Rezension über:

Michael Ludscheidt (Hg.): Aufklärung in der Dalbergzeit. Literatur, Medien und Diskurse in Erfurt im späten 18. Jahrhundert (= Schriften der Bibliothek des evangelischen Ministeriums Erfurt; Bd. 1), Erfurt: Ulenspiegel-Verlag 2006, 372 S., ISBN 978-3-932655-31-9, EUR 32,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Georg Seiderer
Department Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Georg Seiderer: Rezension von: Michael Ludscheidt (Hg.): Aufklärung in der Dalbergzeit. Literatur, Medien und Diskurse in Erfurt im späten 18. Jahrhundert, Erfurt: Ulenspiegel-Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 10 [15.10.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/10/12374.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Michael Ludscheidt (Hg.): Aufklärung in der Dalbergzeit

Textgröße: A A A

Gerade bei der deutschen Aufklärung muss, wie Hans Erich Bödeker und Ulrich Hermann vor zwanzig Jahren formulierten, "nach den mannigfachen regionalen und lokalen Ausprägungen gefragt" werden.[1] Wenn diese durch die jeweiligen strukturellen Bedingungen und regionalen Verflechtungen mitbestimmt sind, dann ist Erfurt zweifellos ein besonders reizvoller Gegenstand der Aufklärungsforschung: Die bikonfessionelle Stadt war neben Mainz und Aschaffenburg einer der wichtigsten Zentralorte des Kurfüstentums Mainz, besaß eine Universität, an der zeitweilig Karl Friedrich Bahrdt und Christoph Martin Wieland lehrten, stand seit 1772 unter dem Einfluss des aufgeklärten Koadjutors und Statthalters Karl Theodor von Dalberg und zeichnete sich überdies durch die Nähe zu den kulturellen und literarischen Zentren Mitteldeutschlands aus.

Die Frage nach der lokalen Ausprägung der Aufklärung ist Ausgangspunkt des aus einem im Oktober 2004 durchgeführten Symposiums über "Aufklärung und Gegenaufklärung im Spiegel der Erfurter Buchlandschaft zur Dalbergzeit" hervorgegangenen Sammelbandes. Wie der einführende Überblick über "Aufklärung in Erfurt - 'Erfurter Aufklärung'?" von Michael Ludscheidt (9-19) deutlich macht, hatte die Stadt in der intensiven Aufklärungsforschung der letzten Jahrzehnte verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden: Erklärtes Ziel des Sammelbandes ist es nicht zuletzt, mit der Untersuchung "verschiedener Erscheinungsformen der Erfurter Medienlandschaft" einen "ersten Vorstoß" zur Erfassung aufklärerischer und gegenaufklärerischer publizistischer Unternehmungen und ihrer Träger in Erfurt während der Regierungsjahre Dalbergs zu unternehmen (15).

Von den insgesamt vierzehn Beiträgen des Bandes sind nicht weniger als acht einzelnen Schriftstellern bzw. Publizisten gewidmet, die in Erfurt im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wirkten. Antje Freyh (21-44) macht in der Analyse der Auseinandersetzung Dalbergs mit Wilhelm von Humboldt - dessen erst 1851 vollständig veröffentlichte "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" der Koadjutor im Manuskript lesen konnte - deutlich, in welchem Maße Dalberg an charakteristischen Positionen der Aufklärung festhielt, während Humboldt über sie hinauswies. Mit dem aus Lübeck stammenden protestantischen Professor für morgenländische Sprachen an der Erfurter Universität und Universitätsprediger Justus Friedrich Froriep (1745-1800) und dem aus dem Hochstift Würzburg stammenden Benediktiner Placidus Muth (1753-1821) behandeln Andreas Lindner (45-59) und Dieter Stievermann (183-199) zwei Theologen unterschiedlicher Konfession, die an der Universität Erfurt lehrten und etwa derselben Generation angehörten. Beide können als Vertreter der Aufklärung in Erfurt gelten, doch lässt ein Vergleich beider nicht den norddeutschen Protestanten, sondern den nur um wenige Jahre jüngeren süddeutschen Katholiken als deren entschiedeneren Vertreter erscheinen: Während Froriep einer Vermittlungstheologie anhing, die aufklärerische Einflüsse auf eher gemäßigte Weise mit dem christologischen Dogma der lutherischen Orthodoxie in Einklang zu bringen suchte, zeigte sich der Abt auf dem Petersberg als Anhänger Kants.

