Rezension über:

Achim Thomas Hack: Codex Carolinus. Päpstliche Epistolographie im 8. Jahrhundert (= Päpste und Papsttum; Bd. 35), Stuttgart: Hiersemann 2006, 2 Bde., XXII + VIII + 1290 S., ISBN 978-3-7772-0621-9, EUR 340,00
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Rezension von:
Claudia Zey
Historisches Seminar, Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Zey: Rezension von: Achim Thomas Hack: Codex Carolinus. Päpstliche Epistolographie im 8. Jahrhundert, Stuttgart: Hiersemann 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/12696.html


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Achim Thomas Hack: Codex Carolinus

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Mit dieser insgesamt 2600 Gramm wiegenden Habilitationsschrift von 2005 hat Achim Thomas Hack sein nicht nur im einfachen Wortsinn bisher gewichtigstes Werk vorgelegt. Ebenso beeindruckend wie der Umfang ist die inhaltliche Breite, mit der Hack sein nur scheinbar begrenztes Thema auf fast 1300 Seiten behandelt hat.

Hauptgegenstand der Arbeit ist der Codex Carolinus, eine heute nur mehr in einer einzigen Handschrift (Wien, ÖNB, Cod. 499, 9. Jahrhundert) erhaltene, von Karl dem Großen veranlasste Briefsammlung mit 99 fast ausschließlich päpstlichen Schreiben an die Karolinger aus den Jahren von 739 bis 791 vor allem zum päpstlich-karolingischen Bündnis und zu aktuellen theologischen und kirchenpolitischen Fragen, wie dem Bilderstreit und dem Adoptianismus. Ob diese Kollektion, anders als in der Wiener Handschrift überliefert, noch andere Briefe, etwa des byzantinischen Kaisers, enthielt, ist in der Forschung ebenso umstritten wie die Anordnung der nicht datierten Briefe.[1] Hack nimmt zu diesen Fragen eher vorsichtig abwägend als dezidiert Stellung und vermeidet damit ein erneutes Wiederaufkochen der wohl nicht mehr restlos zu klärenden Diskussionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Stattdessen richtet sich sein Forschungsinteresse stärker auf die mediale Komponente von Briefen, indem er die "überindividuellen Elemente und (die) kommunikative Einbettung" (871) der Papstbriefe im 8. Jahrhundert im Sinne einer neu zu konstituierenden Briefwissenschaft näher bestimmen will.

Auf dem Weg zu diesem Ziel arbeitet er sich vom Kleinen zum Großen durch. Nach einer Einleitung zur Forschungsgeschichte und zur Fragestellung wird im ersten Teil der Codex Carolinus als Quelle behandelt. Im zweiten Teil werden die formelhaften Elemente (Formular, Topik und Gebet) untersucht, im dritten Teil dann die Anrede des Königs und die Selbstbezeichnung des Papstes. Der vierte und größte Teil beleuchtet das weite Feld der kommunikativen Kontexte. Damit sind hier die Themen "Briefe und Briefwechsel", "Briefe und Gesandte" sowie "Briefe und Geschenke" gemeint. Dabei verlässt der Autor regelmäßig das Terrain seiner Hauptquelle, indem er sie mit weiteren frühmittelalterlichen Briefcorpora wie denjenigen Gregors des Großen, des Bonifatius und Lul vergleicht sowie spätere Sammlungen bis weit ins Hochmittelalter hinein unter ausführlicher Würdigung der jeweiligen Forschungsgeschichte analysiert. So gerät dieses opus maximum mitunter zu einer Enzyklopädie des mittelalterlichen Brief- und Gesandtschaftswesens.

