Rezension über:

Renate Eikelmann (Hg.): Conrat Meit. Bildhauer der Renaissance. "desgleichen ich kein gesehen ...", München: Hirmer 2006, 299 S., ISBN 978-3-7774-3385-1, EUR 39,90
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Rezension von:
Hartmut Krohm
Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Technische Universität, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Krohm: Rezension von: Renate Eikelmann (Hg.): Conrat Meit. Bildhauer der Renaissance. "desgleichen ich kein gesehen ...", München: Hirmer 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 9 [15.09.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/09/12503.html


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Renate Eikelmann (Hg.): Conrat Meit

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Ende 2006 bis Anfang 2007 veranstaltete das Bayerische Nationalmuseum in München eine Ausstellung mit dem Titel "Conrat Meit - Bildhauer der Renaissance", die - obwohl in ihrem Umfang begrenzt und keineswegs einem eingängigen Thema gewidmet - ein Hauptereignis gewesen ist. Das Münchner Museum nutzte in erfreulicher Weise das Volontariat von Jens Ludwig Burk an diesem Haus, der zuvor seine Dissertation zu Meit abgeschlossen hatte. München war für eine solche Ausstellung der ideale Ort, befindet sich doch hier das faszinierendste Kleinkunstwerk der deutschen Renaissance, die in Alabaster ausgeführte Judith mit dem Haupt des Holofernes, mit der Signatur "Conrat Meit von Worms". Meit, fast noch ein Zeitgenosse Tilman Riemenschneiders, zählt zu den herausragenden Bildhauern der Zeit um und nach 1500. Unter all diesen ist er der innovativste, von dürerzeitlichem Geist geprägt, was sich insbesondere durch die Einbindung in eine Auftragssituation erklärt, die sich einer neuen Kunst verschrieben hatte. Während andere deutsche Bildhauer dieser Epoche einen festen Platz im Bildungsbewusstsein erlangten, blieb Conrat Meit nahezu unbekannt. Die einzige deutschsprachige Monografie zu ihm stammt von Georg Troescher aus dem Jahr 1927, nur wenig später, 1934, legte Jozef Duverger eine quellenkritische Arbeit vor. Diesem Forschungsdefizit wollte Alfred Schädler, der über Jahrzehnte mit großer Kennerschaft vor allem die mittelalterliche Skulptur am Bayerischen Nationalmuseum betreute, durch eine auf lange Sicht geplante Neubearbeitung begegnen. Seine Krankheit und sein Tod im Jahr 1999 verhinderten dieses Vorhaben, das leider über erste Schritte nicht hinausgelangt war.

Schädlers Bemühungen waren gemäß der Tradition des Bayerischen Nationalmuseums auf die Werkerfassung mittels Stilkritik bedacht - umso überraschender daher eine Ausstellung gerade aus diesem Haus, die konsequent die Aufbereitung der theoretischen Problematik in den Mittelpunkt rückte. An dieser Stelle soll keineswegs die Ausstellung selbst besprochen werden. In der Veranschaulichung des Werks von Conrat Meit wie auch künstlerischer Fragestellungen des frühen 16. Jahrhunderts war sie indessen ein herausragendes museales Ereignis. Sie vermochte bei den Besuchern zweifellos Neugierde gegenüber der Umbruchsituation um 1500 zu wecken. Ein hervorragend gestalteter Katalog hält das Ausstellungskonzept in Erinnerung. Dem hier zu verzeichnenden wissenschaftlichen Ertrag soll im Folgenden die eine oder andere Bemerkung gelten.

