Rezension über:

David G. Dalin / John F. Rothmann: Icon Of Evil. Hitler's Mufti And The Rise Of Radical Islam, New York: Random House 2008, 230 S., ISBN 978-1-4000-6653-7, USD 26,00
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Jennie Lebel: The Mufti Of Jerusalem Haj-Amin El-Husseini And National-Socialism. Translated by Paul Münch, Belgrad: Čigoja štampa 2007, 374 S., ISBN 978-8-6755-8531-2, EUR 29,80
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Rezension von:
Wolfgang G. Schwanitz
Browns Mills, NJ
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Conermann
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang G. Schwanitz: Neue Publikationen über den Jerusalemer Großmufti Amin al-Husaini (Rezension), in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/15069.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Islamische Welten" in Ausgabe 8 (2008), Nr. 10

Neue Publikationen über den Jerusalemer Großmufti Amin al-Husaini

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Hier liegen zwei Bücher über den Jerusalemer Großmufti Amin al-Husaini vor. Indes die Amerikaner David G. Dalin und John F. Rothmann das Leben des Mittelost prägenden Palästinensers 1895 bis 1974 im Licht des radikalen Islam erhellen, lotet ihn die serbisch-israelische Autorin Jennie Lebel mit Blick auf den arabisch-israelischen Konflikt aus. Das Autorenduo hat nur angelsächsische Literatur benutzt, wenig neue geschichtliche Fakten, dafür aber Denkstoff über den extremen Islam eingebracht. Hingegen hat jene Historikerin speziell israelische, deutsche und serbische Quellen erkundet und dabei so manches entdeckt. Vor einer Bilanz geht es hier nun um das erste, dann das zweite Buch.

Adolf Hitler träumte im Delirium, wie New Yorker Wolkenkratzer im Feuer-Hurrikan untergehen: gigantische Türme verwandeln sich in einander versinkende Fackeln; ihr Lodern lässt die Nacht über der explodierenden Stadt erglühen. So beschrieb der einstige Rüstungsminister Albert Speer Hitlers Visionen. Dies sei durch Angriffe auf Manhattan Anfang des Millenniums wahr geworden, sagen Dalin und Rothmann in ihrem Buch über den Jerusalemer Großmufti Amin al-Husaini und den radikalen Islam. Beide Akademiker sehen dahinter eine Kontinuität der Islamisten von Amin al-Husaini über Ramzi Yusuf, der den ersten Angriff auf New Yorker Türme ausgeheckt hat, bis zu Usama Bin Ladin.

Um dies zu erhärten, nehmen sie den Leser mit auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert, die am Leben des Großmuftis aufgerollt wird. Er stammte aus einer noblen Jerusalemer Familie. Im Ersten Weltkrieg diente er als osmanischer Offizier. Drei Jahre später berief ihn Sir Herbert Samuel in das Amt als Großmufti. Aber dieser britische Hochkommissar Palästinas habe mit ihm eine Schlange am Busen genährt. Denn Amin al-Husaini zeigte sich undankbar. Dabei tat er alles, um Samuels prozionistischen Kurs zu sabotieren und eine jüdische Heimstatt in Palästina zu verhindern. Ihm sei jedes Mittel recht gewesen: Jihadrevolten, List und Mord. Freilich kennen die beiden Autoren die deutsche Literatur darüber nicht. So versäumen sie es, all dies in den Rahmen der deutschen Islampolitik zu stellen, die islamistische Revolten im kolonialen Hinterland der Kriegsgegner anstrebte.

Eine Kopie der unsäglichen "Protokolle der Weisen von Zion" sei im Ersten Weltkrieg in Amin al-Husainis Familie gelangt. Bald glaubte auch er an sie und damit an das "jüdische Weltkomplott". Hier mag man ergänzen, dass er dies mit Hitler gemein hatte, der 1924 in "Mein Kampf" behauptet hat, ob die Protokolle nun echt oder gefälscht wären, sei egal: Juden würden sich unbewusst so benehmen. Er verstieg sich zu behaupten, ein Volk, das sich diese Protokolle zu Eigen mache, könne auch die "jüdische Bedrohung" überwinden. Wer die Texte des Muftis liest, wird sehen, dass sie von dieser Idee durchdrungen sind.

