Rezension über:

Helmut Walser Smith: The Continuities of German History. Nation, Religion, and Race across the Long Nineteenth Century, Cambridge: Cambridge University Press 2008, vii + 246 S., ISBN 978-0-521-72025-0, GBP 15,99
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Rezension von:
Dieter Langewiesche
Historisches Seminar, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Dieter Langewiesche: Rezension von: Helmut Walser Smith: The Continuities of German History. Nation, Religion, and Race across the Long Nineteenth Century, Cambridge: Cambridge University Press 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15.01.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/01/15041.html


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Helmut Walser Smith: The Continuities of German History

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Wie Helmut Walser Smith Kontinuitätslinien in der deutschen Geschichte erzeugt und was dabei verloren geht.

1. Der Holocaust als Zielpunkt der Kontinuitätskonstruktion

Helmut Walser Smith hat sich mit seinen Werken als einer der besten Kenner der deutschen Religionsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert profiliert. Nun nutzt er diesen Blick auf die deutsche Geschichte, um nach langen Kontinuitätslinien zu fragen, weitaus längeren als der Titel erkennen lässt, denn es geht keineswegs nur um das 'lange 19. Jahrhundert'. Vom Mittelalter führt der Autor einzelne Linien bis in die Gegenwart, die Hauptlinie lässt er auf den Holocaust zulaufen. Von den Sonderwegsdeutungen grenzt er sich ab, doch auch er will erklären, warum aus der deutschen Geschichte die Shoa hervorgehen konnte. Zu erkennen sei das nur - auf dieser Annahme ist seine Argumentation durchgängig aufgebaut -, wenn lange historische Entwicklungen betrachtet werden. Darin stimmt er ausdrücklich Daniel Goldhagen zu, wenngleich er dessen Deutung eines spezifisch deutschen Vernichtungsantisemitismus, der tief in der Geschichte angelegt sei, ablehnt.

Smith entwirft eine andere Form von Kontinuität. Wie er sie begründet sieht, erläutern die Sätze, mit denen das Buch schließt, und zugleich umreißen sie das methodologische Zentralproblem einer Jahrhunderte übergreifenden Langzeitperspektive: Wenn die im Jahre 1941 einsetzende systematische Ermordung der Juden keine Vorläufer hatte - "Where then does continuity lie? Not in genocide, but in the imagination of expulsion, in the severing of ties to others, and in the violent ideologies, nationalism, anti-Semitism, and racism, that make these things possible to think, support, and enact." (233)

Aus den gesellschaftlichen Wirkkräften, die Smith hier nennt, sieht er das Bedingungsgeflecht entstehen, das den Genozid an den Juden ermöglichte. Sie verfügen jedoch alle über eine je eigene veränderungsreiche Geschichte, die unterschiedlich weit zurückführt. Diese Geschichtsfäden über Jahrhunderte hinweg auszuspinnen und an geschichtsmächtigen Entscheidungspunkten miteinander zu verknoten, ist außerordentlich anspruchsvoll. Es soll ein komplexes Gewebe entstehen, das eine Vielfalt langfristiger historischer Prozesse abzubilden vermag, verbunden mit punktuellen Ereignissen, die das weitere Geschehen prägten. Doch zugleich soll dieses Gewebe ein eindeutiges Bild entwerfen, indem es die Kontinuitäten im Wechsel der Zeiten hervorhebt und auf jenes singuläre Ereignis ausrichtet, das es in seinen Möglichkeitsbedingungen historisch zu erklären gilt: den Holocaust.

2. Zur Methodologie von longue durée-Konstruktionen

Wie Kontinuität und Wandel in Jahrhunderte umspannenden Entwicklungen erkannt und in ihrer Bedeutung gewichtet werden sollen, erläutert Smith methodologisch eher beiläufig in einer Fußnote (10, Fn 23). Dort definiert er unter Rückgriff auf Alexander Gerschenkron Kontinuität als lange Kausalkette ("continuity as a long causal chain" bzw. als "length of causal regress"). Gelegentlich tritt als weiteres Kriterium hinzu, dass der Wandel, der Kontinuität unterbricht, stabil genug sein muss, um erneut Kontinuität zu erzeugen ("stability in the rate of change"). Mit dem theoretisch anspruchsvollen Aufsatz On the Concept of Continuity in History (1962), auf den sich Smith bezieht, hatte Gerschenkron seine einflussreiche Analyse ökonomischer Rückständigkeit fundiert. [1] Als Wirtschaftshistoriker griff er auf statistische Datenreihen zurück und zielte auf ein generalisierbares Modell ökonomischer Entwicklung. Smith hingegen steht vor dem Problem, ein Ereignis, das historisch singulär ist, aus Vorgeschichten ableiten zu müssen, die sich nicht quantifizieren lassen und auch andere Entwicklungsmöglichkeiten einschließen. Gerschenkrons ökonomisches Modell argumentiert historisch, ist jedoch auf Wiederholbarkeit in der Zukunft angelegt und deshalb falsifizierbar. Smiths Deutung argumentiert mit historischer Plausibilität. Sie kann nicht mit Daten widerlegt - weder aus der Vergangenheit noch aus der Zukunft -, ihr kann nur mit Plausibilitätsargumenten widersprochen werden, die auf eine andere Deutung der Vergangenheit ausgerichtet sind und deshalb auch andere Zukunftsmöglichkeiten entwerfen.

