Rezension über:

Markus Huttner: Gesammelte Studien zur Zeit- und Universitätsgeschichte, Münster: Aschendorff 2007, xii + 514 S., ISBN 978-3-402-12740-7, EUR 59,00
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Markus Huttner: Geschichte als akademische Disziplin. Historische Studien und historisches Studium an der Universität Leipzig vom 16. bis zum 19. Jahrhundert (= Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte; Bd. 5), Leipzig: Evangelisches Verlagshaus 2007, 640 S., ISBN 978-3-374-02562-6, EUR 68,00
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Rezension von:
Dietmar Grypa
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Dietmar Grypa: Gesammelte Studien zur Zeit- und Universitätsgeschichte (Rezension), in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/13739.html


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Gesammelte Studien zur Zeit- und Universitätsgeschichte

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Die beiden anzuzeigenden Bücher eines Autors unterscheiden sich nicht nur von der Publikationsgattung her - hier ein Sammelband, dort eine Monografie -, sondern auch darin, dass es sich bei den Gesammelten Studien um ein Buch handelt, dessen Beiträge vom Autor selbst bereits bei der Erstpublikation bis ins Letzte mit Akribie und Gründlichkeit durchgestaltet worden sind, während es sich bei dem zweiten Band um das Manuskript seiner unvollendeten Habilitationsschrift handelt, die erst von seinem akademischen Lehrer postum herausgegeben worden ist.

Markus Huttner, der am 17. Dezember 1961 in Oberbayern geboren wurde, studierte seit 1983 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Nachdem ihn das akademische Jahr 1986/87 als Visiting Student im Fach Modern History an das Christ Church College in Oxford geführt hatte, legte er 1990 in Bonn sein Magisterexamen ab. In seiner darauffolgenden Promotion, die von Konrad Repgen betreut wurde, untersuchte Huttner am Beispiel der "Times" und des "Manchester Guardian" die Berichterstattung der britischen Presse über den nationalsozialistischen Kirchenkampf. Vier Jahre später legte er - angeregt von Quellenfunden aus dem Umfeld seiner Dissertation, aber weit darüber hinausgreifend - eine weitere, umfangreiche Monografie vor, die sich der Frühgeschichte totalitarismuskritischer Begriffs- und Theoriebildung in Großbritannien widmete. Noch vor dem Abschluss seiner Doktorarbeit war Huttner bereits zu Ulrich von Hehl an den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Leipzig gewechselt, mit deren Geschichte er sich im Rahmen seines Habilitationsprojekts intensiv auseinandersetzte, bis der Tod seinem Schaffen am 31. Mai 2006 ein Ende setzte.

Der anzuzeigende Sammelband vereinigt bis auf wenige Ausnahmen alle an unterschiedlichen Stellen publizierten Aufsätze und kleineren Beiträge des Autors und macht diese so in kompakter Form zugänglich. Sie dokumentieren die Breite des Schaffens von Markus Huttner, dessen wissenschaftliches Profil von einem Selbstverständnis geprägt war, das die Geschichte der Neuzeit als Ganzes umfasste und das heute angesichts der immer stärker werdenden Spezialisierung der letzten Jahrzehnte im Fach immer seltener geworden ist.

Die Herausgeber dieses Bandes - Thomas Brockmann, Christoph Kampmann und Antje Oschmann -, die dem Autor aus gemeinsamen Bonner Studienzeiten verbunden sind, leiten den Band mit einer profunden Würdigung des beeindruckenden wissenschaftlichen Werkes von Markus Huttner ein, die das intellektuelle Profil des zu früh verstorbenen Historikers klar herausarbeitet (V-IX). Im Folgenden haben sie die Beiträge in fünf Rubriken gebündelt, die zugleich die Schwerpunkte von Huttners wissenschaftlichem Schaffen widerspiegeln: Totalitarismus und Totalitarismustheorie, Religion und Moderne, Universität zwischen Frühneuzeit und Moderne, Geschichtswissenschaft in Leipzig sowie Biografische Miniaturen.

Der erste Abschnitt versammelt drei Studien, die sich mit den Kirchen und der totalitären Erfahrung beschäftigen. Sie reichen von einem Beitrag über die Anfänge der Totalitarismusdiskussion in England (3-40) und einem Vergleich des Umgangs der Kirchen mit dem Totalitarismus (41-77) zu einer Rezension eines Buches über den Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik (78-83).

