Rezension über:

Robert Felfe / Angelika Lozar (Hgg.): Frühneuzeitliche Sammlungspraxis und Literatur, Berlin: Lukas Verlag 2006, 273 S., ISBN 978-3-936872-77-4, EUR 30,00
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Rezension von:
Jan Lazardzig
Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Julia A. Schmidt-Funke
Empfohlene Zitierweise:
Jan Lazardzig: Rezension von: Robert Felfe / Angelika Lozar (Hgg.): Frühneuzeitliche Sammlungspraxis und Literatur, Berlin: Lukas Verlag 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/13121.html


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Robert Felfe / Angelika Lozar (Hgg.): Frühneuzeitliche Sammlungspraxis und Literatur

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Die kultur-, kunst- und wissenschaftsgeschichtliche Beschäftigung mit der Sammlungspraxis der Frühen Neuzeit hat in den letzten fünfzehn Jahren zahlreiche Publikationen hervorgebracht. Vielfach wird allerdings die Ordnung der Sammlung auf jene des Ausstellungsraumes reduziert. Dabei geraten die Interferenzen aus dem Blick, welche die Kunst- und Wunderkammern mit Apodemik, Utopistik und Enzyklopädik aufweisen - um nur einige Felder des kollektionistischen Paradigmas zu nennen, welches Wissenschaft, Kunst und Natur zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert produktiv verbindet. Eine Beschäftigung mit den Wechselwirkungen von Sammlungspraxis und Literatur fand bislang kaum statt. Dass diese Beschäftigung jedoch nötig ist, legt bereits der simple Sachverhalt nahe, dass unser Wissen über Kunst- und Wunderkammern mangels erhaltener Sammlungsräume ganz überwiegend über das Medium Buch erfolgt. Zudem ist das Buch selbst Sammlungsgegenstand, entweder als Objekt der Kunst- und Wunderkammern oder aber in der Bibliothek, die häufig als ein "Widerlager musealen Sammelns" (23) den Naturalia- und Artificialia-Sammlungen beigeordnet ist. Sammlungsraum und Textraum treffen sich aber auch in dem ihnen gemeinsamen religiös-hermeneutischen Programm des Buches der Natur, welches die gesamte Physik als Manifestation eines "göttlichen Willens- und Heilsplans" (22) begreift. Vor diesem Hintergrund darf von dem vorliegenden Band ein hohes Maß an historiographischer und medialer Selbstreflexivität erwartet werden.

In seiner Einleitung, dem systematischen Teil des Buches, gelingt dem Kunsthistoriker Robert Felfe, einem ausgewiesenen Experten für das Sammlungswesen der Frühen Neuzeit, eine kleine Meisterleistung: Auf wenigen Seiten bietet er eine äußerst konzise und zugleich sehr umsichtige Bestimmung des Sammlungstyps 'Kunstkammer' im Kontext politisch-sozialer, epistemologischer sowie ästhetischer Funktionen und Erfordernisse. Leider verzichtet er darauf, diese Bestimmung auch bibliographisch zu vervollkommnen. Felfe hebt als Kennzeichen der Kunst- und Wunderkammern ganz besonders die "Koproduktivität von natura und artes" (12) hervor. Zwei, gerade auch für das Verhältnis zur Literatur wichtige Tendenzen werden benannt: erstens die Verzeitlichung der Natur im Sinne einer nicht mehr auf Mythologemen basierenden Naturgeschichtsschreibung; zweitens eine zunehmende Abkehr von der 'Oberfläche der Dinge' im Zuge einer Valorisierung neuer taxinomischer Kriterien. So differenziert hier auf der Seite der Sammlungspraxis argumentiert wird, so wünschenswert wäre auf der anderen Seite eine spezifischere Verwendung des Begriffes 'Literatur'.

