Rezension über:

Jörg Fündling: Marc Aurel. Kaiser und Philosoph (= Gestalten der Antike), Darmstadt: Primus Verlag 2008, 240 S., ISBN 978-3-89678-609-8, EUR 29,90
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Rezension von:
Stefan Priwitzer
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Priwitzer: Rezension von: Jörg Fündling: Marc Aurel. Kaiser und Philosoph, Darmstadt: Primus Verlag 2008, in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15.01.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/01/13825.html


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Jörg Fündling: Marc Aurel

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Als elfter Band der von Manfred Clauss herausgegebenen Reihe "Gestalten der Antike" ist nun eine Biographie zu Marc Aurel erschienen. Mit Jörg Fündling wurde für diesen Kaiser ein Autor ausgewählt, der sich in seiner unter dem Marc Aurel-Experten Klaus Rosen entstandenen Dissertation, einem "Kommentar zur Vita Hadriani der Historia Augusta", erwiesenermaßen ausgiebig mit der Antoninendynastie beschäftig hat. [1] Die Gliederung des Buches lässt die folgende chronologische Abhandlung des Lebens Marc Aurels erkennen: Kindheit und Jugend (13-55), Erbe des Antoninus (57-101), Alleinherrschaft (103-140), Innere und äußere Bedrohung (141-168), Tod und Verklärung (169-183).

Vor allem wegen seiner Selbstbetrachtungen und seines Briefwechsels mit Fronto, die einen persönlichen Einblick in das Leben des Kaisers gestatten, bietet sich Marc Aurel in besonderem Maße für eine Biographie an. Die günstige Quellenlage verführt allerdings dazu - auch wenn sich Fündling dieser Gefahr bewusst ist (11) - zu glauben, die Persönlichkeit, den Charakter Marc Aurels erkennen zu können, und mit diesem 'Wissen' zu erklären, warum er in diesem oder jenem Fall so oder so handelte oder welche Auswirkung ein Ereignis auf ihn hatte. So kommt auch Fündling unter anderem zu der Erkenntnis über den Knaben Marcus: "Moderne Psychologen würden von einer Internalisierung sprechen: Der Erzieher saß im Kopf des Jungen. Vor allem litt er mit Sicherheit stärker als Altersgenossen, wenn er eine Erwartung nicht erfüllte, die eigene eingeschlossen. Wenn es zu Strafen kam, empfand er sie wahrscheinlich intensiver als öfter heimgesuchte Kinder seiner Zeit [...]" (19f.).

Auch vor medizinischen "Ferndiagnosen" (49) schreckt Fündling nicht zurück und erkennt anhand der Symptome eine chronische Essstörung, ja Magersucht bei Marcus - und erklärt damit im Zirkelschluss wiederum die Symptome (49f.). Weiterhin vermutet Fündling: "Angesichts des befremdlichen Lobes für die gute Verdauung des Vorgängers ist die Annahme zulässig, dass Marcus selber wenig Glück mit dem aus Prinzip verachteten Körper hatte [...]" (131). So gewinnt man auf Dauer fast den Eindruck, für jede Entscheidung des Kaisers sei eines seiner Zipperlein verantwortlich gewesen, und das bei einer Quellenlage, die Marcus sowohl als schwerkranken Mann als auch als Hypochonder erscheinen lassen kann. [2] Auch wenn diese Faktoren vermutlich tatsächlich großen Einfluss hatten, man begibt sich - nicht nur bei antiken Persönlichkeiten mit der entsprechend komplizierten Quellenlage - schnell auf dünnes Eis. Zudem macht sich Fündling einen emotionalen Schreibstil zu eigen, der das Lesevergnügen zwar steigert, aber mehr Wissen verspricht, als einzuhalten ist: "Glücklich war zuallererst die Mutter, Domitia Lucilla, sooft sie nicht vor Erschöpfung schlief. Die ärgsten Schmerzen waren vorüber [...]" (13). Es werden so zwar anschaulich, aber vielleicht etwas großzügig allgemeine Informationen wie z.B. über die Kindererziehung im alten Rom (17f.) auf Marcus' Leben übertragen.

Lassen wir die Gefühle und Stimmungen hinter uns und wenden uns den harten Fakten zu: Da die Forschung in der Reihe nicht außen vor gelassen werden soll (7), seien hierzu noch einige Hinweise gestattet.

