Rezension über:

Nick Robins: The Corporation that Changed the World. How the East India Company Shaped the Modern Multinational, London: Pluto Press 2006, XV + 218 S., ISBN 978-0-7453-2523-1, USD 80,00
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Philippe Haudrère: Les Compagnies des Indes orientales. Trois siècles de rencontre entre Orientaux et Occidentaux (1600 - 1858), Paris: Editions Desjonquères 2006, 269 S., ISBN 978-2-84321-083-9, EUR 25,00
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Rezension von:
Ulrich Ufer
Karl Mannheim-Lehrstuhl für Kulturwissenschaften, Zeppelin University, Friedrichshafen
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Ulrich Ufer: Der europäische Ostindienhandel und die East India Company (Rezension), in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/14728.html


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Der europäische Ostindienhandel und die East India Company

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"Before you study the history, study the historian" - dieser Hinweis des englischen Historikers E.H. Carr soll hier zunächst zu Herzen genommen werden, um zwei grundsätzlich verschiedenen Büchern in ihrer Besprechung gerecht zu werden. Nick Robins erzählt die Geschichte der East India Company (EIC) als Vorreiter der modernen Korporation aus der Perspektive eines ausgebildeten Historikers, der jedoch die vergangenen 20 Jahre in einer Investment Firma in dem Bereich Soziale Verantwortung tätig war. Philip Haudrère dagegen ist Professor der Universität von Angers und hat innerhalb desselben Zeitraums eine Reihe von Publikationen über den maritimen Kommerz in der Frühen Neuzeit vorgelegt, deren letzte die hier besprochene vergleichende Studie der europäischen Bewerber um den Ostindienhandel darstellt. Seiner Mitgliedschaft in der "Académie de Marine" entspricht sein Interesse an den praktischen Aspekten der Seefahrt.

Robins lädt den Leser zu einer "popular history" der EIC außerhalb des akademischen Rahmens ein. Die Geschichte der Kompanie bezeichnet er zunächst als eine "Hidden Wound". Sie sei in den vergangenen Jahrzehnten aus dem kulturellen Gedächtnis der ehemaligen Kolonialmacht verschwunden, bestenfalls hätten die 400-Jahrfeiern um das Jahr 2000 zu einer "romantic reinterpretation" (15) ihrer 274-jährigen Geschichte (1600-1874) geführt. Primäres Ziel von Robins ist es also, die heute verdeckten Wunden aufzuzeigen, die das Handelssystem der EIC geschlagen hat. Sein weiterführendes Anliegen ist die Diskussion einer epocheübergreifenden Problematik: Welche Art Rechenschaft sind Großkonzerne der Öffentlichkeit schuldig, wenn ihre inneren Strukturen private Herrschsucht gegenüber dem Allgemeinwohl bevorzugen und sie dabei mit der Logik des freien Handelsaustauschs in Konflikt geraten?

Im zweiten Kapitel wird sogleich die Entwicklung und Struktur der EIC besprochen und mit jener der modernen Kapitalgesellschaft verglichen. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in England ehemals vom Staat allein für Körperschaften öffentlichen Rechts reservierte Privilegien auch an private Firmen verliehen. Die EIC erweiterte nun dieses neue Modell, indem sie eine solche Privilegien-Charta auch für eine Kapitalgesellschaft von Aktionären beanspruchte. Robins unterstreicht drei entscheidende Merkmale der EIC als moderne Korporation: Als Aktiengesellschaft konnte die Kompanie sich einem größeren Pool von Investoren öffnen; deren Verlustrisiko blieb auf den Wert des eingezahlten Kapitals beschränkt; die Trennung von Teilhabern und bezahlten Managern sicherte hingegen die Operationsfähigkeit des Unternehmens.

