Rezension über:

Joachim Henning (ed.): Post-Roman Towns, Trade and Settlement in Europe and Byzantium. Vol. 1: The Heirs of the Roman West (= Vol. 5/1), Berlin: de Gruyter 2005, XXIII + 568 S., 24 plates, ISBN 978-3-11-018356-6, EUR 168,00
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Joachim Henning (ed.): Post-Roman Towns, Trade and Settlement in Europe and Byzantium. Vol. 2: Byzantium, Pliska, and the Balkans (= Vol. 5/2), Berlin: de Gruyter 2007, XIX + 707 S., 36 plates, ISBN 978-3-11-018358-0
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Rezension von:
Mischa Meier
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Mischa Meier: Post-Roman Towns, Trade and Settlement in Europe and Byzantium (Rezension), in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/8934.html


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Post-Roman Towns, Trade and Settlement in Europe and Byzantium

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Die Diskussionen über das Schicksal der antiken Stadt(kultur) sind in den letzten Jahren mit besonderer Lebhaftigkeit geführt worden und haben dabei u.a. bewirkt, dass an die Stelle schematischer Niedergangsszenarien mittlerweile sehr differenzierte, ausgesprochen vorsichtig nach regionalen, zeitlichen und sachlichen Kriterien unterscheidende Bewertungen getreten sind. [1] Zwar steht weiterhin die Frage im Zentrum der Debatte, ob tendenziell eher von einem Verfall bzw. - pointierter formuliert - einem Zusammenbruch gesprochen werden muss oder ob nicht doch eher die Kontinuitätsfaktoren überwiegen; doch haben entsprechende Kontroversen mittlerweile einen Differenzierungs- und Abstraktionsgrad erreicht, dass pauschale Bewertungen kaum mehr möglich sind und dementsprechend auch kaum noch gewagt werden. Die grundlegende Monographie von J. H. W. G. Liebeschuetz, die als aktueller, kühner Gesamtentwurf noch einmal ganz dezidiert das decline-Paradigma in den Vordergrund rückt [2], präsentiert dieses denn auch nicht lediglich als vorgefertigtes Deutungsraster für das Schicksal der spätantiken Stadt, sondern versucht es noch einmal in mühevoller Detailarbeit aus dem Material herzuleiten und durchaus mit anders lautenden Thesen zu verbinden. Niedergang und Transformation schließen sich für Liebeschuetz, einen der derzeit besten Kenner der Materie, dementsprechend nicht unbedingt aus. [3]

Die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen bzw. - damit zusammenhängend - nach Niedergang oder Transformation spielt naturgemäß auch in einigen Beiträgen der beiden voluminösen hier anzuzeigenden Tagungsbände, die unter der Ägide des Frankfurter Prähistorikers und Mittelalter-Archäologen Joachim Henning aus den Referaten zweier Konferenzen hervorgegangen sind, eine zentrale Rolle. Bereits im ersten Beitrag ("Early European Towns: The Way of the Economy in the Frankish Area between Dynamism and Deceleration 500-1000 AD", I 3-40) widmet sich der Herausgeber entsprechenden Fragestellungen mit Blick auf den fränkischen Einflussbereich und kann dabei bemerkenswerte Resultate vorweisen: Zum einen zeigt sich, dass keineswegs von einem Verlust handwerklicher Fähigkeiten nach dem Ende des Römischen Reiches ausgegangen werden kann - nicht einmal mit Blick auf die Produktion von 'Luxusgütern'. Auch die in Städten angesiedelten Produktionsstätten zeigen zunächst einmal eine relative quantitative Konstanz; erst nach 900 kommt es zu signifikanten Veränderungen. Zum anderen lassen sich Klöster als Produktionsstätten erst für die karolingische Zeit schwerpunktmäßig festmachen. Henning erklärt diesen Befund mit dem Versuch der Karolinger, ein in der post-römischen Welt bis dahin unbekanntes neues "network of power and authority" aufzubauen und damit die überkommenen Strukturen zu überlagern; dieser Versuch sei allerdings gescheitert, wie der archäologische Befund für die post-karolingische Phase zeige. Wichtig erscheint mir (als Althistoriker) an Hennings Ergebnissen insbesondere der Befund einer bemerkenswerten Kontinuität zwischen spätrömischer und merowingischer Zeit.