Neben dem Beitrag Felfes sind zwei weitere Beiträge mit einer generellen Perspektive auf die Sammlungspraxis zu finden. In ihrem ausgreifenden und aufgrund einer regelrechten Bilderflut umfangreichen Beitrag über "Virtuelle Wunderkammern" (29-74) unternimmt Christel Meier den Versuch, durch die Einbeziehung bislang im Kontext der Kunst- und Wunderkammern wenig erforschter Zeugnisgattungen (mittelalterliche Enzyklopädie und Naturkundebuch, Königshort und Kirchenschatz, Apotheke, Stundenbuch sowie Stillleben) eine noch unbeachtete Genese frühneuzeitlichen Sammelns aufzuzeigen. Ihr Beitrag kann als der sehr anregende Entwurf eines Forschungsprogramms gewertet werden, dessen Hypothesen allerdings erst noch bewiesen werden müssten.

Ein für den gesamten Band programmatischer Charakter kommt dem Beitrag über "Verhüllen und Inszenieren" von Barbara Welzel zu, die sich mit der performativen Praxis in frühneuzeitlichen Sammlungen beschäftigt (109-129). Sie weist nach, inwiefern die Ordnung von Kunst- und Wunderkammern als dynamischer Handlungsraum zu verstehen ist, der sich erst über "performative Rezeptionshandlungen" (111) erschließt. Leider bezieht Welzel ihre Ergebnisse jedoch abschließend nicht auf den Zusammenhang von Sammlungspraxis und Literatur.

Warten die bisher vorgestellten Beiträge mit einer übergeordneten Perspektive auf, so widmen sich die nachfolgenden Beiträge Fallstudien im Verhältnis von Literatur und Sammlung. Einige von ihnen seien hier skizziert.

Einen der wichtigsten Sammlungstypen der Frühen Neuzeit stellt Stephan Brakensiek vor, nämlich die "Druckgraphiksammlungen und ihre Funktion als Studien- und Erkenntnisorte" (130-162). Dieser im eigentlichen Sinn ebenfalls nicht-literarische Sammlungstyp hat im Kontext dieser Publikation insofern seine Berechtigung, als er gleichsam den missing link zwischen der Dingwelt der Kunstkammer und der Symbolwelt der Enzyklopädien darstellt. Am Beispiel der Sammlung Michel de Marolles (1600-1681), dem ersten Theoretiker druckgraphischer Sammlungspraxis, zeigt Brakensiek die vielfältigen Parallelen dieser Bilderkollektionen in Buchform zur Theorie und Praxis der Kunst- und Wunderkammern auf, wie sie etwa bei Samuel Quicchelberg und Daniel Major ausbuchstabiert wird (142). Druckgraphische Sammlungen, dies ist der innovative Kern seiner Argumentation, stellen die Verbindung zwischen den Kunstkammern und den enzyklopädisch ausgerichteten Bildtheorien eines Evelyn, Comenius oder Leibniz dar. Die fast ausschließliche Deutung der druckgraphischen Sammlung Marolles im Kontext der Kunst- und Wunderkammern führt allerdings dazu, dass eventuell näher liegende Bezugspunkte, wie etwa die nahezu zeitgleich entstehende Bildphilosophie eines Claude François Menestrier (1631-1705), die sich auf die Bild-Text-Hybride der Embleme stützt, unerwähnt bleiben.

Drei Aufsätze verfolgen auf unterschiedliche Weise an jeweils sehr prominenten Beispielen die Transformation des Wissens im Medienwechsel. Die Medienwechsel implizieren hier zugleich ein Unzeitgemäßes des Wissens.

So widmet sich der Beitrag von Christoph Heyl über "Textualität, exotische Klangmagie und Imagination im Kuriositätenkabinett der Tradescant" (194-215) dem materiellen wie literarischen Nachleben wunderbarer Sammlungsgegenstände. Am Beispiel des ersten öffentlichen Kuriositätenkabinetts, der ab 1629 öffentlich zugänglichen Londoner Sammlung "The Ark" von John Tradescant d.Ä., stellt er die Faszination des Rätselhaften und den Reiz des Unverstandenen (198f.) bei der öffentlichen Rezeption der exotischen und enigmatischen Sammlungsgegenstände in den Mittelpunkt. Gewissermaßen en miniature wird hier die systematische Trennung von Kunst und Wissenschaft zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert als konkreter Transformations- und Austauschprozess poetischer Energie erzählt.