Entscheidend war aber insbesondere, dass die mit einer Charter versehene Kapitalgesellschaft zu einer eigenständigen rechtlichen Körperschaft wurde, hinter der die individuellen Personen der Finanzgeber - anders als bei Partnerschaften - mit ihren Rechten und Pflichten weitgehend zurücktraten (24). Anders als heute gab es im 17. und 18. Jahrhundert jedoch keinen Rechtsanspruch auf die Gründung einer Aktiengesellschaft. Dieses Privileg wurde als Ausnahme durch den Staat und nur auf eine befristete Zeit erteilt. Die Notwendigkeit zur Erneuerung des Privilegs kam einer zumindest sporadisch gegebenen Kontrollmöglichkeit des Staates gleich (27). Zugleich ging mit dem staatlichen Privileg aber auch eine heute kaum noch angewandte Monopolvergabe einher.

In diesem Teil des Buches könnte der Leser den wertvollsten Beitrag von Robins erwarten. Schließlich geht es hier um ein Hauptanliegen seines Buches: wie die EIC die Entwicklung moderner "Multinationals" bestimmt hat. Trotz der aufgrund seiner Vita zu unterstellenden Erfahrung, unterlässt es Robins hier, seine seltenen Vergleiche zur heutigen Wirtschaftswelt einer detaillierten Analyse zu unterziehen (35-38).

Stattdessen verfolgt Robins ab dem dritten Kapitel die beiden kaum bestreitbaren Hypothesen, dass die mit dem staatlichen Monopol auf den Asienhandel ausgestattete EIC zum einen die privaten Interessen einiger weniger Anleger vor das Gemeinwohl ganzer Völker - in Asien wie im Heimatland selbst - stellte. Zu diesem Zweck setzte sie zum anderen immer häufiger Gewalt als ein für den Handel notwendiges Mittel ein, bot aber aufgrund ihrer körperschaftlichen Eigenständigkeit kaum eine Angriffsfläche, um einzelne Entscheidungsträger zur Rechenschaft zu ziehen.

Um diese Thesen zu untermauern, erzählt Robins in den folgenden Kapiteln die Geschichte der EIC. Im Einklang mit seiner Intention konzentriert er dabei sein Interesse auf jene Begebenheiten vor allem des 18. Jahrhunderts, in denen die Kompanie die Beschränkungen eines allein auf fairen Kommerz ausgerichteten Verhaltens überschritt - Verstöße, die jedoch gleichzeitig als grundlegend für ihren zunehmenden Machtausbau angesehen werden müssen.

Besondere Erwähnung findet hier zunächst die gängige Bestechung im Vereinigten Königreich unter dem Kompanievorsitzenden Josiah Child in den 1690er Jahren, um die Charta erneut zur verlängern, dabei die Ausdehnung des Asienhandel-Privilegs auf rivalisierende Kompanien zu unterbinden (51) und gleichzeitig die Forderungen englischer Weber nach höheren Einfuhrzöllen oder gar Einfuhrbeschränkungen auf indische Stoffe zurückzuweisen (53). Auf der anderen Seite der Handelsachse, in Asien, diskutiert Robins hauptsächlich die Rolle der EIC in Indien und geht insbesondere auf die Umstände der so richtungweisenden Schlacht von Plassey im Jahr 1757 ein. Robins zeigt sehr deutlich auf, wie der aus dem Mutterland vorgegebene Imperativ der Profitsteigerung die EIC darin beeinflusste, von der bisherigen Beschränkung auf küstennahe Handelsstützpunkte abzuweichen und militärisch in die Binnenpolitik Indiens einzugreifen. Indem die Kompanie zum Aufstand gewillte indische Fürsten unterstützte, konnte sie ihre europäischen Rivalen um Stoffe, Salpeter, Opium und andere Handelswaren weitgehend ausschalten und aufgrund nun fixierter Niedrigpreise für die Ausfuhr sowie durch Steuerbefreiungen und durch eigene feudalherrschaftliche Zoll- und Steuererhebungsrechte ("Diwani") in den kolonialisierten Gebieten sogar die notorisch negative Handelsbilanz mit Indien in einen Profit umwandeln.

Robins bezeichnet die Kolonialisierung Indiens im Grunde als einen "business deal" (61) und die Rolle der EIC seit der 1760er Jahre als die eines "corporate state" (76), der sich allerdings keinerlei staatlicher Verantwortung stellt. Beispielhaft geht Robins auf die indischen Weberaufstände gegen die viel zu niedrige britische Preisfixierung im Jahr 1767 ein, prangert insbesondere die Preispolitik für Nahrungsmittel der EIC als Hauptgrund der schrecklichen Hungersnot in Bengalen im Jahr 1770 an (90 ff.) und weist auf die Illegalität des britischen Opiumhandels mit China hin (150).