Für den nachantiken (byzantinischen) Osten hat Philipp Niewöhner die Kontinuitätsfrage neu gestellt ("Archäologie und die 'Dunklen Jahrhunderte' im byzantinischen Anatolien", II 119-157): Ausgehend von der insbesondere von C. Foss mit Nachdruck vertretenen 'Katastrophentheorie', wonach zunächst Naturkatastrophen und Seuchen, dann aber (seit dem 7. Jahrhundert) vor allem Kriegszerstörungen zu einem Ende der antiken Stadtkultur in Kleinasien geführt hätten, was sich in dem Übergang von größeren Zentren (poleis) zu kleinen, stark befestigten Ansiedlungen (kastra) spiegele, arbeitet der Verfasser (in Anlehnung an ältere Arbeiten von W. Brandes, J. Haldon und J. H. W. G. Liebeschuetz) heraus, dass bereits im 5./6. Jahrhundert in oströmischen Grenzregionen Phänomene zu beobachten seien, die ansonsten mit der mittelalterlichen byzantinischen Stadt als Charakteristikum in Verbindung gebracht würden - insbesondere die Ummauerung relativ kleiner Flächen, d.h. die Reduktion des 'Stadtgebietes'. Da diese Phänomene im 5./6. Jahrhundert keineswegs ausschließlich mit Katastrophen in Verbindung gebracht würden, müsse dies nicht auch zwangsläufig für die byzantinischen Dark Ages gelten, sondern die entsprechenden Befunde würden dann lediglich in Kontinuität zu Entwicklungen stehen, die schon vor der großen 'Katastrophenzeit' an den Grenzen des Reiches eingesetzt hätten. "Folglich kann von einem Tiefpunkt, geschweige denn von einer Katastrophe des anatolischen Städtewesens während der Dunklen Jahrhunderte keine Rede sein" (139). Man müsse daher weniger die geläufigen Katastrophenfaktoren als auch andere Aspekte in Erwägung ziehen, etwa "sozio-politische Veränderungen im Byzantinischen Reich" (139). Was damit gemeint sein könnte, wird aber nicht näher ausgeführt, und es ist aufgrund der Quellenarmut in der Tat schwierig, für die zur Diskussion stehende Phase - das 7.-9. Jahrhundert - klare Aussagen zu treffen. Schwer nachvollziehbar scheint mir jedenfalls die These Chavdar Kirilovs ("The Reduction of the Fortified City Area in Late Antiquity: Some Reflections on the End of the 'Antique City' in the Lands of the Eastern Roman Empire", II 3-24) zu sein, der ebenfalls das Faktum der Reduzierung ummauerter Areale sowie den Rückgang öffentlicher Räume als 'Niedergangskriterium' problematisiert (mit plausiblen Beispielen!), dann aber zu der Schlussfolgerung gelangt, dass ein durch die Christianisierung erfolgter Mentalitätswechsel in Kombination mit auswärtigen Überfällen zum neuen Siedlungsbild des kastron geführt hätten: "Christians were rather to live within their own familiy, not in the streets of the city. That is why the physical change of the city during the period of Christianisation is not only connected with the destruction of pagan temples and the erection of churches, but with a total transformation of the urban pattern. The victory of Christianity is therefore the main reason for the disappearance of the public aspects in the life of the city and its inhabitants" (18). Hier wäre einiges zum sozialen Leben der Christen zu sagen, das der Autor mir doch ein wenig zu eng gefasst sieht. Insbesondere aber die monokausale Erklärung des Übergangs zum kastron als einer von christlicher Mentalität vorgeebneter Entwicklung erscheint mir problematisch.

