Rezension über:

Konrad Ackermann / Alois Schmid / Wilhelm Volkert (Hgg.): Bayern vom Stamm zum Staat. Festschrift für Andreas Kraus zum 80. Geburtstag (= Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte; Bd. 140), München: C.H.Beck 2002, 2 Bde, XXIV + 498 S., VI + 655 S., ISBN 978-3-406-10721-4, EUR 69,50
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Rezension von:
Dietmar Grypa
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Dietmar Grypa: Rezension von: Konrad Ackermann / Alois Schmid / Wilhelm Volkert (Hgg.): Bayern vom Stamm zum Staat. Festschrift für Andreas Kraus zum 80. Geburtstag, München: C.H.Beck 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 7/8 [15.07.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/07/3020.html


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Konrad Ackermann / Alois Schmid / Wilhelm Volkert (Hgg.): Bayern vom Stamm zum Staat

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Am 5. März 2002 beging Andreas Kraus seinen 80. Geburtstag. Die Kommission für bayerische Landesgeschichte widmete aus diesem Anlass ihrem langjährigen Vorsitzenden eine umfangreiche Festschrift. In ihrer thematischen Offenheit versucht sie dem Verständnis von Landesgeschichte als "histoire intégrale", als einer nur räumlich begrenzten, ansonsten aber umfassenden, epochenmäßig nicht beschränkten Disziplin gerecht zu werden - ein Ansatz, dem sich der Geehrte stets verpflichtet wusste. Die dadurch gebotene thematische Spannbreite der insgesamt 52 Beiträge der dritten, Andreas Kraus gewidmeten Festschrift ist beeindruckend, doch erschwert sie zugleich die Besprechung des anzuzeigenden Werkes.

Der zeitliche Horizont der Aufsätze reicht von einem Beitrag über die bayerischen Synoden im 8. Jahrhundert aus der Feder Kurt Reindels bis ins Jahr 1997, das den Ausgangspunkt eines Berichts über das jüngste Projekt der Kommission für bayerische Landesgeschichte bildet. Neben eindeutig einer Epoche zuzuweisenden Beiträgen, wie etwa den Ausführungen Rudolf Schieffers über den bayerisch-österreichischen Anteil an den Italienzügen Barbarossas oder von Peter Claus Hartmann über Regensburg und den bayerischen Reichskreis, finden sich auch einige die klassischen Epochengrenzen überschreitende Beiträge wie etwa die Ausführungen von Erwin Riedenauer über das Verfassungsproblem der "Erbhuldigung" in Franken oder von Walter Hartinger über ostbayerische Dörfer zwischen Selbst- und Fremdbestimmung.

Inhaltlich konzentriert sich die Mehrzahl der Beiträge vor allem auf zwei Bereiche: die Auseinandersetzung mit der subtilen Arbeit an einzelnen Quellen und die Wissenschaftsgeschichte; beides Aspekte, denen sich der Jubilar in seinen eigenen Forschungen intensiv gewidmet hat (I/VIII).

Mit nicht-schriftlichen Quellen beschäftigen sich die Ausführungen von Hermann Dannheimer über Tugend und Laster im Frauenkloster Frauenwörth, der Beitrag von Wilhelm Störmer über Selbstdarstellung und politische Propaganda in Reitersiegeln, der Aufsatz von Hans-Jörg Kellner über die in Schongau geprägten Münzen, der Bericht von Ingolf Bauer über die Rechtsaltertümer im Bayerischen Nationalmuseum sowie die Reflexionen von Karl Möseneder über die Kunstbestrebungen des Bischofs Heinrich von Hofstätter (1839-1875) am Beispiel der Votivkirche in Passau ("Denkmalkirche - Museumskirche").

