Rezension über:

Robert Felfe: Naturgeschichte als kunstvolle Synthese. Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob Scheuchzer, Berlin: Akademie Verlag 2003, X + 241 S., ISBN 978-3-05-003717-2, EUR 49,80
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Rezension von:
Susanne Witzgall
Akademie der Bildenden Künste, München
Redaktionelle Betreuung:
Alexis Joachimides
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Witzgall: Rezension von: Robert Felfe: Naturgeschichte als kunstvolle Synthese. Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob Scheuchzer, Berlin: Akademie Verlag 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 4 [15.04.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/04/4526.html


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Robert Felfe: Naturgeschichte als kunstvolle Synthese

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Robert Felfe untersucht den Status von Bildern in den Abhandlungen Johann Jakob Scheuchzers (1672-1733) beziehungsweise den Umgang des Züricher Arztes und Gelehrten mit Bildern, welcher untrennbar mit dessen physikotheologischen Anschauungen und Argumentationen verknüpft ist. Die Physikotheologie war zur Zeit Scheuchzers vor allem in protestantischen Regionen eine einflussreiche internationale Strömung. Sie strebte nach der Erkenntnis der Natur und ihrer einzelnen Phänomene und versuchte, durch deren Deutungen das Dasein und Wirken Gottes zu beweisen. In seiner Untersuchung konzentriert sich Felfe vorwiegend auf zwei Bildkonvolute Johann Jakob Scheuchzers, auf sein umfangreiches Tafelkompendium der Physica Sacra oder Kupfer-Bibel (1731-35) und seine Klebebilder für das Lexicon Diluvianium. Auch beschränkt sich der Autor thematisch auf zwei vorrangige Arbeitsfelder Scheuchzers, zum einen auf die Erforschung von Leib und Geist des Menschen, zum anderen auf die Geowissenschaften und einige wegweisende Leistungen des Züricher Gelehrten zur Erschließung der Alpen.

Die Physica Sacra besteht aus einer Sammlung von bebilderten Bibelkommentaren zu ausgewählten Versen beider Testamente, in denen der Physikotheologe die Aussagen der Heiligen Schrift über Naturphänomene, technische Verfahren und verschiedene Artefakte und Aspekte der biblischen Historie interpretierend untermauert. Sie folgt der chronologischen Ordnung der beiden Testamente, ist jedoch als Tafelwerk angelegt. Diese Konzeption erlaubte es Scheuchzer, über das visuelle Medium von knapp 760 folioformatigen Kupferstichen Themen oder Phänomene unterzubringen, die in der Heiligen Schrift nicht erwähnt wurden, er selbst aber als wichtig empfand.

Nach Ausführungen zum genauen Entstehungsprozess der Kupferbibel und ihrer Bildtafeln, die bereits die penible und solide Quellenarbeit des Autors belegen, geht Robert Felfe im ersten Teil seines Buches bei einigen exemplarisch ausgewählten Tafeln der Physica Sacra der Herkunft einzelner Motive nach und setzt sie in Bezug zu Scheuchzers physikotheologischen Theorien. Zunächst diskutiert er drei Kupferstiche, in denen sich Scheuchzers Vorstellungen von Wesen und Beschaffenheit des Menschen niederschlagen oder durch die Kombination biblischer Darstellung, anatomischer Versatzstücke und metaphorischer Motive explizit vermittelt werden. Dabei zeigt Robert Felfe überzeugend, dass Scheuchzer bei der Konzeption seiner Tafeln freizügig aus einem äußerst heterogenen Bildfundus schöpfte.

Schließlich erläutert Felfe die Diluvialtheorie des Gelehrten und ihre Manifestationen im Bild. Gemäß dieser Theorie gehen sämtliche Fossilien auf die biblische Sintflut zurück und die Gestalt der Erde auf eine zweite göttliche Schöpfung nach der großen Überschwemmung. Im Anschluss daran leitet der Autor zu Scheuchzers Theorien zur Entstehung der Berge und seinen ästhetischen Erfahrungen und Deutungen der Gebirge über, deren Geschichte bei dem Züricher Polyhistor ebenfalls eng an die Sintflut gebunden bleibt. Hier hat der Autor allerdings den Bildschatz der Physika Sacra schon stillschweigend verlassen. Auch verliert er sich auf halber Strecke in detaillierten Ausführungen zu Scheuchzers theoretischen Gedankengebäuden, für die kein visuelles Äquivalent herangezogen wird. Man mag dies mit der Notwenigkeit begründen, dass für das Verständnis der Bildtafeln ein umfassendes Wissen über Scheuchzers Forschungen und physikotheologischen Überzeugungen erforderlich ist. Im Laufe dieses ersten Teils der Untersuchung werden dadurch jedoch die Bildtafeln, deren Übergewicht und Bedeutung innerhalb der Physica Sacra Felfe ausdrücklich betont und die im Mittelpunkt seiner Analyse stehen sollen, zu rein illustrierenden Mosaiksteinen einer umfassenden Darlegung und Diskussion von Scheuchzers physikotheologischem Weltbild abgewertet.