Andere Beiträge der beiden Sammelbände (deren erster sich dem ehemaligen römischen Westen widmet, während der zweite Byzanz - und seine Peripherie - sowie insbesondere die vom Herausgeber gemeinsam mit bulgarischen Kollegen durchgeführten Ausgrabungen in Pliska thematisiert) bieten insbesondere zur mittelalterlichen Siedlungsarchäologie wichtige Ergebnisse. So entwickelt etwa Michael McCormick am Beispiel des frühen Venedig ein allgemeingültiges Modell zur wissenschaftlichen Erfassung und Analyse plötzlich auftauchender Handelszentren, die nicht auf einen einmaligen Gründungsakt eines Herrschers zurückgehen. Sauro Gelichi untersucht die soziale und ökonomische Organisation urbaner Zentren in Nordostitalien, die seit dem 7. Jahrhundert entstanden (insbesondere Comacchio, Ferrara, Cittanova Eracliana und die Lagune von Venedig), und erörtert dabei auch grundsätzliche Fragen zur Funktion und Leistungsfähigkeit moderner Siedlungsarchäologie. Die südliche Toskana steht im Zentrum der Überlegungen Riccardo Francovichs, der in der longue durée-Perspektive eine Desintegration der römischen Städte seit dem 2. Jahrhundert mit einer besonders markanten Zäsur in den Gotenkriegen des 6. Jahrhunderts diagnostiziert. Beiträge, wie der von Lauro Olmo Enciso zum 578 vom Westgotenkönig Leovigild gegründeten Recópolis (mit instruktiven Überlegungen zur Rolle der Kirche im Westgotenreich) oder der von Claus von Carnap-Bornheim/Volker Hilberg zu Haithabu (mit kurzer Forschungsgeschichte), von Eric A. Ivison zum byzantinischen Amorion (mit Betonung seiner in der bisherigen Forschung unterschätzten Bedeutung) oder auch von Stefka Angelova/Ivan Buchvarov zum spätrömischen Durostorum (mit historischem Überblick für das 3.-7. Jahrhundert), seien zudem stellvertretend für die aufschlussreichen Fallstudien genannt, die die beiden Bände bieten. Sie stehen neben Einzeluntersuchungen wie derjenigen von Sebastian Brather zu Hacksilberfunden im frühmittelalterlichen Ostmitteleuropa oder auch mehreren Mikrostudien, die insbesondere für Pliska, das im späten 7. Jahrhundert aufsteigende Zentrum des ersten Bulgarenreiches, geboten werden.

Alles in allem bereichern die insgesamt 60 Beiträge unser bisheriges Bild von den Städten Europas in der Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter; angesichts der thematischen Heterogenität der Untersuchungen und ihrer sachlich nicht immer nachvollziehbaren Anordnung in Großkapiteln vermisst man indes einige zusammenfassende Anmerkungen des Herausgebers. Zudem wäre angesichts der Vielfalt der behandelten Aspekte ein Generalregister nützlich gewesen. Die Bände sind mit Abbildungen, Graphiken, Plänen und Farbtafeln reichhaltig ausgestattet.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa L. Lavan: The Late Antique City: A Bibliographic Essay, in: ders. (Hg.): Recent Research in Late Antique Urbanism, Portsmouth 2001, 39-56; J. H. W. G. Liebeschuetz: The Decline and Fall of the Roman City, Oxford 2001; A. Laniado, Recherches sur les notables municipaux dans l'empire protobyzantin, Paris 2002; J.-U. Krause / Chr. Witschel (Hgg.): Die Stadt in der Spätantike - Niedergang oder Wandel, Stuttgart 2006.

[2] S. Liebeschuetz (wie Anm. 1). Ähnlich, noch dezidierter und mit einer über die Städte hinausgehenden Perspektive jetzt auch B. Ward-Perkins: The Fall of Rome and the End of Civilization, Oxford 2005.

[3] J. H. W. G. Liebeschuetz: Transformation and Decline: Are the Two Really Incompatible?, in: Krause/Witschel (wie Anm. 1), 463-483.

Mischa Meier