Rezension über:

Michel Austin: The Hellenistic World from Alexander to the Roman Conquest. A selection of Ancient Sources in Translation, Second augmented edition, Cambridge: Cambridge University Press 2006, xxx + 625 S., ISBN 978-0-521-82860-4, GBP 22,99
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Rezension von:
Gregor Weber
Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Gregor Weber: Rezension von: Michel Austin: The Hellenistic World from Alexander to the Roman Conquest. A selection of Ancient Sources in Translation, Second augmented edition, Cambridge: Cambridge University Press 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 11 [15.11.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/11/11496.html


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Michel Austin: The Hellenistic World from Alexander to the Roman Conquest

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Als im Jahre 1981 die Quellensammlung von Michel Austin zum Hellenismus bei Cambridge University Press erschien, war die Resonanz - bezogen auf Textauswahl, Kommentierung und Ausstattung - durchweg positiv: [1] Einerseits lag die Notwendigkeit einer solchen Sammlung angesichts nachlassender Griechischkenntnisse auf der Hand, andererseits gab es nichts Vergleichbares für die bis dahin eher vernachlässigte Epoche [2] - um so mehr, als für die hellenistische Zeit aus Überlieferungsgründen kaum historiographische Quellen zur Verfügung stehen, sondern das Gros des Materials aus Inschriften und Papyri besteht. Diese sind nicht immer einfach zu finden und wirken, auch wenn - wie in modernen Editionen üblich - Übersetzungen beigegeben sind, von der Textgestaltung und den zu berücksichtigenden Details für diejenigen, die mit der Materie noch nicht vertraut sind, eher abschreckend.

Gerade diese beiden Quellengattungen bringen das Problem mit sich, dass immer wieder Neufunde von beachtlicher historischer Relevanz ediert werden, die zunächst nur einem kleinen Expertenkreis bekannt sind. Dass nach zehn Nachdrucken in 25 Jahren nun eine erweiterte Neuauflage vorgelegt wird, ist auch aus diesem Grund überaus begrüßenswert. Bereits aus dem Umfang geht die Erweiterung hervor: Wurden 1981 auf 490 Seiten 279 Nummern geboten, so sind es jetzt auf 625 Seiten 326 Nummern, deren zeitlicher Fokus nun bis in das Jahr 30 v.Chr. reicht; darüber hinaus liegen etliche Neuerungen und Verbesserungen vor: Das Inhaltsverzeichnis enthält nicht mehr nur sieben Rubriken, die als Anordnungsprinzip dienen - dies sind 1: The reign of Alexander (25 Nummern, ein Plus von 5), 2: The age of the Successors (34/7), 3: Macedon and the Greek mainland to the Roman conquest (41/6), 4: The Greek cities: social and economic conditions (57/2), 5: The Seleucids and Asia (66/11), 6: The Attalids of Pergamum (30/6), 7: The Ptolemies and Egypt (73/10) -, sondern jetzt sind vielmehr auch Überschriften verzeichnet, unter denen die Texte präsentiert werden. Darüber hinaus weisen die Rubriken 4 und 7 thematische Untergliederungen auf. [3] Neu ist außerdem eine Einführung in das Thema, die das bisherige Kapitel über die Quellen integriert hat und in der man mit den Problemen der Epoche vertraut gemacht wird; auch erhielt jede einzelne Rubrik eine thematische Einleitung mit integriertem Verweis auf die einzelnen Quellen. Eine aktualisierte Bibliographie, ein Sach-, Orts- und Namensindex, etliche Karten, zahlreiche Münzabbildungen - sie waren in der Ausgabe von 1981 noch nicht enthalten -, außerdem Herrscherlisten und eine Chronologie in tabellarischer Form, in die die Nummern der Sammlung eingearbeitet wurden, erleichtern den Gebrauch des Buches.

Die Auswahl ist von dem Bemühen geprägt, historisch zentrale, punktuell bedeutsame sowie gleichwohl repräsentative Zeugnisse vorzulegen. Dass Austin nicht der Versuchung erlegen ist, den Band vornehmlich mit Inschriften aus den kleinasiatischen Poleis und mit Papyri aus Ägypten zu bestreiten, sondern auch das Material zum Seleukidenreich in seiner Gänze wahrnimmt, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass es sich hierbei um sein Hauptforschungsgebiet handelt. Mit der Auswahl der Texte nimmt Austin auch die aktuelle Diskussion um Akkulturation, Ethnizität, Orientalisierung etc. auf. [4] Alle Texte sind in bewährter Weise präsentiert: Meist ist eine kurze Einführung vorangestellt, die auf Grundprobleme und Literatur verweist, vor allem sind erläuternde Anmerkungen beigegeben. In diese wurden neue, nicht nur englischsprachige Titel eingearbeitet, [5] ebenso die Sachinformationen z.T. erheblich erweitert. Es finden sich zahlreiche Verweise auf andere Nummern innerhalb des Bandes, die dazu dienen, isolierte Aussagen besser zu vernetzen. Austin verweist auch auf neue bzw. abweichende Positionen und Datierungen, etwa im Falle von Nr. 251 = OGIS 435, dem römischen Senatsbeschluss über Pergamon aus dem Jahre 132 nach den Überlegungen von Michael Wörrle (Chiron 30, 2000, 566-568), oder von Nr. 256 = Syll.³ 390, dem Dekret des Nesiotenbundes über die Anerkennung der Ptolemaieia als isolympisch (ca. 280 oder 263 v.Chr.). Ebenso sind Neulesungen eingearbeitet, z.B. in Nr. 163 bei den astrologischen Texten aus Babylon für die Zeit von Antiochos I. nach A.J. Sachs und H. Hunger mit neuer Datierung, oder die neuen Erkenntnisse aus der Unterwasserarchäologie vor Alexandreia (Nr. 292). Manche bereits in der ersten Auflage behandelten Texte wurden erweitert abgedruckt, z.B. Nr. 159 (Memnon von Herakleia zu den Galatern in Kleinasien) oder Nr. 189 (Antiochos III. und Magnesia am Mäander).