Gleich zwei Beiträge sind Christian Friedrich Timme (1752-1788) gewidmet, der als freier Schriftsteller in Erfurt lebte und nicht nur aufgrund seines tragischen Lebensweges zu den interessantesten Vertretern der Spätaufklärung in Erfurt zählt. Berit C. R. Royer (333-357) behandelt Sophie Albrecht (1757-1840), die, von Dalberg gefördert, noch in Erfurt die ersten ihrer Gedichtbände veröffentlichte und dort zu einem bemerkenswerten Kreis publizierender Frauen zählte; ob freilich der Begriff des "Frühfeminismus" angemessen ist, um sie zu charakterisieren, oder nicht eher vor allem einer nachträglichen Traditionsbildung dient, sei hier dahingestellt. Ebenfalls einzelnen Personen sind die Aufsätze von Felicitas Marwinski über die aufklärerische Lektürekonzeption von Johann Rudolph Gottlieb Beyer (273-296) und von Thomas Kaminski über den Geheimbundroman von Theodor Ferdinand Kajetan Arnold (297-331) gewidmet.

Fünf Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich dagegen mit Institutionen und Medien der Aufklärung: So zeigt Christoph Bultmann (61-78) am Beispiel des Jahrgangs 1772 auf, in welchem Maße die "Erfurtische gelehrte Zeitung" auf dem Gebiet der Theologie der Aufklärung verpflichtet war. Während Jürgen Kiefers Beitrag über "Wissenschaft und Aufklärung in Wort und Schrift am Beispiel der Erfurter Akademie der Wissenschaften" (175-182) eher allgemein die Bedeutung der Akademiebewegung skizziert denn auf den Ort der Erfurter Akademie in der lokalen Aufklärungslandschaft eingeht, stellt Kathrin Paasch die Entwicklung der Erfurter Universitätsbibliothek in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar (245-271) und macht dabei deutlich, dass diese, vielfältig gefördert, keinen unbedeutenden Stellenwert besaß, dabei aber doch nur in begrenztem Maße frequentiert wurde.

Die Untersuchung von Klaus-Bernward Springer (201-244) liefert wichtige Aufschlüsse über den Einfluss von Freimaurerei und Illuminatenorden im Erfurt Dalbergs: Der Statthalter, der den Illuminaten, aber keiner Freimaurerloge angehörte, stand beiden Gesellschaften fördernd gegenüber, die nicht nur in der aufgeklärten Gesellschaft Erfurts um 1780 eine erhebliche Rolle spielten, sondern in denen sich auch eine vermittelnde Stellung der kurmainzischen Universitätsstadt zwischen den freimaurerischen und illuminatischen Zentren im katholischen Rheinland und im protestantischen Thüringen zeigt. Franz-Ulrich Jestädts Beitrag über die Erfurter Presse - mit über 50 Seiten der längste Beitrag des Bandes (79-130) - ist verdienstvoll durch die Erfassung der in Erfurt erschienenen Periodika, wirkt aber in seinen Wertungen nicht immer überzeugend: Hier scheint es doch, als würden bei der Rubrizierung von Magazinen und Journalen als aufklärerisch und gegenaufklärerisch Maßstäbe angelegt, die einem nicht nur auf die radikalsten Strömungen am Ende des 18. Jahrhunderts begrenzten Begriff von Aufklärung unangemessen sind.

Der Sammelband vermittelt kein Gesamtbild von der Aufklärung - oder gar von Aufklärung und Gegenaufklärung - in Erfurt; auf den für die Tagung noch titelgebenden Begriff der Gegenaufklärung wurde für den Sammelband verzichtet. Tatsächlich stützen die Beiträge - auch unter Berücksichtigung des Aufsatzes von Jestädt - vor allem den Eindruck einer in Erfurt breit verankerten und unter Dalberg auch obrigkeitlich geförderten Aufklärung, die freilich, wie die untersuchten Beispiele zeigen, eine beträchtliche Spannbreite aufwies. Zu kurz kommt in dem Sammelband allerdings die Verankerung von Autoren und publizistischen Unternehmungen in der Gesellschaft der Stadt, deren soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen nicht thematisiert werden. Die regional und lokal differenzierende Untersuchung der Aufklärung bleibt in Deutschland auch nach dreißig, vierzig Jahren intensiver Forschung immer noch eine lohnende Aufgabe, die für Erfurt noch keineswegs ausgeschöpft scheint.


Anmerkung:

[1] Hans Erich Bödeker / Ulrich Herrmann: Aufklärung als Politisierung - Politisierung als Aufklärung, in: Dies. (Hgg.): Aufklärung als Politisierung - Politisierung als Aufklärung (= Studien zum Achtzehnten Jahrhundert; 8), Hamburg 1987, 3-9, hier 5.

Georg Seiderer