Rezension über:

Marieke van Vlierden: Hout- en steensculptuur van Museum Catharijneconvent (ca. 1200-1600). Unter Mitarbeit von H.L.M. Defoer, H.M.E. Höppener-Bouvy, Zwolle: Waanders Uitgevers 2004, 528 S., 32 Farbabb., 500 s/w-Abb., ISBN 978-90-400-8873-5, EUR 120,00
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Rezension von:
Hartmut Krohm
Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dagmar Hirschfelder
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Krohm: Rezension von: Marieke van Vlierden: Hout- en steensculptuur van Museum Catharijneconvent (ca. 1200-1600). Unter Mitarbeit von H.L.M. Defoer, H.M.E. Höppener-Bouvy, Zwolle: Waanders Uitgevers 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/5724.html


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Marieke van Vlierden: Hout- en steensculptuur van Museum Catharijneconvent (ca. 1200-1600)

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Die Bedeutung der altniederländischen Skulptur für die Entwicklung der bildhauerischen Produktion des späten Mittelalters in verschiedenen europäischen Kunstregionen, durch Einflussnahme oder Export, ist dem Kenner der Situation geläufig, wenngleich auch nicht immer aufgrund der hohen Verlustrate (vor allem durch reformatorische Bilderzerstörungen) in den Niederlanden selbst nachvollziehbar. Publikationen, vor allem Kataloge, die Museumsbestände niederländischer Werke ausführlich zu erschließen helfen, stoßen daher auf ein breites Interesse. Einen solchen Katalog hat Marieke van Vlierden zu den Bildwerken des Mittelalters und der Renaissance im Museum Catharijneconvent in Utrecht - in niederländischer Sprache verfasst und mit gutem Abbildungsmaterial versehen - jetzt vorgelegt. Dessen Skulpturensammlung, mit Schwerpunkt auf dem späten Mittelalter, zählt neben der des Rijksmuseums in Amsterdam zur umfangreichsten des Landes. Das Amsterdamer Museum ging mit dem von Jaap Leeuwenberg und Willy Halsema-Kubes 1973 edierten Katalogwerk dem jetzigen Utrechter Unternehmen beispielhaft voraus. Was den Umfang der Einzelbeiträge und die Qualität der Information betrifft, so werden die Texte van Vlierdens dem heute erwarteten Standard, der technologische Befunde mit einschließt, ebenfalls in vorbildlicher Weise gerecht.

Ein Teil der hier vorgestellten Werke war bereits 1962 in dem noch heute sehr geschätzten Katalog "Beeldhouwkunst, Aartsbisschoppelijk Museum Utrecht" von Désiré Bouvy publiziert worden. Das Museum Catharijneconvent ist 1979 aus der Fusion des Erzbischöflichen Utrechter Museums mit drei weiteren kirchlichen Museen hervorgegangen. Diese Neugründung im ehemaligen Katharinenkloster der Johanniter mit ihrem reichen Bestand darf aus der Sicht eines an mittelalterlicher Kunst interessierten Publikums als ein besonderer Glücksfall bezeichnet werden, zumal in der einstigen Bischofsmetropole Utrecht angesiedelt, dem weithin ausstrahlenden Zentrum der Bildhauerkunst im Norden der Niederlande. Davon legen im Übrigen die erhaltenen, trotz Zerstörung noch heute beeindruckenden Reste in der Kathedralkirche wie auch die zum Teil bedeutenden, aus der Stadt selbst stammenden Steinskulpturen im Centraal Museum in Utrecht Zeugnis ab. Allerdings präsentiert das Museum Catharijneconvent in Utrecht entstandene Arbeiten nur in einer zahlenmäßig relativ bescheidenen Auswahl, darunter befinden sich eine Madonna aus der Richtung des "Meisters von Emmerich" sowie Bildwerke in Stein und Holz vom "Meister des Utrechter steinernen Frauenkopfes". Daher wird man, wenn man die so einzigartige Utrechter Produktion in ihrer gesamten überlieferten Breite, so auch die im Sinne der "devotio moderna" so tief berührende Schnitzkunst eines Adriaen van Wesel, kennen lernen will, ebenfalls das benachbarte Amsterdamer Rijksmuseum aufsuchen müssen. Jener über eine lange Zeit während des 15. Jahrhunderts in Utrecht nachweisbare van Wesel ist im Catharijneconvent nur mit einer einzigen Arbeit, einer Darstellung der heiligen Familie (194 f.), vertreten. Diese scheint wie die meisten seiner überlieferten Zeugnisse aus dem Retabel der Illustre Lieve Vrouwe Broederschap, gestiftet für die Sint-Janskerk in 's-Hertogenbosch, zu stammen. Gezeigt wird in diesem Relief der Zimmermann Joseph bei der Arbeit, assistiert von dem Christusknaben. Nicht nur die bereits anderswo in der altniederländischen Kunst registrierte Aufwertung des Ziehvaters Jesu, sondern vor allem auch die Ausbreitung genrehafter Motive im Schnitzretabel, die etwa auf neuartige Bildthemen bei Lucas van Leyden vorausweist, dürfte auf Interesse stoßen.