Die Abhängigkeit historischer Kontinuitätsentwürfe vom Analysekonzept hat Gerschenkron weitaus genauer und behutsamer bestimmt als es Smith in seinem kurzen Hinweis zu den methodologischen Grundlagen seiner Frage nach den Kontinuitäten in der deutschen Geschichte aufnimmt. "At all times and in all cases continuity must be regarded as a set of tools forged by the historian rather than as something inherently and invariantly contained in the historical matter. To say continuity means to formulate a question or a set of questions and to adress it to the material. [...] It is the historian who by abstracting from differences and by concentrating on similarities establishes the continuity of events across decades or centuries filled with events that lack all pertinency to the continuity model. It is the historian who decides how far back the causal chain should be pursued and by his fiat creates its 'beginning' as he creates endogenous and exogenous events. And it is the historian's own model in terms of which changes in the rate of historical change are defined. " Damit fälle der Historiker zwar "arbitrary decisions", "but once created their use is constrained by the requirement of consistency and the rules of historical evidence; and they will be known by their fruits, that is to say, their usefullness in organizing empirical data in such a fashion as to obtain meaningful, and interesting, though not necessarily positive and final, results." [2]

Akzeptiert man die theoretische Grundlage, auf die sich Smith mit seinem Rekurs auf Alexander Gerschenkron stellt, so hat eine faire Betrachtung seines Bild der deutschen Geschichte zweierlei zu fragen: Sind die Kontinuitätskonstruktionen, aus denen das hier präsentierte Geschichtsbild entsteht, innerhalb des Ansatzes, für den sich der Smith entschieden hat, konsistent, und ordnen sie das historische Geschehen in einer sinnvollen Weise? Mehr verspricht Gerschenkrons methodologisches Instrumentarium, mit dem historische Kontinuität in langen Zeiträumen identifiziert werden soll, nicht. Gerschenkron weiß das, deshalb begrenzt er die Aussagekraft seiner historischen Kontinuitätsentwürfe. Er weist sie als Hypothesen aus, die helfen sollen, ein komplexes Geschehen sinnvoll zu ordnen - in einer bestimmten Perspektive. Wählt man eine andere, taugen seine Hypothesen nicht.

Zu einer solchen Bescheidenheit - begründet im Wissen um die methodologischen Grenzen jeder long durée - bekennt sich Smith nicht. Sein Anspruch zielt hoch: "Against conventional wisdom", wie es in dem Vorspann heißt, soll die deutsche Geschichte in neuer Weise gedeutet werden, indem der Holocaust in eine lange Geschichtslinie eingeordnet, nicht aber als ein spezifisch deutscher "path to destruction" ausgewiesen wird. Es gehe, wie er mit Verweis auf Alain Finkielkraut [3] schreibt, um "the history of a lost humanity" (12). Vielleicht verträgt sich ein solcher Erklärungsanspruch, wenn er an viele Jahrhunderte deutscher und europäischer Geschichte gerichtet wird, nicht mit der Bescheidenheit, die Alexander Gerschenkron für diese Art hypothetischer Geschichtsschreibung fordert, vielleicht überführt er, ohne dass der Autor es wahrnimmt, Geschichtswissenschaft in Geschichtsphilosophie.

3. Europa als Moral-Kontrast und als Element der Dramatisierung deutscher Geschichte

Die fünf Kapitel des Buches legen fünf unterschiedliche Längsschnitte durch die deutsche und auch die europäische Geschichte. Im ersten fragt der Autor nach "dem Fluchtpunkt der deutschen Geschichte" ("The vanishing point of German History"), im zweiten erinnert er an die Vorstellungen von Nation vor der Ära des Nationalismus, um dann im dritten Kapitel die Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg mit einer Form von Nationsbildung zu verbinden, die auf der Erfahrung von "castrophic religious violence" beruhe, jüdische Leiderfahrung jedoch strikt ausblende und damit Juden bereits aus der vormodernen Erfahrungsgemeinschaft deutsche Nation ausgrenze.