Bei umstrittenen Fragen fallen zwei unterschiedliche Herangehensweisen auf. Auf der einen Seite wird sehr ausführlich auf die Diskussion der Forschung eingegangen, z.B. bei der Frage, ob Marcus im Zusammenhang mit den Donaukriegen die Errichtung zweier neuer Provinzen (Marcomannia und Sarmatia) geplant hatte oder nicht, allerdings ohne sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden (166-168) [3]; andererseits werden 'Lösungen' bzw. Interpretation sehr selbstbewusst vorgetragen. Zu letzterer Gruppe gehört die Frage der Deutung des 'Adoptionsreliefs' des Parthermonuments aus Ephesos. Die Position des Knaben Lucius (Verus) zwischen Hadrian und Antoninus Pius auf dem Relief deutet Fündling folgendermaßen: "Lucius wagte zumindest im Orient daran zu erinnern, wer von beiden Augusti die ältere Anwartschaft auf den Purpur für sich hatte" (88). Diese Idee, dass Marcus im Adoptionsrelief indirekt, aber unverblümt des Betrugs um die Kaiserwürde bzw. zumindest um die Rangfolge gegenüber Lucius Verus beschuldigt wurde, geht auf Barnes zurück, dessen Thesen allerdings nicht nur angesichts der neueren Forschung zu überdenken sind. [4]

Wenn Fündling im Rahmen der Nachfolgeregelung von 138 n.Chr. von der Verlobung des Lucius (Verus) mit Faustina minor spricht (29; 36), begeht er eine Ungenauigkeit, der man fast in der gesamten modernen Forschungsliteratur begegnet: Die Belege in der Historia Augusta [5] für diese Annahme sprechen explizit nur vom Wunsch Hadrians, niemals vom Vollzug der Verlobung. [6] Ob es einen solchen Wunsch Hadrians bzw. die Verlobung tatsächlich gegeben hat, ist eine ganz andere Frage [7], allerdings auch nicht ganz unwichtig, wenn unter der Annahme einer Verlobung aus der angeblichen Vermittlerrolle der Faustina maior bei der Auflösung der Verlobung und Neuverlobung der Faustina minor mit Marcus eine "gewisse Vertrautheit" (36) des Marcus mit seiner Tante erschlossen wird.

Auch einige chronologische Details im Zusammenhang mit dem Aufstand des Avidius Cassius können den Rezensenten nicht völlig überzeugen: Dies beginnt mit der Frage der Reise des Commodus von Rom an die Donaugrenze im Jahr 175 v.Chr. Die Formulierung "Eine Nachricht aus dem Osten [über die Usurpation des Avidius Cassius, Anm. d. Rez.] warf jäh ein neues Licht auf die Reise" (140) impliziert, dass der Plan der Reise des Commodus ursprünglich unabhängig vom Aufstand getroffen worden war. Gleichzeitig berichtet Fündling allerdings, dass Commodus erst am 19. Mai aufbrach, die Information über die Usurpation aber "[l]ange vor Commodus' Ankunft, etwa Mitte April [...]" (140), Marcus an der Donau erreicht habe. Er ist also offensichtlich vielmehr umgekehrt gewesen: Nach Bekanntwerden der Usurpation des Avidius Cassius handelte Marcus unverzüglich und beorderte Commodus aus Rom an die Donau, um ihm dort die toga virilis zu verleihen, als deutliches Zeichen, dass ein Usurpator nun neben Marcus auch den (zumindest theoretisch) regierungsfähigen Commodus als Gegner habe. Problematisch ist auch die angenommene Rückreiseroute des Marcus von seiner 'Strafexpedition' in den Osten nach dem Aufstand des Avidius Cassius (147f.). Hier ist die fehlende Kenntnis der zentralen Arbeit Astaritas zu Avidius Cassius zu spüren, die Fündling zumindest über die Verarbeitung bei Birley hätte bekannt sein können. [8]

