die Kommunisten sie aufheben, dann werden sie mit Pauken und Trompeten scheitern", hatte Stalin im August 1923 erklärt und daraus für die Umsturzpläne der KPD gefolgert: "Meiner Meinung nach muss man die Deutschen zurückhalten und nicht ermuntern." Nach dem absehbaren Scheitern der von seinem Rivalen Trotzki vorangetriebenen deutschen Revolutionspläne strich Stalin der KPD Ende 1924 folgerichtig auch die Zuschüsse für deren "Militärarbeit" zusammen. Thälmann nörgelte daraufhin, die KPD müsse nun von "der konsequenten Vorbereitung des Bürgerkrieges" abrücken.

Solche Kleinigkeiten interessieren Musial nicht, er zitiert stattdessen ausführlich aus den Briefen und Aussagen Stalins, in denen sich dieser gegenüber seiner Gefolgschaft pflichtgemäß als Revolutionär und Haudegen stilisierte. Mit quellenkritischem Klein-Klein - also den Fragen wo, vor wem und warum der Diktator die jeweiligen Aussagen machte - hält sich Musial hierbei nicht auf. Daher nimmt er die Rede, die Stalin am 5. Mai 1941 vor Absolventen der Militärakademie hielt, für bare Münze - schließlich hatte der Diktator seinen Zuhörern ja eingeschärft, was er jetzt sage, sei geheim! Stalin zog damals über die "überheblich" gewordene Wehrmacht vom Leder und rühmte den angeblich erfolgreichen Umbau der Roten Armee zu einer modernen Angriffsarmee. Mit diesen Worten - so Musials keineswegs brandneue Interpretation - wollte Stalin seine Soldaten auf einen Angriff auf Deutschland vorbereiten, der "in naher Zukunft" stattfinden sollte, laut Musial möglicherweise schon im Frühjahr 1942.

Mit den vielen anderen Dokumenten über den Stand der sowjetischen Aufrüstung, die Musial zitiert, lässt sich diese These allerdings nicht stützen. So hatte Stalin noch im November 1940 geklagt, die sowjetische Luftwaffe sei faktisch wertlos und müsse komplett neu aufgebaut werden. Hätte Musial ein Buch über die Rückschläge der sowjetischen Rüstungsbemühungen schreiben wollen, hätte es ein beeindruckendes Werk werden können: Detailliert schildert er, dass es den Truppen an Munition fehlte, hunderttausende Soldaten barfuß zum Dienst erscheinen mussten und wie häufig niemand die teuer eingekauften, modernen Waffen zu bedienen wusste. Weshalb sich Stalin unter solchen Bedingungen zum baldigen Angriff auf einen übermächtigen und an Blitzsiege gewohnten Gegner entschlossen haben soll, bleibt Musials Geheimnis - er interpretiert selbst den Beschluss, störanfällige Panzerketten auszutauschen, als Beleg für die Vorbereitung eines Angriffskrieges.

Auch aus den Worten des sowjetischen Generalstabschefs, wenn die Sowjetunion angegriffen werde, müsse die Rote Armee der feindlichen Armee "vernichtende Schläge" versetzen, kann Musial nur offensive Absichten herauslesen. Folglich hält er die hysterischen Warnungen der Bolschewiki vor einem drohenden Angriff kapitalistischer Mächte auf die Sowjetunion für eine Propagandafinte. Musial entgeht somit ein wesentliches Motiv sowjetischer Außenpolitik, denn tatsächlich wähnten sich die Bolschewiki seit ihrer Niederlage gegen Polen vor Warschau im August 1920 und seit den alliierten Interventionen im sowjetischen Bürgerkrieg von Feinden umgeben, die nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, auf die Sowjetunion loszustürzen. Für Stalin war diese Bedrohung so real, dass er im Oktober 1930 in einem Brief an den Geheimdienstchef Menschinski anregte, die Arbeiter Westeuropas durch die Komintern über die angeblichen Angriffspläne der westlichen Regierungen aufzuklären. Auf diese Weise, so war Stalin überzeugt, ließen sich die alliierten "Interventionsversuche für die nächsten ein bis zwei Jahre paralysieren, torpedieren, was für uns nicht unwichtig ist."

Diese Einblicke in das Denken der Bolschewiki relativieren ihre monströsen Massenverbrechen in der Zwischenkriegszeit keineswegs - ohne die Kenntnis dieser paranoiden Furcht vor äußeren und inneren Feinden jedoch lässt sich die Dynamik des stalinistischen Terrors, lassen sich die Massenmorde an vermeintlichen "Volksfeinden" und die Deportationen "feindlicher nationaler Minderheiten" nicht erklären. Molotow rechtfertigte noch 1975 diese mörderische Logik, als er Stalins Terrorkonzept zustimmend mit den Worten zusammenfasste: "Möglicherweise fällt ein Kopf zu viel, doch dafür gibt es im Krieg und nach dem Krieg keine Schwankungen."

Derartige Überlegungen über die Motive der Täter und die Ursachen des Terrors sind für Musial offensichtlich zu einfühlsam. Er will Stalins Verbrechen der Zwischenkriegszeit, die er in seinem Buch ausführlich schildert, nicht erklären. Es reicht ihm, sie zu verdammen. Da kann ein wenig spekulativer bodycount nicht schaden: Als seien die belegbaren Opferzahlen nicht hoch genug, errechnet Musial für die Sowjetunion und die sowjetisch besetzten Gebiete Osteuropas für die Zeit zwischen 1917 und 1941 die "theoretische Zahl" von 16 Millionen Opfern des kommunistischen Terrors - einschließlich der ungezeugten Kinder verhungerter und erschossener Bauern. Damit - so konstatiert Musial auf der letzten Seite seines Buches - überstieg die Gesamtopferzahl des kommunistischen Terrors in Europa die des Nationalsozialismus. Man wird nach der Lektüre des Buches den Eindruck nicht los, als sei diese Feststellung das eigentliche Ziel des Autors gewesen.

Bert Hoppe