Während bis dahin die europäische Geschichte vornehmlich als Kontrastfolie aufscheint, wird im vierten Kapitel die gesellschaftliche Gewalt gegen Juden im 'langen 19. Jahrhundert' europäisch betrachtet. Die Europäisierung des Blicks auf die Geschichte dient hier einer Dramatisierung, die Smith für die Ausrichtung langfristiger Geschichtslinien auf den Holocaust benötigt, allein aus der deutschen Geschichte jedoch nicht zu gewinnen vermag. Betrachtet man die Geschichte der antijüdischen Gewalt, sei die Kluft ("chasm"), die sie von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik trenne, "narrower than we often suppose. " (166) Von den 31 antijüdischen Gewalttaten, die er zwischen 1881 und 1903 auflistet (136), entfallen allerdings nur vier auf Deutschland. Hier erzeugt die Perspektive, mit der Smith die deutsche Geschichte ordnen und auf den Holocaust ausrichten will, offensichtlich keine sinnvolle kausale Zuschreibung. Deshalb wechselt er die Betrachtungsebene: nicht ein einzelner Staat, sondern Europa als Handlungseinheit. So kann er die Wirkungen der antijüdischen Gewalt, die überwiegend außerhalb Deutschlands verübt wurde, der deutschen Geschichte zuweisen. Nur so wird es möglich, hier eine langfristige Gewaltlinie zu konstruieren, die Smith dem Bedingungsgeflecht für den Holocaust zurechnet.

Zu diesem Geflecht gehört der Vernichtungsrassismus ("eliminationist racism"), den er im fünften Kapitel untersucht. Nun wieder auf Deutschland beschränkt, allerdings vor einem europäischen Horizont, der aber nur pauschal angesprochen wird - "the clash of civilization as Europe implemented ever more brutal colonial regimes" (184) - , nicht untersucht wird. Es bleibt mithin als erstes festzuhalten: Die Kontinuitäten deutscher Geschichte werden nicht durch Vergleiche plausibel gemacht. Wo Smith seine Betrachtung empirisch gehaltvoll europäisiert (Kapitel 4), führt sie von Deutschland weg. Überall sonst erscheint Europa als eine Art moralischer Kontrast zu Deutschland - empirisch nicht gefüllt und deshalb analytisch unergiebig.

4. Das 19. Jahrhundert als Zentralstation einer langen Verlustgeschichte

Das erste Kapitel entwirft ein Bild von der Historiographie zur deutschen Geschichte aus der Perspektive ("the vanishing point") des 20. Jahrhunderts. Smith ruft hier die Debatten über den Ort des Nationalsozialismus und des Holocausts in der deutschen Geschichte in Erinnerung und umreißt die Veränderungen in den Forschungsansätzen. Diese Skizze dient als Folie, vor der er einen neuen, angemesseneren Fluchtpunkt der historiographischen Analyse des 20. Jahrhunderts vorschlägt, indem er fragt, wie es zu dem "collapse of a sense for the humanity of the others" (36) kommen konnte. In dieser Verlustgeschichte weist er dem 19. Jahrhundert die Hauptverantwortung zu, vorbereitet durch die "vorausgehenden Jahrhunderte" (37). Das ist für eine historische Analyse, welche die Möglichkeitsbedingungen für den Holocaust erklären will, eine ungewöhnlich weite und zugleich vage Ausdehnung des Betrachtungsraumes, zumal er, wie Smith betont, "German events but not just German events" (37) umfasse. Es geht um den "Verlust der Menschlichkeit" (A. Finkielkraut). Diese Verlustgeschichte, die kein deutscher Sonderweg gewesen sei, in der deutschen Geschichte aber ihre inhumanste Form gefunden habe, will er nachzeichnen. Und dazu bedürfe es des langen Blicks in die Geschichte.

