Rezension über:

Hubert Locher (Hg.): Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert. Eine kommentierte Anthologie (= Quellen zur Theorie und Geschichte der Kunstgeschichte), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, 227 S., ISBN 978-3-534-17486-7, EUR 24,90
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Rezension von:
Ruth Heftrig
Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas, Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Olaf Peters
Empfohlene Zitierweise:
Ruth Heftrig: Rezension von: Hubert Locher (Hg.): Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert. Eine kommentierte Anthologie, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/14009.html


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Hubert Locher (Hg.): Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert

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Das Sprechen über Kunst und wie es sich im 20. Jahrhundert verändert hat, ist das Thema dieser kommentierten Textsammlung. Vor allem Studierenden der Kunstgeschichte soll damit die Möglichkeit eröffnet werden, ein eigenständiges Urteilsvermögen zu entwickeln und Fachdiskurse künftig kritisch zu verfolgen. Auf eine allgemeine Einführung zur Fachgeschichte im 20. Jahrhundert und biografische Einleitungen zu den jeweiligen Autoren folgen schließlich die Quellentexte selbst. Die Anthologie ist als Teil einer Reihe zur Geschichte und Theorie der Kunstgeschichte konzipiert, von der zwei weitere Bände in diesem Jahr erscheinen sollen. [1]

Strukturell ähnelt sie dem Methoden-Reader Kunstgeschichte [2], der den Quellentexten ebenfalls kurze Einführungen voranstellt. Auch die Auswahl der 20 Autorinnen und Autoren überschneidet sich größtenteils (Heinrich Wölfflin, Aby Warburg, Erwin Panofsky, Max Imdahl, Michael Baxandall, Griselda Pollock und Hans Belting), wenn auch meist mit unterschiedlichen Texten. Lediglich Heinrich Wölfflin ("Kunstgeschichtliche Grundbegriffe") und Michael Baxandall ("Die Wirklichkeit der Bilder") sind doppelt vertreten, allerdings mit unterschiedlichen Passagen. Mit Meyer Schapiro, George Kubler, Svetlana Alpers, Norman Bryson, Giovanni Previtali, Louis Marin und Georges Didi-Huberman präsentiert Locher erstmals Autoren, die bislang in kunsthistorischen Nachschlagewerken oder Anthologien kaum vorkamen.

Das Werk ist in sechs Kapitel unterteilt, die grob den Zugriff der jeweiligen Autoren auf die Kunst anzeigen, sie aber nicht allzu eng auf methodische Zuordnungen festlegen: "Form", "Bedeutung", "Moderne", "Der Betrachter - Das Sehen", "Kontext" und "Das Werk lesen/auslegen". Mit den Überschriften wird zugleich die Entwicklung des Faches Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert angezeigt, die Locher in seiner Einführung (9-23) nachzeichnet. Die Verknüpfung zwischen dem allgemeinen Teil und den daran anschließenden biografischen Einführungen gelingt außerordentlich gut. Auch auf die die Autoren verbindenden oder trennenden Elemente weist Locher immer wieder hin. Im Laufe der Lektüre setzt sich das Puzzle der Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert kontinuierlich zusammen.

Der historisch ausgerichtete rote Faden entlang der methodischen Zugriffe wird jedoch durch das Kapitel "Moderne" (III) jäh unterbrochen. Auch wenn Locher mit Meyer Schapiro und Hans Sedlmayr zwei für die Diskussion um die Moderne prägende und kontroverse Positionen ausgewählt hat, rückt hier plötzlich ein kunsthistorischer Gegenstand anstelle der methodischen Perspektive in den Vordergrund. Locher hat die Anthologie zwar nicht als Methoden-Reader konzipiert, sondern versteht sie allgemeiner als einen Rückblick auf die prägenden kunsthistorischen Diskurse. Dennoch lässt sich fragen, ob die Auseinandersetzung mit Moderne für das Fach in der zweiten Jahrhunderthälfte tatsächlich so zentral war. Auch ist nicht ersichtlich, warum der letzte Text dieses Kapitels von George Kubler schließlich die gotische Kathedrale thematisiert. Das Kapitel wirft noch weitere Fragen auf: Welche Bedeutung haben die ausgewählten Quellentexte bzw. ihre Autoren? Welchen Stellenwert besitzen sie im kunsthistorischen Kanon? Die Auswahl darf, wie Locher in Bezug auf Sedlmayr schreibt, auch ex negativo erfolgen, mit dem Argument, zahlreiche andere Interpreten der Moderne hätten sich mit seinen Texten ernsthaft auseinandergesetzt und die scheinbare Stringenz seiner Argumentation bewundert (87, 91). Ist das legitim oder widerspricht es dem allgemeinen Verständnis einer Anthologie als einer "Blütenlese"? Die Frage nach der Auswahl entzündet sich auch an Giovanni Previtali (V), der die Konzepte von nationalen Charakteren und traditionellen Epocheneinteilungen kritisch hinterfragt. Dies sind allerdings Probleme, die an vielen weiteren Stellen der Anthologie hinreichend reflektiert werden. Auch Longhis ausschweifende Passage über venezianische Malerei (I) lässt nicht erkennen, warum sie diskursprägend war.