Dalin und Rothmann unternehmen Ausflüge in die gegenfaktische Historie nach dem Motto "was wäre wenn". Sie fragen, ob alles anders verlaufen wäre, hätte ein Mitglied des rivalisierenden Clans der Nashashibis das hohe Amt erhalten. Da die beiden Autoren im Mufti früh einen "radikalen Islamisten" erblicken, steht es für sie außer Zweifel, dass er dann seinen Gegner hätte ermorden lassen. Zudem, so fügen sie hinzu, sei es nicht nur Amin al-Husaini gewesen, der einen extremen Pfad einschlug, sondern es waren auch die Palästinenser, die diesen gefordert hätten. Daran darf man zweifeln, denn dies verkennt sein Werden im tribalen Umfeld. Noch 1918 war er probritisch. Einigen Texten zufolge war er im British Public Security Service, ehe er 1919 in den Damaszener French Secret Service eintrat. Ab Mitte der 30er Jahre wandte er sich offen gegen die Briten und Franzosen.

Dieses Buch erhellt das Gestern oft zu einseitig. Palästinenser konnten in den 20er Jahren nicht zusehen, wie mehr und mehr Siedler Land nahmen und sie verdrängten. Sonst in der angelsächsischen Bücherauswertung gut, haben die Verfasser kaum arabische, deutsche und italienische Literatur über den Mufti benutzt. Auch daher können sie dem Leser nicht erklären, warum der Mufti so vehement gegen eine jüdische Besiedlung Palästinas war und sich dann in die Arme von Mussolinis Italien und Hitlers Deutschland begab. Boten Dritte einst bessere Alternativen an oder verkam das alles zum postkolonialen Ränkespiel mit dem Schicksal zweier Völker im selben Raum, wo der Mufti die Grenzen überschritt?

Dem gehen die Autoren nach. Sie fanden Belege für Amin al-Husainis Opportunismus. Die New York Times zitiert ihn Anfang 1937, dass er die durch die Briten geförderten Zionisten in Palästina bekämpfe, wobei es ihm egal sei, wer ihm helfe oder mit wem er sich alliiere, solange es ihm diene: Araber und Deutsche hätten in den Briten und Juden gemeinsame Feinde. Wie Dalin und Rothmann meinen, war diese Ansicht unter Arabern verbreitet. Doch fragt sich der Leser, wie es kam, dass ursprünglich zumeist probritische Araber - sie wollten ja von London als Lohn für ihren Aufstand in der Wüste nach dem Ersten Weltkrieg eigene Staaten erhalten - solche Kehrtwenden vollzogen. In jedem Falle steht für das Autorenduo des Großmuftis Mittäterschaft am Holocaust fest.

Laut Dalin und Rothmann wusste er um die Judenvernichtung. Nicht nur, dass er Ende 1944 nur von elf statt bisher 17 Millionen Juden sprach, Ausreisen von Kindern nach Palästina stoppte ("sie stärken dort später als Erwachsene das jüdische Element") und Muslime in die SS rekrutierte. Wie die Forschung [1] jüngst belegte, gestand er in seinen Damaszener Memoiren ein, was ihm der SS-Reichsführer Heinrich Himmler Mitte 1943 über Juden verraten hat: etwa drei Millionen liquidiert zu haben. Beide Autoren knüpfen viele Fäden weiter vom Wirken des Muftis nach dem Zweiten Weltkrieg bis über seinen Tod 1974 hinaus. Sie enthüllen sein ideologisches Erbe im globalen islamistischen Netz, bis hin zum Inferno der Angriffe auf die New Yorker Zwillingstürme. Freilich gereicht ihr Buch nicht zur einschlägigen Synthese, die multiple Quellen und Narrative auch von anderen beteiligten Seiten vereint, vor allem Araber, Deutsche, Franzosen und Italiener.