Schon in diesem Auftaktkapitel, das die eigenen Ansprüche formuliert und von den bisherigen Deutungen abgrenzen will, fällt auf, dass Smith seinen "Sehepunkt", wie es der Geschichtstheoretiker des 18. Jahrhunderts J.M. Chladenius genannt hätte, nur auf Kosten einer starren Blickverengung begründen kann. Wer das 19. Jahrhundert und seine Vorläufer als eine Geschichte zunehmender Inhumanität, die in den "cataclysm" (38) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt habe, neu sehen lehren will, sollte sich zur Selbstvergewisserung und zur Information seiner Leser verpflichtet fühlen offenzulegen, wogegen er schreibt: gegen alle, die in der europäischen Geschichte einen 'Fortschritt' im Sinne von Selbstentfaltung des Menschen angelegt sehen oder gesehen haben.

Selbstverständlich wäre es unbillig, von Smith zu erwarten, dieses Fortschrittsbild, gegen das er schreibt, näher zu entfalten. Aber kann man das Gegenbild angemessen zeichnen, wenn man die Position Immanuel Kants nicht anspricht und die Aufklärung ausblendet, nicht nach den Gründen für den Fortschrittsoptimismus von Demokraten, Liberalen und Sozialisten im 19. Jahrhundert fragt, nicht als Gegenpol auf Dolf Sternbergers Werben um "Gerechtigkeit für das 19. Jahrhundert" (1975) blickt? Oder nehmen wir aus jüngster Zeit zwei andere Langzeitstudien, die das 19. Jahrhundert gänzlich anders bewerten - wie passen sie in das Verfallsbild, das Smith entwirft? Zum einen Robert Castels eindrucksvolle europäische Spurensuche seit dem Mittelalter nach der Humanisierung der Arbeitsgesellschaft; zum anderen Christopher Baylys große Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts, die es schafft, was Smith misslingt: Das 19. Jahrhundert in all seinen Brüchen zu zeigen und die Rolle Europas in diesem komplexen Geschehen zu bestimmen, ohne diese Rolle als Fortschrittstat zu glorifizieren oder als den Verlust von Humanität zu verteufeln. [4]

Gewichtiger noch ist innerhalb des hypothetischen Rahmens, den Smith mit seinem "vanishing point" erzeugt, dass er die Fortschrittserwartungen unter den westeuropäischen und insbesondere unter den deutschen Juden gänzlich ausblendet. Das halte ich für inakzeptabel, weil er das Verhalten 'der' Deutschen gegenüber den Juden in den vielen Jahrhunderten, die er betrachtet, zu recht als Maßstab heranzieht, um die Fähigkeit der deutschen Gesellschaft zu messen, mit Menschen zusammenzuleben, die als religiös und kulturell fremd empfunden wurden. Hier erblickt er eine der bestimmenden Kontinuitäten in der deutschen Geschichte. Was er ignorieren muss, um diese Linie zunehmender Inhumanität zu erzeugen, soll nun in einigen Aspekten betrachtet werden.

5. Jüdische Geschichte als eine durchgehende Leidensgeschichte?

War die Hoffnung deutscher Juden auf eine deutsch-jüdische Symbiose von Beginn an ein "Schrei ins Leere", wie Gershom Scholem schrieb, der vergebliche Versuch der Juden zu einem Dialog, den die nichtjüdische Mehrheit verweigert habe [5], oder fand der "deutsch-jüdische Dialog [...] unbestreitbar statt", wie George L. Mosse seine lebenslange Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte zusammenfasste. [6] Ein Dialog, nie voll erwidert und schließlich von den Nationalsozialisten blutig widerrufen. Doch dieses Ende "einer noblen Illusion" entwerte diesen Weg nicht. "Nach ihrer Emanzipation nahmen die deutschen Juden ein Judentum an, das Respekt forderte": eine neue "jüdische Identität", die kulturelle und soziale Angleichung gewollt, zugleich aber erlaubt habe, am überlieferten Glauben und Ritus festzuhalten. Damit hätten die deutschen Juden "langfristig eine attraktive Definition des Judentums jenseits von Religion und Nationalismus" geschaffen. Simone Lässig hat dies kürzlich als eine bürgerliche Erfolgsgeschichte detailliert dargestellt. [7]

Dieser Weg, an dem deutsche Juden das 19. Jahrhundert und ihren Ort in ihm bewertet haben, taucht in Smiths Verlustgeschichte nicht auf; nicht einmal am Rande. Damit versäumt er es, die Plausibilität eines Kernelementes seines Geschichtsbildes zu prüfen. Denn er rückt zu Recht die Frage ins Zentrum, welche Möglichkeiten in den vielen Jahrhunderten, durch die er Kontinuitätslinien zieht, die deutsche Gesellschaft den Juden geboten hat, eigenständig zu leben. Indem Smith das Selbstbild deutscher Juden im 19. Jahrhundert beiseite lässt und ausschließlich negative Fremdbilder betrachtet, gewinnt seine Kontinuitätskonstruktion eine scharfe Kontur, degradiert die Juden jedoch zu einem bloßen Objekt der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft.

