Rezension über:

Paul Magdalino: Studies on the History and Topography of Byzantine Constantinople (= Variorum Collected Studies Series; 855), Aldershot: Ashgate 2007, xvi + 332 S., ISBN 978-0-86078-999-4, GBP 65,00
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Rezension von:
Mischa Meier
Abteilung für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Mischa Meier: Rezension von: Paul Magdalino: Studies on the History and Topography of Byzantine Constantinople, Aldershot: Ashgate 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/13775.html


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Paul Magdalino: Studies on the History and Topography of Byzantine Constantinople

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Der renommierte Byzantinist Paul Magdalino hat mit dem hier anzuzeigenden Buch bereits die zweite Sammlung eigener Studien in der Variorum-Reihe vorgelegt. [1] Wie er in der kurzen Einleitung darlegt, sollen die 12 in diesem Band zusammengeführten Arbeiten aus den Jahren 1987-2007 (2 Originalbeiträge) insbesondere die bauliche Ausgestaltung und Entwicklung Konstantinopels in byzantinischer Zeit in den Blick nehmen, wobei es dem Autor - namentlich in Auseinandersetzung mit den wichtigen Untersuchungen Cyril Mangos - vor allem um den Nachweis von Kontinuitäten zwischen dem spätantiken und dem mittelalterlichen Stadtbild geht, das in seinen Grundzügen (insbesondere hinsichtlich der Sakraltopographie) bereits zwischen 450 und 600 feste Formen gewonnen habe.

Die erste Studie ("Medieval Constantinople"), die leicht überarbeitete und aktualisierte Version einer älteren Monographie [2], versucht in ihrem ersten Teil diese These im Einzelnen zu begründen. Der verbreiteten Annahme einer Zäsur in den 'Dark Ages' von Byzanz stellt Magdalino die These entgegen, "that Constantinople was still, at the beginning of the tenth century, the early Christian city it had become in the fifth and especially sixth centuries, and that the changes which took place in-between should be seen in the context of a solid line of continuity between the two periods" (15). Insbesondere die zahlreichen Sakralbauten des 5. und 6. Jahrhunderts hätten das Stadtbild entscheidend geprägt und Kontinuitäten aufgewiesen, die den Weg von der Antike in das Mittelalter geebnet hätten. Noch im 10. Jahrhundert seien jedenfalls noch mehrere Dutzend Kirchen in Betrieb gewesen, die ihre Geschichte bis in das 6. Jahrhundert zurückverfolgen konnten (30). Dementsprechend habe auch erst Basileios I. (867-886) das erste größere Kirchenbauprogramm seit der ausgehenden Spätantike eingeleitet, wobei er sich insbesondere auf die vom Erdbeben 869 besonders verheerten Regionen außerhalb Konstantinopels konzentriert habe (29). Auch Elemente des Stadtbildes, die gemeinhin als 'typisch mittelalterlich' gelten, seien großenteils auf das 5./6. Jahrhundert zurückzuführen: So sei etwa die antike Badekultur bereits um die Mitte des 6. Jahrhunderts von den diakoniai verdrängt und christianisiert worden, und auch die Anlagerung von Rechtsschulen und Ausbildungsstätten an Kirchen reiche in die Frühzeit der Stadt zurück (39). Vor diesem Hintergrund möchte Magdalino in der Diskussion um die Herausbildung des mittelalterlichen Konstantinopel geradezu programmatisch von bekannten Schlagwörtern wie "decline" und "ruralisation" abrücken; statt dessen habe man einen langwierigen, komplexen Prozess der Christianisierung anzusetzen, der unter Justinian und seinen unmittelbaren Nachfolgern im späteren 6. Jahrhundert seinen Kulminationspunkt erreicht habe (53). Wesentliche Impulsgeber seien dabei insbesondere die Pest (als beschleunigender Faktor) sowie der Übergang von großzügigen privaten Initiativen zu kaiserlichen Maßnahmen gewesen (54).

Magdalinos Plädoyer für eine stärkere Betonung der Kontinuitäten zwischen dem antiken und mittelalterlichen Konstantinopel kann sich auf gewichtige Argumente stützen. Dennoch wird man aber mindestens zwei unterschiedliche Ebenen berücksichtigen müssen: Für andere Felder der byzantinischen Geschichte konnte mittlerweile überzeugend nachgewiesen werden, dass drastischer Wandel und massive Zäsuren sich mitunter im Schatten vordergründiger Kontinuitäten vollzogen; so suggerieren etwa in der Finanzadministration die weiterhin reichhaltig bezeugten antiken Namen für Ämter und Institutionen eine Stabilität in der Verwaltung, die bei genauerer Analyse nicht die geringste Bestätigung findet, sondern nahezu allenthalben widerlegt werden kann. [3] Auch für das mittelalterliche Konstantinopel scheinen mir die von Magdalino herausgearbeiteten städtebaulichen Kontinuitätselemente die tiefen Brüche seit dem 7. Jahrhundert eher zu überlagern als ungeschehen zu machen. Allein der rapide Bevölkerungsrückgang von ca. 500.000 Einwohnern um das Jahr 540 - d.h. vor dem Ausbruch der Pest - auf etwa 70.000 im mittleren 8. Jahrhundert (so die Schätzung Magdalinos, vgl. 18) kann nicht ohne Konsequenzen geblieben sein. Indes - Konstantinopel erholte sich seit Mitte des 8. Jahrhunderts allmählich wieder, und dieser Entwicklung ist der zweite Hauptteil der Studie gewidmet. Ausgehend von der Beobachtung, dass sich die Bevölkerung in der Kreuzzugszeit nicht nur wieder erholt haben muss, sondern dass sich nunmehr zunehmend dieselben Überbevölkerungssymptome bemerkbar machten wie im 6. Jahrhundert (63), kann der Autor plausibel machen, dass eine zentrale Bedeutung für den neuerlichen Auf- und Ausbau der Stadt dem 10. Jahrhundert - und dabei namentlich Kaiser Romanos I. Lekapenos (921-945) zukam, auf dessen Aktivitäten dann Alexios I. Komnenos (1081-1118) aufbauen konnte.