Davon hebt sich Jennie Lebels Band ab. Er geht auch durch ihre mehrsprachigen Quellen tiefer. Doch birgt er den Stand Ende der 90er Jahre. Zu ihren Gunsten ist anzunehmen, dass es eine lange Zeit der Edition und Übersetzung gab. Die in Tel Aviv lebende Autorin hat in Ivrit "Hajj Amin we Berlin" (Hajj Amin und Berlin, Tel Aviv, Technosdar 1996) und in Serbisch unter demselben Titel "Hajj Amin i Berlin" (Belgrade, Čigoja štampa 2003) publiziert, von dem diese Übersetzung stammt. Sie folgt den Lebensphasen des Muftis, wobei sie in ihren jüngsten Bänden einige Teile mit Übersichten erweitert hat.

Besonders gut arbeitet Jennie Lebel Amin al-Husainis Aktivitäten in Deutschland und im Gebiet des nachmaligen Jugoslawiens während des Zweiten Weltkriegs heraus. Ergiebig sind ihre Einblicke und Fakten, die sie in den jugoslawischen, deutschen und israelischen Archiven herausfand. Dies trifft weniger auf die neuere arabische, englische, französische und deutsche Literatur zu, [2] wodurch eine gewisse Unausgeglichenheit aufgekommen ist.

Ein großer Zuwachs ist hier in der auf Serbien bezogenen Geschichte zu verzeichnen. Als Faksimile stellt sie zum Beispiel die erste Seite einer jugoslawischen Akte vom 10. Juli 1945 dar. Es geht dabei um "Verbrechen der deutschen Okkupanten und ihrer Helfer". So gelangte Amin al-Husaini, der seit Mai 1945 in einem Pariser Vorort lebte, auf die Liste der Kriegsverbrecher: wegen Zwangsrekrutierung von Muslimen in die SS-Divisionen der besetzten Gebiete. Es gab also eine Chance, ihn direkt an den Nürnberger Gerichtshof auszuliefern, der seine Arbeit vier Monate später aufnahm. Der Mufti wusste es. Aber er meinte, die Franzosen wollten ihn davor bewahren. Halfen ihm dort seine alten Kontakte?

Laut Jennie Lebel war es der jugoslawische Führer Tito, der den Namen des Muftis von jener Liste getilgt hat. Sie vermag eine geheime Nachricht der jugoslawischen Botschaft in Paris an das französischen Außenministerium vom April 1946 zu erhellen. Demnach verwehre Frankreich eine Ausweisung des Muftis, denn es wolle Muslime in Kolonien nicht aufbringen. Zudem gäbe es nur ein französisch-britisches Abkommen über den Austausch von Kriminellen, nicht von Kriegsverbrechern. London habe den Fall des Muftis nicht der UN Kommission für Kriegsverbrechen präsentiert. So entkam er leicht von Paris nach Kairo im Mai 1946, wo er seine umfangreichen Amtsgeschäfte fortsetzte.

Ein Buch über eine so umstrittene Figur wie der Mufti lädt zur Kontroverse ein. Zumal Jennie Lebel ungenügend die mittelöstliche Geschichte einbezieht. So sagt sie etwa, dass: der arabische Nationalismus in Palästina keine progressive Bewegung mit klaren sozialen Zielen gewesen sei, sondern nur eine Reaktion auf jüdische Siedler; die Muslime "den schwarzen Stein Ka'aba anbeten"; 1929 eine arabische Menge nach Jerusalem geströmt sei und ein blutiger antijüdischer Pogrom anfing, wobei sie nicht die Geschichte vor der Geschichte erzählt. Denn nur "durch andere Seiten" kann der Leser unabhängig urteilen.

Jennie Lebel bilanziert zum Grossmufti (363): ein Mann mit selbst erfundenen Titel, einer der größten internationalen Kriminellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Tat bringt dies ihre Meinung auf den Punkt. Aber den Titel "Großmufti" hatte er bereits übernommen und er wurde bald weithin akzeptiert. Und sein Leben in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts liegt noch weitgehend im Dunkeln. Jetzt greife ich zu Beginn der sechs nachfolgenden Absätze jeweils eine ihrer Thesen heraus und erörtere sie dann.