Ausgeblendet werden mit diesem Ansatz auch die intensiven Debatten in der jüdischen Historiographie, wie die gesellschaftliche Stellung der Juden im Mittelalter und der Frühen Neuzeit einzuschätzen ist. Das sei an zwei der bedeutendsten Historiker des Judentums kurz erläutert. Salo Wittmayer Barons wirkungsmächtiger Appell von 1928, mit "der tränenreichen Theorie einer vorrevolutionären jüdischen Leidensgeschichte zu brechen" und die Jahrhunderte vor der Französischen Revolution neu - positiver - zu bewerten, hat in Smiths dunkler Kontinuitätskonzeption keine Spur hinterlassen. [8] Unbeachtet ließ er auch, wie Yosef Hayim Yerushalmi Anstöße seines akademischen Lehrers Baron fortführend lange Geschichtslinien seit der Antike zieht, um den Holocaust historisch einzuordnen. Es sind andere Linien, weil sie nach jüdischen Erfahrungen in einer nichtjüdischen Umwelt fragen. Ihren Kern erfasst Yerushalmi in dem jüdischen Streben nach dem Erhalt des "Königsbündnisses": Es waren die weltliche und die geistliche Obrigkeit, nicht die lokalen Gesellschaften, die bestimmten, welche Positionen Juden erreichen konnten, und die sie gegen Verfolgungen zu schützen bestrebt waren. Dank der "vertikalen Bündnisse" mit diesen Obrigkeiten gegen Verfolgungen aus der lokalen Umwelt kam es schlimmstenfalls zur Zwangstaufe oder zur Vertreibung, nicht zu Massenmorden. [9] Im 19. Jahrhundert übernahm dann der Nationalstaat, nicht die Gesellschaft oder einzelne gesellschaftliche Gruppen die Schutzrolle in dem traditionellen "Königsbündnis". Deshalb, so Yerushalmi, hatte "nichts [...] in der historischen Erfahrung der Juden im Umgang mit den herrschenden Gewalten das europäische Judentum auf das Schicksal vorbereiten können, das es erwartete." Die Pogrome im östlichen Europa um 1900, die Smith dem deutschen Weg in den Holocaust zuordnet, rechnet Yerushalmi zur langen Kette antijüdischer Gewalt, die - so die jüdische Geschichtserfahrung seit der Antike - durch das "Königsbündnis" gebändigt wird. "Aus der Geschichte hatten sie die Lehre gezogen, dass letzten Endes der Staat sie schützte und dass man selbst mit einer feindseligen Regierung verhandeln und an ihr Eigeninteresse appellieren konnte." Dass ein Staat die Juden ausrotten will, gehörte nicht zur jüdischen Geschichtserfahrung, weil es dies nie gegeben hatte. Yerushalmi fügt hinzu, dass "das beispiellose Phänomen eines Staates, der die gezielte Vernichtung der Juden betrieb, um so unerwarteter war, als es sich bei diesem Staat um Deutschland handelte."

Ich referiere hier Yerushalmis Deutung, weil sie den Holocaust ebenfalls in eine Jahrhunderte umfassende Geschichtslinie einordnet - wie Smith es fordert, aber mit einer konträren Bewertung von Kontinuität und Zäsur. Yerushalmi blickt auf die jüdischen Erfahrungen, Smith auf Verhaltensweisen innerhalb der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft gegenüber der jüdischen Minderheit. Jüdische Erfahrungen betrachtet Smith nur, wenn sie sich seiner Kontinuitätskonstruktion zu fügen scheinen. So trägt er zahlreiche Quellenzeugnisse zusammen, die zeigen, dass jüdische Gemeinden im Alten Reich die Gewalt, die sie erlitten hatten, sorgfältig in ihrer Erinnerung bewahrten und weitergaben. In der christlichen Mehrheitsgesellschaft hingegen diente die Erinnerung an diese Gewalt gegen Juden seit etwa 1800 dazu, eine deutsche Nation zu imaginieren, zu der Juden nicht gehören sollten.

