Rezension über:

Peter Nadig: Zwischen König und Karikatur. Das Bild Ptolemaios' VIII im Spannungsfeld der Überlieferung (= Münchener Beiträge zur Papyrusforschung und antiken Rechtsgeschichte; Heft 97), München: C.H.Beck 2007, 306 S., ISBN 978-3-406-55949-5, EUR 74,00
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Rezension von:
Gregor Weber
Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Gregor Weber: Rezension von: Peter Nadig: Zwischen König und Karikatur. Das Bild Ptolemaios' VIII im Spannungsfeld der Überlieferung, München: C.H.Beck 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 12 [15.12.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/12/13320.html


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Peter Nadig: Zwischen König und Karikatur

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Monografien zu einzelnen hellenistischen Herrschern haben derzeit Konjunktur. Neue Studien sind nicht nur den unvermeidlichen Fixpunkten Alexander dem Großen und Kleopatra VII. gewidmet [1], sondern auch Könige wie Ptolemaios I., Antiochos IV. oder Demetrios Poliorketes werden biografisch behandelt. [2] Dabei geht es in aller Regel nicht um ein bloßes Nachzeichnen von Ereignisabfolgen, die mit den betreffenden Protagonisten verbunden sind, um moralische Wertungen oder gar Psychohistorie, sondern das Ziel besteht in einer möglichst konzisen Kontextualisierung der Person innerhalb der politischen, religiösen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen der jeweiligen Zeit. Von besonderem Interesse ist dabei, wie sich das Agieren eines bestimmten Königs zum Konzept der hellenistischen Monarchie insgesamt verhielt bzw. in welcher Weise er deren Eckdaten mit bestimmte. Ein gravierendes Problem, vor dem solche Studien generell stehen, betrifft die Quellenlage: Zum einen fehlt für die Epoche an sich bekanntlich eine durchgängige historiografische Überlieferung, sieht man von den Teilsegmenten, die durch Polybios abgedeckt werden, einmal ab. Zum anderen treten bei späteren Autoren, besonders römischer Provenienz oder aus nachchristlicher Zeit, wertende Beurteilungen von einzelnen Handlungen des jeweiligen Königs zutage, die sich oftmals, wenngleich nicht immer, einem mangelnden Verständnis für zeitgebundene Verhaltensweisen verdanken. Schließlich erfordert eine adäquate Behandlung der ptolemäischen und teilweise ebenso der seleukidischen Könige die Einbeziehung auch derjenigen Zeugnisse, die im indigenen, d.h. z.B. ägyptischen oder babylonischen Kontext stehen.

Diesen Herausforderungen hatte sich Peter Nadig in seiner Düsseldorfer Habilitationsschrift aus dem Jahre 2002 zu stellen, die nun in überarbeiteter Form vorliegt: Indem er die Überlieferung zu Ptolemaios VIII. in den Blick nimmt, versucht er, dieser überaus umstrittenen, von den antiken Autoren meist negativ dargestellten Herrschergestalt "zwischen König und Karikatur" - so der Titel der Studie - gerecht zu werden. Man wird das Buch schon allein deshalb begrüßen, weil sich damit eine weitere empfindliche Lücke bei der monografischen Behandlung der Ptolemäerkönige schließt. [3] Darüber hinaus handelt es sich bei Ptolemaios VIII. um einen König, der ungemein lange die Geschicke des Ptolemäerreiches (mit-)bestimmte (170-163 v.Chr. zusammen mit seinen Geschwistern Ptolemaios VI. und Kleopatra II.; 163-145 alleinige Herrschaft über Kyrene; 145-116 erneute Gesamtherrschaft zusammen mit Kleopatra II. und seiner Nichte Kleopatra III.).