-Der Mufti sei nicht bereit gewesen, etwas umsonst zu tun (138, 146). Andererseits zeigt sie sein rastloses, nationalistisches und panislamisches Treiben, dem er sein langes Leben gewidmet hat. Dass er es schaffte, Geld von vielen Seiten zu erhalten, deutet nur auf seine Entschlossenheit hin. Jennie Lebel stellt die Finanzen nicht ganz so deutlich dar. Doch die Quellen bezeugen, was der Mufti und zwei Dutzend arabische Führer wie Rashid Ali al-Kailani, Shakib Arslan, Mansur Daud, Kamil Mruwa und Sharif Sharaf im Monat erhalten haben: der Mufti 50.000 Mark und 25.000 in Devisen, Rashid Ali 75.000 Mark und 25.000 in Devisen. Gleichwohl ist inzwischen klar geworden, womit der Sonderfonds des Außenministers gespeist wurde, aus dem jene monatlichen Gelder kamen: durch vor allem Juden geraubtes Vermögen. Was Wunder, al-Husaini und al-Kailani haben die rassistische Praxis der Vernichtung in Kauf genommen. Im Gefolge des Muftis haben sich viele auf die totalitäre und undemokratische Seite der Geschichte geschlagen. Damit leisteten sie ihren Völkern einen Bärendienst. Für viele ist es noch ein langer Weg, das tödliche Erbe des Muftis zu überwinden. Auch deshalb ist Lebels Buch besonders wichtig, steht doch eine weite Debatte zum Holocaust in Mittelost an.

-Deutsche Radiosender für Mittelost hätte der Mufti geleitet (138). Nein, diese Rolle erfüllte der Gesandte Fritz Grobba (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Grobba%20Geist%20aus%20der%20Lampe.pdf) mit seinem Arabischen Komittee (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Nahostpolitische%20Retrospektive%20Dr%20Fritz%20Grobbas.pdf) im Auswärtigen Amt. Die Protokolle ihrer wöchentlichen Debatten über Programme und Propaganda sind überliefert. Zudem haben Briten und Amerikaner die Sendungen regelmäßig analysiert. Davon war der Mufti nur ein Teil, obzwar ein wichtiger für die Achsenmächte (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Paschas%20Politiker%20Paradigmen%201%20%202004%20WGS.pdf).

Regelmäßig hat er seine Radioreden oder Manuskripte vor den öffentlichen Auftritten eingereicht und schlug Berlin schon 1937 vor, das deutsche Mittelostradio einzurichten.

- Die Deutschen hätten ihre Position zur arabischen Unabhängigkeit nicht erklärt (142). Im Gegenteil, sie taten dies am 5. Dezember 1940 in den Medien in Übereinstimmung mit den Italienern: Deutschland habe seit jeher den Kampf der arabischen Länder für die Unabhängigkeit mit Interesse verfolgt. Diese könnten dabei auf die volle Sympathie Berlins rechnen. Das Beiruter Nationalkomitee für Unabhängigkeit hat darauf "im Namen der Araber" reagiert. Auf Anregung des Muftis erklärte es am 14. Januar 1941 in Punkt zwei: Araber meinen, dass sie gleichwohl eine hohe Rasse der Menschheit seien und in nichts hinter den Europäern zurückständen. Hitlers rassistische Doktrin fand also ein vielfältiges Echo. Das Komitee fragte überdies die deutsche Regierung, offiziell und praktisch ihre Hilfe für die Unabhängigkeit zu zeigen, anders als Großbritannien. Araber wollten einen Großarabischen Staat, der Großsyrien sowie die Araberstaaten Westasiens einbeziehe und die Einheit mit arabischen Ländern Nordafrikas wie Ägypten herstelle.