Im Folgenden seien einige kritische bzw. ergänzende Bemerkungen angefügt, die jedoch keineswegs die im Katalog erbrachte Leistung schmälern sollen. Zunächst ein Einwand zum Aufbau: Der Katalog ist zwar sinnvoll nach Landschaften gegliedert, jedoch sucht man innerhalb der Einzelabschnitte ratlos nach dem Prinzip einer hier waltenden Systematik. Die Gliederung nach Regionen verdeutlicht allerdings auch, wie sehr der Niederrhein mit seiner erst seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert einsetzenden Spätblüte als niederländisch geprägt in Erscheinung trat, wie fließend also die damaligen Grenzen gegenüber den heutigen gewesen sind. Kleve-Geldern ist mit exzellenten Beispielen zugegen, genannt seien vor allem der Christophorus aus Oud-Zevenaar von Henrick Douwerman und ein ihm ebenfalls zugeschriebener Antonius Eremita.

Das Interesse des fachorientierten Katalogbenutzers wird sich vor allem auf Hauptstücke konzentrieren. Darunter befinden sich auch einige aus den südlichen Niederlanden. Den Auftakt bilden zwei künstlerisch außerordentlich qualitätvolle maasländische Holzbildwerke aus der Zeit um 1200, der trauernde Johannes aus Hollogne-sur-Ger sowie eine Madonna unbekannter Herkunft (62 f.), bei der bereits auf die Nähe zur Goldschmiedekunst dieser Region hingewiesen worden ist: Vor allem das Œuvre des Hugo von Oignies, dem kürzlich eine Ausstellung in Namur gewidmet war, ist an dieser Stelle zu nennen. Zu den frühen Vorläufern des dann erst wieder um 1500 aktuellen Annenkultes zählt eine "Anna Selbdritt" aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (66 f.). Im Katalogtext aufgeführt sind zeitnahe Beispiele, darunter die in Stuck ausgeführte Gruppe in St. Nikolai in Stralsund. Erwähnt werden müsste aber auch die Darstellung um 1320/30 im Tympanon der Annenkapelle innerhalb des Hildesheimer Domkreuzganges. Die kleine Marmor-Madonna (67 f.), die als maasländische Arbeit um 1360/70 (mit Fragezeichen versehen) gilt, hat mit dem im Katalog zitierten Werk des "Maître des Vierges mosanes en marbre" wenig gemeinsam. Es handelt sich vielmehr um eine nach Paris weisende Arbeit aus dem Umkreis des Jean de Liège. In der Gewandkomposition erfolgte ein Rückgriff auf die Skulptur des beginnenden 14. Jahrhunderts, der Epoche Philipps des Schönen (man vergleiche etwa mit dem Zyklus in Ecouis).

Aus der Zeit um 1400 zeigt das Museum Einzelfiguren und szenische Gruppen aus Retabeln, so auch aus jener ersten großen Brüsseler Exportwerkstatt, aus der die Altaraufsätze in Hakendover (Belgien) und in der Reinoldikirche in Dortmund hervorgegangen sind. Bedeutendstes Einzelbildwerk im Catharijneconvent ist eine vom Mantel verhüllte Apostelstatuette (90 f.). Sie allein bestätigt die Unsicherheit, die nach wie vor hinsichtlich der frühen niederländischen, zum Teil in Flandern beheimateten Retabelproduktion besteht. Diese scheint zum Zeitpunkt des Übergangs von Teilen der Niederlande an das Herzogtum Burgund einen einzigartigen Aufschwung erlebt zu haben. Die zu dieser Zeit entwickelte Vielfalt auf qualitativ hohem Niveau ist oft nicht ausreichend erkannt. Nicht anders ist die Unsicherheit gegenüber dem südniederländischen Retabel aus Varlar in der Publikation von Norbert Wolf zur Genese des deutschen Flügelretabels zu verstehen.

Eines der Hauptwerke, die nach Utrecht lokalisierte "Anbetung der heiligen Drei Könige" (199 ff.), bot Anlass, im Katalog die widersprüchliche Forschungsgeschichte mit durchaus nicht immer gleichwertiger Argumentation zu referieren, jedoch ohne zu einer ausreichend kritischen Sicht oder zu überzeugenden Schlussfolgerungen zu gelangen. Das verwandte Relief aus der Molsheimer Kartause kann nicht in Straßburg entstanden sein, es handelt sich hier um Import, nicht unbedingt aus Utrecht, auf jeden Fall aber aus den (südlichen?) Niederlanden. Überhaupt sollte man altniederländische Bildhauerkunst stärker als Gesamtheit im Blick haben und weniger rigide als bislang üblich nach einem südlichen bzw. nördlichen Entwicklungsstrang unterteilen. Im Übrigen ist ja keineswegs geklärt, ob einer der für die nördlichen Niederlande traditionell in Anspruch genommenen Hauptmeister, der "Meister von Joachim und Anna", von dem sich lediglich drei Arbeiten (in Amsterdam, Berlin und Privatbesitz) erhalten haben, auch tatsächlich dort tätig gewesen ist - nur weil er, so eines der Argumente, Eichenholz verwendet habe.

Der Utrechter Katalog stellt für die wissenschaftliche Diskussion Grundlagen bereit. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Kenntnisse zur spätmittelalterlichen Bildhauerkunst nicht zuletzt in den nördlichen Niederlanden in jüngster Zeit gerade auch durch eine Reihe qualitätvoller Neuentdeckungen außerhalb der Landesgrenzen bereichert worden sind (man denke an die von Rainer Karrenbrock publizierten Kruzifixe in Kloster Bentlage und im Museum Schnütgen). Andere diesbezüglich wichtige Objekte (unter anderem Hohenkirchener Figuren im Oldenburger Landesmuseum, die "Anna Selbdritt" im Kulturgeschichtlichen Museum Stralsund) warten noch auf die längst fällige Neubestimmung.

Hartmut Krohm