Magdalino zufolge setzte die Erholung der Stadt unter der Herrschaft Konstantins V. (741-775) ein, der in der Forschung mitunter ähnlich negativ verzeichnet worden ist wie in der mittelalterlichen Überlieferung. Diesem vielfach unterschätzten Kaiser hat der Autor einen eigenen (Original-)Beitrag gewidmet (IV: "Constantine V and the Middle Age of Constantinople"), in dem Konstantin als Herrscher an einem "turning point in the history of Constantinople" (3) gefasst wird, der zum einen in einer schweren Krisenzeit, zum anderen aber auch am Beginn einer nachhaltigen Erholungsphase gewirkt habe und dessen spezifische Leistungen für die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches Magdalino im Einzelnen erörtert.

Zwei weitere Studien befassen sich mit der Herrschaft Basileios' I. (V: "Observations on the Nea Ekklesia of Basil I"; VI: "Basil I, Leo VI, and the Feast of the Prophet Elijah"); im ersteren beschäftigt der Autor sich mit der unter diesem Kaiser zwischen 876 und 880 errichteten "Nea Ekklesia" und erörtert zum einen die ideologischen Implikationen dieses monumentalen, aber nur noch aus literarischen Beschreibungen kenntlichen Kirchenbaus sowie zum anderen dessen ambivalente Stellung als neue zentrale Kirche Konstantinopels und strikt auf den Kaiser zugeschnittenem Ort der Demonstration persönlicher Frömmigkeit.

Eine bemerkenswerte These zur Erklärung der Bedeutungszunahme des Julian-Hafens am Marmarameer auf Kosten der bis dahin als Haupthäfen genutzten Ankerplätze am Goldenen Horn im Norden der Stadt präsentiert Magdalinos Studie zu "The Maritime Neighbourhoods of Constantinople: Commercial and Residential Functions, Sixth to Twelfth Centuries" (III). Der Autor führt hier als entscheidenden Faktor für die Verlegung der Aktivitäten an die Südküste der Stadt (neben anderen) die Pest im 6. Jahrhundert an: Aus der antiken miasma-Theorie resultierende Ängste vor 'verpesteter' Luft und ein stärkerer Seegang am Marmarameer hätten in den Pestjahren des 6. Jahrhunderts dazu geführt, dass man die stickige Luft und die ruhigeren (insbesondere für die Beseitigung der Pesttoten ungeeigneten) Gewässer am Goldenen Horn gemieden habe.

Um die Lokalisierung der Anwesen von Frauen aus dem theodosianischen Kaiserhaus im 5. Jahrhundert geht es im Beitrag zu "The Aristocratic oikoi in the Tenth and Eleventh Regions of Constantinople" (II), wo nachgewiesen wird, dass mehrere Frauen des spätantiken Hochadels ihre oikoi in der 10. und 11. Region an der Mese errichtet haben und es damit zu einem 'Cluster' aristokratischer Häuser kam, der in Konkurrenz zu den Anwesen in Nähe des Kaiserpalastes stand.

Aufschlussreiche Überlegungen zur Frage, was eigentlich einen 'Konstantinopolitaner' ausmachte, wie aus "outsiders" "insiders" werden konnten und wo die Identität eines Byzantiners lag, bietet schließlich der Aufsatz zu "Constantinople and the Outside World" (XI).

Das Spektrum der in diesem Sammelband zusammengeführten Studien, die an dieser Stelle nicht alle Erwähnung finden konnten, ist reichhaltig. Das Buch stellt ein eindrucksvolles Zeugnis dar für die anhaltende Attraktivität und Leistungsfähigkeit einer historisch ausgerichteten Byzantinistik. Umso bedauerlicher ist es, dass dieses Fach infolge kurzsichtiger hochschul- und wissenschaftspolitischer Entscheidungen in Deutschland nahezu ausgerottet worden ist.


Anmerkungen:

[1] Vgl. P. Magdalino: Tradition and Transformation in Medieval Byzantium, Aldershot 1991.

[2] P. Magdalino: Constantinople Médiévale. Études sur l'évolution des structures urbaines, Paris 1996.

[3] Vgl. W. Brandes: Finanzverwaltung in Krisenzeiten. Untersuchungen zur byzantinischen Administration im 6.-9. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2002.

Mischa Meier