Nadig hat seine Studie in neun Kapitel gegliedert, an die sich vier umfangreiche Appendices (215-263), ein Literatur- und Abkürzungsverzeichnis (264-280) sowie ein Register (281-306) mit Quellen, Personen und Orten anschließen. In der Einleitung (1-13) führt Nadig in die Thematik ein, indem er nicht nur eine Kurzbiografie von Ptolemaios VIII. vorlegt, sondern auch die Forschungslage skizziert und seine spezifische Vorgehensweise erläutert: Er untersucht in den Kapiteln II-VI (14-137) zum einen sämtliche Formen der königlichen Selbstdarstellung (Hypomnemata, Titulatur, Beinamen, offizielle Verlautbarungen sowie Repräsentation im Münzbildnis, in der Rundplastik, im Relief, in der Bautätigkeit und in hieroglyphischen Ahnenreihen); der Schwerpunkt liegt dabei - die Gründe hätte man noch eingehender thematisieren können - auf der Alleinherrschaft des achten Ptolemäers seit 145 v.Chr. Zum anderen analysiert er in chronologischer Abfolge die Wahrnehmung von Ptolemaios VIII. durch insgesamt 18 antike Autoren von Polybios über Cato maior und Diodor bis zu Orosius in der Spätantike (138-199), um dann folgende wertende Begriffsfelder in Form einer tabellarischen Übersicht (200-207) aufzubereiten: allgemeine Bewertungen der Herrschaft, äußerliche Erscheinung, Gesinnung und Verhalten des Königs zu seiner Umgebung, Grausamkeiten und Verbrechen, moralisches Verhalten sowie positive Bewertungen von Charakter und Taten. Dabei treten vor allem die negativen Charakterisierungen deutlich hervor, die einerseits bekannte Topoi bedienen, andererseits sich den jeweiligen Aussageintentionen der Autoren verdanken. In Kapitel IX (208-214) erfolgt als Fazit eine vergleichende Gegenüberstellung von Selbstdarstellung und Darstellung bei den antiken Autoren, systematisiert nach den folgenden Rubriken: Generelle Einschätzung der Überlieferung, Heiratspolitik, Innenpolitik, Außenpolitik, Baupolitik und eine abschließende Beurteilung.

Aus der Fülle zahlreicher wichtiger Beobachtungen und sorgsamen Interpretationen auch kleinster Details unter Einbeziehung einer recht disparaten Forschungslage seien einige Aspekte hervorgehoben. Von großer Bedeutung sind die bei Athenaios überlieferten 'Hypomnemata' des Königs selbst: Mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit stellt er sich in eine dynastische Tradition und versucht gleichzeitig, ein positives Bild zu vermitteln, indem er vor allem auf seine eigene Gelehrsamkeit abhebt, wenngleich der Kontext suggeriert, dass man die Bemerkungen auch als Belege für die königliche tryphe 'missverstehen' konnte. Unter den Überschriften 'Titulatur' und 'Beinamen' fasst Nadig ein Spektrum verschiedener Phänomene zusammen, angefangen vom Gegensatz Euergetes / Kakergetes über die ägyptischen Kulttitel bis hin zu den ägyptischen Königsnamen und Beinamen wie Tryphon oder Physkon. Von Interesse ist hier, in welchen Fällen Ptolemaios VIII. an dynastische Vorbilder anknüpfte und wo er sich konkret absetzte, was im Übrigen auch für den Abschnitt zur Münzprägung und zur Bautätigkeit gilt. Aus dem umfangreichen Abschnitt über die königlichen Verlautbarungen geht hervor, dass der König ungemein pragmatisch seine Herrschaft sicherte; in diesem Kontext arbeitet Nadig insbesondere die Adressatengruppen heraus, an die sich die Erlasse in einer Mischung aus Vergünstigungen und Härte richteten: "1. Militär und Sicherheitskräfte, 2. Beamte, 3. Priester und 4. Wirtschaft, Handwerk und Handel" (120). Die umfangreiche Quellenanalyse der antiken Autoren macht deutlich, dass nicht nur sehr wenige zeitgenössische Aussagen über Ptolemaios VIII. vorliegen, sondern dass "viele Quellen bislang noch nicht eingehend auf ihren historischen Ursprung und Kontext hin analysiert und kommentiert worden sind", vor allem aber kristallisiert sich die Negativbewertung des achten Ptolemäers als elementares Charakteristikum fast aller Texte heraus. Nadig zieht daraus den Schluss, dass sich eine "vollständige Biographie des Herrschers" (198) nicht rekonstruieren lässt. Dennoch versucht Nadig im Rahmen seines Fazits, Aussagen zu verschiedenen Politikfeldern zu treffen. Er nimmt für Ptolemaios VIII. überzeugend in Anspruch, dass "er die außen- und innenpolitische Situation des Ptolemäerreiches ohne Illusion und damit ohne Selbstüberschätzung durchaus realistisch einzuschätzen vermochte" (214).