Es folgen vier Aufsätze zum Themenkomplex "Religion und Moderne". Sie widmen sich dem Zeitalter der Weltkriege aus christentumsgeschichtlicher Perspektive (87-144), der Entwicklung des Verhältnisses von Religion und Moderne in Deutschland (145-160), dem Wandel der Ansätze und Themen kirchlicher Zeitgeschichte (161-167) sowie dem Milieukonzept und der Widerstandsdebatte in der deutschen zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung (168-186).

Im Kapitel über die "Universität zwischen Frühneuzeit und Moderne" werden "Vorlesungsverzeichnisse als historische Quelle" vorgestellt und in ihrem Aussagewert hinterfragt (189-218), der Mythos Humboldts auf den Prüfstand gestellt (219-230), die "Alma Mater Lipsiensis" mit dem Modell der preußischen Reformuniversität im frühen 19. Jahrhundert verglichen (231-272) sowie die Bedeutung der historischen Gesellschaften für die Entstehung historischer Seminare gewürdigt (273-322).

Der "Geschichtswissenschaft in Leipzig" sind drei Beiträge gewidmet, die im Umfeld der Habilitationsschrift Huttners entstanden sind; der erste beschäftigt sich mit der "Entwicklung und Ausdifferenzierung des historischen Lehrkanons an der Leipziger Universität vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhundert" (325-383), der zweite stellt die ursprüngliche Konzeption des Habilitationsprojekts kurz vor (384-396) und der dritte geht auf die "Disziplinentwicklung und Professorenberufung" im Fach Geschichte an der Universität Leipzig während des 19. Jahrhunderts ein (397-481).

Die biografischen Miniaturen sind dem Leipziger Professor Johann Gottlob Böhme (1717-1780) (485-490) sowie den englischen Journalisten Frederick Augustus Voigt (1892-1957) (491-494) und Norman Ebbutt (1894-1968) (495-498) gewidmet.

Ein Schriftenverzeichnis, das auch die in den Gesammelten Studien nicht aufgenommenen Texte und Rezensionen nachweist (499-506), rundet den Band ab. Zudem erleichtert ein Personenregister (507-514) den schnellen Zugriff auf die gebotenen vielfältigen Informationen.

Konnte Markus Huttner von seinem Krankenlager aus noch an der Auswahl und Disposition der Sammlung seiner kleineren Schriften mitwirken, so war es ihm nicht vergönnt, in der knappen Lebenszeit, die ihm nach der Diagnostizierung seiner tödlichen Krankheit noch geschenkt war, seine nahezu vollendete Habilitationsschrift gänzlich abzuschließen. So blieben zwei vom Autor "geplante Unterkapitel über Berufungskriterien, Karrierewege und gelehrte Profile der Geschichtsordinarien des 18. Jahrhunderts sowie über Veränderungen in Lehrkörper- und Fächerstruktur am Ende des Ancien Régime ungeschrieben. Auch fehlt eine zusammenfassende Schlußbetrachtung" (7). Das Manuskript wurde nach dem Tod von Markus Huttner auf der Basis der hinterlassenen Unterlagen durch Ulrich von Hehl herausgegeben. Dieser hat darauf verzichtet, die noch unvollendete Einleitung sowie die fehlenden Kapitel zu ergänzen, vielmehr soll der Leser "den reichen Ertrag der Arbeit stattdessen aus der Lektüre der vier vollendeten (Groß-)Kapitel schöpfen" und so "die stupende Gelehrsamkeit" und den kritischen Sinn des Verfassers erkennen (7). Die Erstellung einer druckreifen Version des Manuskripts, an dem noch zahlreiche redaktionelle Ergänzungen und Abgleichungen vorgenommen wurden, hat Andreas Thüsing durchgeführt. Er hat auch das Personenregister gefertigt, das den Band erschließt. Bis auf die Autoren der Sekundärliteratur wurden hier für alle Personen die Lebensdaten ermittelt. Dies ist sehr erfreulich, fehlen solche Angaben doch leider aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes hierfür heute zumeist.