Robins Buch gewinnt seine besondere Stärke durch die Auswahl an Quellen (größtenteils aus Sekundärwerken zitiert), mittels derer dem Leser der zeitgenössische Diskurs in England um diese Vorkommnisse zugänglich gemacht wird. Der Autor zitiert aus einer Reihe von Parlamentsdebatten, aus persönlichen Briefen und aus Werken der politischen Ökonomie (hauptsächlich Adam Smith, Edmund Burke, John Stuart Mill und Karl Marx). Die Handlungen der kolonialen Akteure werden so einerseits in den Kontext der kapitalgesellschaftlichen strategischen Vorgaben eingeordnet, andererseits wird zeitgenössische Kritik deutlich und zugleich die praktische Unmöglichkeit rechtlicher Schritte gegen Vergehen der Kompanie aufgezeigt.

Erst als die EIC zur finanziellen Belastung für das Königreich wurde, weil dieses die Kompanie mehrmals vor der Insolvenz retten musste, intervenierte der Staat. Mit der Einschränkung der Monopolrechte gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzte der Niedergang der Kompanie ein.

In seinem abschließenden Kapitel gewinnt Robins wieder Distanz zu den im Detail präsentierten negativen sozialen Auswirkungen im 274-jährigen Bestehen der EIC und öffnet seine Untersuchung noch einmal für Fragen, die die Struktur der "chartered company" im Allgemeinen betreffen. Robins versucht somit auch dem im Untertitel des Buches erklärten Gegenwartsbezug gerecht zu werden.

Im Gegensatz zu Robins verfolgt Philippe Haudrère kein offensichtliches argumentatives Ziel in seinem Werk über die "Compagnies des Indes orientales". Er offeriert dafür ein solides historisches Vergleichswerk mit einer Fülle von illustrativen Zitaten aus edierten Quellen und archivalischen Recherchen, dessen flüssiger Duktus nur höchst selten von der bisweilen etwas ermüdenden Diskussion statistischer Zahlendaten unterbrochen wird. Haudrère unterteilt sein Buch in drei Hauptabschnitte von leicht absteigender Gewichtung (73, 63 und 57 Seiten). Der erste Abschnitt behandelt in einzelnen Sektionen die Geschichte der portugiesischen, niederländischen und englischen, sodann mit etwas weniger Aufmerksamkeit der französischen, dänischen, ostendischen und schwedischen Handelsaktivitäten in Asien. Dies ist ein großes Unterfangen, bei dem Veränderungen über den langen Zeitraum bisweilen unter den groben, jedoch richtig gesetzten Pinselstrichen einer Gesamtschau verborgen bleiben müssen. Dass in dieser Erzählung im großen Stil nur höchst selten Sekundärliteratur zitiert wird, mag als leichter Mangel erscheinen, wird jedoch durch knapp gehaltene allgemeine sowie themenspezifische Bibliographien am Ende des Buches ausgeglichen.

Als besonders informativ und gehaltvoll erweist sich der zweite Teil des Buches, der die praktischen Aspekte der frühneuzeitlichen Seefahrt zum Gegenstand hat. In der Tradition der französischen Annales-Schule mit ihrem Interesse für die vermeintlich kleinen Räder der Alltagsgeschichte im Uhrwerk Welt verändernder Umwälzungen fasziniert der Autor den Leser mit seinem praktischen Wissen. Dies beginnt mit einer klaren Beschreibung der möglichen Routen durch den Atlantischen und Pazifischen Ozean in Abhängigkeit von Jahreszeiten und wechselnden Windströmungen. Aus ihnen ergeben sich für die Kompanien Fragen betreffs der Reisedauer, Proviantierung sowie der Errichtung von Anlaufstationen entlang der west- und ostafrikanischen Küste. Genauestens werden auch die Navigationstechniken mit Kompass, Lot, Log und Gradbogen sowie die Schwierigkeiten bei ihrer Handhabung beschrieben. Gerade die Einführungen des Oktanten in der Mitte des 18. Jahrhunderts brachte große Erleichterungen bei der Latitudenmessung (139). Aus alltagsgeschichtlicher Perspektive faszinierend sind die Abschnitte, in denen mit erstaunlicher Plastizität und mit Verweis auf etliche Schiffslogbücher und Reiseberichte die Schwierigkeiten des Lebens an Bord dargestellt werden (141-150). Seenot, Krankheit und Tod als Folge von Nahrungsmangel und Fehlernährung, die klaren Hierarchien und zum Teil harten Strafen zur Aufrechthaltung der Disziplin, ja sogar Langeweile und gelegentliche Feiern - wie bei der Querung des Äquators - werden hier thematisiert.