Jenseits der Fülle von Detailergebnissen, die an dieser Stelle nicht gebührend gewürdigt werden können, ist nachfolgend auf methodisch Wegweisendes im Sinne einer Briefwissenschaft als "synthetisierende" Disziplin (56) mit Ansätzen aus der Diplomatik, der Sprach- und Literaturwissenschaften, der Liturgiegeschichte sowie der Diplomatie- und Wirtschaftsgeschichte hinzuweisen. Dabei erscheint es zunächst nicht besonders innovativ, die formalen Bestandteile von Papstbriefen akribisch vergleichend zu untersuchen und die stärker regelhaften Elemente von den stärker individuellen zu unterscheiden. Die Ergebnisse sind aber sehr einleuchtend und über den eigentlichen Gegenstand der Analyse hinaus weiterführend, wenn es etwa um die grundsätzliche Frage nach der ursprünglichen Datierung von Briefen geht, die zumindest für diejenigen im Codex Carolinus verneint werden muss, oder die prägende Wirkung von Fremdbezeichnungen in Intitulationes, die dann zu Selbstbezeichnungen von konstitutiver Bedeutung wurden - ein Prozess, der für das 11. Jahrhundert aus der Korrespondenz zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. seit längerem bekannt ist. Die Einbettung dieser Erkenntnisse in den kommunikativen Kontext verschafft der Forschung die Kenntnis von 44 bisher unbeachteten Schreiben der fränkischen Herrscher, die Hack im dritten von insgesamt fünf Anhängen ausführlich dokumentiert. Wichtigste Mittler im Kommunikationsprozess zwischen Absender und Adressat waren zweifellos die Gesandten, die, wie Hack feststellt, nahezu durchweg von hohem Rang und in Gruppen bis zu fünf Personen den Briefwechsel zwischen den Päpsten und den Karolingern bewältigten, häufig im Dienst beider Seiten. Die in den meisten Schreiben erhaltenen Empfehlungsformeln mit Namen und Titeln machen sogar die Erstellung einer Prosopographie der Gesandten möglich (Anhang IV). Ähnliches gilt für die Geschenke, die ebenfalls ihren Niederschlag im begleitenden Briefformular gefunden haben. Deren Dokumentation (Anhang V) hat Hack wiederum auf das Briefregister Gregors des Großen sowie des Bonifatius und Lul ausgedehnt. Besonders in diesen Teilen tritt der pragmatische Charakter der frühmittelalterlichen Korrespondenz deutlich hervor. Im Bewusstsein um die Abläufe des Kommunikationsprozesses werden beteiligte Personen und Sachen, mitunter sogar der Inhalt des erhaltenen Briefes, genau bezeichnet, um Missbräuchen vorzubeugen.

Die historische Analyse der 99 Briefe bezogen auf das päpstlich-fränkische Bündnis, die Entstehung des Kirchenstaates, den Einfluss der petrinischen Leitidee und die fränkische Königssalbung bringt Hack unscheinbar als Ausblick am Ende seiner Ausführungen unter. Eine grundsätzliche Neubewertung will er nicht vornehmen, da ihm seine eigenen Analysen der Wort- und Formulierungswahl noch wenig ausreichend erscheinen. Hier schimmert eine Zaghaftigkeit durch, die abzulegen man dem Autor dringend raten möchte, geht es doch um nicht weniger, als die methodisch so sicher gewonnenen Einzelergebnisse in einen historisch weiter gefassten Rahmen zu stellen.

Insgesamt ein Werk, das besonders mit Blick auf die Themen "Kommunikation" und "Gesandtschaftswesen" weit über die Frühmittelalterforschung hinaus rezipiert werden sollte. Dies gilt trotz des prohibitiven Preises und der Tatsache, dass der Titel weniger verspricht als der Band enthält.


Anmerkung:

[1] Die letzte kritische Edition entstand Ende des 19. Jahrhunderts: Wilhelm Gundlach (ed.): Codex Carolinus, in: MGH Epistolae 3, Berlin 1892, S. 467-657. Die Reihenfolge der Briefe ist abweichend von der Reihenfolge in der Handschrift nach dem damaligen Forschungsstand verändert worden. Die ursprüngliche Ordnung lässt sich leicht an der Faksimile-Ausgabe der Handschrift nachvollziehen: Codex epistolaris Carolinus. Österreichische Nationalbibliothek Codex 449, eingeleitet und beschrieben von Franz Unterkircher (= Codices selecti phototypice impressi 3), Graz 1962.

Claudia Zey