Conrat Meit "von Worms" (aus Worms gebürtig oder dort zunächst tätig?) ist als Künstlergestalt erstmals mit einem Auftrag für Kurfürst Friedrich den Weisen greifbar: Einer nicht mehr erhaltenen Doppelmadonna, von ca. 40 Engeln umgeben, für die Wittenberger Schlosskirche (um 1505/06-1509). Im höfischen Milieu, humanistischem Ideengut und der neuen, an Italien orientierten Kunstauffassung gegenüber aufgeschlossen, war Meit danach auch weiterhin anzutreffen, zunächst fast zwei Jahrzehnte lang als Bildhauer der Erzherzogin Margarete von Österreich, Tochter Kaiser Maximilians I. und Statthalterin der Niederlande, die in Mecheln residierte. Nach deren Tod 1530 übernahm er einen Grabmalsauftrag der Herzogin Philiberte de Luxembourg für Lons-le-Saunier in der Franche-Comté, bevor er sich in die Antwerpener St. Lukasgilde einschreiben ließ. Offensichtlich übte der damals bedeutendste Handelsplatz nördlich der Alpen wegen seiner Absatzmöglichkeiten einen hohen Anreiz für den Bildhauer aus. Zentrale Bedeutung innerhalb des Schaffens von Meit besitzen zweifellos die Grabdenkmäler im Benediktinerkloster von Brou bei Bourg-en-Bresse, das Margarete nach dem Tod ihres Ehegatten, Herzog Philiberts II. von Savoyen, 1506 im Hinblick auf Grablege und Memorialpflege gegründet hatte.

Im Katalog sind die sich später herauskristallisierenden Aufgabengebiete ausführlich besprochen. Die Frage der künstlerischen Herkunft wird aber der künftigen Erörterung anheimgestellt. Dies ist zu bedauern, da so die Entwicklung, die in maximilianischer Zeit die Bildhauerkunst in Süddeutschland nimmt, ausgeblendet bleibt. Was die Künstlerpersönlichkeit Conrat Meits betrifft, so liegt ein besonderer Spannungsfaktor gerade in der hier erfolgten Verbindung unterschiedlicher neuartiger Kunstauffassungen begründet - der einheimischen "ars nova", ausgehend von Niclaus Gerhaert von Leyden und von Meit zweifellos an dessen Werken in Straßburg nachvollzogen, mit Stilvorstellungen des späten italienischen Quattrocento, insbesondere in Venedig. Die Parallelen zur skulpturalen Ausstattung der Fugger'schen Grabkapelle an St. Anna in Augsburg sind unübersehbar und hätten eigentlich nicht ausgeklammert werden dürfen.

Ein solch kritischer Einwurf stellt aber in keiner Weise die Verdienste von Ausstellung und Katalog insgesamt in Frage. Was vonseiten der deutschen Kunstgeschichtsschreibung auch heute noch zur Zeit vor und nach 1500 bestritten wird, lässt sich im Fall von Conrat Meit nun auf gar keinen Fall mehr leugnen - der durch die Humanistenzentren und Renaissancehöfe bestimmte neue Horizont, das konzeptionelle Denken und die Teilhabe an Kunsttheorien, die aus der humanistischen Bestimmung resultierenden spezifischen Aufgabengebiete, schließlich die Neudefinition der Bildkünste. Wie selbstverständlich tritt jetzt die Skulptur als eigenständige Kunstgattung in Erscheinung. Noch um 1450 dominierte die Vorstellung des polychromierten, in der Nähe zur Malerei angesiedelten Bildwerks, das eine in sich gattungsübergreifende, unauflösliche Einheit bildete.