Der abschließende Abschnitt fokussiert den im 18. Jahrhundert vollzogenen Übergang von hauptsächlicher Handelsaktivität zur Ausübung kolonialer Dominanz der Kompanien, insbesondere der EIC. Hierunter fällt zunächst eine Besprechung der einzelnen aus Asien exportierten Handelsgüter sowie ihrer An- und Verkaufsbedingungen in Asien und Europa und die Betonung der Notwendigkeit, die asiatischen Waren mangels marktfähiger europäischer Exportgüter mit Edelmetallen zu bezahlen. Dies erforderte für alle Ostindienkompanien einen Anschluss an die spanischen Edelmetallexporte aus Amerika via Cadiz oder via Manila beziehungsweise die Errichtung eines profitablen innerasiatischen Handelssystems ähnlich jenem der Holländer im 17. Jahrhundert - oder aber eines Kolonialsystems, wie es schließlich die EIC im 18. Jahrhundert errichtet.

Auch in diesem Abschnitt geht Haudrère erneut detailliert auf die Alltagsgeschichte ein, so besonders in den Sektionen zu den Akteuren des Handels- und Kolonialsystems - den Händlern (180-195) und den Militärs (196-210). Die keinesfalls zu unterschätzende Bedeutung dieses "vie quotidienne" und der "pratiques commerciales" wird unter anderem durch die Schilderung von Koordinationsproblemen zwischen den Anforderungen des europäischen Marktes an in Asien stationierte Händler und ihre lokalen Zulieferer unterstrichen, da zwischen Bestellung und Auslieferungstermin oftmals mehr als zwei Jahre vergingen (188).

In seiner Darstellung des Verhältnisses europäischer Handelsmächte mit asiatischen Staaten, Interessengruppen und Individuen bietet Haudrère eine ganz und gar unkritische, im Vergleich zu Robins schon apologetisch zu nennende Interpretation. So bezeichnet er die Verbindungen zwischen "Orientalen" und Europäern weniger als von "rivalité" denn von "complémentarité" geprägt (192). Beide Autoren stimmen darin überein, dass individuelle Gewinn- und Herrschsucht die bestimmenden Elemente beim Niedergang gerade der EIC waren, da sie den Staat zu Eingriffen gegen die fortschreitende Verschuldung der Kompanie zwangen. Doch während bei Haudrère die militärischen Aktionen des zeitweiligen Gouverneurs von Bengalen der EIC, Robert Clive, in den 1750ern und 1760ern vereinfachend als ein zeitgenössisch wahrgenommener "triomphe" bezeichnet werden, bespricht Robins sie im Rahmen des ethischen und moralischen Diskurses der Zeit.

Haudrère bietet in seinem Buch ein hervorragendes Panoptikum europäischer Handelsunternehmungen in Asien über nahezu drei Jahrhunderte hinweg. Robins dagegen präsentiert die EIC als eine imperiale Struktur, deren Erfolg darauf beruhte, dem Staat und der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle zuzuteilen, um damit für einige Wenige Wohlstand ohne Rechenschaftspflicht zu erwirtschaften. Beide Autoren tragen mit jeweils eigenen Herangehensweisen bemerkenswerte Kenntnisse und Blickwinkel zur Geschichte der Globalisierung und der europäischen Expansion bei.

Ulrich Ufer