Heyls Beitrag korrespondiert deshalb auf vielfältige Weise mit jenem von Wolfram Nitsch, der sich dem Sammeln und Schreiben in La Bruyères Les caractères ou les moeurs de ce siècle (1688) widmet, einem für die Sammlungskultur des 17. und 18. Jahrhunderts zentralen Text. Nitsch schildert La Bruyères typengeschichtlich einflussreiche Charakterisierung des Sammlers als einen Umschlagpunkt von der Epistemologie zur Poetologie kollektionistischer Neugierde: Der Sammler, der bei La Bruyère als "unvernünftiger Außenseiter" (219) erscheint, findet sich paradoxerweise in Les caractères... in eine der Kunstkammer affinen Ordnung des Staunenswerten und Kuriosen eingelassen. Ein Argument, welches am Beispiel der Diderotschen Enzyklopädie auch Andreas Gipper verfolgt.

Der enzyklopädischen Systematik als dem "Inbegriff der Lustfeindlichkeit moderner Wissensordnung" (234) hält Gipper die wirkmächtige Entfaltung einer Ästhetik des Irregulären und Monströsen entgegen, die er an dem von Diderot redigierten Artikel zum Cabinet d'histoire naturelle überzeugend zu exemplifizieren weiß. Am Gegenstand der zahlreichen spektakulären Maschinendarstellungen der Enzyklopädie kommt er zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass das Wunder der Technik, d.h. die Unfähigkeit des Betrachters einen Effekt der Technik zu erklären, gerade eine Befestigung des Glaubens an die Kraft der Ratio bedeutet. Dieser Befund, so ließe sich ergänzen, könnte gewissermaßen den Nukleus einer noch zu schreibenden 'Geschichte unzeitgemäßen Wissens' darstellen.

Im abschließenden Beitrag von Matthias Buschmeier, der sich Goethes Sammlungs- und Aquirierungspraxis am Beispiel von Gemmen, Statuen und Medaillen widmet, wird auf äußerst anregende Weise der Wechsel zweier Sammlungsideale beschrieben: von der präsentischen Ordnung des Sammlers hin zu einem hermeneutischen Bildungsideal, welches eine dynamisch-edukative Beziehung zwischen Sammlungsobjekt und Bildungssubjekt vorsieht. Einen novellistisch-biographischen Niederschlag findet diese praktologische Entwicklung in der Erzählung Der Sammler und die Seinigen. Buschmeier gelingt in seiner Darstellung eine instruktive Schilderung der wechselseitigen Durchdringung von Ding- und Textwelt, von materieller und literarischer Produktion.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Autoren des vorliegenden Bandes den wenigen vorhandenen Forschungsarbeiten zum Verhältnis von Sammlungspraxis und Literatur kein in sich kohärentes neues Deutungsmuster entgegenhalten. Der Charme des vorliegenden Bandes besteht hingegen darin, dass er die von Wolfgang Braungart und Patricia Falguières entwickelten Ansätze [1] nun auf einer überwiegend praxisimmanenten Ebene durch eine Pluralität neuer Interpretationen unterläuft: In den Blick geraten die Verfahrensweisen, Austausch- und Transformationsprozesse, die Dinge und Texte miteinander in Berührung bringen. Der Begriff der Literatur bleibt allerdings - gerade auch mit Blick auf die Publikation von Marjorie Swann, die diesbezüglich keine Überraschungen bietet [2] - leider weitgehend unreflektiert. Dabei verdient bereits der Umstand, dass hier eine Vielzahl von Relationen zwischen Sammlungspraxis und Literatur beleuchtet werden (von motiv- und strukturgeschichtlichen bis hin zu medien- und transformationsgeschichtlichen) und mithin ein sehr weiter Literaturbegriff angesetzt wird, eine positive Erwähnung. Insgesamt bietet das Buch einen wichtigen Beitrag zur Sammlungspraxis der Frühen Neuzeit sowie zur Transformationsgeschichte von Wissen.


Anmerkungen:

[1] Wolfgang Braungart: Kunst der Utopie. Vom Späthumanismus zur frühen Aufklärung, Stuttgart 1989; Patricia Falguières: Les chambres des merveilles, Paris 2003.

[2] Marjorie Swann: Curiosities and Texts. The culture of collecting in early modern England, Philadelphia 2001.

Jan Lazardzig