Das mit Meit offenkundig werdende neue Kunstverständnis hat, was die Bildhauerkunst im Heiligen Römischen Reich betrifft, seine Vorgeschichte, wie längst in Michael Baxandalls "Limewood Sculpture of Renaissance Germany" (1980) dargelegt, von der deutschsprachigen Forschung aber nahezu völlig ignoriert wurde. Die dürerzeitliche Auseinandersetzung mit den der menschlichen Gestalt zugrunde liegenden Prinzipien und dem der Natur innewohnenden Schönheitsbegriff im Kupferstich, aber auch im skulpturalen Kleinkunstwerk, gelangt ausführlich zur Darstellung. Ähnliches gilt für die sich aus italienischen Voraussetzungen herleitende kleinformatige Porträtbüste - vielleicht am großartigsten die holzgeschnitzten Brustbilder der Margarete von Österreich im Bayerischen Nationalmuseum in München und des Philibert von Savoyen aus der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer, heute in der Berliner Skulpturensammlung. Auch wenn die sachlich argumentierenden Katalogtexte dies zunächst nicht erahnen lassen, liegt gerade in den Zuschreibungen einiger der Bildnisbüsten historischer Personen oder "all'antica" an Conrat Meit Zündstoff. Das betrifft nicht nur das neu entdeckte Brustbild Jakob Fuggers, auf das noch gesondert einzugehen ist, sondern ebenfalls die Römerköpfe in Alabaster und Holz in Los Angeles sowie die Berliner Plakette mit einem Bildnis, das angeblich in einem zweiten Schritt durch die Umschrift zum Porträt des münsterischen Wiedertäuferkönigs Jan van Leiden umtituliert worden sein soll.

Zu den außergewöhnlichen Erlebnissen, die diese Ausstellung zu vermitteln vermochte, zählte, hier einen Großteil der Beispiele deutscher Statuettenkunst der Zeit vor und nach 1500 versammelt zu sehen - von Inkunabeln einer hochbedeutenden Spezies, zu denen noch immer keine eigene eingehende Untersuchung vorliegt. Einstige Funktion und Bedeutung solcher Kleinfiguren sind also nach wie vor nicht einzuschätzen. Im Mittelpunkt der Ausstellung standen dabei natürlich die Werke Conrat Meits. Die Beurteilung von Beispielen anderer Künstler auf diesem Gebiet bereitet zuweilen Probleme. Zu den kleinformatigen Skulpturen, die erneuter gründlicher Untersuchung bedürfen, zählen der in der Oberfläche unvollendet wirkende, Tilman Riemenschneider zugeschriebene Adam des Kunsthistorischen Museums in Wien, ferner der in derselben Sammlung befindliche Falkner und die 1496 datierte Grablegung Christi im Bayerischen Nationalmuseum. Die beiden letztgenannten Arbeiten ließen sich bisher, wie man weiß, nicht überzeugend einordnen, Draperie und andere Details können Irritationen wecken. Das mag vielleicht nur auf einem subjektiven Unbehagen gründen, dennoch sollte man sich ihnen abermals auf das Gründlichste zuwenden. Die Daten zur Provenienz schließen nahezu aus, dass es sich hierbei um "romantisierende" Arbeiten gegen 1800 handelt. Oder wäre aber auch eine Entstehung in der Dürer-Renaissance denkbar?

Bleibt noch ein Wort zu der bereits erwähnten Porträtbüste Jakob Fuggers des Reichen, die in ihrer naturnahen Beschreibung eine große Nähe zum Bildnis des Augsburgers Handelsherrn von der Hand Albrecht Dürers aufweist und sich gerade darin von dem monumental wirkenden Holzschnitt Hans Burgkmairs zur selben Person unterscheidet. Sicherlich ließe sich hier fragen, inwieweit die Betonung des Mimetischen nicht auf eine spätere Stilsituation, auf die eines Johann Gregor van der Schardt, verweist. Aber gerade dieser verdankt - so der Ausblick von Ausstellung und Katalog - im Bildnis Entscheidendes der Kunst eines Conrat Meit. Burk untermauert seine Zuschreibung der Büste, die von der Ernst von Siemens Kunststiftung angekauft und dem Bayerischen Nationalmuseum als Leihgabe zur Verfügung gestellt worden ist, mit tragfähigen Argumenten.

Die Conrat-Meit-Ausstellung führte also zum einen in besonders intensiver Weise an theoretische Fragestellungen heran, zum anderen war eine Bestandsklärung über den Vergleich versucht. Der Katalog, in den hier und da auch nicht ausgestellte Beispiele einbezogen sind, bietet damit für die weitere Forschung eine höchst wertvolle Diskussionsgrundlage.

Hartmut Krohm