-Der Mufti habe betont, dieselbe Methode zur "Lösung des jüdischen Problems" zu benutzen wie sie die Achsenmächte verwenden werden (84). Nein und ja. Nein, denn der Mufti entwarf von 1940 bis 1942 etwa 15 Versionen einer gemeinsamen deutsch-italienischen Erklärung zur arabischen Sache. Punkt sieben lautet in deutsch im Februar 1941: "in der gleichen Weise zu lösen, wie diese Frage in den Ländern der Achse gelöst worden ist". Dies lässt Wege offen, sieht man Unterschiede zwischen Berlin und Rom. Aus jener Vergangenheit wurde nun bei Jennie Lebel die Zukunft. Im mir vorliegenden Arabisch ist gar nicht von Methoden die Rede, sondern "nur" von der Beseitigung der jüdischen Heimstätte in Palästina. Hier gibt es Aufklärungsbedarf. Und ja, mit Blick auf den laufenden Holocaust verhielten sich der Mufti und der vormalige irakische Premier Rashid Ali al-Kailani unmenschlich, indem sie noch das Schicksal ihrer Völker mit dem deutschen Massenmord an Juden verbunden haben. Sie erhellten auch den traditionellen und rassistischen Judenhass. Beide wussten um den Holocaust. Sie baten 1942 darum, ein Konzentrationslager besuchen zu dürfen. Dies wurde vier arabischen Begleitern aus ihren Stäben ermöglicht, die sich in Sachsenhausen bei Berlin "besonders für die Juden interessiert haben." Den klaren Beweis gab der Mufti in seinen Damaszener Memoiren.

-Des Muftis Bestreben, sich als panislamischer Führer zu zeigen, habe ihm keine Punkte im 'Dritten Reich' eingebracht (116, 154). Im Gegenteil. Er hat die Deutschen mit ihrer Tradition des politischen Islams als religiöser Würdenträger beeindruckt. Damit bot er mehr als Rashid Ali al-Kailani, der bestenfalls für Irak stand. Doch hinter dem Mufti war nicht nur Palästina (er nannte sich Al-Mufti al-Akbar Min Filastin oder The Grand Mufti Of Palestine), sondern auch islamische Gebiete. Hitler sah Parallelen zu seinem Pangermanismus, indes Himmler im Mufti einen "islamischen Pabst" wähnte. Deutsche Berichte betonen dessen diesbezügliche Effektivität etwa bei seiner Rekrutierung von Muslimen in die Serbischen oder Turkestanischen SS-Divisionen. Ein Bericht vom April 1943 erklärte, der Mufti sei in Kroatien in viererlei Gewändern aufgetreten, einem kroatischen, deutsch-italienischen, arabischen und islamischen. Er spielte meisterhaft auf dem Piano der multiplen Identität. Und auch nur so kann er richtig begriffen werden.

-In einer neuen Auflage mag Jennie Lebel einiges leicht korrigieren. Der Diplomat Fritz Grobba war kein Orientalist, sondern promovierte in Jura. Zwar kannte er drei Sprachen des Islam, doch sind Orientalisten oder Arabisten Gelehrte, die Geschichte, Sprachen und Kultur islamischer Räume studieren und lehren. Hitler traf den Mufti nur einmal. Es kann als keine Rede von deren "ersten Treffen" sein. Er gab dem Mufti auch keine Sicherheitsweste (241) und reichte ihm die Hand. Ihr Dolmetscher war Paul Schmidt. Der Deutsch-Ägypter John W. Eppler (111) ist in diesem Treffen nirgends zu sehen, das im Film (http://www.youtube.com/watch?v=E02KdwUqCrI&feature=related) gut dokumentiert ist. Die Café-Limonaden-Geschichte von Leonard Mosley gehört in das Reich der Fama. Wörter sind zu ändern, darunter Muntadda, Khalid Al Hud, Shakib Arslan, Herbert von Bismarck, Husain Gafar und Rashid Rida'. Semiten existieren nicht, ebenso nicht "semitischer Typ" oder "semitischer Mufti" (135, 241).

Fazit: Dalin, Rothmann und auch Lebel billigten dem Mufti keinen Patriotismus zu. Aber es war doch normal, dass er sich gegen Kolonialmächte wehrte und Europas Rivalitäten ausnutzte. Es ist erklärlich, dass er sich gegen die Wellen der Immigration wandte. Alles änderte sich aber mit den Nazis an der Macht, die ihren Judenhass nicht zuletzt 1924 publiziert hatten.