Die Darstellung der Geschichte der historischen Studien und des historischen Studiums an der Universität Leipzig vom 16. bis zum 19. Jahrhundert gliedert sich in vier große Abschnitte: "Die Historiographiegeschichte der Frühneuzeit als Forschungsproblem. Periodisierungsansätze und Gesamtdeutung" (15-43); "Institutionelle Verankerung und personelle Vertretung der historischen Studien" (45-153); "Entwicklung und Ausdifferenzierung des historischen Themenkanons von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zu den Reformansätzen des kursächsischen Rétablissements (1765-1780er Jahre)" (155-317); "Inhaltliche Ausformung und personelle Vertretung des historischen Fächerkomplexes vom späten 18. Jahrhundert bis zur Schwelle zur Moderne" (319-483).

Ursprünglich hatte Markus Huttner geplant, die Geschichte der Leipziger Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert zu erforschen. Das Jahr 1809 war ihm zunächst als "ein geeigneter Ausgangspunkt" erschienen, "von dem aus der Prozeß der Institutionalisierung und Professionalisierung der historischen Disziplin an der Universität Leipzig in den Blick genommen werden kann" - wie er es selbst in der Vorstellung seines Habilitationsprojektes im Jahrbuch der Historischen Forschung (wieder abgedruckt in den Gesammelten Schriften, 384-396, Zitat 389) formulierte. Die intensive Beschäftigung mit dem gewählten Thema hat dann dazu geführt, dass er sich für eine andere Schwerpunktsetzung entschied, um so besser zur Klärung des Verhältnisses und der Beziehungen zwischen der Geschichtsschreibung des Humanismus, der Aufklärung und des Historismus beizutragen. Dies war ein Ansatz, dessen reichen Ertrag für die Forschung auch Huttners Aufsatz über die Rolle der gelehrten Gesellschaften der Aufklärung für die Entstehung der Historischen Seminare (Gesammelte Schriften, 273-322) deutlich vor Augen führt. In seiner Habilitationsschrift konzentriert sich Huttner keineswegs ausschließlich auf herausragende Vertreter des Faches in Leipzig, wiewohl auch diese ihre gebührende Berücksichtigung finden, vielmehr rückt er anhand der Vorlesungsverzeichnisse, Lektionskataloge und Handbücher für den Unterricht an der Universität den allgemeinen Wandel in der historischen Wissensvermittelung in der Spätphase der Frühneuzeit in den Mittelpunkt, womit Huttner die bisher in der Forschung verbreitete Sicht revidiert (319).

An die Darstellung schließt sich - dem methodischen Ansatz der Studie entsprechend - ein ausgesprochen aufschlussreiches "Verzeichnis der den Vorlesungen in den historischen Wissenschaften sowie in den angrenzenden und darauf bezogenen Disziplinen in Leipzig von 1670 bis 1850/51 zugrunde gelegten Lehrkompendien" an (485-506), das in acht Bereiche gegliedert ist: "Universalhistorie / Weltgeschichte / Menschheits-Geschichte", "(Europäische) Staatenhistorie / Statistik", "Reichshistorie / deutsche Historie / Jus publicum", "Sächsische Provinzialgeschichte / Statistik", "Historische Hilfswissenschaften", "Kirchengeschichte / Kirchliche Altertümer / Religionsgeschichte", "Literärgeschichte / Methodologie des historischen Studiums / Geschichte der Literatur und der schönen Wissenschaften / Philosophiegeschichte", "Altertümer / Antiquitäten / Altertumswissenschaften".

Am Ende des Bandes, nach dem Verzeichnis der Abkürzungen und Siglen (507-508), dem Quellen- und Literaturverzeichnis (509-617) sowie dem Personenregister (619-629), steht erneut das Schriftenverzeichnis von Markus Huttner (631-634) sowie ein persönlich gehaltenes Nachwort des Herausgebers, in dem das wissenschaftliche Werk des Autors abermals gewürdigt wird (635-638).

Die Universität Leipzig, die für Markus Huttner zur akademischen Heimat geworden war, kann im kommenden Jahr auf sechshundert Jahre kontinuierlicher Geschichte zurückblicken. Die Habilitationsschrift Huttners entstand im Kontext der Vorbereitungen auf dieses Jubiläum. Sie trägt auch als Torso dazu bei, einen wichtigen Aspekt der Wissenschaftsgeschichte Leipzigs der interessierten akademischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und wird zu weiteren universitätsgeschichtlichen Forschungen anregen.

Dietmar Grypa