Rezension über:

David Fraesdorff: Der barbarische Norden. Vorstellungen und Fremdheitskategorien bei Rimbert, Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau (= Orbis mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters; Bd. 5), Berlin: Akademie Verlag 2005, 415 S., ISBN 978-3-05-004114-8, EUR 79,80
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Rezension von:
Matthias Hardt
Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Hardt: Rezension von: David Fraesdorff: Der barbarische Norden. Vorstellungen und Fremdheitskategorien bei Rimbert, Thietmar von Merseburg, Adam von Bremen und Helmold von Bosau, Berlin: Akademie Verlag 2005, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/8437.html


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Der barbarische Norden

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Skandinavien und das Ostseegebiet sind nach heutiger Sichtweise im frühen und hohen Mittelalter von vielfach differenzierten nordgermanischen und slawischen Gruppen bewohnt gewesen, die als Wikinger, Normannen, Waräger und als slawische Stämme bekannt geworden sind. Sie gelten wechselweise als Fernhändler, Piraten, Plünderer oder aber als Bewohner von Seehandelsplätzen und Burgwällen, Fürstenburgen oder Burgstädten. Obwohl sich alle diese Informationen auch in der Geschichtsschreibung des 9. bis 12. Jahrhunderts finden, hatten die Verfasser von Chroniken und Heiligenviten dieser Zeit dennoch eine ganz andere Wahrnehmung Nord- und Ostmitteleuropas. Für sie war das gesamte Gebiet jenseits der Elbe der "Norden", den sie als aquilo bezeichneten und den sie überwiegend mit den negativen Eigenschaften des Heidentums, der Barbarei und der Kälte verbanden. Zu diesem Ergebnis kommt David Fraesdorff durch die Analyse der folgenden erzählenden Quellen: Der Lebensbeschreibung des Heiligen Anskar, die dessen Nachfolger als Erzbischof von Hamburg-Bremen, Rimbert, zwischen 865 und 876 verfasste, der in den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts geschriebenen Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, der zwischen 1072 und 1076 abgeschlossenen Hamburgischen Kirchengeschichte des Magisters Adam von Bremen und der zwischen 1162 und 1168 begonnenen "Cronica Slavorum" des Pfarrers Helmold von Bosau.

David Fraesdorff zeigt in seiner im Wintersemester 2003/2004 am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg angenommenen Dissertation, dass nach der Integration der Sachsen in das Frankenreich die Elbe als neue Strukturgrenze zwischen Christen- und Heidentum angesehen wurde. Die Gebiete jenseits des Flusses wurden mit der Bulle des Papstes Paschalis I. an Erzbischof Ebo von Reims im Jahr 823 zum als einheitlich aufgefaßten Missionsgebiet, für das ab dem zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts das Erzbistum Hamburg-Bremen zuständig werden sollte, dessen Sitz nach der Zerstörung Hamburgs durch normannische Plünderer im Jahr 845 in mehreren Schritten nach Bremen zurück verlegt worden war. Im Anschluß an Erläuterungen zu "Untersuchungsgegenstand und Methode", "Forschungsstand", "Quellenauswahl" und "Vorgehensweise" beschreibt der Autor in zwei Hauptteilen zunächst die "Vorstellungen vom Norden" (35-175) und schließlich die darin deutlich werdenden Denkweisen über "das Barbarische am Norden" (179-354). In den Großkapiteln untersucht Fraesdorff nacheinander seine vier Haupttexte in Bezug auf ihre Aussagen über die geographische Auffassung des "Nordens", wobei auch auf dessen antike Beschreibung und Bewertung eingegangen wird, und auf die Wahrnehmung und schriftstellerische Umsetzung religiöser, ethnischer, politischer und kultureller Fremdheit.