Hitler erklärte dem Mufti 1941, Juden auch in Mittelost beseitigen zu wollen. Graduell überschritt der Araber die rote Linie, behauptete aber später, die Nazis hätten seiner im Judenhass nicht bedurft. Dennoch: sie beeinflussten einander zum Schlechtesten, sowohl in Mitteln als auch Zielen. Dabei übersah der Mufti historische Chancen 1939 und 1948.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben manche Israelis eine faire Erfüllung des UN-Beschlusses zur Teilung blockiert: durch geheime Absprachen mit König Abdullah und den Schock- und Vertreibungskurs. Dem Mufti, ohne besondere höhere Bildung, fehlte ein Konzept des historischen Kompromisses. Sein alles-oder-nichts-Ansatz und sein rassistisches Erbe wirken fort. Noch viel ist über ihn zu ergründen, vor allem in den arabischen, britischen, deutschen, französischen und russischen Archiven, wie seine weltweiten drei Jahrzehnte nach dem Weltkrieg. Dafür sind die Bände von David G. Dalin, John F. Rothmann und Jennie Lebel hilfreich, zumal dies nur im komparativen Dreieck Amerika, Mittelost und Europa im transregionalen und multiarchivalischen Ansatz erforscht werden kann.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang G. Schwanitz: Amin al-Husaini and the Holocaust (http://www.trafoberlin.de/pdf-Neu/Amin%20al-Husaini%20and%20the%20Holocaust.pdf): What did the Grand Mufti Know? World Politics Review (http://www.worldpoliticsreview.com/article.aspx?id=2082), 8 May 2008.

[2] Ibrahim Abu Shaqra: Al-Hagg Muhammad Amin al-Husaini munzu wiladatihi hatta thaurat 1936 (Al-Hagg Muhammad Amin al-Husaini from His Birth Until The Revolution of 1936), Al-Lazaqiyya 1998, I; Abd al-Karim Umar: Muzakkirat al-Hagg Muhammad Amin al-Husaini (The Memoirs of al-Hagg Muhammad Amin al-Husaini), Damascus: Al-Ahali Publishers 1999; Gerhard Höpp: Mufti-Papiere (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Schwanitz_neu/Gerhard%20Hoepp%20Mufti%20Papiere.pdf) . Briefe, Memoranden, Reden und Aufrufe Amin al-Husainis aus dem Exil, 1940-1945, Berlin: Klaus Schwarz Verlag 2001; Chantal Metzger: L'empire colonial français dans la stratégie du Troisième Reich (1936-1945) (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Chantal%20Metzger20%20Frankreichs%20Kolonien%20und%20das%20 Dritte%20Reich.pdf), Brüssel: Peter Lang Publishers 2002, I, II; Wolfgang G. Schwanitz: Gold, Bankiers und Diplomaten (http://www.trafoberlin.de/3-89626-288-2.htm ): Zur Geschichte der Deutschen Orientbank, Berlin: Trafo Publisher 2002; Gerhard Höpp, Peter Wien, René Wildangel: Blind für die Geschichte? (http://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/Schwanitz_neu/Gerhard%20Hoepp%20Araber%20und%20Nationalsozialismus.pdf) Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus, Berlin: Klaus Schwarz Verlag 2004; Shlomo Aronson: Hitler, the Allies, and the Jews, Cambridge: Cambridge University Press 2004; Wolfgang G. Schwanitz, Hg.: Germany and the Middle East, 1871-1945 (http://markuswiener.com/catalog/index.php?main_page=product_info&cPath=16&products_id=516&zenid=0a43e7507cf6d1c98ff1631f96cb0ef0" , Princeton: Marcus Wiener Publishers 2004; Klaus-Michael Mallmann, Martin Cüppers: Halbmond und Hakenkreuz (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=11400) . Das "Dritte Reich", die Araber und Palästina, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006; Wolfgang G. Schwanitz, Hg.: Deutschland und der Mittlere Osten im Kalten Krieg (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/id=12&ausgabe=3254) , Leipzig: University Publisher 2006; Peter Wien: Iraqi Arab Nationalism. Authoritarian, totalitarian, and pro-fascist inclinations, 1932-1941, London Routledge 2006; René Wildangel: Zwischen Achse und Mandatsmacht (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=9528: Palästina und der Nationalsozialismus, Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2007.

Wolfgang G. Schwanitz