Einzelne schriftliche Quellen haben folgende Autoren in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen gestellt: Walter Koch (Neuentdeckte Urkunden Kaiser Friedrichs II.), Alfred Wendehorst (Kloster Banz im späten Mittelalter), Walter Brandmüller (Exorzismus auf der Festung Rosenberg), Konrad Ackermann (Testamente als Elemente territorialer Religionspolitik. Die letztwilligen Verfügungen der pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. (1559-1576) und Ludwig VI. (1576-1583)), Manfred Heim (Kurbayerische Bildungspolitik im Zeitalter der Aufklärung. Heinrich Brauns "Entwurf einer systematischen Lehrart in der katholischen Theologie für die theologischen Studien in Bayern" von 1777), Eberhard Weis (Ein österreichischer Bericht über Bayerns Hof, Regierung, Armee und Finanzen am Vorabend des Krieges von 1805), Egon Johannes Greipl und Reinhard Heydenreuter (Die Jugenderinnerungen des Joseph von Hazzi), Maximilian Lanzinner (Das Ende des Hochstifts Freising in den Berichten seiner Gesandten vom Regensburger Reichstag 1801/02), Georg Schwaiger (Der Statusbericht des Regensburger Bischofs Valentin Riedel von 1847), Hubert Glaser (Leo von Klenzes Bericht über seine ersten Begegnungen mit Kronprinz Ludwig von Bayern. Eine Studie über die Vorrede der Memorabilien), Winfried Becker (Der Einbruch des Nationalsozialismus an der Universität München. Situationsberichte des Geschichtsstudenten Hans Roll an Professor Max Buchner) oder Dieter J. Weiß (Die Staatsauffassung Kronprinz Rupprechts von Bayern. Ein Verfassungsentwurf aus dem deutschen Widerstand). Koch, Wendehorst, Brandmüller, Ackermann, Heim, Greipl und Heydenreuter, Schwaiger, Becker sowie Riedenauer (siehe oben) haben ihren Ausführungen außerdem eine Edition der von ihnen ausgewerteten Quellen hinzugefügt. Eine Sonderstellung innerhalb der Gruppe der genannten Beiträge nimmt der methodisch ausgesprochen anregende Aufsatz von Helmut Rankl ein, der sich mit statistischen Quellen zur Demographie der ober- und niederbayerischen Städte und Märkte in der Frühen Neuzeit beschäftigt.

Besonders zahlreich vertreten sind in der anzuzeigenden Festschrift Untersuchungen zur Wissenschaftsgeschichte. Diesem Komplex kann man folgende Aufsätze zurechnen: den Bericht von Ludwig Holzfurtner über die Edition der Regesten der Herzöge von Bayern, die Ausführungen von Pankraz Fried über den Beitrag des Historischen Atlas von Bayern zur Kirchen- und Klostergeschichte, den bereits erwähnten Beitrag von Ingolf Bauer zu den bayerischen Rechtsaltertümern, die biografisch ausgerichteten Aufsätze von Franz Machilek über Benedikt Cherle von Thierhaupten (1670-1719) und die Anfänge des "Deutschen Maurinismus", die Studie von Alois Schmid über P. Benno Ortmann (1752-1811) aus dem Benediktinerkloster Prüfening oder Gabriele Greindl über Max Pettenkofer als Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, ebenso die Ausführungen von Wolfgang Zorn zur Sozialgeschichte der deutschen Studenten im 19. Jahrhundert, von Ludwig Hammermayer über die Anfänge und Etappen moderner Illuminatenforschung oder die Aufsätze von Heinz Hürten über Legenden um Pacelli und von Walter Ziegler über Kardinal Faulhaber in der Geschichtsschreibung. Auch der Beitrag von Anton Schindling über den Westfälischen Frieden und das Nebeneinander der Konfessionen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in dem der Tübinger Ordinarius eine Summe aus dem von ihm zusammen mit Walter Ziegler herausgegebenen siebenbändigen Sammelwerk über die Territorien des Reiches im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung zieht, ist hier einzuordnen.

Durch die Vielfalt der behandelten Aspekte, wie sie hier nur kurz angerissen werden konnte, gelingt es der Festschrift, das zu sein, was sie anstrebt: "ein sachgerechtes Spiegelbild der weitausgreifenden und nach vielen Seiten hin offenen Bemühungen von Andreas Kraus um die Geschichte Bayerns" (I/VII). Abgerundet werden die beiden Teilbände des nicht nur für die bayerische Landesgeschichte wichtigen Werkes durch das umfangreiche Schriftenverzeichnis des Jubilars sowie ein sorgfältig gearbeitetes Orts- und Personenregister, das dem Leser den gezielten Zugriff auf die vielen dargebotenen Informationen sehr erleichtert.

Dietmar Grypa