Dies alles sind Detailfragen, die den Wert des Buches kaum schmälern. Sämtliche Aspekte der Herrschaft des Marcus werden angesprochen, ebenso relevante Informationen über die Personen in seinem Umfeld wie seinen Vorvorgänger und Adoptivgroßvater Hadrian, seinen Vorgänger, Onkel und Adoptivvater Antoninus Pius, seinen Adoptivbruder und Mitregenten Lucius Verus und seinen Sohn und Mitherrscher Commodus. Dem Anspruch der Reihe, "[...] spannend, klar und informativ ein allgemeinverständliches Bild der jeweiligen 'Titelfigur' [...]" (7) zu zeichnen, wird der Band dabei vollauf gerecht. Gleichzeitig erlauben die Anmerkungen (185-216), das Literaturverzeichnis (217-227) und das Register auch die wissenschaftliche Nutzung. Unter den deutschsprachigen Werken [9] zu Marc Aurel wird das Buch von Fündling dadurch zum aktuell verlässlichsten.


Anmerkungen:

[1] Jörg Fündling: Kommentar zur Vita Hadriani der Historia Augusta (Antiquitas Reihe 4, Serie 3, Band 4), 2 Bde., Bonn 2006 (zugl. Diss. Bonn 2005).

[2] Schwerkrank: Klaus Rosen: Marc Aurel, Reinbek bei Hamburg 1997 ( ³2004), 114; Antony R. Birley: Marcus Aurelius. A Biography, London ²1987 (zahlreiche Ndr.), 185. Hypochonder: Dacre Balsdon: Die Frau in der römischen Antike, München 1989, 162; G.W. Bowersock: Greek Sophists in the Roman Empire, Oxford 1969, 71-75.

[3] So auch bei der Frage nach der Untreue der Faustina minor gegenüber ihrem Gatten Marcus (68; 106f.; 148).

[4] Der Beitrag von Timothy D. Barnes: Hadrian and Lucius Verus, JRS 57 (1967), 65-79 wird zwar im Literaturverzeichnis genannt, fehlt aber in der entsprechenden Anmerkung (197 Anm. 3). Für eine Datierung in die Regierungszeit des Antoninus Pius haben sich neben Liverani zudem in jüngster Zeit ausgesprochen: Hans Taeuber: Das "Parthermonument" - Historische Grundlagen, in: Wilfried Seipel (Hg.): Das Partherdenkmal von Ephesos. Akten des Kolloquiums Wien, 27.-28. April 2003 (Schriften des Kunsthistorischen Museums 10), Wien 2006, 24-31, hier 28f.; Klaus Fittschen: Die Porträts am sogenannten Parthermonument. Vorbilder und Datierung, in: ebd., 71-87, bes. 85; Michaela Fuchs: Ein unbequemer Verwandter im Kalkül dynastischer Planung: Pedanius Fuscus am Parthermonument?, in: ebd., 88-101; hier 89; François Chausson, Antonin le Pieux, Éphèse et les Parthes, in: ebd., 32-69, hier 61f.; Alice Landskron: Das 'Partherdenkmal' von Ephesos. Ein Monument für die Antoninen, in: JÖAI 75 (2006), 143-183, hier 172 und 178. Keine dieser Publikationen findet sich bei Fündling.

[5] Hist.Aug. Ael. 6, 9; Ver. 2, 2-3; Aur. 6, 2.

[6] Wenige Ausnahmen, z.B. Alexander Demandt: Der junge Marc Aurel, Humanistische Bildung 21 (2000), 71-89, hier 76.

[7] Vgl. demnächst Stefan Priwitzer: Faustina minor - Ehefrau eines Idealkaisers und Mutter eines Tyrannen. Quellenkritische Untersuchungen zum dynastischen Potential, zur Darstellung und zu Handlungsspielräumen von Kaiserfrauen im Prinzipat (Tübinger althistorische Studien 6), Bonn 2009, 63ff.

[8] Zur Reiseroute vgl. Maria Laura Astarita: Avidio Cassio, Rom 1983, 155ff.; ihr folgend Antony R. Birley: Marcus Aurelius. A Biography, London ²1987 (zahlreiche Ndr.), 191.

[9] Noch im Buchhandel erhältlich: Klaus Rosen: Marc Aurel, Reinbek bei Hamburg 1997 (³2004); Enrico Monti: Marc Aurel. Kaiser aus Pflicht, Regensburg 2000.

Stefan Priwitzer