Gewünscht hätte man sich noch eine stärkere Profilierung der Leitbegriffe Repräsentation und Selbstdarstellung sowie die o.g. Rückbindung an das Konzept der hellenistischen Monarchie; insbesondere durch eine intensivere Beschäftigung mit dem Phänomen 'Hof' wären die Macht- und Entscheidungsstrukturen (angesprochen etwa 27 Anm. 21; 31 etc.) deutlicher zutage getreten. [4] Auch hätte ein nochmaliger Korrekturdurchgang dem Manuskript gut getan, um etliche Tippversehen (u.a. 4: der statt die mos maiorum; 79 Anm. 17 und 94 Anm. 90: C.Ord.Ptol. statt C.Cord.Ptol.; 79 Anm. 19: Rosetta statt Rossetta; 104 und 106 Anm. 153: Aruren statt Auren; 162 Anm. 144: W. statt F. Aly), unsachgemäße Worttrennungen im Griechischen und Wiederholungen, besonders im Bereich der zitierten Literatur, zu beseitigen; die abgekürzt zitierten Titel von Anssi Lampela und Karl-Wilhelm Welwei, seine Dissertation zu Königen und Königtum bei Polybios, finden sich nicht im Literaturverzeichnis aufgelöst. Dennoch darf, und dies ist entscheidend, der Ansatz von Nadig, die verschiedenen Ausdrucksformen königlicher Selbstdarstellung den Darstellungsweisen bei verschiedenen Autoren gegenüberzustellen, als überaus gelungen und anregend für weitere Studien angesehen werden. Mit stupender Materialkenntnis und einem sicheren Gespür für historische Zusammenhänge hat Nadig ein gutes Buch vorgelegt.


Anmerkungen:

[1] Zuletzt Christoph Schäfer: Kleopatra, Darmstadt 2006 (dazu Krešimir Matijević, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4); Pedro Barceló: Alexander der Große, Darmstadt 2007 (dazu Michael Zahrnt, in: Gnomon 80/8 (2008), 708-710).

[2] Christian A. Caroli: Ptolemaios I. Soter. Herrscher zweier Kulturen, Konstanz 2007; Peter Franz Mittag: Antiochos IV. Epiphanes. Eine politische Biographie, Berlin 2006 (dazu Peter van Nuffelen, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1). Eine Studie zu Demetrios Poliorketes von Steffen Diefenbach (Augsburg) befindet sich in Vorbereitung.

[3] Vorhanden sind (Teil-)Studien zu Ptolemaios I. (siehe vorige Anm., außerdem Walter M. Ellis: Ptolemy of Egypt. London / New York 1994), zu Ptolemaios III. (Brigitte Beyer-Rotthoff: Untersuchungen zur Außenpolitik Ptolemaios' III., Bonn 1993) und zu Ptolemaios IV. (Werner Huß: Untersuchungen zur Außenpolitik Ptolemaios' IV., München 1976). Desiderate sind Monografien zu Ptolemaios II., V. und VI.

[4] Vgl. Hans-Joachim Gehrke: Geschichte des Hellenismus, München 32003, 46-56 und 170-177; Gregor Weber: Die neuen Zentralen. Hauptstädte, Residenzen, Paläste und Höfe, in: Kulturgeschichte des Hellenismus, hg. von dems., Stuttgart 2007, 99-117.

Gregor Weber