6. Nation und Antisemitismus - zum Problem von Kontinuität und Bruch in der Geschichte

Die Herausbildung einer modernen Form von Nation und Nationalismus um 1800 stellt Smith als einen tiefen Einschnitt dar, der die frühneuzeitlichen von den späteren Vorstellungen von Nation scharf trenne. Das ist in der Nationsforschung weitestgehend akzeptiert, wenngleich Smith meint, die Kenntnis frühneuzeitlicher Nationsvorstellungen gegen die Forschung durchsetzen zu müssen. Diese Fehleinschätzung beruht darauf, dass er die jüngere deutsche Forschung zu diesem Thema nicht aufgreift, etwa die Studien Georg Schmidts zu den Nationsvorstellungen im Alten Reich oder die Arbeiten, die das Fortwirken der Reichsnation im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Föderativnation untersuchen. [10] Gleichwohl sind diese Partien (Kap. 2) weiterführend, weil Smith an kartographischen Werken die Nationsvorstellungen in der deutschen Gesellschaft der Frühen Neuzeit untersucht und die Transformation in eine neue Form der Idee Nation mit dem Übergang von "exterior to an interior understanding of the self" (55) im 18. Jahrhundert und der Revolutionierung des Zeitempfindens um 1800 verbindet. [11]

Die Nationsvorstellungen und die Analyse antijüdischer Einstellungen auf Gemeindeebene im Alten Reich zu betrachten, ist für Smiths Kontinuitätsargumentation wichtig, weil er zeigen will, dass in den Imaginationen einer modernen deutschen Nation seit der Zeit um 1800 die frühneuzeitliche antijüdische Konstruktion nationaler Gemeinschaftsvorstellungen in der deutschen Gesellschaft fortgeführt und in einer Weise verschärft wurde, die auf das 20. Jahrhundert vorausweise (102).

"Die Konstruktion der Nation gegen die Juden" [12] in der deutschen Gesellschaft ist inzwischen dicht erforscht. Smith radikalisiert die Befunde, indem er sich auf diejenigen Autoren stützt, die den deutschen Nationalismus durch die alttestamentliche Vorstellung eines erwählten Volkes charakterisiert sehen (102f.). Dass dies allenfalls für eine Minderheit gilt und in den deutschen Nationsdebatten des 19. Jahrhunderts nie dominant wurde, bleibt beiseite. [13]

Die Komplexität der Nationsvorstellungen im 19. Jahrhundert sowohl in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft als auch unter der jüdischen Minderheit blendet Smith konsequent aus. Sie passt nicht in seine Kontinuitätskonstruktionen. Es reicht aber nicht zu zitieren, dass Deutsche christlichen Glaubens in ihrer Imagination von einer deutschen Nation Juden ausschlossen. Man muss auch die innerjüdischen Debatten betrachten, in denen darum gerungen wurde, sind deutsche Juden eine eigene Nation oder ein 'Stamm' in der deutschen Nation oder eine Religion bzw. Konfession in den deutschen Staaten bzw. später im deutschen Nationalstaat? [14] Man muss auch, um die innerdeutsche jüdische Diskussion einschätzen zu können, die Kontroversen unter den Juden Europas betrachten, welche Position sie in einem Zeitalter anstreben sollen, in dem sich das Prinzip eine Nation - ein Staat unaufhaltsam durchzusetzen schien. Man muss die unterschiedlichen Antworten kennen, die Juden im nationalstaatlichen Westeuropa und in den multinationalen Großreichen Europas auf die neue Herausforderungen fanden. [15] All dies taucht in den Kontinuitätskonstruktionen Smiths nicht auf, obwohl diese europäische Dimension in den deutschen Debatten präsent war und sie auf Seiten derer, welche die Juden aus der deutschen Nation ausschließen wollten, zunehmend vergiftet hat.

Die europäische Dimension wird für Smith nur dort wichtig, wo er sie benötigt, um die Welle antijüdischer Gewalt, die sich um 1900 vornehmlich im östlichen Europa ereignete, den deutschen Kontinuitäten zurechnen zu können (Kap. 4). Von dort aus findet er dann einen Übergang zum abschließenden Kapitel "Eliminationist Racism", das die antisemitischen Debatten im Deutschen Kaiserreich vorstellt. Das ist kundig, auf der Höhe des Forschungstandes, allerdings auf Deutschland verengt. Gerade hier, wo die Ethnisierung von Nationsvorstellungen und der Rassenantisemitismus betrachtet werden, wäre ein Blick auf Europa notwendig, wenn es darum geht, spezifisch deutsche Kontinuitätslinien in langfristiger Perspektive zu erkennen. Das anregendste, was ich dazu kenne, hat Yosef Hayim Yerushalmi verfasst. [16]