Obwohl alle ausgewählten Autoren ebenso wie zahlreiche weitere Historiographen bis hin zum arabischen Reisenden Ibrahim ibn Ja'qub sowohl den skandinavischen Bereich als auch den kontinentalen Bereich östlich der Elbe und nördlich der Mittelgebirge als "Norden" ansehen, wandelt sich das vermittelte Bild davon doch in Folge der politisch-kulturellen Entwicklung. Für Rimbert ist der aquilo allein durch das allgegenwärtige Heidentum geprägt, das für ihn einen völligen Gegensatz zum Christentum des Südens darstellt. Thietmar von Merseburg unterscheidet angesichts der Folgen des Aufstandes von 983 bereits deutlich zwischen Heiden und Apostaten. Adam von Bremen betont angesichts inzwischen fortgeschrittener missionarischer Erfolge und der Einrichtung von Erzbistümern und Bistümern nur noch in geringerem Umfang die religiösen Unterschiede, sondern macht vor allem in seiner "Beschreibung der Inseln des Nordens" kulturelle Differenzen aus, deren Darstellung allerdings in starkem Maße durch Adams Kenntnis antiker geographischer Texte geprägt ist. So erklärt sich, dass er den gesamten "Norden" mit dem Gebiet der Skythen in Verbindung bringt, die Ostsee als mare scythicum bezeichnet und dass dementsprechend auch Amazonen, Hundsköpfe und die auf einem Bein hüpfenden Himantopoden dort ihre Heimat finden, nicht aber die in der Antike positiv konnotierten Hyperboreer, die dort eigentlich hingehört hätten. Helmold von Bosau steht schon ganz unter dem Eindruck der beginnenden westlichen Zuwanderung und dem einsetzenden Landesausbau, denn er übernimmt nur noch eingeschränkt das in seinen literarischen Vorlagen beschriebene Bild des "Nordens". Erstmals tritt neben die vor allem gegenüber den Holsten geltend gemachte politische Fremdheit, die kulturellen Unterschiede gegenüber Nordalbingiern und Slawen und die religiösen Differenzen mit den Wagriern eine zunehmende ethnische Fremdheit gegenüber Dänen und vor allem slawischen Gruppen, die in der Nachbarschaft der Wirkungsstätten Helmolds im Oldenburger Bistum zunehmend mit westlichen Zuwanderern konfrontiert wurden.

David Fraesdorff hat eine bemerkenswerte Studie vorgelegt, die deutlich macht, welch metaphorische Betrachtungsweise die früh- und hochmittelalterlichen Historiographen, deren Informationen von modernen Mediävisten häufig in positivistischer Weise als Grundlage zur Rekonstruktion der historischen Entwicklung Nord- und Ostmitteleuropas genommen worden sind, auf die von ihnen als barbarisch, heidnisch und kalt, letztendlich als gegensätzlich empfundene Welt jenseits der Elbe entwickelt haben. Diese Erkenntnis schärft den aktuellen Blick auf die erzählenden Quellen und eröffnet neue Wege zu ihrer Kritik. Das Wissen um die einheitliche Auffassung des Nordens und Nordostens seit der Karolingerzeit wirft unter anderem ein neues Licht auf die Konzeption der Elbe als Reichsgrenze und somit als Außengrenze der Christenheit seit der Kaiserzeit Karls des Großen, die von Fraesdorff leider nicht thematisiert wird. Auch dabei wurde mit der Anlage einer Burg ad aquilonem partem Albiae contra Magadaburg im Jahr 806 (Chronicon von Moissac, MGH SS 1, 308) an das antike System von Brückenköpfen an der römischen Rhein- und Donaugrenze angeknüpft. An einzelnen Stellen geht Fraesdorffs allegorische Interpretation der Berichte der Geschichtsschreiber zu weit, so etwa bei der Deutung der Beschreibung des Waldreichtums der slawischen Länder durch Helmold von Bosau als Metapher "vom Heidentum als Wald und unkultivierter Wildnis" (327). Wenn Adam von Bremen auch bemerkenswerterweise "den Topos von der waldreichen barbarischen Germania" aus Tacitus gleichnamiger Ethnographie übernommen hat, so doch wohl nicht in erster Linie als "Sinnbild für unkultiviertes und heidnisch besiedeltes Land", sondern nach aller aktueller archäologischen und paläobotanischem Erkenntnis doch eher als zutreffende "topographische Beschreibung" (330). Die Vorgehensweise der Untersuchung der ausgewählten Texte in Bezug auf einzelne Fragestellungen macht einige Wiederholungen bestimmter Aussagen und Passagen wohl unumgänglich. Ärgerlich sind wenige terminologische und inhaltliche Unsicherheiten bei David Fraesdorff, so etwa, wenn er von "slawischen Lebensräumen" (31, 112) und "Volksgruppen wie den Slawen" (113) oder dänischen Vertretern der "Volksgemeinschaft" (338) schreibt und wenn er die "Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii" des sogenannten bairischen Geographen auf das bereits christianisierte Gebiet zwischen Rhein und Elbe bezieht (128) oder die Schlacht bei Lenzen im Jahr 929 gegen die Liutizen stattfinden läßt (139) und diese Auseinandersetzung für die Unterwerfung der Westslawen nördlich des Erzgebirges verantwortlich macht (228). Trotzdem wird diese Arbeit, die über ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis (366-400) verfügt und durch ein getrenntes Bibelstellen-, Personen-, Sach- und Ortsregister (401-415) erschlossen wird, bei zukünftigen Forschungen zur Frühzeit Nord- und Ostmitteleuropas unverzichtbar sein.

Matthias Hardt