Den zweiten Teil seiner Studie beginnt Robert Felfe ganz ohne Rekurs auf jegliches Bildmaterial mit der Darlegung von Scheuchzers Wahrnehmungsmodell und seinem Konzept der "Denck-Bilder". Diesem zu Folge entsprechen die "Denck-Bilder" einerseits geistigen, direkt von Gott verliehenen Bildern des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit, die man sich als Gemälde von nicht zu überbietender Originalität vorzustellen hat; andererseits werden sie mit sinnlich erfassten Qualitäten der Außenwelt und materialischen Bildern gleichgesetzt, bei welchen es sich offenbar um Dinge der Außenwelt selbst handelt.

Erst jetzt kommt der Autor näher auf das Bildkonzept der Physica Sacra zu sprechen. Er klassifiziert die Bildtafeln nach formalen Kriterien in drei Gruppen, analysiert unter Bezug auf kunsthistorische Vorbilder aus dem 15. bis 17. Jahrhundert ihren Bildaufbau und Stil und vergleicht sie mit anderen Formen der visuellen Inszenierung wie den Kunst- und Naturalienkabinetten oder Bühnenbildern. Dabei schlägt er immer wieder einen Bogen zu Scheuchzers "Denck-Bildern", deren Konzept vor allem im Typ 1 der Bildtafeln eine visuelle Entsprechung findet, da in ihnen die dargestellten Dinge zwischen "ihrer scheinbar physischen Präsenz, einer genauen Abbildung ihrer Beschaffenheit und Qualitäten sowie ihrer Platzierung in rein virtuellen Räumen" zirkulieren (169). Sie befinden sich so in einem ähnlichen fließenden Übergang zwischen "realem" und mentalem, virtuellem Raum wie die "Denck-Bilder". Der Vergleich zwischen den Bildtafeln der Physica Sacra und den "Denck-Bildern" ist schlüssig und äußerst fruchtbar. Es ist jedoch fraglich, ob er die vorangegangene 30-seitige Abhandlung über Scheuchzers Wahrnehmungsmodell und "Denck-Bilder" rechtfertigt, in der man den Bezug zur eigentlichen Fragestellung der Arbeit verliert. Eventuell wäre auch eine umgekehrte Reihenfolge der Kapitel empfehlenswert gewesen.

Im dritten und letzten Teil seiner Arbeit analysiert Robert Felfe Scheuchzers Bildersammlung für sein unvollendetes und unveröffentlichtes Lexicon Diluvianum. Diesmal handelt es sich um Klebebilder aus Drucken oder Zeichnungen von Mineralien und Fossilien sowie Darstellungen allegorischer Figuren, Ruinenlandschaften und diversen antikisierenden Motiven. Wie Felfe nachweist, bewegt sich Scheuchzer mit diesen Bildern an den "Rändern der Physikotheologie", da er in ihnen "Natur- und Humangeschichte auf eine Weise in zeitlicher Perspektive miteinander verknüpft, die von der biblischen Überlieferung weitgehend unabhängig ist."(199) Insofern bestätigen gerade diese Klebebilder die zentrale These des Autors, dass Scheuchzer in seinen Bildern ungelöste Probleme und Widersprüche seiner physikotheologischen Naturgeschichte bearbeitete und zu überwinden versuchte.

Trotz der angebrachten Kritik an Gewichtung und Struktur mancher Ausführungen bleibt das Buch von Robert Felfe eine hervorragende und schlüssige Arbeit, die einen wichtigen Beitrag zu den gegenwärtigen Erweiterungsversuchen der Kunstgeschichte in Richtung einer umfassenden "Bildwissenschaft" leistet. Sie zeugt dabei nicht nur von fundiertem kunsthistorischem Wissen des Autors, sondern auch von einer erstaunlichen Kenntnis der Wissenschaftsgeschichte und -theorie des frühen 18. Jahrhunderts.

Susanne Witzgall