Yerushalmi betrachtet zunächst, wie sich die spanische Gesellschaft seit dem Spätmittelalter gegenüber getauften Juden verhalten hat, und vergleicht seine Befunde mit den Einstellungen in der deutschen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts gegenüber Juden, die sich zur deutschen Nation bekannten. Im Falle des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen katholischen Spaniens verlangte die christliche Lehre, dass der getaufte Jude als 'neuer Christ' vorbehaltlos aufgenommen wird, da die Taufe die Herkunft auslöscht; [17] im Falle des spätneuzeitlichen Deutschlands forderten die Idee der modernen Nation und das Verfassungsrecht des jungen Nationalstaates, dass unabhängig von seiner Religion jedes Mitglied dieses Staates vollberechtigter Staatsbürger und Nationsgenosse ist. Die Anerkennung des getauften Juden als 'neuer Christ' durch die spanische Gesellschaft und des Religionsjuden als 'neuer Deutscher' durch die deutsche Gesellschaft nennt Yerushalmi "the litmus test for non-racial thinking" (6). Beide Gesellschaften haben diesen Lackmustest nicht bestanden, da sie mit der Vorstellung von der "Reinheit des Blutes" das Gleichheitspostulat des Christentums bzw. des Verfassungsrechts im modernen Nationalstaat außer Kraft zu setzen suchten.

Yerushalmi identifiziert für Spanien (und Portugal) eine rassische Ausgrenzung von Juden lange vor der Entstehung moderner Rasselehren und eines davon abgeleiteten Rassenantisemitismus. Wenn Juden Juden bleiben, obwohl sie sich als Christen bekennen - es geht nicht um die sog. Marranen -, ist das ebenso rassisch begründet wie der Ausschluss von Juden aus der deutschen Nation, obwohl sie sich zu ihr bekennen und Bürger eines deutschen Staates sind. Yerushalmi fordert, das Phänomen des rassischen Antisemitismus neu zu untersuchen, indem es weit in die Geschichte zurückverfolgt und sein Wandel präzise bestimmt wird. Das böte die Möglichkeit, spezifisch deutsche Kontinuitätslinien in europäischen Vergleichen zu erkennen. Hier würde, so vermutet Yerushalmi (23), erneut die entscheidende Bedeutung des Staates hervortreten. Der traditionsreiche spanische Antisemitismus führte nicht zum Genozid, weil in Spanien das "Königsbündnis" Bestand hatte. Für den spanischen Staat und die spanische Kirche lagen der Massenmord außerhalb des Denkbaren. In Deutschland wurde er möglich, als der Staat mit allen traditionellen Bindungen staatlichen Handelns radikal brach.

Smith sucht die Kontinuitäten, die den Holocaust ermöglichten, auf der gesellschaftlichen Ebene der "construction of community. It is the transformation in the conception of community - first defined in local terms, then as nation and nation-state, then as a racialized nation, and finally as a racialized nation-state - that allows us to see the great significance of the long history of anti-Semitism. " (220) Was er hier vorlegt und in lange Geschichtslinien einordnet, ist außerordentlich anregend. Wie aus diesen Konstruktionen von Gemeinsamkeit ein Staat hervorgehen konnte, der den Holocaust organisierte, vermag er jedoch nicht zu zeigen. Gefangen in den starren Grenzen seiner Kontinuitätskonstruktionen wird der Bruch des "Königsbündnisses", mit Yerushalmi zu reden, zur Nebensächlichkeit. Gemessen an Gerschenkrons Methodologie der historischen Kontinuitätsanalyse, auf die sich Smith beruft, ist ihm zweierlei nicht gelungen: Er hat seinen 'Sehepunkt' nicht geöffnet für Kontrollblicke über die eigene Perspektive hinaus; und der Vergleich, der unverzichtbar ist, um spezifisch nationale Entwicklungen zu identifizieren, wird nur dort stark gemacht, wo die deutsche Geschichte die Kontinuitätskonstruktion nicht trägt. Deshalb vermag er das hypothetische Bild, das er von einer deutschen Geschichte entwirft, in der lange Kontinuitätslinien auf den Holocaust zulaufen, nicht plausibel zu machen. Nach Kontinuitäten in langen Zeiträumen zu fragen, ist wichtig und in der heutigen Geschichtswissenschaft mit ihren vielen Spezialisierungen dringlich. Aus Smiths Studie lässt sich lernen, wie anregend dies ist, und wie schwer.