Von Interesse ist es, welche Texte neu hinzugekommen sind. Zum einen handelt es sich um durchaus bekannte Auszüge aus Historikern wie Polybios, Diodor oder Iustin, die manche Aspekte vertiefen (z.B. Nr. 97: Prusias und der Senat, Nr. 182: Debatte am Seleukidenhof bzgl. Krieg gegen Ptolemaios IV., Nr. 213: Prozession unter Antiochos IV. in Daphne, Nr. 322: Verfolgung der Intellektuellen durch Ptolemaios VIII., Nr. 323: Bevölkerung von Alexandreia), aber auch der Austin besonders wichtigen Thematik der vielfältigen Begegnungen zwischen Griechen und der indigenen Bevölkerung im ehemaligen Perserreich und in Ägypten gewidmet sind (z.B. Nr. 27: Revolte der Griechen in Baktrien, Nr. 36: Rückkehr von Seleukos I. nach Babylon, Nr. 185: Beschreibung von Medien und Ekbatana, Nr. 284: Unterdrückung einer Rebellion in Ägypten). Zum anderen wurden einschlägige Inschriften quasi nachgetragen (z.B. Nr. 29: Ptolemaios I. und Kyrene, Nr. 193: Eroberung von Koilesyrien durch Antiochos III. im Skythopolis-Dossier), dann Aśoka-Inschriften aus Indien (Nr. 178), außerdem einige erst jüngst publizierte Texte (Nr. 226: Dekret aus Kyme in der Aiolis und Brief von Philhetairos, Nr. 236: Briefe von Eumenes II. nach Tyriaion, Nr. 267: Brief von Tlepolemos nach Kildara, Nr. 272: Brief des Thraseas nach Arsinoe in Kilikien).

Nicht zuletzt aufgrund der philologischen Kompetenz, der historischen Kontextualisierung, dem sicheren Urteil und der intellektuellen Redlichkeit von Austin stellt die Neuauflage der Quellensammlung - auch wenn damit der Blick in den Originaltext nicht ersetzt ist - ein unerlässliches Arbeitsinstrument für die Beschäftigung mit der hellenistischen Zeit dar. [6] Es wäre wünschenswert, dass ein vergleichbarer Band zu den zahlreichen Feldern der materiellen Kultur des Hellenismus - Architektur, Städtebau, Tempel, Kleinkunst etc. - vorläge, um die vielfältigen Bezugspunkte deutlich zu machen.


Anmerkungen:

[1] John Briscoe, Classical Review 96 (1982), 288; Stanley M. Burstein, Classical Journal 78 (1982), 262-264; Nicholas R.E. Fisher, Greece & Rome 29 (1982), 205; Jean-Marie Hannick, L'Antiquité Classique 52 (1983), 478. Moniert wurde, dass der Fokus des Bandes bis 146 v.Chr. (nicht bis 31/30) reichte und dass auch literarische Quellen abgedruckt wurden, die anderweitig in Übersetzungen zugänglich seien.

[2] Im selben Jahr wie Austins Band erschien Roger S. Bagnall/ Peter Derow: Greek Historical Documents. The Hellenistic Period, Chico, CA 1981 (146 Texte), inzwischen auch überarbeitet: The Hellenistic Period. Historical Sources in Translation, Malden, MA 22004 (175 Texte).

[3] Zum Vergleich der Nummern in der Ausgabe von 1981 mit der aktuellen sind zwei Konkordanzen (591-599) beigegeben.

[4] Vgl. Hilmar Klinkott: Griechen und Fremde, in: Gregor Weber (Hg.): Kulturgeschichte des Hellenismus. Von Alexander dem Großen bis Kleopatra, Stuttgart 2007, 224-241.

[5] Der aktuelle Forschungsstand ist durchweg referiert; man hätte allgemein noch auf Hans-Joachim Gehrke: Der siegreiche König. Überlegungen zur Hellenistischen Monarchie, AKG 64 (1982), 247-277, und Biagio Virgilio: Lancia, diadema e porpora. Il re e la regalità ellenistica, Pisa 22003, verweisen können. Zu Nr. 143: Brigitte Le Guen: Les Associations de Technites dionysiaques à l'époque hellénistique, 2 Bde., Nancy 2001; Sophia Aneziri: Die Vereine der Dionysischen Techniten im Kontext der hellenistischen Gesellschaft, Stuttgart 2003; zu Nr. 295: Stefan Schorn: Satyros aus Kallatis. Sammlung der Fragmente mit Kommentar, Basel 2004. Im Druck befinden sich Kay Ehling: Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden (164-63 v.Chr.). Vom Tode des Antiochos IV. bis zur Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius, Stuttgart 2007 (zur Chronologie und bes. zu den numismatischen Befunden), und Sitta von Reden: Money in Ptolemaic Egypt, Cambridge 2008.

[6] Zu berichtigen ist: Mørkholm statt Mrkholm (17), P.F. Mittag statt P.M. Mittag (491), Reger statt Reyer (580).

Gregor Weber