Insgesamt wird viel Material geboten, das bislang in Anthologien keinen Eingang fand. Dazu gehört etwa der Text Panofskys, in dessen Zentrum die These des "disguised symbolism" steht (74), oder Gombrichs Text mit sehr eindrücklichen Passagen zu Wahrnehmungsphänomenen (120-122) und deren Auswirkungen auf formale Problemlösungen. Dazu gehört auch die Entscheidung, Warburgs Vortrag über italienische Kunst und Astrologie abzudrucken, der sich in seiner klaren Programmatik sowie hinsichtlich der epochalen Grenzüberschreitung sehr gut zum Text von Emile Mâle über die kirchliche Kunst des 13. Jahrhunderts in Frankreich in Beziehung setzen lässt (II). Es muss zudem betont werden, dass die Anthologie über den deutschsprachigen Tellerrand weit hinausblickt. Zum größeren Teil sind nämlich, teilweise in neu angefertigten Übersetzungen, Texte von Autoren aus Italien, Frankreich, England sowie den USA versammelt. Die gegenseitige Wahrnehmung der jeweils nationalen Fachkulturen ist Locher ein prinzipielles Anliegen, auf das er auch in der Einleitung verweist (11).

In der zweiten Hälfte (IV bis VI) stehen die Texte eher lose nebeneinander und werden zunehmend komplexer. Beides lässt sich erklären: das eine durch die zunehmende Koexistenz verschiedener Ansätze, vor allem seit den 1980er Jahren, das andere durch eine immer stärker werdende Theorielastigkeit der Diskurse. Leider setzt auch Locher in seinen Kommentaren zunehmend theoretisches Wissen voraus, wo Definitionen nützlich gewesen wären - zum Beispiel beim Thema Semiotik, etwa im Einführungstext zu Norman Bryson (142-145). Manchmal bleibt auch die Zuordnung zu den Kapiteln etwas unklar, besonders in den Kapiteln IV (Der Betrachter - Das Sehen) und VI (Das Werk lesen/auslegen).

Der Apparat des Buches lässt kaum zu wünschen übrig. Auf jeden Quellentext folgen Hinweise auf weitere Primärtexte sowie eine Auswahl an Sekundärliteratur, ergänzt durch ein knapp aber deutlich kommentiertes Literaturverzeichnis, das die wichtigsten Titel zur Fachgeschichte des 20. Jahrhunderts auflistet. Ein Sachregister mit methodischen Begriffen wäre sicherlich hilfreich gewesen, vor allem weil den allgemeinen Kapitelüberschriften nicht unmittelbar zu entnehmen ist, wo sich die ansonsten geläufigen Schlagwörter verbergen. Trotz der erwähnten Kritikpunkte führt das Buch zum selbständigen Analysieren von Methoden und Denkweisen hin. Es zeigt die vielfältigen Möglichkeiten auf, Kunstgeschichte zu betreiben und macht neugierig auf weiteren Lesestoff der präsentierten Autoren.


Anmerkungen:

[1] Die kommentierte Anthologie der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ist unter dem Reihentitel "Quellen zur Theorie und Geschichte der Kunstgeschichte" auf vier Bände angelegt, von denen neben dem besprochenen Werk bereits ein weiteres erschienen ist: Regine Prange (Hg.): Kunstgeschichte 1750-1900. Folgende Bände werden derzeit vorbereitet: Arweg Arnulf (Hg.): Kunstliteratur in Antike und Mittelalter. Eine kommentierte Anthologie; Hubert Locher / Christian Vöhringer (Hgg.): Kunstliteratur der Neuzeit. Eine kommentierte Anthologie.

[2] Wolfgang Brassat / Hubertus Kohle (Hgg.): Methoden-Reader Kunstgeschichte. Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln 2003.

Ruth Heftrig