Anmerkungen:

[1] Alexander Gerschenkron: On the Concept of Continuity in History, in: Proceedings of the American Philosophical Society 106/3 (1962), 195-209, Zitate: 200, 204; ders.: Economic backwardness in historical perspective. A book of essays, Cambridge/Mass. 1962; ders.: Continuity in history and other essays, Cambridge/Mass. 1968.

[2] Alexander Gerschenkron: On the Concept of Continuity, 208.

[3] Alain Finkielkraut: Verlust der Menschlichkeit. Versuch über das 20. Jahrhundert. Aus dem Französischen von Susanne Schaper, 2. Aufl. Stuttgart 1999.

[4] Robert Castel: Les métamorphoses de la question sociale. Une chronique du salariat, Paris 1995 (deutsch 2000); C. A. Bayly: The Birth of the Modern World 1780-1914, Malden / Oxford 2004 (deutsch 2006).

[5] Gershom Scholem: Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch (1962), in: Scholem: Judaica 2, Frankfurt/M. 1982, 7-11, 8.

[6] George L. Mosse: Jüdische Intellektuelle in Deutschland. Zwischen Religion und Nationalismus. Mit einer Einleitung von Aleida Assmann, Frankfurt/M. / New York 1992 (englisch 1985), 125; folgende Zitate: 33, 125, 44.

[7] Simone Lässig: Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert, Göttingen 2004.

[8] Salo W. Baron: Ghetto and Emancipation. Shall We Revise the Traditional View? In: The Menorah Journal XIV/6 (1928), 515-526, 526: "to break with the lachrymose theory of pre-Revolutionary woe". Auszugsweise Übersetzung in: Michael Brenner / Anthony Kauders / Gideon Reuveni / Nils Römer (Hgg.): Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München 2003, 229-241.

[9] Yosef Hayim Yerushalmi: "Diener von Königen und nicht Diener von Dienern". Einige Aspekte der politischen Geschichte der Juden, München 1995, S. 37, die folgenden Zitate auf S. 47 und 49.

[10] Vgl. u.a. Georg Schmidt: Geschichte des Alten Reiches. Staat und Nation in der Frühen Neuzeit 1495-1806, München 1999; ders.: Die frühneuzeitliche Idee "deutsche Nation": Mehrkonfessionalität und säkulare Werte, in: Heinz-Gerhard Haupt / Dieter Langewiesche (Hgg.): Nation und Religion in der deutschen Geschichte, Frankfurt/New York 2001, 33-67; die Studien in D. Langewiesche / Georg Schmidt (Hgg.): Föderative Nation. Deutschlandkonzepte von der Reformation bis zum Ersten Weltkrieg, München 2000; Jürgen Müller: Deutscher Bund und deutsche Nation 1848-1866, Göttingen 2005; Alexander Schmidt: Vaterlandsliebe und Religionskonflikt. Politische Diskurse im Alten Reich (1555-1648), Leiden 2007.

[11] Er bezieht sich hier auf Peter Fritzsche: Stranded in the Present. Modern Time an the Melancholy of History, Cambridge Mass. 2004. Fritzsche verweist selbstverständlich auf Reinhart Koselleck, zu dessen Lebenswerk es gehört, dieses fundamentale Geschehen einer "immense temporal accelaration and rupture" (Smith, 70) erforscht zu haben.

[12] So der Titel eines von Peter Alter, Claus Ekkehard Bärsch und Peter Berghoff herausgegebenen wichtigen Buches (München 1999); vgl. aus der Vielzahl von Studien etwa Rainer Erb / Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780-1860, Berlin 1989.

[13] Vgl. dazu als Überblick mit der Fachliteratur Langewiesche: Nation und Religion in Europa, in: ders.: Reich, Nation, Förderation. Deutschland und Europa, München 2008, Kap. 4; s. auch die Aufsätze in Haupt / Langewiesche, Nation und Religion.

[14] Knappes Resümee bei: Michael Brenner: Religion, Nation oder Stamm - zum Wandel der Selbstdefinition unter deutschen Juden, in: Haupt / Langewiesche, Nation und Religion, 587-601.

[15] Vgl. Michael Brenner u.a.: Jüdische Geschichte lesen; Ders. / David N. Myers: Jüdische Geschichtsschreibung heute, München 2002.

[16] Yosef Hayim Yerushalmi: Assimilation and Racial Anti-Semitism: The Iberian and The German Models (Leo Baeck Memorial Lectures; 26), New York 1982.

[17] In weiter zeitlicher und geographischer Perspektive verfolgt diese Entwicklung Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2007.

Eine gekürzte Fassung dieses Beitrags erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Dieter Langewiesche